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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Buchtipp zum Wochenende

„Sollten wir nicht freiwillig gehen, würden sie uns nachts abholen“

„Auf allem lag Staub“, sagt Mehreme Behrami, als sie aus Deutschland wieder in den Kosovo zurückkehren muss. Denn der Krieg hat zumindest auf dem Papier aufgehört zu existieren. Eine von neun spannenden Geschichten über Sehnsucht, Liebe und die Suche nach einer Heimat.

Menschen ziehen weg und kommen wieder zurück und manchmal zwingt man sie dazu. Timon Perabo und Jeton Neziraj sammeln in ihrem Buch „Sehnsucht im Koffer“ neun spannende Geschichten von Menschen, die aus dem Kosovo nach Deutschland kamen, ein neues Zuhause fanden oder wieder fortgingen.

Mehreme Behramis Geschichte ist eine davon. Als sie 1993 den Kosovo verlässt, hatte ihre Oma väterlicherseits sie noch mal innig geküsst und ihr prophezeit, dass sie ihre Rückkehr nicht mehr erleben werde, und so kam es dann auch. Drei Jahre darauf starb sie.

„Ich wollte mir ein Stück meines Lebens in Deutschland bewahren“
Mit 16 – nach sieben Jahren in Deutschland – muss Behrami wieder in den Kosovo auswandern. Denn ein Jahr nach dem Ende des Krieges fordert die Ausländerbehörde die Familie auf, das Land zu verlassen. „Sollten wir nicht freiwillig gehen, würden sie uns nachts abholen“, erklärt sie.

Die Großeltern, die damals geblieben waren, weinen beim Wiedersehen. „Und manchmal weinen sie heute noch“, sagt Behrami. Sieben Jahre liegen zwischen ihnen. Eine magische Zahl, die erst mit vergessenen Erinnerungen gefüllt werden muss.

Bevor die Familie einige Jahre später in das eigene Haus ziehen kann, wohnen sie bei Verwandten in Mitrovica. Sie holt am Abend der Ankunft „alle in Deutschland gekauften Kleidungstücke aus dem Koffer“ und erinnert sich an die zurückliegende Zeit.

„Ich wollte mir ein Stück meines Lebens in Deutschland bewahren“, erklärt sie und wartet auf weitere Utensilien aus Deutschland, die der Vater im VW-Kleinbus mitbringen wird.

In der Schule hat sie Probleme. Ihr Albanisch reicht oftmals nicht aus, um sich für die Leistungskurse zu entscheiden. Sie braucht Hilfe. Es ist hier alles anders: Lehrer diktieren den Stoff, sie lernt oft auswendig. Doch sie schafft es.

Der zerbrechliche Frieden
Als sie schon längt in Pristina in der Hauptstadt studiert, holt sie der Krieg in Kosovo ein: Im März 2004 kämpfen in Mitrovica Serben gegen Albaner. Sie reist sofort in die Stadt ihrer Eltern. „Über der Stadt lag Tränengas“, sagt Behrami. Zwei größere Menschenmassen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Steine und Granaten fallen inmitten von KFOR-Soldaten. Angst überkommt sie, die den Krieg im Kosovo allenfalls von Geschichten ihrer Großeltern und aus dem Fernsehen kennt. Doch sie bleibt ruhig. Ihr großer Vorteil ist, dass sie keine Kriegserinnerungen hat.

Sie weiß nicht, ob ihr Haus in Mitrovica künftig zu Serbien oder Kosovo gehören wird. Sie weiß aber mit Gewissheit, dass ein Teil von ihr noch in Deutschland geblieben ist. Kein Wunder also, dass sie nach dem Studium fortan für die Diakonie Trier in Kosovo arbeitet. Sie hilft Menschen, ein neues Leben anzufangen, die zum Teil wie sie Deutschland verlassen mussten, damit man sie vielleicht nicht nachts abholt.

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