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Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Fußball, Integration und Nationalgefühl

Warum Özil die Hymne nicht mitsingt

Heute treten Khedira, Özil und Boateng beim EM-Halbfinalspiel im Dress mit dem Bundesadler gegen Italien an. Und viele wundern sich, warum sie bei der Nationalhymne im Fußballstadion nicht mitsingen. Dabei ist das gut nachvollziehbar. Denn sportliche Akzeptanz bedeutet in Deutschland noch keine gesellschaftliche Akzeptanz, meint Martin Hyun.

VONMartin Hyun

 Warum Özil die Hymne nicht mitsingt
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM28. Juni 2012

KOMMENTARE37

RESSORTAktuell, Meinung

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Ich bin stolz ein Deutscher zu sein. Doch egal wie glaubhaft ich versuche, dieses Bekenntnis rüberzubringen, halten es alle für einen dummen Aprilscherz.

Wäre ich langschädelig, blond und hätte blaue Augen, würde mir rechtspopulistisches Gedankengut unterstellt. Doch wenn diese Worte aus dem Munde eines schwarzhaarigen, koreanischstämmigen mit Schlitzaugen kommen, dann nehmen diese Worte politische Neutralität an – wie die Schweiz.

Ich gehöre also zu jenen Migranten, die eine optisch erkennbare Zuwanderungsgeschichte vorweisen, und deshalb will man mir nicht glauben, mich nicht ernst nehmen. Meine Worte, meine Person werden unterschätzt. Und das obwohl ich den Einbürgerungstest mit null Fehlern bestanden habe und demnach ein Deutscher mit Bienchen sein müsste.

Trotz der sechs Jahrzehnte nach dem verheerenden Weltkrieg ist ein gesunder Nationalstolz in Deutschland nicht möglich. Patriotismus auszudrücken, wird immer noch mit der dunklen Vergangenheit des Landes in Verbindung gebracht, der Shoah, der Ausgrenzung und Ermordung von Minderheiten.

Zudem wird der Begriff von den rechtsextremistischen Organisationen missbraucht und so bleibt die negative Aufladung haften. Aber ich bin weder nationalistisch angehaucht noch ein Antisemit.

Und da kommen die Migranten ins Spiel. Denn Gastarbeiter und deren Kinder haben Nachkriegsgeschichte geschrieben, ebenso wie die deutsche Einheit. Beides gehört zum Konstrukt der deutschen Identität.

Erst wenn wir als Gesellschaft soweit sind, dies anzuerkennen, mehr noch: den Migranten ihr Bekenntnis zu Deutschland als glaubhaft abzunehmen, aufhören ihre Loyalität zu bezweifeln, auch ihre Kritik aus Liebe zum Land akzeptieren, ohne wenn und aber, erst dann befreien wir uns von der Angst, in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Doch davon sind wir noch weit entfernt.

Jeder wundert sich, warum ein Khedira, Özil oder Boateng bei der Nationalhymne nicht mitsingt. Ich kann das gut nachvollziehen. Während meiner Zeit als Juniorennationalspieler Deutschlands war ich in ähnlicher Lage und auch ich blieb während der Hymne stumm. Sportliche Akzeptanz bedeutet nicht gleich gesellschaftliche Akzeptanz, geschweige denn Inklusion.

Die Münder bleiben stumm, weil trotz des Bekenntnisses ein Einwanderungsland zu sein, sich die Gesellschaft immer noch schwer damit tut, sich mit Menschen wie meiner Wenigkeit zu identifizieren, klar und eindeutig zu bekennen, dass auch Migranten dazu gehören, egal aus welchen Schichten oder Wurzeln sie stammen.

Es erfordert eine neue Debatte darüber, wer oder was im 21. Jahrhundert, in einem multiethnischen Deutschland, einen Deutschen ausmacht. Nationalstolz benötigt eine nationale Identität. Die Fußballnationalmannschaft lebt es uns vor, von ihr können wir lernen.

Als Multikultitruppe entwickelte sie neues Denken, eine andere Spielweise und schuf dadurch eine neue Identität. Das hat viele Migranten in diesem Land stolz gemacht. Die Kunst besteht darin, diese sportliche Seite in die Gesellschaft zu übertragen und diese neue Art das Spiel auszuüben, anzunehmen.

Was fehlt den Deutschen? Die Antwort ist einfach: ein Lächeln im Gesicht, das Vertrauen, die Courage zur Liebe und Nächstenliebe, die Lust zur Neugier, eine gesunde Portion Idealismus, das Aufeinanderzugehen – und der letzte Tick, das Begreifen, dass alle Bewohner dieses Landes aufeinander angewiesen sind.

Oder wie es Martin Luther King einst sagte: „Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest. Und umgekehrt ist es nicht anders.“ In diesem Zitat ist die Sehnsucht nach wirklicher Chancengleichheit, Teilhabe und Mitwirken an der Gesellschaft manifestiert, in der wir längst zuhause sind und doch muss das gemeinsame Ankommen erst noch erlernt werden.

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37 Kommentare
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  1. Maria sagt:

    Sehr einseitiger und ideologischer Artikel.

    Und zum Schluss spricht der Autor wieder von DEN Deutschen, die kein Lachen im Gesicht haben, nicht neugierig sind etc.
    Sehen Sie, rassistische Bemerkungen sind O.K., wenn sie von jemandem wie ihnen kommen, der sichtbar kein Deutscher ist. Könnte ein blonder Mensch ähnliches über ihre Gruppe sagen?

    Man macht innerhalb von wenigen Jahren eine homogene Gruppe nicht zu einem Schmelztigel. Dieses Land ist erst mal auf niemanden angewiesen. Es gibt zudem verschiedene Einwanderergruppen. Es ist schon erstaunlich, dass z.B. keine Bemühungen unternommen werden auszurechnen, wieviel die Gruppe der Türken uns z.B. gekostet und wieviel sie gebracht hat. DAS wäre doch mal interessant und würde zeigen, wie notwendig diese Gruppe ist.

    Und die Einreise von ein paar Tausend Gastarbeitern (die bekanntlich eigentlich wieder gehen sollten, aber trotzdem da blieben) mit der deutschen Wiedervereinigung zu vergleichen beweist leider, wie wenig Ahnung sie von der Mentalität und der Kultur unseres Landes haben.

    Ein Khedira z.B. hat eine deutsche Mutter, singt aber trotzdem nicht mit. Er sieht sich nicht als Deutscher, denn die Religion und die Kultr seines Vaters ist zu dominant. Schade, oder?

  2. Schahab sagt:

    Jaja.. wer in Deutschland lebt, MUSS alles mitmachen! Das kennen wir;
    Ist das nicht Wieder mal leider typisch deutsches rechtkonversatives Denken!?…die die anderen in Ihren „Leitkultur“ aufzwingen wollen?!! Gerade der Grundgesetz erlaubt allen,. diesen Recht auch nicht mit zu singen 🙂 ..Habt ihr euch schon mal gefragt, warum ausländischer Spieler bei anderen Nationen..deren National Hymne mitsingen ( England..Frankreich)?!? Sorry,
    Gerade mit dem Inhalt der Hymne kann man sich als jemand mit ausländischen Wurzeln nicht identifizieren! abgesehen von Vaterland….ist auch nicht Gerechtigkeit wackliger Begriff hier!! Ich rede nicht von institutionellen Rechtsstaat..sondern von gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Das existiert leider nicht, wenn sich den Arbeitsmarkt Bildungschancen anschaut.
    Adios

  3. pepe sagt:

    Viele Kommentatoren übersehen (hoffentlich aus Versehen) die Einstellung der Deutschen gegenüber den Einwanderern: keiner, welcher nicht-europäische Wurzeln aufweist, kann jemals Deutscher sein.

    Das ist lustigerweise die Auffassung der Deutschen. Im Ausland spricht man von Cem Özdemir als „Deutschen Politiker“. Boateng und Khedira sind ebenfalls „Deutsche Fußballspieler“. Harris ist ein „Deutscher Rapper“.

    Im Ausland sind wir eben nicht so rassistisch 😀

  4. Chris sagt:

    @pepe
    Abgesehen Davon, dass ich Harris nicht kenn, bezeichne ich Ozil, Khedira und Boateng auch als deutsche Soieler. Sie tragen den Adler auf der Brust so wie auch Podolski und Klose. Offensichtlich fühlt sich ein Herr Bllotelli aber mehr als Italiener als die o.g. Herren sich als Deutsche fühlen. Balotelli scheint stolz darauf zu sein das italienische Nationaltrikot tragen zu dürfen und zeigt dieses u.a. durch das Mitsingen der Nationalhymne. Die deutschen Pendants scheinen sich als Fremdkörper unter Deutschen zu fühlen.

  5. vizzgelir sagt:

    wurde mal ein deutscher ohne „migrationshintergrund“ in einem özil deutschland-trikot gesehen?

    diese und weitere fragen sind unumgänglich, die aber tatsachen wiederspiegeln.

    ===

    identifikationskonflikte in dem spieler, mit verwandten und verwurzelung in die türkei werden vom zirkusbesucher ausgeblendet, mit bier in der hand anwertende/verhöhnende gesänge und anschließend womöglich übergriffe auf die gegnerischen fans fallen dann viel leichter, scheinbar.

    http://www.tagesschau.de/inland/deutschlanditalien100.html

  6. Der Türke sagt:

    Deutsch sein oder nicht sein………….interessiert mich herzlichst wenig.
    Ständig höre ich von meinen Kunden:“ Wo kommen SIe eigentlich her?“.
    1 mal 2 mal ist ok. Aber ständig und tagtäglich nervt es unheimlich. Seit kurzem antworte ich nett aber bestimmend:“ Das ist Privatsache!“
    Ich arbeite, zahle Steuern, bin nicht kriminell, parke nicht mal im eingeschränkten Halteverbot (und das mache ich nicht weil ich Angst habe vor den paar € Bußgeld.)
    Meine Identität, an was ich glaube, wie ich meine Kinder erziehe, wo ich wohnen will, wo ich meinen Urlaub verbringen will, was ich singe oder nicht singe, was ich esse oder trinke, wie oft ich bete ect.pp……………….das hat mit Verlaub absolut keinen zu interessieren.Besonders nicht welche, die meinen, mir ihre Wertevorstellungen aufzwingen zu müssen.
    Also auf gut „deutsch“ gesagt, : Hört auf mir auf´m Sack zu gehen!

  7. pepe sagt:

    Chris: Sie ignorieren lediglich welche Bedeutung der deutsche Nationalismus für andere Menschen hat. Viele Menschen assoziieren deutscher Nationalstolz mit den Untaten der Nationalsozialisten. Dass Özil & Co. sensibel genug sind, um diesen Nationalstolz zu vermeiden, spricht Bände.

    Außerdem, sind diese Menschen erst dann deutsch, wenn sie im Inneren „Deutschland über alles“ rezitieren, in der Öffentlichkeit aber von einem gesunden Patriotismus sprechen?

    Das Problem mit den deutschen „Pendants“ ist, dass sie sich nicht als Fremdkörper fühlen. Sie werden zu Fremdkörper gemacht, denn wie ich bereits mehrmals sagte: Deutschland ist noch nach 70 Jahren stark auf Rasse und ethnische Herkunft fixiert. DIese Menschen sind zunächst Kanacken. Alles andere ist nur ein Bonus.

  8. Cengiz K sagt:

    Außerdem, sind diese Menschen erst dann deutsch, wenn sie im Inneren “Deutschland über alles” rezitieren, in der Öffentlichkeit aber von einem gesunden Patriotismus sprechen?

    Da hat pepe was sehr akkurates angesprochen.. Wo sind die „öffentlichen freiheitlichen“ Diskussionen darüber? Es ist ja immer wieder diese natürliche Ambiguität zwischen „Schein“ (Öffentlichkeit) und „Sein“ (Privatssphäre), die diese leidigen „Ausländer“-Debatten ins Unendliche treibt, obwohl alle Argumente bereits ausgetauscht wurden.. Das ist ein dialektischer Trick, das ist so beabsichtigt!
    Wo diese „Öffentlichkeitsarbeit“ hinführen soll, könnten das Merkel und Ihre Riege ganz leicht beantworten, aber aus der Adresse kommt nur Schein, der ESM-Vertrag ist wichtiger derzeit..
    Naja, wenigstens gibt’s bald kein Deutschland mehr, und wir werden alle bald aus Straßburg regiert…

  9. Sachlicher sagt:

    Meine Mutter ist auch Süd-Koreanerin, aber ich singe die Hymne mit.
    Da ich aber nur Halbkoreaner bin und mein Erscheinungsbild großteils westlich ist kann ich die Einstellung des Autors natürlich verstehen, da ich ja nicht die gleichen negativen Erfahrungen gemacht habe, wie Herr Hyun.

    Wollte noch anmerken, dass unsere Nationalelf (auch unter den Spielern mit Migrationshintergrund) gespalten ist.
    Khedira, Podolski und Boateng singen zwar nicht, aber Klose, Gomez und Cacao tun dies schon.

    Mich persönlich würde es freuen, wenn alle Spieler mitsingen würden, da gerade das gemeinsame Singen in der Außendarstellung zeigen würde, dass es das Normalste auf der Welt ist als Schwarzer, oder Araber auch ein Deutscher zu sein. Es würde zu einer besseren Identifikation auch anderer Migranten mit Deutschland führen.

    Und man stelle sich vor, was sich Rassisten und Rechtsradikale denken müssen, wenn ein multikulturelles DFB Team auf dem Platz steht und geschlossen „ihre“ Hymne singt. Die würden sich wohl sehr provoziert fühlen, aber genauso nimmt man den „Patriotismus“ den Rechtsradikalen weg und bringt ihn der wahren Gesellschaft Deutschlands.
    Das ist der Weg um zu zeigen, dass es kein „weißes Deutschland“ mehr gibt, sondern Deutschland all seinen Bürgern gehört.

  10. Micha sagt:

    Neue Nationalhymne muss her. Die Nationalhymnen andere Länder haben sind schneller und kräftiger aber die Deutsche Nationalhymne erinnert eher an einem Trauermarsch und ich denke auch gleich an den 2. Weltkrieg. Die Deutsche Nationalhymne wird seit 1922–1945 und 1952 bis heute verwendet nur das die Dritte Strophe entfernt wurde trotzdem wurde die Hymne größtenteils auch im 2. Weltkrieg benutzt. Und wenn ich ehrlich bin, ich als Deutscher singe die Nationalhymne nicht mit da die Hymne auch im 2. Weltkrieg benutzt wurde und man wird dann als Nazi abgestempelt.

    „Einigkeit und Recht und Freiheit für das Deutsche Vaterland…“

    Ich als Ausländer würde mir dann Gedanken machen ob ich der in Deutschland geboren ist aber aus einen anderen Land stamme auch Deutsch bin. Wenn ihr wisst was ich meine…

    Ich sage die Deutsche Nationalhymne muss weg und neu in der Heutigen zeit angepasst bzw umgeschrieben werden bzw Neu komponiert werden.


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