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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Brückenbauer

Kopf an Kopf mit Köpfchen

Ein weltweiter Wettbewerb um die besten Köpfe ist entfacht und Deutschland mischt mit. Ohne Erfolg. Was sind die Ursachen, wieso machen die Klugen einen Bogen um Deutschland? Für Nadim Gleitsmann ist das Problem hausgemacht. Es ist das „alte Denken“.

VONNadim Gleitsmann

 Kopf an Kopf mit Köpfchen
Der Autor studiert in HH Islam- u. Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Internatio- nale Beziehungen und schreibt derzeit seine Abschlussarbeit bei der Euro-Mediterranean Association. Er arbeitet im Projekt „Junge Vorbilder“ des Verbands für interkulturelle Kommunikation, sowie im Projekt „Islam, Islamismus und Demokratie“ der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften und dem Berliner Verein ufuq.de. Nadim Gleitsmann schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multieth- nisches und multikonfessio- nelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundese- bene für Integration engagieren. Hervorgegang- en ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspekti- vischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM12. April 2012

KOMMENTARE17

RESSORTAktuell, Meinung

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Seitdem die Süssmuth-Kommission die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat, dass „ein weltweiter Wettbewerb um die besten Köpfe entstanden ist, der durch die gestiegene Mobilitätsbereitschaft dieser Personen verschärft wird“, haben die meisten OECD-Länder Programme entwickelt, um wirtschaftliche Eliten ins Land zu holen. Deutschland muss sich also in Bezug auf seine Attraktivität dem internationalen Wettbewerb stellen.

Der Erfolg hängt dabei nicht von klug konzipierten Punkte-Systemen oder Anwerbe-Maßnahmen ab, entscheidend sind Offenheit von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und vor allem die effektive Plazierung der Einwanderinnen und Einwanderer und der folgenden Generationen in eben Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Bildung! Diesbezüglich ist Deutschland aber noch ein Entwicklungsland – ein Armutszeugnis.

Faktoren wie das Image des Landes, die Akzeptanz und Anerkennung von Zeugnissen und Qualifikationen, die kulturelle Offenheit, die langfristige Perspektive und die Einbürgerungsmöglichkeiten sind maßgeblich mitentscheidend. Deutschlands Immigrationspolitik ist aber extrem restriktiv, selbst für Studenten und Doktoranden. Die Hürden sind zeitintensiv, ärgerlich und nicht selten willkürlich. Ausländische Bildungsabschlüsse werden – wenn überhaupt – nur sehr zögerlich anerkannt – von Äquivalenz zu inländischen Abschlüssen ganz zu schweigen. Die nicht überraschende Konsequenz ist, dass ausländische Studenten sich nicht für deutsche Universitäten entscheiden. Wen wundert das, wenn Nachrichten von Behörden-Nazis und Gudrun Pieper (bei der es jawohl piepte) durch die globale Presse gehen. Da hilft dann auch kein „zu Gast bei Freunden“ bei Weltmeisterschaften nicht.

Humanressourcen können importiert oder selber ausgebildet werden. Allerdings ist Deutschland weder attraktiv für Immigranten, noch schafft es das Bildungssystem, Immigranten oder deren Kinder, akkurat zu integrieren und zu hohen Bildungsabschlüssen zu führen. Laut der Studie „Brain Waste“ nehmen z. B. nur 16 Prozent aller Migrantinnen und Migranten mit einem im Ausland erworbenen Abschluss ihren erlernten Beruf wieder auf. Dabei sind die meisten Migrantinnen und Migranten relativ gut qualifiziert. Trotzdem fahren viele von ihnen Taxi oder gehen einer anderen Beschäftigung nach, die nicht ihren Qualifikationen entspricht. Das Bein stellt unsere Einwanderungspolitik. Studien zeigen, dass Immigration von Menschen mit primärer Bildung sehr gering ist, denn die meisten Länder haben die größten Emigrationsraten unter den Menschen mit tertiärer Bildung, womit der Bildungsstand der meisten Immigranten sehr hoch ist. Nicht fließend Deutsch zu sprechen, ist zudem noch längst kein Indikator für Dumm- oder Ungebildetheit. Höchstens beim Betrachter.

„Das alte Denken hat die deutsche Einwanderungs- gestaltung in den poli- tischen Morast geführt. Ein neues Denken muss her … Leider spukt in Deutschland noch immer das Hirngespinst einer Invasion und Überfrem- dung und ignoriert die … Notwendigkeit von Immigration und Integration.“

Heute fließt der Strom weiter in Länder mit einer Einwanderungstradition wie beispielsweise die USA. Die Wirtschaftseffekte dieser fantastischen Akademikerwanderung sind hoch. Die ausländischen Studenten pumpen durch Studiengebühren, Wohnung und Unterhalt gut sieben Milliarden Dollar in die US-Wirtschaft und sind verantwortlich für hunderttausend Arbeitsplätze. Das ist sehr attraktiv und so betonte das Bundesbildungsministerium umgehend die „Internationalisierung unserer Hochschulen“.

Aber nicht nur Menschen mit Migrationhintergrund sind betroffen, sondern alle, die sich in Deutschland um die Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Bildungs- und Berufsqualifikationen bemühen. Dazu gehören auch sogenannte „Bio-Deutsche“, die sich Teile ihrer Kompetenzen im Ausland angeeignet haben.

Dass die Anerkennungsmöglichkeiten grundlegend verbessert werden, liegt zudem im Interesse vieler Unternehmen. Schließlich sind sie als mögliche Arbeitgeber oftmals gar nicht in der Lage, die im Ausland erworbenen Abschlüsse und Kompetenzen zu bewerten und einzuschätzen.

Diese Verschwendung von Humanressourcen ist nicht nur gegenüber den Betroffenen äußerst ungerecht und aus Gründen der Teilhabegerechtigkeit komplett inakzeptabel, sie bedeutet auch einen enormen Verlust für Deutschland. Eine unzulängliche Arbeitsmarktintegration wirkt sich negativ auf die individuellen Entwicklungschancen des Einzelnen aus und hat gleichzeitig nachteilige Folgen für gesellschaftliche Innovationen, Steuereinnahmen und die Sozialsysteme. Das betrifft also auch unsere Rechten, wenn sie in einem prosperierenden Land leben und eines Tages eine anständige Rente beziehen möchten. Aber um diese Kausalität zu erkennen, bedarf es etwas an Weitsicht, an einem breiten Horizont, der nicht nur über die eigenen geistigen, sondern auch die physischen nationalen Grenzen reicht. Weltoffenheit kann hier ein zeitgenössischer Ratgeber sein.

Nicht zuletzt mit Blick auf den demografischen Wandel, den zunehmenden Fachkräftemangel und die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit im internationalen Wettbewerb sind wir dringend darauf angewiesen, an die im Ausland erworbenen Bildungs- und Ausbildungspotentiale, sowie an den eigenen Humanressourcen anzuknüpfen. Zunehmende Internationalisierung, grenzüberschreitende Mobilität und Zuwanderung werden unsere Gesellschaft zukünftig bleibend prägen. Wer das nicht merkt, schläft!

Das alte Denken hat die deutsche Einwanderungsgestaltung in den politischen Morast geführt. Ein neues Denken muss her, welches einen positiveren und vor allem holistischeren Diskurs prägt, um auf Realitäten wie Migration reagieren zu können. Leider spukt in Deutschland noch immer das Hirngespinst einer Invasion und Überfremdung und ignoriert die fundamentale ökonomische Notwendigkeit von Immigration und Integration. Sie sind elementar und entscheidend für Wachstum und Wohlstand für Länder des 21. Jahrhunderts. Das würde bei uns auch eintreten, wenn Politiker, Meinungsmacher und Interessengemeinschaften kapieren, dass Immigranten Prosperität nicht beeinträchtigen, sondern unterstützen. Mobilität bleibt und steigt und Wege gibt es viele.

Schon wie die Horden, die nach Amerika pilgerten, sehr wachsam den amerikanischen Traum träumend, werden Menschen in anderen Kontexten pilgern. Der Traum ist im Prinzip derselbe, menschliche Aspirationen wie Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Geschlossene Türen hier und rote Teppiche dort bedeutet, dass die Migrationsströme einfach anders fließen, aber fließen werden sie, denn das tun sie und haben sie schon immer getan und so wird sich zur zunehmenden Mobilität von Kapital und Gütern, mit den Dienstleistungen, auch die Mobilität von Menschen gesellen.

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17 Kommentare
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  1. Migrantin sagt:

    Ich persönlich lebe lieber in einem Land, welches mich ungeachtet meiner Herkunft wegen meiner Qualifikation schätzt (USA) als in einem Land, welches mich ungeachtet meiner Qualifikation wegen meiner Herkunft nicht schätzt (Deutschland).

  2. Sugus sagt:

    @ Migrantin
    Posten Sie von den USA aus?

  3. Die_Emotionale sagt:

    Wer qualifiziert ist und einen Beruf hat, der in Deutschland nicht erst lange durch ein Anerkennungsverfahren muss, will immer noch nach Deutschland und wird hier auch mit offenen Armen empfangen. Leichter haben es da sicher europäische Arbeits-Migranten. Das zeigt u.a. auch schon der andauernde Streit um die Visa-Bestimmungen.

  4. Salamist sagt:

    @Migrantin

    Wenn doch nur mehr Moslems so denken würden wie Sie.

    Viele Grüße in die USA!

  5. Zensus sagt:

    Warum wird unser Land immer mit USA oder Kanada verglichen?
    Das sind völlig andere Strukturen, diese Staaten befinden sich auf Gebieten, die ursprünglich der indianischen Urbevölkerung gehörten und dieser gewaltsam entrissen wurden. Herr Gleitsmann kann diese Menschen ja mal befragen, wie sie die besten Köpfe sehen, die sie in Reservate verwiesen haben. Schätze mal, die sehen das weniger positiv, als Herr Gleitsmann.
    Hier bei uns ist das genauso – und die Vorkommentartorin bringt es doch auf den Punkt.
    Also ist alles gut so, wie es ist!

  6. Migrantin sagt:

    @Zensus
    Den Vergleich zwischen Deutschland und USA ziehen diejenigen, welche die Freiheit haben, in beiden Ländern arbeiten und leben zu können. Genau darum geht es in dem Artikel: Hochqualifizierte wandern ab – auch Biodeutsche. Wenn man vor der Wahl steht, wird ja man ja wohl vergleichen dürfen, um sich zu entscheiden. Right?

    P.S. Wir werden hier übrigens nicht in Reservate verwiesen. Informieren Sie sich ein bisschen über die Geschichte Europas/Deutschlands bevor Sie denken, als Deutscher eine reinere Weste zu haben. Und denken Sie auch an Folgendes: Es waren rübergesiedelte Europäer, die das damals verbrochen haben.

  7. andres sagt:

    Im Grunde ist es ein gesamtdeutsches Problem das mitnichten nur Migranten betrifft.
    Es fängt alles schon im Bildungssystem an, wo Chancengleichheit auch für Biodeutsche nicht gewährleistet ist und setzt sich in der Wirtschaft fort.
    Deutschland sollte allgemein grösseres Interesse daran setzen, daß die Bevölkerung gut gebildet und Leistung belohnt wird, das trifft auf Migranten aber auch auf Biodeutsche zu.
    Deutschland muss als Ganzes nach den fetten old-BRD-Jahren wieder lernen für gesamtgesellschaftliche Dinge einzustehen und nicht daß jeder nur für sich den besten Vorteil herauszieht!!!

  8. Die_Emotionale sagt:

    Nach Deutschland sind im vergangenen Jahr immer noch mehr Menschen eingewandert als ausgewandert Migrantin. Dass verstärkt mehr Türken auswandern als einwandern,hat mit verschiedenen Faktoren zu tun. EU Mitglieder kommen halt leichter nach Deutschland rein und müssen keine Visa beantragen, welche evtl. abgelehnt werden. Das ist aber in Amerika genauso, rein kommt nur, wer die entsprechenden Qualifikationen hat.

    Nach Deutschland sind zum Ausgleich mehr europäische Einwanderer gekommen. Ein Nachteil? Ich denke nicht! Spanier, Italiener und Griechen z.B. entdecken Deutschland wieder – oder immer noch 😉 als gute Alternative zu ihren Heimatländern. Die meisten können schon bei der Einreise gut Deutsch oder lernen es im Inland freiwillig und sehr schnell.

    Also was Sie als Nachteil gegenüber der USA betrachten ist in Wahrheit für Deutschland ein Segen. Ähnliche Kulturen in einem Land machen nicht so viel Stress wie Kulturfremde.

    Ausserdem, die USA hat alleine schon von Ihrer Grösse her gegenüber Deutschland mehr Einwanderung – egal woher – nötig, es müssen aber auch qualifizierte Menschen, genau wie in Deutschland, sein.

  9. Sugus sagt:

    @ Migrantin
    „Wenn man vor der Wahl steht, wird ja man ja wohl vergleichen dürfen, um sich zu entscheiden.“
    Und? Haben Sie sich entschieden? Leben Sie in den USA? Falls ja, sind Sie konsequent? D.h. haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft abgelegt, falls Sie eine solche besaßen?
    „P.S. Wir werden hier übrigens nicht in Reservate verwiesen.“
    Das hat Zensus auch gar nicht behauptet. Aber die Ureinwohner wurden es.
    Und die Deutschen sind die Ureinwohner Deutschlands. Sollen wir uns verkrümeln, damit Zuwanderer mehr Chancen haben?

  10. Krupunder sagt:

    Herr Gleitsmann vertritt die Interessen einer kleinen, international mobilen Schicht von Meritokraten. Die überwältigende Zahl der Menschen betrifft das nicht.

    Lassen Sie die Deutschen doch so leben, wie sie es für richtig halten. Und wenn das bedeutet, keine weitere Masseneinwanderung zu wollen, dass soll es eben so sein.


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