MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Uni-Studie

Antisemitismus und Islamfeindlichkeit auch unter Studenten keine Seltenheit

Wissenschaftler der Uni Osnabrück untersuchten mit kanadischen Kollegen soziale Vorurteile unter Studierenden. Die Ergebnisse sind eindeutig: Sowohl bei deutschen als auch bei kanadischen Studierenden sind soziale Vorurteile zu finden, und das nicht zu knapp.

Studierende gelten gemeinhin als liberal, aufgeschlossen und tolerant. Doch ist dem wirklich so? In einem kooperativen Projekt der Universität Osnabrück mit der Partneruniversität University of Victoria in British Columbia, Kanada wurden nun die öffentlichen Ansichten und persönlichen Meinungen zu sozialen Vorurteilen bei Studierenden untersucht. Ein Ergebnis der Studie, die dem MiGAZIN in wesentlichen Teilen vorliegt, lautet: Viele Studenten pflegen ähnlich wie die Allgemeinbevölkerung ausgeprägte soziale Vorurteile – und dies sowohl in Deutschland als auch in Kanada.

Laut einer wissenschaftlichen Definition sind soziale Vorurteile „religiöse, vermeintlich biologische und kulturelle Merkmale, aufgrund derer Menschen … kategorisiert und abgewertet werden“. Der Osnabrücker Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Wassilis Kassis und seine kanadische Kollegin Prof. Dr. Charlotte Schallié wollten nun herausfinden, inwieweit solche sozialen Vorurteile bei deutschen und kanadischen Studierenden bezogen auf Ausländerfeindlichkeit, Geschlechterrollenstereotypen, Antisemitismus und antimuslimischen Einstellungen zu finden sind. Eine vergleichbare internationale Studie zu sozialen Vorurteilen Studierender existiert bislang nicht.

Ausgeprägte Vorurteile
In Osnabrück wurden rund 1000 Studierende befragt, an der University of Victoria knapp 800. Im Mittelpunkt dabei stand das von der Bielefelder Forschungsgruppe um Wilhelm Heitmeyer und Andreas Zick entwickelte „Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“, welches sich aus verschiedenen Einstellungen, wie beispielsweise Antisemitismus, antimuslimischen Einstellungen, Gewaltakzeptanz gegenüber Minoritäten oder Ausländerfeindlichkeit zusammensetzt.

Die Ergebnisse der Studie belegen unter anderem eines: Sowohl bei deutschen als auch bei kanadischen Studierenden sind ausgeprägte soziale Vorurteile zu finden. „Es zeigt sich, dass Studierende, wenn sie anonym befragt werden, durchaus Vorurteile gegenüber jüdisch- und muslimischgläubigen Menschen hegen, sie scheinen nicht sehr tolerant. Dabei weichen die Studierenden hierin nicht relevant von der Allgemeinbevölkerung ab, was allerdings auch nicht wirklich beruhigend ist“, so Kassis. „Was aber sicherlich erstaunt, ist, dass sich keine nennenswerten Unterschiede zwischen deutschen und kanadischen Studierenden finden, obwohl sich die gesellschaftlichen Kontexte beider Länder durchaus unterscheiden.“

Subtiler Antisemitismus und Islamfeindlichkeit
Weitere konkretere Ergebnisse lauten, dass rund 50 Prozent der befragten Studierenden „klassischen“ oder „sekundären“, also einen weniger offensichtlich und subtiler geäußerten, Antisemitismus aufweisen und rund 80 Prozent der Studenten an beiden Universitäten antimuslimische Vorurteile vertreten. Wobei der Erziehungswissenschaftler zugleich auch die Grenzen der Studie deutlich macht: „Wir können hier nur feststellen, dass Vorurteile existieren. Woher sie stammen, wird dabei nicht erklärt.“

Bei solchen Ergebnissen scheint vor allem fraglich zu sein, wie erfolgreich die soziale Integration internationaler Studierender, die nicht den Mehrheitskulturen entstammen, überhaupt sein kann. Kassis: „Die Universität muss sich hierzu fragen, welchen Beitrag sie zu einer offenen Gesellschaft leisten kann und möchte. Von ihrem Grundverständnis her sollte dies eine ihrer vordringlichen gesellschaftsrelevanten Aufgaben sein.“ (uo/hs)

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

34 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Michael sagt:

    All diese Studien und Untersuchungen sind mit äußerster Vorsicht zu genießen, denn es ist zuerst eine Frage der allgemeinen Definition von „Antisemitismus“. Unter dieser Überschrift sollen weite Teile öffentlicher wie notwendiger und korrekter Israelkritik diskriminiert und somit vom Tisch gefegt werden.
    Schon die Aussage, Israel sei „neo-zionistisch“, reicht in den meisten Fällen für einen veritablen Shitstorm, für Löschungen und zur Zensur – obschon sich Israel gar in seiner Verfassung selbst so bezeichnet.
    In Deutschland bestimmen Broder & Co., was „antisemitisch“ ist und was nicht.
    Man müsste sich en detail den vorgelegten Fragekatalog widmen um die dort verwandte Begriffsdefinition kritisch betrachten zu können – vorher muss man die Ergebnisse in Zweifel ziehen.

  2. Josef Özcan sagt:

    Nun, wenn man bedenkt, dass aus den Universitäten, die Personen kommen, welche unsere Lebenswirklichkeit wesentlich mitgestalten und wenn man sich dann diese Lebenswirklichkeit vor allem auch was die Ideologien betrifft betrachtet, dann sollten uns diese Ergebnisse nicht verwundern.

    „Rasse“ war und ist übrigens vor allem auch eine universitäre Lehre. Die rassistischen Konzepte, welche der Alltagsmensch gebraucht haben ihren Ursprung oft in Universitäten mit ihren vermeintlich wissenschaftlichen Lehren.

    Die Intelligenztestung z.B. ist mitten aus dem tiefsten universitären Rassismus (vor allem USA) entstanden und treibt sein Unwesen immer noch.

    Josef Özcan (Diplom Psychologe)
    RASSE:
    „Ins Deutsche führte diesen Sprachgebrauch Immanuel Kant 1775 mit seiner Schrift Von den verschiedenen Racen der Menschen ein. Derartige Untergliederungen der Menschheit waren zum Teil nur neutrale Versuche einer Klassifizierung, zum anderen Teil aber auch mit Wertungen verbunden und daher als scheinbare wissenschaftliche Grundlagen für den Rassismus bis hin zu seinen schlimmsten Auswüchsen im Holocaust geeignet.“

  3. Soli sagt:

    Die Studie ist insofern ja auch irreführend als das nur „antimuslimisch“ abgefragt wird. Wäre die statistische Aussage die gleiceh wenn „antireligiös“ gefragt worden wäre? Sonst müsste man differenzieren, wie sieht es mit „antichristlichen“ bei den Muslimen und „antimuslimischen“ Vorurteilen bei den Christen aus? Um nur zwei der möglichen (und wohl der beiden größten in den befragten Gruppen) Religionen zu nennen.

    Soli (genauso wichtig wie alle anderen)

  4. aloo masala sagt:

    @Soli

    Es wurden an der Uni Osnabrück ca 1000 Studierende aus den sozialwissenschaftlichen Fächern befragt. Für eine Differenzierung wie Sie vorschlagen hätte vermutlich wegen zu geringer Anzahl von Studenten die Datenbasis gefehlt, um statistisch zuverlässige Aussage machen zu können.

    Außerdem bestand das Ziel der Studie weniger darin, religiöse Vorurteile unter ethnischen/religiösen Gesichtspunkten zu untersuchen, sondern man ging grob der Frage nach, ob Bildung vor Menschenfeindlichkeit schützt. Die deprimierende Antwort lautet nein.

  5. Marie sagt:

    Die Studie ist insofern ja auch irreführend als das nur “antimuslimisch” abgefragt wird. Wäre die statistische Aussage die gleiceh wenn “antireligiös” gefragt worden wäre? Sonst müsste man differenzieren, wie sieht es mit “antichristlichen” bei den Muslimen und “antimuslimischen” Vorurteilen bei den Christen aus? Um nur zwei der möglichen (und wohl der beiden größten in den befragten Gruppen) Religionen zu nennen.

    Soli (genauso wichtig wie alle anderen)

    Es wurde Antisemitismus UND Islamfeindlichkeit abgefragt. Der sekundäre, also weniger offensichtliche Antisemitismus war bei 50 % vorhanden – die Islamfeindlichkeit bei 80%. (Muslime sind die „neuen“ Juden). Da gibt es nichts herum zu deuteln. Was wollen Sie uns mit „Soli, genauso wichtig, wie alle anderen“ sagen? Fühlen Sie sich benachteiligt? Sie schreiben hier genauso Ihre Meinung, wie alle anderen, wobei Sie in diesem Punkte benachteiligt sein sollten, erschließt sich mir nicht – Sie können aber genauso, wie alle anderen, nicht erwarten, dass alle anderen Ihnen zustimmen.

  6. Marie sagt:

    All diese Studien und Untersuchungen sind mit äußerster Vorsicht zu genießen, denn es ist zuerst eine Frage der allgemeinen Definition von “Antisemitismus”. Unter dieser Überschrift sollen weite Teile öffentlicher „wie notwendiger und korrekter Israelkritik diskriminiert und somit vom Tisch gefegt werden.
    Schon die Aussage, Israel sei “neo-zionistisch”, reicht in den meisten Fällen für einen veritablen Shitstorm, für Löschungen und zur Zensur – obschon sich Israel gar in seiner Verfassung selbst so bezeichnet.
    In Deutschland bestimmen Broder & Co., was “antisemitisch” ist und was nicht.
    Man müsste sich en detail den vorgelegten Fragekatalog widmen um die dort verwandte Begriffsdefinition kritisch betrachten zu können – vorher muss man die Ergebnisse in Zweifel ziehen.“

    Das sehe ich exakt genauso – und vermutlich wird die berechtigte Kritik an der menschenrechtswidrigen und rassistischen Politik gegenüber der Bevölkerung in den besetzten Gebieten, die ihrer Menschenrechte komplett beraubt wurde, deshalb auch nicht als antisemitisch, sondern als „sekundärer“ bzw. „subtiler“ Antisemitismus umschrieben […]

  7. Stephan sagt:

    Sekundärer Antisemitismus bezeichnet m.E. nach nicht in erster Linie einen weniger sarkten oder offensichtlichen Antisemitismus. Sekundärer Antisemitismus ist vielmehr eine meist unbewußte REaktion auf die Ermordung der europäischen Juden. Er speist sich aus verdrängten Schuldgefühlen. Ein klassischer Totpos des sekundären Antisemismus ist daher die Holocaustleugnung oder Relativierung, insbesondere die Behauptung die Juden (ersatzweise auch die Israelis) würden sich genauso Verhalten wie die SS.

  8. Marie sagt:

    „Schon die Aussage, Israel sei “neo-zionistisch”, reicht in den meisten Fällen für einen veritablen Shitstorm, für Löschungen und zur Zensur – obschon sich Israel gar in seiner Verfassung selbst so bezeichnet.“

    Das kann ich bestätigen, es reicht auch schon scharfe Kritik an der israelischen Regierung, die in den besetzten Gebieten sämtliche Menschenrechte der palästinensischen Einwohner vollkommen außer Kraft setzt. Da wird der Rassismusbegriff m.E. pervertiert – scharfe Kritik an einer menschen- und völkerrechtswidrigen Politik ist nicht rassistisch.

    http://www.amnesty.de/laenderbericht/israel-und-besetzte-gebiete

    Die israelischen Behörden setzten die Blockade des Gazastreifens 2011 fort und verlängerten damit die dort herrschende humanitäre Krise. Die Bewegungsfreiheit der Palästinenser in den besetzten palästinensischen Gebieten wurde weiterhin stark eingeschränkt. Im Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalem setzten die Behörden den Bau des Zauns bzw. der Mauer fort, der zum Großteil auf palästinensischem Gebiet stattfand. Außerdem wurden unter Verstoß gegen das Völkerrecht die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten weiter ausgebaut. Die israelischen Behörden zerstörten palästinensische Häuser und andere Einrichtungen im Westjordanland, aber auch Häuser palästinensischer Bürger innerhalb von Israel, insbesondere in „nicht anerkannten“ Dörfern in der Negev-Wüste. Die israelische Armee ging häufig mit exzessiver und in einigen Fällen mit tödlicher Gewalt gegen Demonstrierende im Westjordanland sowie gegen Zivilpersonen in Grenzgebieten des Gazastreifens vor.
    Israelische Streitkräfte töteten in den besetzten palästinensischen Gebieten 55 Zivilpersonen, darunter elf Kinder. Im Westjordanland nahmen gewaltsame Übergriffe israelischer Siedler gegen Palästinenser zu. Drei Palästinenser wurden von israelischen Siedlern getötet.
    Israelische Siedler und Soldaten, die beschuldigt wurden, Menschenrechtsverstöße an Palästinensern verübt zu haben, gingen generell straffrei aus. Die Behörden versäumten es weiterhin, unabhängige Ermittlungen wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen einzuleiten, die von den israelischen Streitkräften während der Operation „Gegossenes Blei“ (Cast Lead) Ende 2008 und Anfang 2009 verübt wurden. Die israelischen Behörden inhaftierten Tausende von Palästinensern aus dem Westjordanland. Etwa 307 Palästinenser wurden ohne Anklageerhebung oder Gerichtsverfahren in Verwaltungshaft gehalten; andere verbüßten Haftstrafen, zu denen sie von Militärgerichten verurteilt worden waren. Ende 2011 befanden sich mehr als 4200 Palästinenser in israelischen Gefängnissen. Es trafen erneut Berichte über Folter und andere Misshandlungen von Häftlingen ein. (Stand 31.12.2011)

    Soviel zur „einzigen Demokratie“ im Nahen Osten.

    Und hier geht es weiter:

    http://www.amnesty.de/jahresbericht/2013/israel-und-besetzte-palaestinensische-gebiete

    die Liste schwerster Verstöße gegen die Menschenrechte und das Völkerrecht ist viel zu lang, um sie hier im Wortlaut einzustellen.

  9. Lionel sagt:

    Die hohen Werte in dieser Studie ergeben sich durch die Einbeziehung bestimmter Antwortmöglichkeiten.
    Auf die Frage, ob die Juden in Israel Landräuber sind, wäre die Antwort „Stimmt“ oder „Stimmt eher“ als klar antisemitisch zu werten.
    Die Initiatoren haben aber auch die Antwortmöglichkeit „Stimmt eher nicht“ als klar antisemitisch gewertet.
    Darüber kann man aber sicherlich mit guten Gründen geteilter Meinung sein.

  10. Soli sagt:

    @Marie – mein Enischub in Klammern (ist genau so wichtig) ist ein kleiner Seitenhieb auf die immer wiederkehrenden Angaben von Herrn Özcan, der nicht nur bei amnesty International tätig (?) ist sondern auch einen Appell geschrieben (?) hat und sogar studiert hat!
    Ein unter Foristen eher unübliches Verhalten ist es soetwas explizit zu erwähnen, mich interessiert sowas in der Regel nicht – noch macht es eine Meinung wichtiger oder besser je nachdem wo man was macht oder nicht. Es gibt auch Doktoren die dämliche Aussagen machen (siehe Sarrazin Debatte) .

    Kritik ist sicherlich erlaub, an allem, auch an Israel, damit wird man kein Antisemit. Insofern stimme ich Lionel zu der ja ein klein wenig erläutert wie diese Werte zustande kamen.


Seite 1/41234»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...