Buchtipp zum Wochenende

Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

Der gegoogelte Großvater. Wie Jennifer Teege entdeckte, dass ihr Großvater Massenmörder war - Jamal Tuschick über seine Eindrücke von der ersten Lesung im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann.

Von Freitag, 27.09.2013, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 08.08.2016, 10:49 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Amon Leopold Göth (1908 – 1946) gab seinen Neigungen einen beruflichen Anstrich. Eine Trennung von Arbeit und Leben fand nicht statt. Wenn Göth auf Häftlinge schoss oder sie von Hunden zerreißen ließ, dann geschah dies im Dienst und zum Spaß. Der SS-Hauptsturmführer genoss seine Herrschaft über Leben und Tod im Konzentrationslager Płaszów.

Płaszów liegt in der Gegend von Krakau und da wurde ihm nach der deutschen Niederlage der Prozess gemacht. Göth ging zum Galgen mit achttausend nachgewiesenen Morden auf dem Gewissen. Seine Tochter Monika Hertwig äußerte sich um die Jahrtausendwende in dem Interview-Band „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“

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Hertwig verlangte nicht nachlassende Verfolgung noch lebender Täter: „Sie haben sich auch nicht gescheut, die Alten tot zu schlagen, … Krüppel erschlagen, blinde Menschen, nur weil sie nicht gesehen haben, wo sie hingehen. Menschen mit Rollstühlen … aus dem Fenster rausgeschmissen. Wenn es nur irgendeine Gerechtigkeit auf der Welt geben soll, dann sollen die, auch wenn sie alt sind, büßen.“

Aus der Verbindung mit einem Nigerianer ging eine Tochter hervor, die Monika Hertwig 1970 zur Welt brachte und sofort fortgab. Jennifer Teege kam erst ins Heim und dann zu Leuten. Ahnungslos wuchs sie in einer blonden Adoptivfamilie auf, „in der Klasse sangen sie zehn kleine Negerlein“.

Sie weiß das Selbstverständliche nicht: „Wie lange ich am Daumen gelutscht habe, welche Kinderkrankheiten ich hatte.“ Sie studierte in Israel, gründete in Hamburg eine Familie. Zufällig stieß sie auf ihre verstörende Herkunft. Das Buch der Mutter entdeckte sie in einer Hamburger Bibliothek. Die Entdeckung löste einen Schock aus. Der Schock wurde Erfahrung, die Erfahrung Text.

Jennifer Teege googelte den Großvater. Sie fand eine Ähnlichkeit. „Ich bin groß, das war er auch. Der Henker musste zweimal das Seil kürzen.“ Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchierte sie die Geschichte der Göths. Die Publikation zum Trauma heißt „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“. Sie war noch gar nicht im Handel und stand schon auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Das Rieseninteresse an Jennifer Teeges Aufzeichnungen zeigt sich bei der ersten Lesung im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann. Es sind ein paar Leergutspezialisten am Massenstart, offenbar steht Dussmann als verträgliche Adresse für ein temperiertes Stündchen auf mancher Liste. Frauen in den besten Jahren & schrillen Farben lagern auf der Auslegeware wie bei einem Rentner-Rave. Wozu sich noch Mühe geben, der Lack ist eh ab. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Ich passe ins angeschnittene Bild, unrasiert und fern der Heimat und auf meinem Schoß der Rucksack als Urban-Survival-Utensil. USU klingt nach SOS und nicht wie SUV.

Der Platz neben mir blieb lange frei. Der Demokrat, der ihn schließlich einnimmt, blickt eisern zur Front des Geschehens. Wir liefern der verdichteten Unterschiedlichkeit Beispiele.

„Ist das meine Familie?“, fragt sich die Autorin halblaut auf der Bühne. Ihr Vortrag ist kurz vor stockend, sie wirkt immer noch angefasst und mitgenommen. Lange war für sie der Holocaust „Schindlers Liste“. In dem Steven Spielberg-Film erscheint Göth als Gegenspieler von Oskar Schindler. „Die ganze Welt kennt meinen Großvater.“

Jennifer Teege war einundzwanzig, als sie die leibliche Mutter zum letzten Mal sah. Sie ist achtunddreißig, als ihr klar wird, wer als Großvater dahintersteckt. Der alte Göth begriff seine Schießübungen auf Häftlinge als Gymnastik. Er rottete ganze Familien aus, um erst gar keinen Unmut bei Angehörigen aufkommen zu lassen. Jennifer Teege sieht Monika Hertwig „verhärmt“, doch elaboriert auf ARTE: „Für mich hatte meine Mutter kein einziges Wort. Sie schweigt mich tot.“ In Albträumen sieht Jennifer Teege „Skelette, denen alles Menschliche genommen war“.

Es gibt so viele harmlose Opas auf der Welt. „Warum habe ich nicht herausgefunden, dass mein Großvater Loriot war?“

„Die kindliche Hilflosigkeit kehrt zurück.“ Jennifer Teege verliert ihre Lebensfreude, der Alltag kollabiert. Die biografische Katastrophe entfremdet sie ihrer eigenen Familie. Sie gerät in eine beinah tödliche Erschöpfung. „Mein Kopf ist mein Gefängnis.“

Jennifer Teege nimmt psychologische Hilfe in Anspruch – denkt mit Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“

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