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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Brückenbauer

Bei uns gibt es so etwas nicht!

Ein Vergleich zwischen zwei Ländern: Auf der einen Seite steht Deutschland, das Land in dem ich zur Welt gekommen und aufgewachsen bin, auf der anderen Seite England, das Land in das ich vor etwa zwei Jahren „zugewandert“ bin.

VONSelma Yılmaz Ilkhan

 Bei uns gibt es so etwas nicht!
Die Autorin ist in Hanau geboren und hat an der Universität Gießen Politik- und Sozialwissenschaften studiert. Sie macht derzeit In London ihren Master in International Security and Global Governance. Sie ist Gründungsmitglied und Vorsitzende des Vereins Freizeit- und Lernzentrum Hanau e.V., einer Nachhilfe- und Freizeiteinrichtung, die unter anderem erfolgreiche Mentoringprojekte für Kinder und Jugendliche durchführt. Seit 2005 ist sie beim Ausländerbeirat der Stadt Hanau stellvertretende Vorsitzende und sitzt in verschiedenen Ausschüssen. Sie ist seit mehreren Jahren bei einer politischen Partei aktiv und seit 2011 Mitglied des Ortsbeirates Innenstadt /Hanau. Zudem engagiert sie sich sozial sowie politisch an verschiedenen Projekten und Institutionen. Sie schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multiethnisches und multikonfessionelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundesebene für Integration engagieren. Hervorgegangen ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspektivischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM1. Juni 2012

KOMMENTARE67

RESSORTAktuell, Meinung

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Seitdem ich nun in London lebe, habe ich immer wieder Situationen erlebt, in denen ich auf die Migranten hier im Lande regelrecht neidisch wurde. Ich wurde neidisch, weil hier die meisten Menschen mit Migrationshintergrund einfach als ein fester Bestandteil und eine Bereicherung für die gesamte Gesellschaft betrachtet werden. Ich wurde neidisch, weil diese Menschen, ohne lange überlegen zu müssen, „I`m British“ sagen können und sich auch wirklich so fühlen, ganz gleich, woher sie ursprünglich hergezogen sind.

Ein solches Verständnis beruht meist auf Beidseitigkeit und ist bei uns in Deutschland leider sehr selten anzutreffen. So kam es im Laufe meines Lebens oft zu ähnlichen Dialogen wie unten aufgeführt:

  • Person mit offensichtlich deutschem Hintergrund stellt mir folgende Frage: „Ah, Sie sprechen aber super Deutsch, woher kommen Sie denn eigentlich?“
  • Ich antworte: „Aus Hanau.“
  • Woraufhin diese Person in einem etwas überraschten Ton die Frage wie folgt wiederholt: „Neiiin ich meine, woher kommen Sie tatsächlich!“
  • Daraufhin antworte ich etwas verunsichert nochmals: „Aus Hanau.“
  • Doch meist gibt sich die Person noch immer nicht zufrieden und fügt noch hinzu: „Nein, ich meine woher kommen Ihre Eltern und somit auch Sie!“

Also muss schließlich die Türkei als mein Herkunftsland identifiziert werden. Dass ich in Deutschland zur Welt kam, hier aufgewachsen bin und hier studiert habe, oder dass meine Eltern erst 17 Jahre jung gewesen sind, als sie nach Deutschland zogen, dass aus uns mittlerweile in Deutschland eine große Familie geworden ist, dass ich und somit meine Familie ein fester Bestandteil Deutschlands geworden sind, hat leider gar keine Bedeutung. So etwas gibt es nur bei uns!

Ich werde ja gar nicht so angenommen, wie ich bin. Mein Kopftuch, meine Kippa, meine Dumalla wird beinahe als eine Gefahr betrachtet. Ich müsse mich integrieren wird von mir verlangt, aber wie denn bitteschön?!

In London hingegen wurde mir erst nach fast einem halben Jahr bewusst, dass es hier gar nicht so normal ist, jemanden nach seinem Herkunftsland zu fragen. Als ich in London zum ersten Mal einen Polizisten mit Dumalla sah, war ich wahrhaftig verblüfft und entsetzt. Für die anderen Passanten jedoch war diese Situation ganz normal. Ich bin es ja schließlich nicht gewohnt, einen Polizisten mit einem „religiösen Symbol“ zu sehen. Ebenso wenig bin ich es gewohnt, Lehrerinnen mit Kopftuch an einer staatlichen Schule unterrichten zu sehen, ich bin es nicht gewohnt, Menschen mit Kippa, Zizit und Stramel in der Öffentlichkeit zu sehen.

Bei uns heißt es doch immer wieder: „Passt nicht zum öffentlichen Bild“. Aber Moment mal, wer definiert denn eigentlich, was zum öffentlichen Bild passt und was nicht? Wie kommt es denn überhaupt, dass ich so wie ich bin, nicht zum öffentlichen Bild passe? In der Theorie heißt es doch immer: „Damit eine gelungene Integration zustande kommen kann, bedarf es, dass sich das Gesellschaftsbild auf allen Ebenen wiederfindet.“ Auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens müssen die oben ausgeführten Menschen vertreten sein? In meinem Geburtsland Deutschland? Aber bei uns gibt es doch so etwas gar nicht!

So wie es in London klappt, so kann es auch bei uns klappen? Ich sage: „Ja!“

Denn erst dann wird es uns allen auch leichter fallen, „Ich bin deutsch“ oder gar „Ich bin eine Deutsche“ zu sagen. Erst dann werde ich mich wirklich respektiert und dazugehörig fühlen, erst dann wird mich die Mehrheitsgesellschaft als eine Deutsche akzeptieren und mich nicht loben, nur weil ich die deutsche Sprache spreche.

Meine Dozentin an der University of London meinte einmal: „In Germany we are facing more an assimilation than integration”. Ich musste ihr leider zustimmen, denn richtige Integration ist keine Einbahnstraße. Wenn die Mehrheitsgesellschaft von mir erwartet, dass ich mich integriere (wie lange das noch anhalten soll, weiß ich zwar leider auch nicht), dann sollte ich aber auch das Recht haben, erwarten zu dürfen, dass mich diese Gesellschaft so annimmt und akzeptiert, wie ich eben bin. Wenn ich Politiker/in, Lehrer/in, Polizist/in etc. sein möchte, dann dürften diese Wege mir nicht verschlossen werden, sondern sollten weit offen sein. Meine „Leidensgenossen“ und ich müssten/sollten auf allen Ebenen vertreten sein.

Mein Land muss endlich merken, dass eine Generation von gut ausgebildeten Jugendlichen langsam auswandert, nur weil sie nie tatsächlich wahrgenommen wurden und nicht wirklich willkommen waren. Sonst werden wir es im Nachhinein bereuen, dass wir Jahre lang geglaubt haben, dass die Argumentation „Bei uns gibt es so etwas nicht!“ die richtige Einstellung war.

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67 Kommentare
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  1. lila sagt:

    Super Artikel! Viele Grüße nach London 🙂

  2. europa sagt:

    1. Sobald die Autorin lernt sich als Deutsche aufzufassen und sich auch so äussert, wenn sie gefragt wird von woher sie ist, dann ist sie integriert. Wenn sie trotz zweimaligen Nachfragen es nicht über die Lippen bringt „Ich bin Deutsche aus Deutschland“ zu sagen, dann frage ich mich wirklich ob man das den Deutschen als Schuld zuschreiben kann. Ich glaube nicht.

    2. Man kann, als Muslim nicht einfach in irgendein Land gehen und wenn einem dort die Art wie sich integriert wird besser gefällt auch willkürlich für andere Länder fordern. Die Autorin lässt komplett außer acht, dass nicht nur diejenigen über das „wie“ der Integration entscheiden, die davon betroffen sind, sondern auch die, die bereits integriert sind.

    3. Ich hoffe der Autorin und auch den anderen Menschen die diesen Artikel gelesen haben, erkennen nun den Unterschied zwischen einem Einwanderungsland (wie England) und einem Nicht-einwanderungsland (wie Deutschland). Deutschland ist halt nunmal nicht England und England ist nicht Deutschland und das ist auch gut so. Man kann sich als Auswanderer nicht einfach ein Land mit dem Dartpfeil auf der Landkarte aussuchen und dann hoffen, dass sich die dortige Gesellschaft schon an einem anpassen wird. Die Autorin hat zwar erst recht spät erkannt, dass Deutschland ihr nicht so gut gefällt wie England, aber daran ist nicht Deutschland schuld, sondern sie selbst oder ihre Eltern, die sich höchstwahrscheinlich vor ihrer Abreise von der Türkei nach Deutschland nicht über die hiesige Kultur erkundigt haben und ob ihnen das überhaupt etwas zusagen würde.

  3. mahmoud sagt:

    Mashallah…wahre Worte

  4. Rubrum sagt:

    Ja, das mag daran liegen, dass England eine alte Seemacht ist und durch sein Weltreich lange Erfahrungen sammeln konnte im Umgang mit fremden Kulturen.

  5. pepe sagt:

    Sehr guter Artikel. Die Autorin beschreibt treffend den grundlegenden Unterschied zwischen der Lage der Migration in Deutschland und der in anderen europäischen Ländern. Deutschland ist ohne Zweifel das einzige Land, wo es den „Ausländern“ niemals möglich sein wird, sich als Deutsche zu fühlen.

    Aber…ist das so schlimm? Wer will schon deutsch sein?

  6. Cengiz K sagt:

    Superber Artikel, immer weiter so..

  7. Caliskan sagt:

    Ich finde die Autorin hat die allgemeine Gefühlslage in der sich viele Migrantinnen befinden sehr gut erläutert. Einfach Super.

  8. Pragmatikerin sagt:

    Ich war heute auf dem Hessentag in Wetzlar. Zur Erklärung.“Der Hessentag ist eine jährliche Festveranstaltung des deutschen Landes Hessen zur Darstellung verschiedener Regionen Hessens. Im Rahmen einer Veranstaltungswoche präsentiert sich das Land den Besuchern mit Schwerpunkt auf kulturellen Darstellungen und Ausstellungen. Der Hessentag ist das älteste und größte Landesfest in Deutschland“

    Ich bin fast 4 Stunden lang die Hessentagsstrasse mit ihren vielen Angeboten (Kultureller Art und landestypische Schmankerl z.B) entlang gelaufen.

    alle „Eßstände“ waren meistens gut besucht und man hat beim Essen kräftig „zugelangt“. Neben den Deutschen Veranstaltern mit Speisenangeboten waren auch 3 türkische Vereine anwesend und haben die vielen Besucher „bekocht“.Da war z.B. ein rein türkisch-muslimischer Stand aufgebaut, dahinter waren nur Frauen mit Kopftüchern. Ein Schild vor dem Stand wies auf den Glauben an Allah hin. 3 türkische Männer haben bei diesem Stand gesessen und gegessen, das Besucherpublikum ging – soweit ich es überblicken konnte (ich habe ca. 10 Minuten diesen Stand beobachtet – achtlos vorbei.

    Später kam ich an einem alevitischen Stand vorbei, dort hatten alle die hinter der Theke standen (Männlein und Weiblein) rote T-Shirts an, die Frauen waren alle ohne Kopftuch. Der Stand war umlagert von hungrigen Menschen, ich konnte keinen nationalen Unterschied feststellen. Scheinbar hat es aber allen – und mir auch – gut geschmeckt.

    Auf dem dritten Stand war die DITIB vertreten. Auch dort war die Standbelegschaft – bis auf eine Frau mit Kopttuch – sehr europäisch angezogen. Viele Hessentag-Besucher haben ebenfalls an diesem Stand gegessen.

    Resümnee:
    Alle 3 Stände hatten wunderbares Essen. Ein Stand wollte – so hatte ich das Gefühl – „unter sich“ bleiben, die beiden anderen türkischen Angebote wurden von den Besuchern voll angenommen und zum Teil fand auch ein reger Gedankenaustausch statt (ich bin gegen meine Gewohnheit auch länger geblieben als ich wollte, weil ich mich gut unterhalten habe). 🙂

    Der „erste tükische Stand“ hat wohl das Ziel aus den Augen verloren, was der Hessentag eigentlich sein will: Hessen feiern zusammen ihr Land.

    Pragmatikerin

  9. pepe sagt:

    Die Fähigkeit zum logischen Denken der Benutzerin „Pragmatikerin“ ist echt verblüffend.

    Gerade Menschen wie Sie sind es, an denen die Integration scheitert, denn Sie fordern Assimilation d. h. keine Kopftücher, keine Treue gegenüber Angehörigen derselben Kultur u.s.w.

    Früher vertrat ich eine ähnliche Auffassung wie Sie, Pragmatikerin. Ich dachte, der Schlüßel zur Integration wäre das Assimilieren ohne wenn und aber, das Abschwören der eigenen Kultur und Religion. Doch habe ich schnell genug feststellen dürfen, dass sogar die, welche sich „deutsch“ benehmen, die Sprache gut sprechen (etwas, was vielen Deutschen schwer fällt), trotzdem auf Intoleranz und diskriminierendes Verhalten stoßen.

  10. Pragmatikerin sagt:

    @ AL

    Sie schrieben:
    „Gerade Menschen wie Sie sind es, an denen die Integration scheitert, denn Sie fordern Assimilation d. h. keine Kopftücher, keine Treue gegenüber Angehörigen derselben Kultur u.s.w“

    Sie haben leider meinen Beitrag nicht verstanden, schade.

    Die (ersten) Standbetreiber haben den Sinn und Zweck – in diesem Falle des Hessentages – nicht verstanden. Die beiden anderen Standbetreiber haben richtig reagiert. Sie wollten mit den Festbesuchern feiern und vor allem wollten sie, dass die Besucher der Stände sich wohlfühlten.

    Das hat nichts mit Assimilation zu tun sondern eher mit Herz und Gefühl. Wenn ich als Religionsgemeinschaft an einem weltlichen Event teilnehme, was haben dort religöse Symbole oder Texte zu suchen?

    Deutsche Besucher des Hessentages wussten wohl besser zu unterscheiden, wo sie sich befanden. Ich kann mir auch vorstellen, dass Deutsche Urlauber in der Türkei das Umfeld geniessen, sprich gerne durch Basare laufen und die dortigen Gegebenheiten – sprich die Menschen und die angebotenen Waren so nehmen, wie es in dem Urlaubsland üblich ist. In Deutschland aber – das nehme ich stark an – wollen Besucher eines Deutschen Festes mit keiner – und dazu auch noch fremden – Religion „belästigt“ werden.

    Der zweite und dritte Betreiberstand hat alles Richtig gemacht. Die Speisenanbieter waren sicher nicht assimiliert so wie Sie das schreiben, denn sie haben türkisch gesprochen, türkisches Essen serviert und sich über die Deutschen Gäste sehr gefreut und mit Ihnen gesprochen.

    Ich kann das bestätigen, denn auch ich habe mich sehr gut mit diesen Menschen (ob Türke oder Deutsch-Türke) unterhalten. Ich habe mich – und die anderen Besucher – einfach nur gut gefühlt; wo sehen Sie da einen Nachteil?

    Pragmatikerin


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