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[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Buchtipp zum Wochenende

Allah Unser: Der Dialog

Eine Muslimin und eine Christin, beide Studentinnen, treffen sich im Zug. Zwischen ihnen entspinnt sich ein sehr privates Gespräch über das Leben nach dem Tod, den Sinn des Lebens, die Liebe und über gegenseitige religiöse Vorbehalte. Trotz der unterschiedlichen Welten entdecken sie verblüffende Übereinstimmungen. MiGAZIN bringt einen Auszug aus dem Buch:

Britta: Jeder Mensch sündigt. Die sogenannte Unfehlbarkeit des Papstes hat deshalb nichts mit seiner moralischen Integrität oder seiner persönlichen Haltung zu tun. Sie betrifft nur sein Amt und seine Entscheidungen, soweit sie den Glauben und die Sittenlehre angehen. Unfehlbar spricht der Papst nur, wenn er Lehrentscheidungen, sogenannte Dogmen, von seinem päpstlichen Lehrstuhl aus verkündet. Diese Art der Verkündung eines Dogmas ist aber bisher erst einmal in der Geschichte der Kirche vorgekommen. Das war die »leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel« im Jahr 1950.

Selbst dieses Dogma hat der Papst nicht verkündet, weil er es sich gerade so gedacht hat. Zuvor ließ er die Bischöfe zum Glauben der Kirche darüber befragen. Das heißt, dass eigentlich nicht der Papst unfehlbar ist, sondern die Kirche insgesamt, und die ist es, weil Jesus den Menschen den Heiligen Geist geschenkt hat und der Heilige Geist sie die Wahrheit des Glaubens erkennen lässt. Das nennen wir den Glaubenssinn der Menschen, der nicht fehlgeleitet sein kann. Der Glaubenssinn einzelner Menschen mag fehlgeleitet sein, aber nicht der Glaubenssinn aller gemeinsam.

Würden die Katholiken ein Dogma nicht glauben, hätte es keinen Bestand innerhalb der katholischen Kirche. Sinn des Ganzen ist die Einheit des Glaubens. Ein Mensch, der Papst, spricht für alle katholischen Christen aus, was ihr Glaube ist, aber selbst das ist immer eine Grenzaussage. Wir können Gott nie ganz begreifen, kein Dogma hat diesen Anspruch.

Ich verstehe dafür den islamischen Dschihad nicht, den heiligen Krieg und seinen Terror. Kann es wirklich der Sinn des Islam und von Allah gewollt sein, Andersgläubige zu bekämpfen?

Alisa: Der Dschihad ist mit den Kreuzzügen im Christentum gleichzusetzen. Wenn ich vom Dschihad als heiligem Krieg spreche, meine ich damit die Zeit der islamischen Expansion vom Jahr 635 bis in das 8. Jahrhundert. Kriege, egal ob Dschihad oder Kreuzzug, sind für mich mit keiner Religion zu vereinbaren. Deshalb ist für mich Dschihad auch kein militärischer Begriff. Das Wort beschreibt die Bemühungen und Anstrengungen eines Gläubigen auf seinem Weg zu Allah. Dieser wahre Dschihad beinhaltet den unermüdlichen Einsatz jedes einzelnen Muslim gegen sein schwaches Selbst, das zum Bösen verleitet, und seine Bemühungen und Anstrengungen, ein ständig guter Mensch zu sein und gute Taten zu vollbringen. Für mich ist der Dschihad auch eine innere Suche nach Allah, der Versuch, ihn mit dem Herzen zu spüren, denn der wahre Glaube beginnt meiner Meinung nach im Herzen. Man glaubt nur mit dem Herzen gut. So steht es auch im Koran über den Dschihad geschrieben.

Und setze dich mit aller Kraft dafür ein, dass Allah Gefallen an dir findet, so intensiv, wie es nur geht, und wie es ihm gebührt. Er hat euch erwählt und euch keine Härte in Glaubensangelegenheiten auferlegt. Folgt dem Bekenntnis eures Vaters Ibrahim.

Was ich am Christentum überhaupt nicht verstehen kann, ist der Zölibat. In allen Religionen geht es doch um den natürlichen Schöpfungsauftrag, darum, sich zu vermehren, und dann dürfen ausgerechnet die Priester diesen Auftrag nicht erfüllen.

Britta: Die katholischen Priester sollen so leben, wie Jesus gelebt hat. Jesus hat Menschen, die ihm nachfolgen wollen, nahegelegt, um des Himmelsreiches willen ehelos zu leben. Das heißt, dass sie sich vollkommen in den Dienst Gottes stellen sollen, statt an eine Familie und die damit zusammenhängenden Verpflichtungen gebunden zu sein. Sie sollen ganz für die Menschen da sein.

Ein Priester kann aus seiner intensiven Gottesbeziehung heraus dem Glauben anderer dienen und diese anderen in ihrer Gottesbeziehung bestärken. Mit seiner Bereitschaft, sich Gott ganz zur Verfügung zu stellen, soll er eine geistliche Vaterschaft ausüben.

Alisa: Mal ehrlich, verstehst du das?

Britta: Ich verstehe es, aber der Zölibat ist problematisch geworden, weil viele Priester vereinsamen, wenn keiner da ist, der zu Hause auf sie wartet. Allein aus der Liebe Gottes zu leben, funktioniert für Priester nur, wenn sie Menschen haben, die ihnen nahe sind, und wenn sie eine sehr intensive Gottesbeziehung leben. Deshalb empfinden viele den Zölibat als lebensfern. Ihn leben zu können, ist sicher eine Gnade. Mir ist sie wohl nicht gegeben.

Da ist noch etwas, das ich am Islam nicht so ganz verstehe. Wir Christen können Aussagen über das Wesen Gottes treffen, weil er sich uns in Jesus offenbart hat. Wir können uns vorstellen, wie Jesus aussieht, und Bilder von ihm anfertigen. Ihr könnt keine Einsicht in Allahs Wesen haben, weil Allah immer größer ist. Ihr dürft euch kein Bild von ihm machen.

Alisa: Meinem Islamverständnis nach gibt es keine Gottesbilder, weil sich Allah im Islam den Menschen nie gezeigt hat. Jedes Bild also, das wir uns von ihm machen würden, wäre ein falsches Gottesbild. Ich habe auch nie wissen wollen, wie Allah aussieht. Ich spüre seine Gegenwart, das ist für mich viel intensiver und ich bin ihm dabei viel näher, als wenn ich wüsste, wie Allah aussieht.

Was mich bei euch wirklich stören würde, ist die Erbsünde, von der du schon gesprochen hast. Den Sündenfall Adams und Evas erzählt die Bibel viel radikaler als der Islam. Bei euch kommt jeder Mensch mit einer Sünde zur Welt, die andere am Anfang der Menschheitsgeschichte begangen haben.

Bei uns muss nicht die ganze Menschheit darunter leiden, dass Adam und Eva gesündigt haben. Jeder Muslim kommt sündenfrei zur Welt und nicht mit einer solchen Last. Ich frage mich, wie ein neugeborenes Kind schon ein Sünder sein kann, wo doch gerade bei euch jeder Mensch selbst für seine Taten verantwortlich ist.

Britta: Der Sündenfall ist in der Bibel das Drama schlechthin. Die Sünde von Adam und Eva besteht darin, dass sie die Stelle Gottes einnehmen wollten, indem sie vom Baum der Erkenntnis aßen. Das heißt, dass sie ihr Glück ohne Gott suchen wollten. Genau auf diese Art entstanden Kriege, Ausbeutung, Sklaverei und all die anderen Laster der Geschichte. Menschen sind auch oft in böse Strukturen verstrickt, die außerhalb ihrer Verantwortung liegen.

Das heißt, das Wort »Erbsünde« bedeutet mehr »Ursünde«. Sie meint den grundsätzlichen Hang des Menschen, aus Egoismus Böses zu tun oder sein Verstricktsein in sündhafte Strukturen. Sie bezieht sich nicht auf eine konkrete historische Sünde. In der Taufe spricht Gott uns zu, dass er uns trotz unserer Sünden liebt und uns nach dem Tod zu sich nach Hause holen wird.

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Ein Kommentar
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  1. Philipp Bekaert sagt:

    Immer geht es um die Ähnlichkeiten zwischen Islam und Christentum. Sehr schön, aber nicht alle sind gläubig. Ich warte mit Spannung darauf, bis endlich ein politischer, nicht theologischer Dialog zwischen Muslimen und Atheisten stattfindet.



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