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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

V-Mann Felten

Was bin ich?

Die Älteren werden sich noch an diese ungemein aufregende Fernsehsendung erinnern, in der ein älterer Herr in schlecht sitzendem karierten Sakko Menschen, wie du und ich vorstellte. Ein Rateteam sollte dann den Beruf des Kandidaten erraten.

VONWerner Felten

 Was bin ich?
Der Autor übernahm 1999 die Leitung des ersten türkischsprachigen Radios in Berlin. Von Radio hatte er eine Ahnung, von Türken nicht. Radio ist Radio dachte er sich. Das änderte sich aber schlagartig am 11.9.2001, als die Deutschen entdeckten, dass die Türken Muslime sind. Da ging es dann mit Integrationsdebatte los. Felten fand sich schnell in unzähligen Debatten, Gipfeln und Podiumsdiskussionen zu diesem Thema wieder. Ihn wunderte es, dass seine von ihm geschätzten türkischen Kollegen, Mitarbeiter und Freunde auf einmal alle Problemfälle sein sollten. Nachdem er 2007 die Leitung des Radiosenders abgegeben hatte, veröffentlichte er sein Buch „Allein unter Türken“, in dem er auf die Absurditäten der Debatte über die Integration hinwies. Heute schreibt er u.a. für die Deutsche Welle, moderiert und macht Comedy zum Thema Integration. Felten lebt gerne in Berlin, auch wenn er manchmal überlegt, ob er in die Türkei emigrieren solle.

DATUM27. September 2013

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RESSORTAktuell, Meinung

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Dazu machte er dann eine passende Handbewegung als Hilfestellung für die Fragenden. Rieb damals die Person die Fingerspitzen von Daumen und Zeigefinger, so vermutete man Bankangestellter, Finanzbeamter oder Lehrer. Heute würde einem natürlich sofort der Berufstürke einfallen.

Berufsbedingt ist ein Berufstürke natürlich der Auffassung, dass die Integration der Türken in Deutschland nie abgeschlossen sein kann. Nur so gibt es immer was zu tun. Außerdem sollte ein Deutscher nicht in ihre Phalanx einbrechen können. Der könnte ja vielleicht zu ganz anderen Erkenntnissen gelangen und den Berufstürken in die Suppe spucken.

Die Berufstürken sind Diener zweier Herren: Auf der einen Seite müssen sie ihre staatlichen und kommunalen Auftraggeber bei der Stange halten. Auf der anderen Seite dürfen sie die türkische Community nicht aus dem Auge verlieren, denn sie müssen ja beobachten, ob die sich auch so verhalten, wie sie es ihren Auftraggebern weitergeben. So bilden die Berufstürken das Scharnier zwischen den Deutschen und den Türken in Sachen Integration. Da darf kein Körnchen in das Getriebe kommen.

Das Problem mit den Berufstürken ist, dass sie Umstände und Verhaltensweisen zu Problemen erklären, die gar keine sind. Warum die das machen? Ganz einfach: Ohne Probleme mit den Türken gäbe es auch keine Berufstürken. Blöd nur für die Türken, denn die werden auf diese Weise zu Problem-Türken.

Nun steht die Integration nur selten im Fokus der Öffentlichkeit und es macht Mühe, das Thema am Köcheln zu halten. Es wird meistens nur dann herausgekramt, wenn ein aktueller Anlass vorliegt. Das kann eine furchtbare Bluttat eines Einzelnen sein, die Rede eines Bundespräsidenten oder die Präsentation des Sachbuches eines Autors, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Manchmal ist aber auch nur die allgemeine Nachrichtenlage gerade etwas dünn. Dieser Zustand bereitet dem einen oder anderen Berufstürken Kopfzerbrechen.

In Berlin haben es schon Berufstürken geschafft, ihre Profession als Familienunternehmen aufzubauen.

Sicherlich geben auch die Berufstürken zu, dass nicht alle Türken Problemfälle sind. Aber auch die Berufstürken kennen „Aber-Sätze“: „Sicher, nicht alle Türken sind kriminell / integrationsunwillig / erschleichen staatliche Unterstützungen, aber…“

Sich gegen diese Vereinnahmung zu wehren, fällt den frisch ernannten Problem-Türken schwer. Sie sind nicht organisiert, sie fallen nicht auf und sie sind integriert. Viele wehren sich nicht aus falsch verstandener Höflichkeit gegenüber den Deutschen, viele haben auch resigniert und wollen mit diesem öffentlichen Ringelpiez nichts zu tun haben.

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2 Kommentare
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  1. Songül sagt:

    Gehör‘ ich also doch schon zu den Älteren 😉

    Hört sich ganz interessant an, nur bin ich mir nicht sicher, ob mir dieselben Personen als Berufstürken einfallen, die Ihnen im Sinn schweben.
    Gerade dieser Satz weckte meine Neugier : „In Berlin haben es schon Berufstürken geschafft, ihre Profession als Familienunternehmen aufzubauen.“ Berlin ist weit entfernt …
    Drum bitte ich Sie um ein (paar) Beispiel(e).

  2. Werner Felten sagt:

    Hallo Songül, Namen werden nicht genannt 🙂 einfach mal Senatorin für Soziales in Berlin googeln und schon wird es interessant.



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