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Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

NSU

Das Zeugensterben geht weiter

Erneut wurde ein wichtiger NSU-Zeuge tot aufgefunden. Der 39-jährige V-Mann Thomas R. – alias Corelli – soll an einer Diabeteserkrankung gestorben sein. Von offizieller Seite wird ein Fremdeinwirken ausgeschlossen. Er ist schon der siebte Tote im NSU-Komplex.

Dem Oberlandesgericht (OLG) München gehen die Zeugen aus. Jedenfalls solche, die zur Aufklärung der immer mysteriöser erscheinenden NSU Morde hätten beitragen könnten. Zuletzt traf es Corelli, wie er beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) geführt wurde. HJ Tommy nannten ihn seine rechten Kameraden.

An einer bisher nicht bemerkten Diabeteserkrankung soll der 39-Jährige allein in seiner Wohnung gestorben sein. Ein Fremdeinwirken schließen die Ermittler einem Spiegel-Bericht zufolge aus. Das BfV habe am Mittwoch vergangener Woche das parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages über den Tod des früheren Topspitzels informiert.

Selbstmord an anderer Stelle
Corelli kam nach seiner Enttarnung 2012 in ein Zeugenschutzprogramm. In den Neunzigern war er in der Neonaziszene aktiv und hatte – entgegen anderslautenden offiziellen Angaben des BfV – Kontakt zum NSU. Vermutlich hätte er viel zur Aufklärung im NSU Prozess beitragen können. Ob er nützliche Hinweise gegeben hätte, steht auf einem anderen Blatt. Die bisher gehörten Zeugen glänzten bisher vor dem OLG eher mit Erinnerungslücken und widersprüchlichen Aussagen.

Der plötzliche Tod Corellis lässt aber auch aus anderen Gründen Zweifel aufkommen. So hatte Florian Heilig, ein weiterer wichtiger Zeuge, im September 2013 vermeintlich Selbstmord begangen – auf dem Weg zur Aussage zum Komplex Heilbronn, wo Michèle Kiesewetter vermutlich vom NSU ermordet wurde. Aus Liebeskummer – so die offizielle Version – soll er sein Auto in Brand gesetzt haben und nicht ausgestiegen sein.

Dubiose Umstände
Über den Komplex Heilbronn hätte wahrscheinlich auch Corelli berichten können. Er hatte Informationen über den deutschen Ku-Klux-Klan geliefert, den er selbst – zumindest – finanziell mit aufgebaut hatte. Recherchen der taz ergaben: Zu den Klan-Mitgliedern gehörten Kollegen der getöteten Polizistin Kiesewetter.

Das Geld hatte sich Corelli bei den Geheimdiensten verdient. Allein das BfV soll ihm rund 180.000 Euro für seine Dienste gezahlt haben. Damit finanzierte er außerdem ein Nazi-Blatt, in dem in den Jahren 2001/2002 zum ersten Mal der Begriff NSU auftauchte.

Unterm Strich ist Corelli bereits der Siebte, der unter dubiosen Umständen ums Leben gekommen ist. Die wohl bekanntesten Toten in diesem Zusammenhang dürften Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sein, die offiziell ebenfalls Selbstmord begangen haben, in dem Wohnmobil, das sie zuvor in Brand gesetzt haben sollen. Neuere Untersuchungen lassen allerdings weitere Zweifel an der offiziellen Version aufkommen: In den Lungen der Toten wurden keine Rußpartikel gefunden. Die drei anderen Toten waren hochrangige Beamte des LKA Thüringen, die mit der NSU-Fahndung befasst waren. Sie starben 2001/2002 ebenfalls unter mysteriösen Umständen. (bk)

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10 Kommentare
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  1. Soph sagt:

    Kurze Frage zum letzten Absatz:

    Wie man z.B. hier lesen kann: http://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Mundlos hat Mundlos Böhnhardt erschossen, dann den Wagen angesteckt und dann sich erschossen. Finde ich irgendwie normal, dass da kein Ruß in der Lunge ist. Oder was übersehe ich?

  2. Dubios sagt:

    Woher wissen wir, dass er tatsächlich tot ist? Vielleicht braucht Thomas Richter ja auch nur eine neue Identität.

  3. Dimitroff sagt:

    Wie das Sterben mit Diabetes gehen kann, sieht man im Film „Komm, süßer Tod“.
    Auch 69 nach Kriegsende besteht immer noch kein echtes Interesse zur vollständigen Entnazifizierung.
    Ein Geheimdienst, der von ehemaligen Mitgliedern des Reichssicherheitshauptamtes und Gestapo aufgebaut wurde und in einer Demokratie weiterbestehen darf, ist doch das eigentliche Problem.
    Wer hat noch Interesse daran, dass sich der NSU-Prozess ergebnislos dahinzieht und das NPD-Verbotsverfahren im Sande verläuft?

  4. Mehmet sagt:

    Die drei anderen Toten waren hochrangige Beamte des LKA Thüringen, die mit der NSU-Fahndung befasst waren. Sie starben 2001/2002 ebenfalls unter mysteriösen Umständen.
    —–
    Habt ihr hierzu nähre Infos ?

  5. Mika sagt:

    Viel schlimmer finde ich die Lethargie unter der Bevölkerung:

    alles wird hingenommen, niemand empört sich darüber!

    Ist das eine Demokratie hier?

    Soll das die versprochene „lückenlose Aufklärung“ sein?

    Alles wird vor unseren Augen vertuscht und niemanden interessiert es!

  6. Cengiz K sagt:

    Was ist denn da los? Ich hoffe, man hat den SOKO Bosporus wieder eingeschaltet, sieht verdächtig nach Dönermafia aus..

  7. […] analysiert und kritisiert das ominöse Zeugensterben im Rahmen der NSU-Ermittlungen und des Prozesses selbst. NSU-Tatort Hamburg hat ein Interview mit einer Nebenklägerin des Prozesses […]

  8. […] schafft, in 109 Prozesstagen auch nur annährend Licht in das Dunkel der NSU Morde zu bringen: Zeugen, die plötzlich Selbstmord begehen, Staatsbeamte, die Wahrheit durch Auslassungen bei ihren Zeugenaussage […]

  9. […] plötzliche Tod von Florian Heilig, einem der wichtigsten NSU- Zeugen, ist besonders dubios. Er sollte zum Heilbronn-Mord aussagen. […]



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