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Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Wo bleiben die Akzente?

Sprecher mit Migrationshintergrund im deutschen Rundfunk

In deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten herrscht in Punkto Sprache konservative Strenge – bei Sprechern und Moderatoren werden regionale und ausländische Akzente nicht zugelassen. Offen sagt dies keiner der Verantwortlichen, wohl um sich vor einem schweren Vorwurf zu schützen: Diskriminierung.

VONJan Opielka

Der Verfasser arbeitet als freier Journalist und ist Autor von Fachbüchern zu beruflicher Bildung. Zu seinen Themenfeldern zählen Polen (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft); Innen- und Gesellschaftspolitik in Deutschland; Migration/Integration; Bildungssystem. Er schreibt für deutsche und polnische Printmedien, darunter Frankfurter Rundschau, Freitag, Jüdische Allgemeine, sowie Przeglad und Dziennik Opinii (Polen). Er ist Autor der Publikation “Gesichter und Geschichten. Migranten gründen Unternehmen und bilden aus” (2010, Hrsg. BIBB). www.communication-opielka.com

DATUM14. Mai 2014

KOMMENTARE9

RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Bascha Mika ist eine der ersten Frauen gewesen, die als Chefredakteurin eine deutsche Tageszeitung leitete. Die ehemalige taz-Redaktionschefin war im Alter von fünf Jahren samt Familie aus Polen in die BRD ausgewandert, im Rahmen ihres Studiums machte sie die ersten Gehversuche bei gedruckten Medien und bewarb sich in den 1980ern als Sprecherin bei einem Casting des Hessischen Rundfunks. „Die Rückmeldung war, dass ich mein lispelndes „s“ abtrainieren sollte – und auch mein rollendes „r“, das ich aus meiner kalten Heimat mitgebracht habe“, berichtet sie. Ersteres hat sie denn auch mithilfe einer Logopädin gemacht. Doch ihr „r“ zu eliminieren und ein hinten geriebenes, norddeutsches „rrr“ zu entwickeln, das als Standard gewertet wird, kam für Mika nicht infrage. „Das r gehört zu mir, daran will ich gar nichts ändern.“

Migranten ja – Akzente nein
Bei wie vielen anderen Ibramanovics, Özgürs oder Dostonowskis der ausländische Akzent einen Werdegang als Sprecher oder Moderator im deutschen Rundfunk und Fernsehen verhindert hat und weiter verhindert, ist unklar. Fakt ist, dass es in den publizistisch-nachrichtlichen Mainstream-Sendungen, die nicht explizit Migranten als Zielgruppe haben, weder im Rundfunk noch im Fernsehen Personen gibt, die einen wahrnehmbaren fremdsprachigen Akzent haben. Ganz leichte regionale deutsche Akzente sind hin und wieder zu hören, etwa beim ZDF. Ausländische nicht. „Wir haben auch Kolleginnen und Kollegen mit arabischem, iranischem oder asiatischem Hintergrund, die aber allesamt – eher zufällig – keinen Akzent haben“, so ZDF-Sprecherin Regina Henrich-Dieler. Ähnliches gilt für die ARD-Sendeanstalten. Der Westdeutsche Rundfunk verweist zwar gerne auf die türkischstämmige Moderatorin Aslı Sevindim, die in den Hauptnachrichten des WDR, der „Aktuellen Stunde“, vor der Kamera steht. Sie hat aber keinen hörbaren Akzent. Dürfte sie ihre Aufgabe auch dann erfüllen, wenn sie auch nur einen kleinen türkischen Spracheinschlag hätte? Tibet Sinha, stellvertretender Leiter der Programmgruppe Europa und Ausland beim WDR, lässt zumindest einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu: „Ich weiß es nicht, ich hoffe ja. Aber diese Frage kann und würde wohl auch keiner der Programmmacher offen und ehrlich beantworten.“

Sinhas Antwort ist symptomatisch. Man kann dies mit dem Wunsch der Verantwortlichen nach Sprachtreue und Stilwahrung begründen – oder ihnen Selektion und Status-Quo-Beharren vorhalten. Bei ganz kritischem Hinsehen riecht es aber nach Diskriminierung. Die Journalistin Ferda Ataman vom Mediendienst Migration und bei der Journalistenvereinigung Neue Deutsche Medienmacher aktiv, sieht das ähnlich: „Menschen eine Arbeit wegen ihres Akzents vorzuenthalten, ist vom Gesetzgeber schlichtweg verboten“, sagt Ataman.

Grenze zur Diskriminierung
Tatsächlich verbietet das Grundgesetz im Art. 3 eine Benachteiligung oder Bevorzugung wegen Sprache. Der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ads) sind gerichtliche Fälle zum Thema Ausschluss durch Akzent aber nicht bekannt. Dennoch teilt die ads mit Einschränkung Atamans Sicht und nimmt auf Anfrage wie folgt Stellung: „Grundsätzlich ist festzustellen, dass Anforderungen an akzentfreie deutsche Sprachkenntnisse eine mittelbare Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft darstellen können.“ Diese könne aber gerechtfertigt sein, wenn akzentfreie Sprachkenntnisse eine „wesentliche und entscheidende Anforderung für die Ausübung einer bestimmten Tätigkeit sind. Der Arbeitgeber hat dann das Recht, akzentfreie Deutschkenntnisse zu verlangen“, heißt es bei der ads weiter. Dies werde in der Kommentarliteratur zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) etwa bei Nachrichtensprechern und Schauspielern angenommen. „Nachrichten müssen von einem breiten Publikum verstanden werden – auch etwa von Hörgeschädigten“, so die ads. Die Position der ads schreibt sich in der Theorie auch das ZDF auf die Fahnen. Beim Zweiten sei ein „Akzent ok, aber das Deutsch muss wirklich fehlerfrei, klar und verständlich sein, und die berufliche Qualifikation muss stimmen“.

„Persönlichkeit wird nicht anerkannt“
All die genannten Kriterien erfüllt auch Natascha Borisowa*, und sie dürfte sehr wohl auch von Hörgeschädigten verstanden werden. Die Journalistin spricht einwandfreies Deutsch, mit einem leichten Beiklang, dem klassischen, vorn gerolltem „r“, charakteristisch für viele slawische Sprachen. In der ehemaligen UdSSR geboren, wanderte Borisowa im Alter von 16 Jahren nach Deutschland ein. Nach ihrem Studium absolvierte sie ihr Volontariat bei einem Sender der ARD und arbeitet dort als Festangestellte. „Ich habe Beiträge etwa im Hauptstadtstudio produziert, durfte sie dort aber nie selber sprechen“, sagt sie. Die Begründung sei gewesen, dass es um komplexe Zusammenhänge gehe, die man dem Zuschauer nicht durch eine Sprachstörung oder einen Akzent zusätzlich erschweren dürfe, berichtet Borisowa. Ob sie sich akzentfreies Deutsch antrainieren würde, wenn sie die Perspektive für Sprecherin-Tätigkeiten hätte? „Ich glaube nicht, denn ich möchte nicht dort arbeiten, wo mein Akzent nicht gefragt ist. Jemand, der von mir verlangen würde, meinen Akzent abzutrainieren, der erkennt auch meine Persönlichkeit nicht an.“

Dem WDR-Verantwortlichen Tibet Sinha fällt es schwer, solche Fälle zu bewerten. „Ich würde nicht von Diskriminierung sprechen. Bei einem Moderatoren geht es um ein Gesamtpaket, und wenn er wegen Akzent nicht genommen wird“, Sinha zögert ein wenig, „weiß ich nicht, ob das Diskriminierung ist“. Der Akzent gehöre in ein Gesamterscheinungsbild der Person. „Wenn man natürlich sagen würde: Du bist der oder die beste, wir würden dich gerne nehmen, aber du hast einen Akzent – unter diesen Bedingungen ist das natürlich eine Form von Diskriminierung.“ Dass dies kein Sender-Verantwortlicher direkt sagen würde, räumt auch Sinha ein.

Akzente gelten als ulkig, aber nicht glaubwürdig
Dabei ist es nicht so, dass etwa das deutsche Fernsehen keinen vor die Kamera lässt, der mit Akzent spricht. Chris Howland, Bruce Darnell, Rudi Carrell, türkischstämmige Comedians oder bayrische Satiriker – sie alle erzielten oder erzielen Quoten-Erfolge, und das inklusive eines starken und markanten Akzents. Doch diese Beispiele trügen. Denn bei Carrell & Co ist der Akzent kein tolerierbares Übel, sondern quotensteigernde Besonderheit, die Zuschauer am ehesten wohl mit dem Adjektiv „exotisch“ oder „ulkig“ umschreiben würden. Zudem sind diese Beispiele im Unterhaltungsbereich verortet. Bei den informierenden Medien hingegen, in denen nicht Lacher und Späßchen, sondern Seriosität und Glaubwürdigkeit das Grundgerüst bilden, sind Migrantinnen und Migranten, die Deutsch zwar fehlerfrei, aber mit Akzent beherrschen, nicht zu finden. Eine mögliche Erklärung dafür liefert eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2010. Boaz Keysar und Shiri Lev-Ari von der University of Chicago fanden dabei heraus, dass Hörer-Probanden Sprecherinnen und Sprechern, die mit leichtem oder starkem Akzent Nachrichten lesen, weniger Glauben schenken, als Sprechern ohne Akzent.

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9 Kommentare
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  1. Lisa sagt:

    Es tut mir leid, aber das was viele Migranten in Deutschland als „Dialekt“ anzubieten haben, steht einer Hochsprache oder einem gepflegten Dialekt im Weg. Erstens sind die meisten deutschen Dialekte aus eigenen Sprachen hervorgegangen, zweitens sind auch sie später von der Schriftsprache indirekt überformt worden. Es handelt sich dabei um bewährte sprachliche Systeme, mit denen man sich im jeweiligen Milieu sofort verständlich machen kann. Das ist beim Kiezdeutsch und ähnlichen „Dialekten“ anders.
    Vor allem die orientalische Art der Pronuntiation klingt für europäische Ohren ausgesprochen fremd. Amerikanisch tut wie eine Motorsäge und Norddeutsch, wenn es schnell gesprochen wird, wie ein MG. Der Akzent von Leuten, die dem linken Milieu entstammen („Fernsehdeutsch“) entspricht keineswegs dem des Bildungsbürgertums. Aber das nur mal am Rande.

  2. Diddly doo sagt:

    Wenn jemand täglich die Nachrichten spricht und als Aufgabe hat, nüchtern und sachlich zu informieren ist ein Akzent einfach fehl am Platz.

    Wer nach Deutschland kommt muss definitiv nicht akzentfrei oder dialektfrei sprechen können, das schaffen sogar viele Deutsche nicht.
    Die sprechen allerdings dann auch nicht die Nachrichten.

    Akzente und Dialekte geben der Sprache nun mal viel zu viel Lebendigkeit, die für ein strikt nüchternes Informationsmedium wie Rundfunk und Nachrichten nun mal kontraproduktiv ist, da sie zu viel Interpretationsspielraum schaffen kann.

  3. Schauspielerin sagt:

    Akzente sind keineswegs fehl am Platz, viele berühmte Schauspieler hatten einen Akzent, aber ich glaube, dass Migranten einfach nicht authentisch „rüberkommen“. Wenn die Leute wirklich einen Bayer sehen wollen, dann einen Originalbayer, nicht einen, der in Las Vegas „sozialisiert“ wurde!

  4. saggse sagt:

    So ein steriles Hochdeutsch, wie wir es aus dem Navi oder der Ansage in öffentlichen Verkehrsmitteln kennen, klingt eben einfach amtlicher und wenn ich z.B. an den Erfinder der „Demokratieabgabe“ Herrn Schönenborn oder Marietta Slomka denke, auch wichtiger bzw. wichtigtuerisch, da hat man mit einem Akzent – sei er äberlausitzsch, arzgebirgisch, hessisch, schwäbisch oder osteuropäisch usw. keine Chance, in eine Nachrichtensendung oder ein Politmagazin hineinzukommen. Dieser zackige Tonfall soll der Nachricht noch den Nimbus der absoluten Wahrheitsverkündung verleihen, die gefälligst nicht zu hinterfragen ist.
    Auch mit einer mitteldeutschen Färbung der Aussprache ( wobei ich keinesfalls Dialekt meine) kommt man auch als Nichtmigrant bestenfalls in Comedy- oder Haus-Tier- und Garten- Sendungen der Öffentlich Rechtlichen. Der letzte Moderator eines heute-journals war m.E. Alexander Niemitz mit seinem helvetisch eingefärbten Sound.

  5. GEZ-Verweigerer sagt:

    Was heißt das schon? 7 Milliarden Euro sammeln die öffentlich Rechtlichen jedes Jahr an Zwangsgebühren ein. Mehrere Dutzend Fernsehsender werden damit finanziert. Obwohl Bürger mit Migrationshintergrund gezwungen werden, diese mitzufinanzieren, haben sie kein Mitspracherecht, können am Programminhalt nichts mitbestimmen. Von den vielen Fernsehkanälen gibt es keinen einzigen Sender finanziert von dem GEZ-Gebühren der Migranten, der 24 Stunden für das migrantische Publikum Programme machen. Alle Entscheider sind deutsch. Was spielt das für eine Rolle wenn Pinar Atalay Nachrichtensprecherin ist.

  6. Donkey Kong sagt:

    @GEZ-Verweigerer

    Dumm gefragt: was ist an dem momentanen Programm denn NICHT FÜR Migranten (was auch immer Sie damit meinen)? Und was genau wäre ein Programm FÜR Migranten? Sie sind ja nicht nur Migrant, sondern auch deutscher Bürger. Und alle Bürger haben (leider) dafür zu zahlen. Für mich ist auch 99% des TV-Programms nichts. Und ich kann (leider) auch am Programminhalt nichts mitbestimmen. Warum wollen Sie denn manchmal, wenn es Ihnen in den Kram passt, eine Trennung (Ihr Deutsche – Wir Migranten), und manchmal, wenn es Ihnen nicht passt, keine? So kann das nicht funktionieren. Mitspracherecht kann es nicht über Quoten geben. Mitspracherecht muss man sich erarbeiten. Gehen Sie in die Medien, tun Sie was für die Migranten. Nur hinsetzen und fordern ist ein bisschen sehr einfach.

  7. Max Schmitz sagt:

    Ich komme gerade von einer Reise aus Dreden zurück. Als ich unterwegs Radio hörte und plötzlich sächsisch hörte, habe ich sofort einen anderen Sender gesucht. Leider ohne Erfolg. Zum Glück wurden aber die Nachrichten von einem Sprecher verlesen,der akzentfreies, dialektfreies Standartdeutsch sprach. Würden Sie tatsächlich Nachrichten vertrauen,die sächsisch vorgetragen werden?!
    Natürlich ist mir bewußt, dass ich damit viele Menschen de facto diskriminiere(de jure allerdings nicht, da man das eigene Volk nicht diskriminieren kann).

  8. Michael Allers sagt:

    Ich denke, in Nachrichtensendungen sind Akzente verpönt, weil viele Zuschauer mit der Trennung von Inhalt und Artikulation überfordert sind. Ersterer muss neutral sein, letztere nicht. Aber bei sächsichem Akzent assoziiert so mancher immer noch DDR-Propaganda.

    Das Argument mangelnder Verständlichkeit – wohlgemerkt, bzgl. Akzenten, nicht Dialekten – ist m.E. ein vorgeschobenes. Schließlich wurde abseits der Tagesschau eine Carrrolin Rrreiberrr Jahrzehnte lang von allen Bundesbürgern verstanden. Warum sollte dies bei Nachrichten anders sein?

    Insofern bleibt leider nur die Deutung: Diskriminierung.

  9. Werner Felten sagt:

    Da muss der bayrische Rundfunk, aber aus der ARD ausgeschlossen werden.



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