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Eine Schülerin schreibt

Also, danke Deutschland!

Der Schüleraustausch wird im nächsten Jahr in Paris stattfinden und Anmeldungen mussten rechtzeitig abgegeben werden. Doch dann kam es plötzlich anders und ich durfte die Gelegenheit, endlich einmal nach Frankreich zu kommen, nicht wahrnehmen. Der Grund: mein Kopftuch!

Von Şeymanur Yıldırım Montag, 18.02.2013, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.02.2013, 6:30 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Es war Mitte November und ich konnte es kaum noch erwarten, das zu erleben, wovon jeder nur träumen kann: ein Schüleraustausch nach Paris. Endlich würde ich der französischen Kultur etwas näher kommen. Seit Wochen war es das Thema Nummer eins in der Jahrgangsstufe Acht. Nur noch zehn Monate bis zum Austausch und am meisten freute ich mich auf die Besichtigung von Paris, der Stadt der Liebe. Es gab kein anderes Thema mehr und dann die bittere Enttäuschung:

Mir wurde gesagt, dass ich wegen meiner Religiosität, meines Kopftuchs, die Schule in Paris nicht besuchen kann. Das war wie ein Schlag ins Gesicht und ich spüre immer noch den Schmerz. Mein ganzer Umkreis konnte es nicht fassen: „Şeyma, die Französisch-Begeisterte, darf wegen eines Tuchs nicht nach Frankreich.“

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Echt, ich bin immer noch das sozial engagierte Mädchen, das sich wegen ihres Äußeren nicht von ihrem Inneren unterscheidet. Ich habe alles versucht, noch am Austausch teilnehmen zu können – ob es Ausnahmen gibt. Geändert hat das trotzdem nichts. Der einzige Weg wäre die Abnahme meines Kopftuchs gewesen, aber da ich wegen einer Krankheit sowieso meinen Kopf bedecken muss und von vielen mit Fragen überschüttet werden würde, weshalb ich so anders sei, wäre es einfach zu viel für mich geworden.

Als Schülerin finde ich es sehr schade, dass mir solche Steine in den Weg gelegt werden, obwohl mein Kopftuch nichts an mir ändert. Ich werde immer wissen: Mein Kopftuch hat viele Nachteile für mich, und ich habe gelernt, damit zu leben, aber ich finde es so ungerecht.

Natürlich hat es in vielen Ländern – wie auch in der Türkei – Konflikte gegeben, weswegen die Religion streng vom Staat getrennt wurde. In den meisten Ländern herrscht diese Sitte. Deswegen dürfen in Frankreich in der Schule keine politischen, religiösen, weltanschaulichen oder ähnliche äußere Zeichen, die die Neutralität des Landes gegenüber Schülern und Eltern gefährden oder stören könnten, getragen werden.

Dahinter steckt die Angst, ich könnte meine Mitschüler durch mein Kopftuch auf irgendeine Weise beeinflussen oder den Schulfrieden gefährden. Das ist kompletter Schwachsinn! Ich als Schülerin in Deutschland kann nämlich als Person mit Migrationshintergrund diese Lage bestens beurteilen, da ich in einem Viertel lebe, wo Migranten und Deutsche zumeist friedlich miteinander leben, obwohl die Personen ein Tuch, eine Kreuzkette oder Ähnliches tragen.

Ich bin sehr glücklich, als Türkin hier zur Schule gehen zu können, da ich es in meinem Heimatland sehr schwer hätte: Also, danke Deutschland! Für die Zukunft wünsche ich mir nur noch Gleichberechtigung für uns alle. Denn ich habe keine Lust mehr, ständig fragen zu müssen: „Sind Kopftücher gestattet?“

Es nervt mich einfach und ich weiß, dass ich mit meiner Aussage politisch nie etwas erreichen könnte, da meine Worte allein nicht stark genug sind. Deshalb ist es mir sehr wichtig, dass Menschen wie ich von der Außenwelt nicht ausgeschlossen werden. Ich kann nachvollziehen, dass Lehrer/innen auf religiöse Gegenstände verzichten müssen, da sie eine Vorbildfunktion für uns Schüler haben. Aber ich?

Ich hoffe, dass auch in Frankreich in Zukunft erkannt wird, dass nichts Schlimmes dabei ist und ich hoffe, dass den Politikern irgendwann klar wird, dass Schüler wie ich mit dieser Situation nicht gut zurechtkommen und dass das einfach schade ist. Denn wir können für diese Glaubenskonflikte nichts. Aber ich bin froh, dass ich immer wissen werde, dass nicht jeder Ort Hindernisse für mich bereithält, wie zum Beispiel meine Schule in Berlin-Neukölln.

Şeymanur Yıldırım 8c

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