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Migration und Integration in Deutschland

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Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

Fußball, Integration und Nationalgefühl

Warum Özil die Hymne nicht mitsingt

Heute treten Khedira, Özil und Boateng beim EM-Halbfinalspiel im Dress mit dem Bundesadler gegen Italien an. Und viele wundern sich, warum sie bei der Nationalhymne im Fußballstadion nicht mitsingen. Dabei ist das gut nachvollziehbar. Denn sportliche Akzeptanz bedeutet in Deutschland noch keine gesellschaftliche Akzeptanz, meint Martin Hyun.

VONMartin Hyun

 Warum Özil die Hymne nicht mitsingt
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM28. Juni 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Ich bin stolz ein Deutscher zu sein. Doch egal wie glaubhaft ich versuche, dieses Bekenntnis rüberzubringen, halten es alle für einen dummen Aprilscherz.

Wäre ich langschädelig, blond und hätte blaue Augen, würde mir rechtspopulistisches Gedankengut unterstellt. Doch wenn diese Worte aus dem Munde eines schwarzhaarigen, koreanischstämmigen mit Schlitzaugen kommen, dann nehmen diese Worte politische Neutralität an – wie die Schweiz.

Ich gehöre also zu jenen Migranten, die eine optisch erkennbare Zuwanderungsgeschichte vorweisen, und deshalb will man mir nicht glauben, mich nicht ernst nehmen. Meine Worte, meine Person werden unterschätzt. Und das obwohl ich den Einbürgerungstest mit null Fehlern bestanden habe und demnach ein Deutscher mit Bienchen sein müsste.

Trotz der sechs Jahrzehnte nach dem verheerenden Weltkrieg ist ein gesunder Nationalstolz in Deutschland nicht möglich. Patriotismus auszudrücken, wird immer noch mit der dunklen Vergangenheit des Landes in Verbindung gebracht, der Shoah, der Ausgrenzung und Ermordung von Minderheiten.

Zudem wird der Begriff von den rechtsextremistischen Organisationen missbraucht und so bleibt die negative Aufladung haften. Aber ich bin weder nationalistisch angehaucht noch ein Antisemit.

Und da kommen die Migranten ins Spiel. Denn Gastarbeiter und deren Kinder haben Nachkriegsgeschichte geschrieben, ebenso wie die deutsche Einheit. Beides gehört zum Konstrukt der deutschen Identität.

Erst wenn wir als Gesellschaft soweit sind, dies anzuerkennen, mehr noch: den Migranten ihr Bekenntnis zu Deutschland als glaubhaft abzunehmen, aufhören ihre Loyalität zu bezweifeln, auch ihre Kritik aus Liebe zum Land akzeptieren, ohne wenn und aber, erst dann befreien wir uns von der Angst, in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Doch davon sind wir noch weit entfernt.

Jeder wundert sich, warum ein Khedira, Özil oder Boateng bei der Nationalhymne nicht mitsingt. Ich kann das gut nachvollziehen. Während meiner Zeit als Juniorennationalspieler Deutschlands war ich in ähnlicher Lage und auch ich blieb während der Hymne stumm. Sportliche Akzeptanz bedeutet nicht gleich gesellschaftliche Akzeptanz, geschweige denn Inklusion.

Die Münder bleiben stumm, weil trotz des Bekenntnisses ein Einwanderungsland zu sein, sich die Gesellschaft immer noch schwer damit tut, sich mit Menschen wie meiner Wenigkeit zu identifizieren, klar und eindeutig zu bekennen, dass auch Migranten dazu gehören, egal aus welchen Schichten oder Wurzeln sie stammen.

Es erfordert eine neue Debatte darüber, wer oder was im 21. Jahrhundert, in einem multiethnischen Deutschland, einen Deutschen ausmacht. Nationalstolz benötigt eine nationale Identität. Die Fußballnationalmannschaft lebt es uns vor, von ihr können wir lernen.

Als Multikultitruppe entwickelte sie neues Denken, eine andere Spielweise und schuf dadurch eine neue Identität. Das hat viele Migranten in diesem Land stolz gemacht. Die Kunst besteht darin, diese sportliche Seite in die Gesellschaft zu übertragen und diese neue Art das Spiel auszuüben, anzunehmen.

Was fehlt den Deutschen? Die Antwort ist einfach: ein Lächeln im Gesicht, das Vertrauen, die Courage zur Liebe und Nächstenliebe, die Lust zur Neugier, eine gesunde Portion Idealismus, das Aufeinanderzugehen – und der letzte Tick, das Begreifen, dass alle Bewohner dieses Landes aufeinander angewiesen sind.

Oder wie es Martin Luther King einst sagte: „Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest. Und umgekehrt ist es nicht anders.“ In diesem Zitat ist die Sehnsucht nach wirklicher Chancengleichheit, Teilhabe und Mitwirken an der Gesellschaft manifestiert, in der wir längst zuhause sind und doch muss das gemeinsame Ankommen erst noch erlernt werden.

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37 Kommentare
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  1. Suh Yung-Ho sagt:

    Wie man unschwer am Namen erkennen kann, bin ich kein gebuertiger Deutscher. Ich denke jedoch, dass gerade Personen wie die o.g. Sportler die Deutsche Hymne mitsingen sollten um zu zeigen, dass sie Vertrauen in Deuschland und seine Einwohner haben und es fuer sie eine Ehre ist, dieses Land vertreten zu duerfen. Gerade Personen mit so exponierter Stellung sollten vorangehen, Mut zeigen und Vorbild sein. Das Singen der Hymne bedeutet nicht, dass man alles gut findet, aber dass man dieses Land und seine Menschen liebt.

    …und immer wenn ich dran denke, dass Hitler ein Oeschi war, dann bin ich STOLZ ein Deutscher zu sein ; )

  2. Bachfischer sagt:

    Ist doch richtig so! Wer nicht mitsingt, ist halt kein Deutscher, fertig aus. Was muss man diskutieren?

  3. Khadija sagt:

    Warum betrachtet man das ganze nicht so wie es ist.

    Es ist ein Sport.

    Und manche brauchen vor dem Spiel vielleicht auch einfach ihre 5 Minuten Ruhe, in denen sie sich geistig darauf vorbereiten oder einfach noch einmal durchatmen. Vielleicht singt ja der ein oder andere deswegen nicht mit.
    Wer Integration über das Verhalten eines Fußballspielers beurteilt, der ist doch an einer ernsten Debatte überhaupt nicht interessiert.
    In den letzten Tagen frage ich mich oft, ob Fußball nicht einfach mittlerweile dazu genötigt wird eine Einheit im Volk herzustellen, das normalerweise einen gesunden Individualismus hat. Man spricht von Integration, aber in was soll man sich denn integrieren? Setzt eine Integration nicht eine bereits vorhandene homogene Gruppe voraus? Die Deutschen sind aber nicht alle gleich! Gruppierung gibt es bei uns auch unter den Deutschen. Denken wir nur mal an unser Drei-Klassen-System. Da herrscht doch innerhalb eines sozialen Status mehr Gemeinsamkeit zwischen einem Müller und einem Ali, als zwischen einem Dr. Dr. Schmidt und dem Hausmeister Schuster (Hauptschulabschluss all inclusive). (Anm. Die Namen sind frei erfunden und sollen hier niemanden kränken sondern nur das Beispiel veranschaulichen.)
    Und geschieht Integration nicht bereits tagtäglich auf vielen kleineren Ebenen? In der Schule, der Arbeit etc.

    Integration ist eine Scheindebatte, die von wichtigerem ablenken soll. Das funktioniert einwandfrei. Denn zu Ausländern, Menschen mit Migrationshintergrund, den Anderen hat ja jeder eine Meinung. Wenn es um den Fiskalpakt geht, muss man sich erst einmal informieren was das überhaupt ist, bevor man Stellung beziehen kann. Wenn von der Schuldenbremse die Rede ist, dann hat man „ja“ oder „nein“ vielleicht schon auf den Lippen, sich aber noch keine Gedanken gemacht, was dahinter steckt.
    Dabei betrifft letzteres jeden einzelnen von uns. Würde es wirklich ernsthaft um Integration gehen,(Ich definiere Integration jetzt als das Gegenteil von Ausgrenzung, Isolation.., denn auf eine Definition warte ich bis heute vergeblich) dann wäre das ein Akt tiefster Nächstenliebe. Ganz nach dem Motto „Wir lassen kein Schäfchen im Regen stehen.“
    Aber geht es um Integration?

  4. Quanah sagt:

    Was treibt mich an, für die deutsche Nationalmannschaft Fußball zu spielen. Der Herrschaften die hier genannt werden könnten doch locker für die Länder ihrer Väter oder Mütter auflaufen. Sie hätten keinerlei Probleme herausragenste Postitionen in ihren Vater -oder Mutterländern zu besetzen. Nein sie wollen für Deutschland spielen, weil es für sie selbst größeren Ruhm und Erfolg im Fußball und auf dem Konto verspricht, oder ganz einfach weil sie in diesem Land geboren wurden und aufgewachsen sind. Für manche soll es sogar eine Ehre sein für die Nationalmannschaft und damit für ihr Land aufzulaufen. Für mich ganz persönlich ist das Mitsingen der Hymne ein Zeichen der Einheit und mannschaftlichen Geschlossenheit. Schließlich drückt das der Text der Hymne ebenfalls aus. Ganz oder gar nicht.

    Die Herren Balotell und Montolivo haben voller Inbrunst die italienische Hymne mitgesungen und das obwohl sie einen Migrationshintergrund (oder gerade deswegen) haben. Sie sind als Einheit aufgetren und haben es auch nach außen transportiert. Ist das der Grund fürs weiterkommen der italienischen Nationalmannschaft ?? Natürlich nicht aber ein Zeichen ihrer Geschlossenheit.

    Die Spanier haben es gut, ihre Hymne hat keinen Text und lalala geht immer.

  5. pepe sagt:

    Suh Yung-Ho: Hitler war deutscher Staatsbürger.

    Und seine Kämpfer und Wähler waren alles Deutsche. Wie sieht es jetzt mit Ihrem Stolz aus?

  6. Pragmatikerin sagt:

    Endlich ist sie für Deutschland vorbei – die EM.

    Warum, weshalb, wieso einzelne Spieler der Deutschen Nationalmannschaft nicht „singen“ interessiert nicht mehr – bis zum nächsten Mal.

    Das Einige Deutschland hier nicht als „Vaterland“ sehen, ist – auch – durch die Kommentare einiger hier offensichtlich gworden.

    Die Stufen der Integration – die strukturelle, die soziale und kulturelle Integration sowie die auf Identität bezogene Integration – wieder in weite Ferne gerückt?

    Pragmatikerin

  7. Lutheros sagt:

    Wenn es einen Beweis braucht, sehr geehrter Herr Huyn, dass Sie deutsch sind – dann ist es dieser Artikel. Um ein Nichts, nämlich dem Singen der Nationalhymne, machen Sie ein bierernstes Thema und das mit einem verbitterten Blick ohne einen Hauch von Lächeln. Wo ist ihr neudeutsche Identität von „ein Lächeln im Gesicht“?

    Wen interessiert das Singen der Hymne? Was soll diese trotzige Auslegung „ich singe nicht mit weil ihr mich nicht akzeptiert“? Wer dazugehören will, gehört dazu, aber er muss auch Signale aussenden dass er dazugehören WILL. Wer sagt ich singe nicht mit weil das ist nicht mein Vaterland – der sagt auch ich gehöre nicht dazu. So einfach ist das.

    Wo ist eigentlich ihr Problem?

  8. Peter33 sagt:

    Jetzt ist es eh vorbei und keiner muss die Hymne singen. Vielleicht bei der WM. Mal sehen!

  9. Pragmatikerin sagt:

    Nachtrag:

    Es ist für mich nicht zu fasse, hier leben z.B. Türken/Araber( mit muslimischen Glauben) seit 4 Generationen in Deutschland. Ihre Vorfahren kamen in den 60iger Jahren nach Deutschland weil die Türkei Ihnen kein auskömmliches Leben ermöglichen konnte. Statt Dankbarkeit, bekommen wir Deutschen von einem Grossteil dieser Menschen immer wieder zu hören, dass sie – trotz Deutscher Staatsangehörigkeit – sich immer noch als Türken fühlen. Wer es begreifen kann, der begreife es!

    Pragmatikerin

  10. MoBo sagt:

    @ Pragmatikerin:
    Sie verdrehen die Einwanderungsgeschichte. Das waren keine Bitsteller die von Deutschland Geschenke bekommen haben sondern das waren zum großen Teil ungelernte Arbeiter die sich mit Verlaub den Arsch aufgerissen haben und dabei ausgegrenzt wurden. Viele sind trotzdem in einer Form dankbar, aber genauso müssen auch die Herkunftsdeutschen dankbar sein. Letztes Jahr gab es da so ein Jubiläum, aber außerhalb von Migazin und ein paar verhaltenen Zeitungsartikeln wurde das gepflegt von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert. Die Leute wollen sich einfach nicht damit beschäftigen und behandeln jeden noch so integrierten Türken als „Türken“. Kein Wunder dass sich Menschen die immer als Türken behandelt werden auch als Türken fühlen. Solange Deutschland einen exklusiven Nationalbegriff fährt, bleiben halt einige draußen. D.h. „die Deutschen“ wollen das eigentlich auch so.


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