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Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit, 2006

Bades Meinung

Amtliche Rechenfehler: Aussiedler und deutsche Rückwanderer

„Deutschland war schon lange Auswanderungsland geworden, als manche Politiker noch immer nicht begriffen hatten, daß es vordem lange Einwanderungsland gewesen war“, schreibt Prof. Klaus J. Bade in seiner MiGAZIN-Kolumne und erklärt, wie es dazu kommen konnte – Weichenstellungen der Migrations und Integrationspolitik, Folge 3

VONKlaus J. Bade

 Amtliche Rechenfehler: Aussiedler und deutsche Rückwanderer
Der Migrationsforscher, Publizist und Politikberater Klaus J. Bade lehrte bis 2007 Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück und lebt seither in Berlin. Er war Fellow/Gastprofessor an den Universitäten Oxford und Harvard, an der Nieder- ländischen Akademie der Wissenschaften und am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Bade war u.a. Begründer des Osnabrücker Instituts für Migrationsfor- schung und Interkulturelle Studien (IMIS), des bundesweiten Rates für Migration (RfM) und 2008 - 2012 Gründungsvorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in Berlin. Er hat zu Migration und Integration in Geschichte und Gegenwart viele Forschungsprojekte geleitet, einige Dutzend Bücher veröffentlicht und für sein Engagement in Forschung und kritischer Politikbegleitung diverse Auszeichnungen erhalten, zuletzt das Bundesverdienst- kreuz 1. Klasse. Im März erscheint sein neues Buch: "Kritik und Gewalt. Sarrazin-Debatte, ‚Islamkritik‘ und Terror in der Einwanderungs- gesellschaft" im Wochenschau Verlag, ISBN 978-3-89974893-2, ca. 400 S., 26,80 €. (www.kjbade.de)

DATUM11. Februar 2013

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Die Aussiedlerzuwanderung galt zu Recht lange als mustergültiges Modellunternehmen, empfehlenswert auch für die Eingliederung ausländischer Einwanderer. Selbst eine israelische Delegation besuchte Anfang der 1990er Jahre Deutschland, um sich das anzusehen, nachdem eine auf Ersuchen des Bundesministeriums des Innern im Herbst 1991 von mir geleitete deutsche Delegation aus Wissenschaftlern, Ministerialbeamten und Vertretern von Mittlerorganisationen in Israel das Modell der „Absorption“ von weltweit zuwandernden Juden studiert und 1993 einen vergleichenden Bericht vorgelegt hatte.

Der Modellcharakter der staatliche begleiteten Aussiedlerintegration verblasste seit Anfang der 1990er Jahre bei abrupt gestiegener Zuwanderung von Aussiedlern, wachsendem Haushaltsdruck, offenem Sozialneid bei Einheimischen und aus all diesen Gründen zunehmenden Kürzungen der Eingliederungshilfen. Die Aussiedler näherten sich damit in ihrer Lage zwar schrittweise anderen Zuwanderergruppen an, blieben aber auch fortan noch immer eine klar privilegierte Gruppe.

Es wäre, wie seinerzeit auch von mir vorgeschlagen, vielleicht besser gewesen, trotz des enormen Zuwanderungsdrucks bei der Steuerung umgekehrt zu verfahren, also die Zuwanderung bei einer Politik der garantiert „offenen Tür“ auf Zeit noch stärker zu drosseln, aber die Eingliederungshilfen im Kernbereich weiterhin hoch zu halten. Das hätte die sozialen Folgekosten unnötiger Integrationsprobleme auch bei Aussiedlern / Spätaussiedlern niedriger gehalten. Das wurde politisch nicht gewollt, weil man bei anhaltendem Migrationsdruck eine Zuwanderungspanik in der GUS fürchtete.

Ganz kurzsichtig und kontraproduktiv war es, die mitreisenden Familienangehörigen nichtdeutscher Herkunft, als Ausländer, trotz allen Geredes von der Familienförderung zunächst und noch lange weitgehend von den Integrationshilfen für Aussiedler deutscher Herkunft auszuschließen. Das gehörte in den Arsenalbereich der bei Asylsuchenden hinreichend (und weitgehend erfolglos) erprobten Abschreckungsmittel. Die demonstrative Benachteiligung galt auch für die Ansprüche auf zureichende Sprachkurse, mit dem erwartbaren Ergebnis von verstärkten Integrationsproblemen am Arbeitsmarkt und einem Verpuffen von Sprachkursergebnissen bei Aussiedlern in der häuslichen Kommunikation mit ihren russischsprachigen Familienangehörigen nichtdeutscher Herkunft. Sie hätten es leichter haben können, aber die Integration der Aussiedler ist trotzdem weitestgehend gelungen, auch hier bestätigen Ausnahmen nur die Regel.

Die faktische Drosselung der Aussiedlerzuwanderung (die als Integrationserfolg durch deutsche Hilfen in der GUS gefeiert wurde) gelang erst durch die Einführung der abschreckenden, weil nicht wiederholbaren Sprachprüfungen für Antragsteller deutscher Herkunft im Ausgangsraum 1996/97 und endgültig durch die Ausdehnung dieser Prüfungen auch auf die Angehörigen nichtdeutscher Herkunft im Zuwanderungsgesetz von 2005.

Der besänftigende Hinweis, zugewanderte Spätaussiedler könnten, als Deutsche, später auch Familienangehörige nichtdeutscher Herkunft nachholen, war ein von wissenschaftlicher Seite sogleich zurückgewiesenes Kuschelargument; denn es war zu erwarten, daß russisch-deutsche Familien, zu deren kollektiver Erinnerung die brutale Zerschlagung der Familienverbände bei den Umsiedlungen und Deportationen unter Stalin gehörte, sich nicht durch allerlei staatliche Zusagen auch nur auf Zeit würden trennen lassen. Und so kam es denn auch.

Auf der Bundesebene gab es bei alledem einen weit über den Kreis der Aussiedler / Spätaussiedler hinauswirkenden, für das deutsche Selbstbild folgenschweren Denkfehler: Ich hatte die Aussiedler / Spätaussiedler als „Rückwanderer über Generationen hinweg“ beschrieben, nicht ahnend, welches Missverständnis hier in der amtlichen Statistik wirkte: Die nach erfolgreicher Antragstellung zuzugsberechtigten, im staatsrechtlichen Sinne (ab Grenzübertritt) deutschen Aussiedler / Spätaussiedler wurden lange auch in der Wanderungsstatistik als „rückwandernde Deutsche“ gezählt – so als ob sie selber vordem ab- oder ausgewandert und dann wieder zurückgekehrt wären!

Das hat unser migratorisches Deutschlandbild lange verfälscht. Dadurch wurde statistisch nicht erkennbar, daß Deutschland im Blick auf das Wanderungsverhalten der deutschen Staatsangehörigen schon im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts ein Auswanderungsland mit knallroten Zahlen in der Wanderungsstatistik geworden war.

Konkret: Allein in den anderthalb Jahrzehnten vor 2009 gab es z.B. rund eine halbe Million mehr deutsche Ab- bzw. Auswanderer als deutsche Rückwanderer, wenn man die im gleichen Zeitraum zugewanderten Spätaussiedler heraus rechnet. Will sagen: Deutschland war im Blick auf das Wanderungsverhalten seiner Staatsangehörigen schon lange auch Auswanderungsland geworden, als manche Politiker noch immer nicht begriffen hatten, daß es vordem lange vorwiegend Einwanderungsland gewesen war.

Deutschland schloss auf diese Weise ein Stück weit an Traditionslinien im Wanderungsgeschehen an; denn es war in der Migrationsgeschichte – vom Zeitalter des überseeischen Massenexodus im 19. Jahrhundert abgesehen – meist Aus- und Einwanderungsland zugleich.

Politiker, wie z.B. der im BMI falsch beratene Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), ergingen sich gegenüber wissenschaftlichen Warnungen vor offenkundig hoher Abwanderung von qualifizierten Deutschen in herablassenden regierungsamtlichen Besänftigungen: Die meisten abgewanderten Deutschen kehrten doch wieder zurück, wie man ja schließlich an den hohen Rückwandererzahlen erkennen könne.

Weit gefehlt: Das waren also meist andere Deutsche, die selber gar nicht ausgewandert, sondern Nachfahren von Jahrhunderten zuvor ausgewanderten Deutschen waren. Erst als die Zuwanderung der Spätaussiedler sank und aus den genannten Gründen fast ganz abbrach wurde deutlich, dass da „Rückwanderer über Generationen hinweg“ mit echten Rückwanderern verwechselt worden waren. So entstehen Irrtümer vom Amt.

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Ein Kommentar
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  1. AI sagt:

    Hören Sie mal was Herr Schirinowsky zu diesem Thema zu sagen hat.



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