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Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Zielgruppe Jugend

Rechtsextreme im Social Web

Rechtsextremismus im Internet trägt längst ein modernes Gewand, und Jugendliche sind zu einer wichtigen Zielgruppe geworden. Doch mit welchen Themen werden sie angesprochen und welche Gegenstrategien gibt es?

VONGlaser, Schneider

Stefan Glaser, Dipl. Pädagoge und Politikwissenschaftler, geb. 1969; Leiter des Bereichs Rechtsextremismus und stellvertretender Leiter von „jugendschutz.netChristiane Schneider, Dipl. Sozialpädagogin, geb. 1979; stellvertretende Leiterin des Bereichs Rechtsextremismus bei „jugendschutz.net“.

DATUM12. Juni 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE APuZ

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Von statischen Websites ins „Mitmachnetz“
Mit wachsender Bedeutung und Verfügbarkeit des Internets in den 1990er Jahren gehörten auch Rechtsextreme bald zum Nutzerkreis. Zunächst in den USA, kurze Zeit später auch in Deutschland, erschlossen sie sich das Medium als zentrale Propagandaplattform zur Verbreitung von rassistischer Hetze sowie demokratie- und menschenfeindlichem Gedankengut.1 Waren die damaligen Angebote noch textlastig und wenig ansprechend, vollzog sich um die Jahrtausendwende ein Wandel hin zu immer moderneren und professionell designten Websites. Anfangs zumeist in Farben gehalten, die Assoziationen zum Nationalsozialismus weckten, und vielfach mit strafbaren Kennzeichen wie Hakenkreuzen oder Holocaust leugnenden Inhalten versehen, lockten diese Angebote mit dem Ruch des Verbotenen, waren in vielen Fällen jedoch hauptsächlich für ein Szenepublikum interessant. Das Potenzial des neu entdeckten Mediums lag in erster Linie in der internen Vernetzung, der Koordination von Szeneaktivitäten und dem länderübergreifenden Informationsaustausch. Während neonazistische Schriften und Devotionalien früher nur in einschlägigen Läden zu haben waren, ließen sich sämtliche Materialien nun vergleichsweise einfach online bestellen.

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft schlug sich auch in der gestiegenen Anzahl rechtsextremer Websites nieder – 2009 erreichte sie mit mehr als 1800 einen bisherigen Höchststand.2 Auch die Professionalität der Angebote nahm immer weiter zu. Musik und Kommunikationselemente wurden rasch um jugendgemäße Symbole, Flash-Animationen oder Videos ergänzt. Zudem verknüpfte die rechtsextreme Szene die Multimedialität ihrer Angebote mit subtileren, unauffälligeren Propagandastrategien und erweiterte damit gezielt ihren Aktionsradius. Strafbare Inhalte werden inzwischen weitestgehend vermieden. Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen oder volksverhetzende Texte sind auf deutschen Websites nur noch selten zu finden. Stattdessen wird versucht, Jugendliche unterschwellig zu beeinflussen und über Lebensweltbezüge zu ködern. So unterbreiten Rechtsextreme Identifikationsmöglichkeiten (zum Beispiel über klare Rollenbilder), Gemeinschaftserlebnisse (etwa über Konzerte) oder Hilfen für subjektive Krisen und Probleme (beispielsweise über Beratungsangebote). Demonstrationen und Events, die im Netz beworben werden, bieten darüber hinaus Kristallisationspunkte für jugendliches Protestpotenzial.

Eine neue Dimension rechtsextremer Propaganda ging mit dem Aufkommen des Web 2.0 als social web bzw. „Mitmachnetz“ einher: Mit seinen vor allem bei Jugendlichen beliebten Sozialen Netzwerken und Videoplattformen hat es dazu geführt, dass Hassbeiträge und neue Szenematerialien inzwischen problemlos und rasend schnell riesigen Nutzergruppen zugänglich gemacht werden können. Facebook, Youtube und Twitter sind gerade bei der Generation der digital natives, die mit dem Internet aufgewachsen sind und die unterschiedlichen Dienste wie selbstverständlich nutzen, extrem beliebt. Das Internet ist längst nicht mehr nur eine digitale Welt aus statischen Homepages, die passiv konsumiert werden. Heute gestaltet die Nutzergemeinde „ihr Netz“ aktiv mit. Von usern generierte Nachrichten, Videoclips, Bilder und Texte werden zum Gegenstand des Austauschs, im Sekundentakt millionenfach „gepostet“, „getwittert“ und „geteilt“, mit „Gefällt-mir“-Klicks positiv verstärkt oder kommentiert. All das macht den besonderen Reiz des Internets aus, für arglose, nach Unterhaltung suchende Jugendliche ebenso wie für rechtsextreme Aktivisten.

Die Nutzung Sozialer Netzwerke und Videoplattformen gehört heute zur erklärten Strategie von Rechtsextremen. Sie wollen auf diese Weise über die Szene hinaus Kontakte herstellen. Die NPD ruft beispielsweise in der parteieigenen Monatszeitung zum „Kampf mit modernen Kommunikationsmitteln“ auf und schlägt konkret vor, mit „sympathischen“ Profilen auf Portalen wie SchülerVZ, Wer-kennt-wen oder Jappy auf Freundefang zu gehen.3 Sämtliche Landesverbände der NPD sind mittlerweile auf den großen, internationalen Plattformen aktiv und verbreiten so ihre Propaganda.4 Auch Aktivisten aus Kameradschaftskreisen und die eher jung und modern auftretenden Autonomen Nationalisten nutzen Soziale Netzwerke und Videoplattformen intensiv, um sich und ihre Aktivitäten in Szene zu setzen. Was auf der Straße nur begrenzte Reichweite erlangt und bestenfalls lokal Aufmerksamkeit erregt, erhält virtuell eine ungleich größere Resonanz, wie hohe Zugriffszahlen von Videoclips und Zustimmungsbekundungen zu rechtsextremen Beiträgen zeigen.

Rechtsextremismus im Internet trägt also längst ein modernes Gewand. Die folgenden Beispiele verdeutlichen, mit welchen Themen und Strategien Rechtsextreme versuchen, Jugendliche für sich zu gewinnen.

Propaganda 2.0: multimedial, modern und subtil
Multimediale Elemente erhöhen die Attraktivität von Internetangeboten und erleichtern die Ansprache einer jungen Zielgruppe. Das Einbinden von Videoclips gehört heute zum Standard einer Internetpräsenz. So sind Videos inzwischen auch wichtige Träger rechtsextremer Botschaften. Im Netz finden sich Musikclips von Szenebands, Filme von Aufmärschen und modern anmutende Propagandafilme von Autonomen Nationalisten. Viele der Clips wirken professionell, verzichten auf Bezüge zum Nationalsozialismus und transportieren stattdessen unterschwellig rassistische und demokratiefeindliche Botschaften. Junge Aktivisten werden mit schnellen Schnitten und wechselnden Einstellungen in Szene gesetzt. Sie wirken mit ihrer authentischen Sprache und ihren klaren Botschaften vordergründig sympathisch und bieten sich als jugendliche Identifikationsfiguren an. Inhaltlich werden Fragen wie Finanzkrise, Arbeitslosigkeit oder sexueller Missbrauch behandelt – Themen also, die in der Gesellschaft kontrovers, häufig hoch emotional und keinesfalls nur von Rechtsextremen diskutiert werden.

Ein großer Teil der Videos aus dem Spektrum der Neonazikameradschaften zielt auf das Aktionspotenzial von Jugendlichen. Zu sehen sind Graffiti-Aktionen, öffentlichkeitswirksame Verteilaktionen von Flyern oder Flashmobs, meist unterlegt mit fetziger Musik. Zum Beispiel unter dem Motto „Werde aktiv!“ sollen junge Menschen dann zum Nachahmen animiert und aufgefordert werden, die eigenen Aktionen im Netz zu dokumentieren. Die Szene setzt hier bewusst auf einen Schneeballeffekt. Dass diese Strategie ihre Wirkung nicht verfehlt, zeigt sich an den Zugriffszahlen: Zu bestimmten Kampagnen finden sich viele Beiträge und Kommentare auf Videoplattformen, zugehörige Videos werden binnen weniger Wochen mehrere Zehntausend Mal aufgerufen.5 Insbesondere Themen, die nicht auf den ersten Blick rechtsextreme Inhalte vermuten lassen, erzeugen große Klickzahlen. So wurde etwa der Clip „Wir hassen Kinderschänder“ einer Szene-Musikerin seit seiner Einstellung ins Netz im Jahr 2008 mehr als eine Million Mal abgerufen. Unter den Videos angebrachte Links führen häufig auf einschlägige Neonaziseiten.

  1. Vgl. Thomas Pfeiffer, Uraltes Denken in Hightech-Medien. Rechtsextremisten entdecken den Computer, in: Stefan Glaser/ders. (Hrsg.), Erlebniswelt Rechtsextremismus. Menschenverachtung mit Unterhaltungswert, Schwalbach/Ts. 2007. []
  2. Vgl. jugendschutz.net, Rechtsextremismus online – Beobachten und effektiv bekämpfen, Mainz 2010 (5.3.2012). []
  3. Vgl. Die NPD in der virtuellen Welt, in: Deutsche Stimme, 9.4.2010 (11.10.2011). []
  4. Vgl. jugendschutz.net, Die NPD im Netz – Mit Multimedia und Web 2.0 Jugendliche ködern, Recherchebericht, April 2011 (5.3.2012). []
  5. Vgl. jugendschutz.net, „Werde unsterblich“ – Neonazis mobilisieren multimedial auf allen Kanälen, September 2011 (5.3.2012). []
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4 Kommentare
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  1. pepe sagt:

    Alltagsrassismus kann doch sowohl von Linken als auch von Rechten ausgehen!

  2. Al-Dschabir sagt:

    Soll man sich da noch wundern, wenn schon der Innenminister und andere Politiker medial über Muslime herfallen? Ist doch leider mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und gehört schon zum guten Ton den Islam zu kritisieren. Man bekommt sogar Preise dafür, siehe Ayan Hirsi Ali, die extremistische Islamhasserin.

    Dazu ein guter Artikel:

    Wie Ayaan Hirsi Ali Breiviks Massenmord erklärt
    von
    Stefan Buchen
    18. Mai 2012

    http://www.cicero.de/comment/22055

  3. Mathis sagt:

    Was mir Sorgen macht,ist der fast völlige Kontrollverlust der Eltern, was die Internetaktivitäten ihrer Sprösslinge angeht.Eltern sollten ihren Kindern erst dann Zugang zum Internet bieten, wenn sie sich selbst damit auskennen und wissen, was „dort“ los ist. Medienkompetenz steht aber wohl eher nicht auf der Erziehungsagenda der meisten Familien.
    Warnungen dürfen allerdings nicht einseitig die Neonazi-Szene betreffen, sondern desgleichen Islamistenforen, Videos von Hasspredigern aller Sorten etc. beleuchten. Ansonsten ist die Warnung leider lediglich tendenziös statt seriös.

  4. erdogan sagt:

    @Al-Dschabir

    Bei uns kriegen ja auch Menschen wie Bushido ein Integrationpreis. Glaub mir in Deutschland läuft so manches ganz gewaltig schief.



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