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Migration und Integration in Deutschland

Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

Integration im 16:9 Format

Die Ersten

Die Redensart „die jetzt die Ersten sind, werden dann die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein“, stammt aus der Bibel. In Weisheiten steckt immer ein Stück Wahrheit und gerade das bereitet mir Sorgen.

VONMartin Hyun

 Die Ersten
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein aktuelles Buch:

DATUM22. August 2014

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RESSORTAktuell, Meinung

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In der Ukraine herrscht Krieg, die Terrorgruppe Islamischer Staat verbreitet Angst und Schrecken in Irak, Israel bekriegt die Hamas und unschuldige Zivilsten sowie Kinder sterben und in Deutschland wird über die Integration eines türkischstämmigen Schützenkönigs diskutiert. Schließlich hat das auch mit Waffen zu tun. Damit wird Deutschland seinem Ruf gerecht, weltweit drittgrößter Waffenexporteur zu sein.

Der muslimische Schützenkönig hatte beim Schützenfest den Vogel abgeschossen, was ihm einen Startplatz beim Bezirksschützenfest garantierte. Kein christlicher Schützenbruder hatte dies geschafft. Doch der oberste Verband der Schützenbruderschaften, machte dem Türkischstämmigen einen Strich durch die Rechnung und wies auf seine Satzung hin, wonach nur Menschen christlichen Glaubens die Königskette tragen dürfen.

Und dann erwachte die Politik aus ihrem Sommerschlaf und fand es opportun, sich in die Inklusion des muslimischen Schützenbruders einzumischen. Von der Anti-Diskriminierungsbeauftragten bis hin zum Landesintegrationsminister gaben alle ihren Senf dazu. Bei so vielem öffentlichem Druck knickte der Dachverband ein. Schnell wurde nach einer Lösung gesucht. Der ewige Türke, mit einer katholischen Frau verheiratet, wurde mit einer „privilegierten Partnerschaft“ ausgestattet. Er durfte rechtmäßiger Schützenkönig bleiben. Die Integration glückte.

Ich bin froh, dass der Dachverband der Schützenbruderschaften sich nicht durchsetzen konnte. Denn sonst, so befürchte ich, wäre eine Debatte über eine Migrantenquote in deutschen Schrebergärten entfacht.

Es ist nicht einfach, der Erste seiner Zunft zu sein. Als erster koreanischstämmiger Eishockeyspieler in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) nahm ich gerne in Kauf, dass ich bei Auswärtsspielen vom Sicherheitspersonal nach meiner Funktion in der Mannschaft gefragt wurde, da das Betreten der Mannschaftskabine nur den Spielern und Trainern erlaubt war. In mir sahen sie nicht den Eishockeyspieler. Ich antwortete, dass ich der Masseur der Mannschaft sei – aber nicht von der Sorte, die Höhepunkte anbieten, wie in manchen Thai-Massage Salons.

Als Kind sammelte ich Eishockey-Karten von Spielern, die erster ihrer Ethnie waren; so wie Claude Vilgrain, der erste Spieler in der nordamerikanischen Profiliga mit haitianischen Wurzeln oder Jim Paek, der erste koreanischstämmige Stanley-Cup Sieger, der u.a. für die Pittsburgh Penguins spielte.

Ich erinnere mich an das Interview des ersten türkischstämmigen Bundesliga-Profis Coşkun Taş (1. FC Köln), das ich während einer Zugfahrt gelesen habe. Die ganze Saison über bot Taş hervorragende Leistung. Doch beim Endspiel (1960) wurde Taş nicht aufgestellt, da der damalige Trainer, Franz Kremer, der Auffassung war, dass in einem Finalspiel um die Deutsche Meisterschaft nur Deutsche spielen sollten.

54 Jahre später haben sich die Zeiten geändert. Im Finalspiel der Fußballweltmeisterschaft 2014 standen mit Klose, Özil und Boateng, gleich drei Spieler auf dem Feld, die Kremer aufgrund ihres Migrationshintergrundes nicht aufgestellt hätte. Es waren Spieler wie Taş, die dazu beitrugen, dass Namen wie Özil, Khedira und Boateng in der Nationalmannschaft zur Normalität wurden.

Und da Deutschland in Sachen Integration immer noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es immer wieder Meldungen, über die erste türkischstämmige Stadträtin vom Landkreis Altötting, den ersten Stadtrat mit türkischen Wurzeln in Hechingen, den ersten Schwarzen in der CDU, die erste Muslimin in der CDU, die erste türkischstämmige Ministerin in der Bundesregierung, den ersten türkischstämmigen Bundesliga-Trainer, den ersten türkischstämmigen Kabarettisten, den ersten türkischstämmigen Kartoffelhändler, den ersten chinesischstämmigen Veterinär und irgendwann wird es auch den ersten türkischstämmigen Deutschen im Weltall geben und damit eine Grundsatzdiskussion, ob ein Muslim, den Mond betreten darf.

Überall in Deutschland wird über Menschen mit Migrationsgeschichte berichtet, die die Ersten ihrer Zunft sind. Sie leisten Pionierarbeit. Ihr Weg ist oft mühevoll und schwer. Und oft hängt doch von den Ersten ab, ob Zweite und Dritte folgen können. Die Ersten sind die Wegbereiter für die anderen. Auf sie ist ein besonderes Hauptaugenmerk gerichtet. Über die Ersten wird berichtet. Über den 331sten türkischstämmigen Stadtrat nicht mehr.

Ich träume noch immer davon, dass es eines Tages den ersten türkischstämmigen Deutschen Tiger Woods gibt oder eine erste türkischstämmige Deutsche Serena Williams oder aber den ersten arabischstämmigen Lufthansa-Piloten.

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4 Kommentare
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  1. Thomas sagt:

    Sehr amüsant geschrieben. Alte Punkrock Weisheit „Nice Boys finish last“.

  2. Byrdie Lynch sagt:

    Der erste Türke oder die erste Türkin im Weltall würde mir sehr gefallen. Ich würde mich darüber sehr freuen!!!!

  3. G. Stick sagt:

    Ein klug und humorvoll geschriebener Artikel. Typisch Martin Hyun. Er hat recht, die Ersten haben es immer schwer.

  4. Han Yen sagt:

    Das Thema Sport und Migration ist ein wenig heikler, als es der Autor sieht. Nationalsportarten waren in der Vergangenheit häufig Austragungszonen von ethnischen Konflikten, und bildeten eine Arena, wo die meist postkolonialen Einwanderer-Gemeinschaften ihre Gleichwertigkeit beweisen sollten.

    Inzwischen ist der kommerzielle Sport ein transnationales Geschäft und der Profisport ist einer der wenigen Branchen mit betriebstwirtschaftlich sauber implementierten Human Ressource Management Praktiken.

    Europäische Fußball-Klubs kaufen sich Minderjährige aus Südamerika und Afrika ein, um sie auf eine Profi-Karriere vorzubereiten. Wir haben es mit einer Art neuen Sklavenmarkt zu tun, da die Kinder vollständig von den Klubs abhängen.

    Sehr gut dokumentiert ist das z.B. in dem Aufsatzband

    Joseph Maguire, Mark Falcous: Sport and Migration: Borders, Boundaries and Crossings, ISBN-10: 0415498341

    Nationalsportarten verlieren dadurch zwar nicht ihren Wert für die Signalisierung von Zugehörigkeit und Gleichheitsansprüchen, aber man sollte sich keine Illusionen machen über den Profisport.



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