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Wo bleiben die Akzente?

Sprecher mit Migrationshintergrund im deutschen Rundfunk

In deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten herrscht in Punkto Sprache konservative Strenge – bei Sprechern und Moderatoren werden regionale und ausländische Akzente nicht zugelassen. Offen sagt dies keiner der Verantwortlichen, wohl um sich vor einem schweren Vorwurf zu schützen: Diskriminierung.

Von Jan Opielka Mittwoch, 14.05.2014, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 08.01.2015, 12:31 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |   Drucken

Bascha Mika ist eine der ersten Frauen gewesen, die als Chefredakteurin eine deutsche Tageszeitung leitete. Die ehemalige taz-Redaktionschefin war im Alter von fünf Jahren samt Familie aus Polen in die BRD ausgewandert, im Rahmen ihres Studiums machte sie die ersten Gehversuche bei gedruckten Medien und bewarb sich in den 1980ern als Sprecherin bei einem Casting des Hessischen Rundfunks. „Die Rückmeldung war, dass ich mein lispelndes „s“ abtrainieren sollte – und auch mein rollendes „r“, das ich aus meiner kalten Heimat mitgebracht habe“, berichtet sie. Ersteres hat sie denn auch mithilfe einer Logopädin gemacht. Doch ihr „r“ zu eliminieren und ein hinten geriebenes, norddeutsches „rrr“ zu entwickeln, das als Standard gewertet wird, kam für Mika nicht infrage. „Das r gehört zu mir, daran will ich gar nichts ändern.“

Migranten ja – Akzente nein
Bei wie vielen anderen Ibramanovics, Özgürs oder Dostonowskis der ausländische Akzent einen Werdegang als Sprecher oder Moderator im deutschen Rundfunk und Fernsehen verhindert hat und weiter verhindert, ist unklar. Fakt ist, dass es in den publizistisch-nachrichtlichen Mainstream-Sendungen, die nicht explizit Migranten als Zielgruppe haben, weder im Rundfunk noch im Fernsehen Personen gibt, die einen wahrnehmbaren fremdsprachigen Akzent haben. Ganz leichte regionale deutsche Akzente sind hin und wieder zu hören, etwa beim ZDF. Ausländische nicht. „Wir haben auch Kolleginnen und Kollegen mit arabischem, iranischem oder asiatischem Hintergrund, die aber allesamt – eher zufällig – keinen Akzent haben“, so ZDF-Sprecherin Regina Henrich-Dieler. Ähnliches gilt für die ARD-Sendeanstalten. Der Westdeutsche Rundfunk verweist zwar gerne auf die türkischstämmige Moderatorin Aslı Sevindim, die in den Hauptnachrichten des WDR, der „Aktuellen Stunde“, vor der Kamera steht. Sie hat aber keinen hörbaren Akzent. Dürfte sie ihre Aufgabe auch dann erfüllen, wenn sie auch nur einen kleinen türkischen Spracheinschlag hätte? Tibet Sinha, stellvertretender Leiter der Programmgruppe Europa und Ausland beim WDR, lässt zumindest einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu: „Ich weiß es nicht, ich hoffe ja. Aber diese Frage kann und würde wohl auch keiner der Programmmacher offen und ehrlich beantworten.“

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Sinhas Antwort ist symptomatisch. Man kann dies mit dem Wunsch der Verantwortlichen nach Sprachtreue und Stilwahrung begründen – oder ihnen Selektion und Status-Quo-Beharren vorhalten. Bei ganz kritischem Hinsehen riecht es aber nach Diskriminierung. Die Journalistin Ferda Ataman vom Mediendienst Migration und bei der Journalistenvereinigung Neue Deutsche Medienmacher aktiv, sieht das ähnlich: „Menschen eine Arbeit wegen ihres Akzents vorzuenthalten, ist vom Gesetzgeber schlichtweg verboten“, sagt Ataman.

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Grenze zur Diskriminierung
Tatsächlich verbietet das Grundgesetz im Art. 3 eine Benachteiligung oder Bevorzugung wegen Sprache. Der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ads) sind gerichtliche Fälle zum Thema Ausschluss durch Akzent aber nicht bekannt. Dennoch teilt die ads mit Einschränkung Atamans Sicht und nimmt auf Anfrage wie folgt Stellung: „Grundsätzlich ist festzustellen, dass Anforderungen an akzentfreie deutsche Sprachkenntnisse eine mittelbare Diskriminierung wegen der ethnischen Herkunft darstellen können.“ Diese könne aber gerechtfertigt sein, wenn akzentfreie Sprachkenntnisse eine „wesentliche und entscheidende Anforderung für die Ausübung einer bestimmten Tätigkeit sind. Der Arbeitgeber hat dann das Recht, akzentfreie Deutschkenntnisse zu verlangen“, heißt es bei der ads weiter. Dies werde in der Kommentarliteratur zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) etwa bei Nachrichtensprechern und Schauspielern angenommen. „Nachrichten müssen von einem breiten Publikum verstanden werden – auch etwa von Hörgeschädigten“, so die ads. Die Position der ads schreibt sich in der Theorie auch das ZDF auf die Fahnen. Beim Zweiten sei ein „Akzent ok, aber das Deutsch muss wirklich fehlerfrei, klar und verständlich sein, und die berufliche Qualifikation muss stimmen“.

„Persönlichkeit wird nicht anerkannt“
All die genannten Kriterien erfüllt auch Natascha Borisowa*, und sie dürfte sehr wohl auch von Hörgeschädigten verstanden werden. Die Journalistin spricht einwandfreies Deutsch, mit einem leichten Beiklang, dem klassischen, vorn gerolltem „r“, charakteristisch für viele slawische Sprachen. In der ehemaligen UdSSR geboren, wanderte Borisowa im Alter von 16 Jahren nach Deutschland ein. Nach ihrem Studium absolvierte sie ihr Volontariat bei einem Sender der ARD und arbeitet dort als Festangestellte. „Ich habe Beiträge etwa im Hauptstadtstudio produziert, durfte sie dort aber nie selber sprechen“, sagt sie. Die Begründung sei gewesen, dass es um komplexe Zusammenhänge gehe, die man dem Zuschauer nicht durch eine Sprachstörung oder einen Akzent zusätzlich erschweren dürfe, berichtet Borisowa. Ob sie sich akzentfreies Deutsch antrainieren würde, wenn sie die Perspektive für Sprecherin-Tätigkeiten hätte? „Ich glaube nicht, denn ich möchte nicht dort arbeiten, wo mein Akzent nicht gefragt ist. Jemand, der von mir verlangen würde, meinen Akzent abzutrainieren, der erkennt auch meine Persönlichkeit nicht an.“

Dem WDR-Verantwortlichen Tibet Sinha fällt es schwer, solche Fälle zu bewerten. „Ich würde nicht von Diskriminierung sprechen. Bei einem Moderatoren geht es um ein Gesamtpaket, und wenn er wegen Akzent nicht genommen wird“, Sinha zögert ein wenig, „weiß ich nicht, ob das Diskriminierung ist“. Der Akzent gehöre in ein Gesamterscheinungsbild der Person. „Wenn man natürlich sagen würde: Du bist der oder die beste, wir würden dich gerne nehmen, aber du hast einen Akzent – unter diesen Bedingungen ist das natürlich eine Form von Diskriminierung.“ Dass dies kein Sender-Verantwortlicher direkt sagen würde, räumt auch Sinha ein.

Akzente gelten als ulkig, aber nicht glaubwürdig
Dabei ist es nicht so, dass etwa das deutsche Fernsehen keinen vor die Kamera lässt, der mit Akzent spricht. Chris Howland, Bruce Darnell, Rudi Carrell, türkischstämmige Comedians oder bayrische Satiriker – sie alle erzielten oder erzielen Quoten-Erfolge, und das inklusive eines starken und markanten Akzents. Doch diese Beispiele trügen. Denn bei Carrell & Co ist der Akzent kein tolerierbares Übel, sondern quotensteigernde Besonderheit, die Zuschauer am ehesten wohl mit dem Adjektiv „exotisch“ oder „ulkig“ umschreiben würden. Zudem sind diese Beispiele im Unterhaltungsbereich verortet. Bei den informierenden Medien hingegen, in denen nicht Lacher und Späßchen, sondern Seriosität und Glaubwürdigkeit das Grundgerüst bilden, sind Migrantinnen und Migranten, die Deutsch zwar fehlerfrei, aber mit Akzent beherrschen, nicht zu finden. Eine mögliche Erklärung dafür liefert eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2010. Boaz Keysar und Shiri Lev-Ari von der University of Chicago fanden dabei heraus, dass Hörer-Probanden Sprecherinnen und Sprechern, die mit leichtem oder starkem Akzent Nachrichten lesen, weniger Glauben schenken, als Sprechern ohne Akzent.

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