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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Wo liegt Arabien?

„Ich wünsch mir eins“ am Deutschen Theater

„Hier klebt mein Scheitern an jeder Straßenecke“, sagt Laila kurz vor ihrem Abflug nach Nirgendwo. Laila existiert mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft in Berlin/Prenzlauer Berg. Ich schätze präzise: Danziger-Ecke Knaackstraße.

VONJamal Tuschick

 „Ich wünsch mir eins“ am Deutschen Theater
Der Verfasser, geboren 1961 in Kassel, hat seinen libyschen Vater nicht kennengelernt, die Mutter ist Deutsche. Arbeitet seit 1987 als Autor und Journalist vor allem für die Frankfurter Rundschau und die junge welt. Herausgeber der 2000 im S. Fischer Verlag erschienenen Anthologie "Morgenland", die Einfluss gewann auf die Kulturdebatte innerhalb des Migrationsgeschehens. Stichwort: Das Ende der Gastarbeiter-Literatur Tuschick trug zu einem neuen Verständnis der Literatur von Autoren mit einer ethnischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bei. Er veröffentlichte im Suhrkamp Verlag Keine Große Geschichte, Kattenbeat, Bis zum Ende der B-Seite Zuletzt erschien von ihm im Martin Schmitz Verlag Grobzeug im Rindermix

DATUM14. Juni 2013

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Die Differenz erlebt sie als Ausschluss. Laila setzt ihre Fantasie als Wirtin ein, die sie willkommen heißt in einer Kneipe ohne Namen. Da sitzt George mit seinem im Bier ertränkten Herzen. Nur in seiner Gegenwart fehlt Laila wenig genug für ein kleines Behagen.

So geht das los, das Stück „Ich wünsch mir eins“ von Azar Mortazavi, einer deutsch-iranischen Debütantin – in der Inszenierung von Annette Pullen zurzeit zu sehen am Deutschen Theater. Gregor Sturms Bühnenbild erinnert an gekenterte Paternoster. Dabei sind das nur verschiebbare Holzwände, die aber viel hermachen.

Andrea Casabianchi spielt Laila als auf Lebenszeit Verirrte. Sie haut George ihren Körper um die Ohren. Das Begehren bezieht sich nicht auf ihn, den Minusmann um die fünfzig als ideale Leerstelle (für lauter Projektionen), die Wohnung ein Staubarchiv. Das Begehren richtet sich vielmehr auf die Fortsetzung des Desasters im Zeugungsfuror. George, von Thomas Kienast eher leger als lethargisch gespielt, verweigert Zeugung und Zärtlichkeit. Er ist ein Verfechter des alten Rein-Raus-Spiel, wie man es aus „Uhrwerk Orange“ kennt – und doch erliegt er schließlich dem Liebeshunger seiner verboten jungen Geliebten und wird zum Bittsteller.

Azar Mortazavi sagte gelegentlich, sie habe ihre Figuren poetisch schweben lassen und diese Balance in der Inszenierung nicht wieder gefunden. Der Text wird ausgespielt wie man Teig mit einem Nudelholz wälzt. Mich stört das nicht, der Text setzt sich gegen sein Schauspiel durch. Lailas Dilemma rührt aus ethnischer Differenz ohne kulturelle Alternative. „Arabien“ ist für sie eine exotische Vater-Kategorie. Selbstverständlich ist der Vater so gut wie abwesend und auch in seiner flüchtigen Gegenwart nicht hilfreich.

„Wo liegt denn dein Arabien?“ fragt Nachbarin Sybille mit freundlichem Spott. Sie kann mit ihrem lauflustigen Sohn nichts anfangen und freut sich in ihrer gleichgültigen Art, dass Laila von dem Kind entzückt ist. Laila entwickelt Muttergefühle für ihren Halbbruder, das steht so in der Geschichte. Man kann das überkonstruiert finden, mir gefällt auch dieses Mini-Märchen.

Weitere Infos zum Stück: „Ich wünsche mir eins“ gibt es auf der Internetseite des Deutschen Theaters.

Maria Goldmann spielt die von „einem dreckigen Araber“ enttäuschte Sybille so locker wie bieder als Großstadtpflanze ohne große Illusionen. Sie kann das halb arabische Kind nicht annehmen – und auch Laila versagt dem Halbbruder gegenüber in der Wiederholung ihrer Grunderfahrung: – verlassen und fremd zu sein in der Umgebung ihrer Herkunft. Endlich sieht man den arabischen Vaterversager deutlich, Oliver Meskendahl spielt ihn als taffen Ex-Knacki, übergriffig, durchgreifend und doch wirkungslos.

„Ich hätte lieber mehr von dem gesehen, was ich gehört habe“, hieß es hinterher auf der Freitreppe des Theaters. Ich ging mit diesem Einwand heim, er hat die Nacht nicht überlebt. Mir hat gefallen, was ich gesehen und gehört habe.

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