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Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.

Bundespräsident Christian Wulff, Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010

Noah Sow

„Sich ins 21. Jahrhundert zu begeben, wie soll das Nachteile haben?“

Für Noah Sow ist es an der Zeit, dass die Massenmedien das eigene „weißdeutsch-dominante Narrativ“ aufbrechen. „Wenn hier Veränderung weiterhin verpasst wird, wird die Kluft zwischen Medien und der Gesellschaft weiter wachsen“, sagt sie im Gespräch mit MiGAZIN.

VONVan Hove / Graser

Johnny Van Hove, geb. in Brüssel, promoviert in der Amerikanistik/Geschichte am International Graduate Center for the Study of Culture an der Universität Gießen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den Sechzigern. Darüber hinaus ist er Co-Autor des Belgischen Indymedia-Readers Media en Racisme und veröffentlichte zahlreiche Artikel für Belgische und Amerikanische Grassrootsmedien, wie DeWereldMorgen, Rekto:Verso und The Dissident Voice.

Lena Graser studiert den Master Komplexes Entscheiden an der Universität Bremen. Sie ist seit mehreren Jahren in der anti-rassistischen Jugendarbeit tätig und engagiert sich in der Hochschulpolitik. Ihre Schwerpunktthemen sind Critical Whiteness, Nationalismus in der Türkei und kritische Wissenschaft. Sie ist die Mitorganisatorin des 'festival contre le racisme', das 2011 das erste in Bremen Mal stattfand.

DATUM28. Februar 2012

KOMMENTARE23

RESSORTInterview, Leitartikel

SCHLAGWÖRTER , ,

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Kann der Journalismus, der eingesteht subjektiv zu sein, noch ernst genommen werden?

Sow: Die Positionierung macht den Journalismus gerade besonders seriös, also gibt es diesbezüglich eigentlich nur Vorteile. Nachteile fallen mir nur ein in der Gemengelage „Ego – Herrschaftsanspruch – Versteckenwollen – Angst vor Angreifbarkeit“. Alles Dinge, die zum diskriminierenden Status Quo führten und seiner Erhaltung dienen. Und nicht gerade professionell sind.

Inwieweit werden die Rassismen vieler Massenmedien durch wirtschaftliche Sachzwänge – wie beschränkte Zeitressourcen, Quotenorientierung vieler Medien – zusätzlich befördert? Was müsste sich auf struktureller Ebene tun?

Sow: Die „Wirtschaftlichkeits-“Ausrede zur Abwehr dekolonialer Bildung funktioniert schon allein aus demografischen Gründen nicht. Außerdem kommt es auch nicht von ungefähr, dass deutsche Medien im Ausland oft ausgelacht oder mit großem Kopfschütteln betrachtet werden. Sich ins 21. Jahrhundert zu begeben, wie soll das wirtschaftliche Nachteile haben? Sobald mehr als die weißdeutsche Perspektive als souveräne Medienproduktion zugelassen wird, ergibt sich doch automatisch eine Fülle an Wissen, die anderweitig verschlossen bleibt. Dieses Wissen ist bereits vorhanden, wird medial jedoch noch zu oft als marginal betrachtet, und dann wieder nur aufbereitet für die Mehrheitsgesellschaft. Wenn hier Veränderung – und wieder geht es dabei vor allem um Privilegien- und Besitzstandswahrung – weiterhin verpasst wird, werden wir uns im Ausland noch mehr blamieren, die Kluft zwischen Medien und der Gesellschaft wird wachsen und die Abonnierenden und Zuschauenden irgendwann auf eine kleine reaktionäre Interessengruppe zusammengeschrumpft sein. Wenn Verleger_innen sich das wünschen, nun gut, bitte. Strukturell könnte man auf jeden Fall damit beginnen, mit der Praxis aufzuhören, dass nur weiße, zumeist männliche, Chef- und Schlussredaktionen verkraftet werden.

Sind, wie in den Vereinigten Staaten, gesetzlich verordnete Quoten eine Lösung, um den Ungleichgewichten im redaktionellen Personal entgegenzuwirken?

„Es gibt bereits Quoten in Deutschland, und diese lauten: ungeachtet der Proportionalitäten der Bevölkerung kommen 99% Weiße in Führungspositionen, 80% deutsche Männer. PoC sind idealerweise nur „Farbtupfer“ zum Angeben, aber wenn es geht in untergeordneten Positionen.“

Sow: Es gibt bereits Quoten in Deutschland, und diese lauten: ungeachtet der Proportionalitäten der Bevölkerung kommen 99% Weiße in Führungspositionen, 80% deutsche Männer. PoC sind idealerweise nur „Farbtupfer“ zum Angeben, aber wenn es geht in untergeordneten Positionen. Dass sich daran ohne eine Änderung dieser gesellschaftlich präsenten Quoten nichts ändert, sehen wir schon allein am Frauenanteil in Führungspositionen der größten Unternehmen. Seilschaften funktionieren nach wie vor hervorragend. Um diesen rückwärtsgewandten und unfairen Status Quo zu ändern, können Quoten ein erfolgreiches Mittel sein. Wäre unsere Gesellschaft fair, würde sich in jedem Job die Bevölkerung widerspiegeln. Da sie es nicht ist, müssen wir uns etwas überlegen, um dorthin zu gelangen. Freiwillige Selbstverpflichtungen haben bisher jedenfalls noch nicht viel gebracht.

Die redaktionelle Abwesenheit von PoC führt dazu, dass hauptsächlich weiße, deutsche Journalist_innen über PoC-Gemeinschaften berichten. Was halten Sie davon?

Sow: PoC sind keineswegs redaktionell abwesend und sie publizieren durchaus umfangreich zu diesen Themen. Wir sind aber zahlenmäßig unterrepräsentiert, und noch mehr ist es unsere Perspektive. Selbst wenn in einer Redaktion PoC arbeiten, bedeutet das noch lange nicht, dass deswegen dort geduldet wird, dass etwa ein weißdeutsch-dominantes Narrativ sich automatisch ändern würde. Dieser Alleinherrschaftsanspruch wird auch und gerade in Anwesenheit von PoC energisch verteidigt. Das bedeutet für PoC: Verhandlungszwang, Aufreiben und zusätzlichen Stress. Das Forschen und berichten über ge-Anderte, die man zuvor marginalisiert und über einen Kamm geschoren hat, hat in Deutschland und Europa Tradition, auch akademische und journalistische. Nur weil jetzt plötzlich eine PoC anwesend ist, bedeutet das nicht gleichzeitig die Bereitschaft, sich von diesen Mustern zu lösen.

Aber schaden würde es wirklich nicht, wenn mehr PoC Zugang zu den Redaktionen bekommen würden…

Sow: Natürlich sind Anwesenheit und Zugang Voraussetzungen dafür, zu partizipieren und eine Perspektivenvielfalt zu erreichen. Wenn das System jedoch starr bleibt, gelingt uns das nicht. Auch hier kann Privilegienverzicht ganz heilsam sein. Nur weil Günther sich 2 Wochen in Uganda aufgehalten und jetzt Lust hat, einen Artikel über die dort wohnenden alleinerziehenden Mütter zu schreiben, muss er nicht zwingend dergestalt beauftragt werden. Er könnte einen Artikel über Männermythen schreiben, und die Reportage über alleinerziehende Frauen in Uganda macht dann eine – Sie ahnen es – alleinerziehende Kollegin mit Background von dort, die diesbezüglich höchstwahrscheinlich über viel mehr Wissen und Einschätzungsfähigkeit verfügt.

Inwieweit können Dominanzgruppen überhaupt glaubhaft über andere Kulturkreise berichten?

Sow: Diese „Berichte“ dienen mehrheitlich einer Etablierung des „wir“-Konsens und der gegenseitigen Beruhigung. Sie sind im Subtext meistens Inszenierungen der eigenen (imaginierten) „Fortschrittlichkeit“ und „Zivilisiertheit“. Ganz traditionsgemäß. Glaubhaft sind die „Berichte“ über „Andere“ nur, weil bei solchen Märchenstunden die rezipierende Gruppe das Präsentierte glauben will. Dass ein solcher Blick erst mal defizitär ist, und dass das Gesehene dadurch weniger verstanden oder decodiert werden kann, ist klar. Bei uns steht noch zu regelmäßig im Vordergrund, etwas „fremdes“ erwartungsgemäß in eurozentrische Vorstellungswelten einzubetten, anstatt offen zu sein für das ganze Spektrum an Wissensproduktion. Das erklärt das vorherrschend einseitige Bild in Reportagen über „Afrika“, „den Islam“, generell alles was zuvor ge-andert wurde.

Was bringt die Zukunft, Ihrer Meinung nach? Sehen Sie vielversprechende Gleichberechtigungsansätze in den Medien?

Sow: Vielversprechende Ansätze sehe ich vor allem in der noch zu oft unbezahlten Aufklärungs- und Empowerment-Arbeit, die viele Einzelne leisten. Das Ganze verharrt momentan in einem Wischiwaschi der Freiwilligkeit. „Ja, wir wollen mehr Frauen in Führungspositionen, wissen aber nicht genau warum und verschieben das Thema auf die übernächste Aufsichtsratssitzung. Quotieren lassen wir uns schon mal gar nicht.“ Wer auf Bildung über Gleichberechtigung verzichten will, ist derzeit noch in der Mehrheit und kann bestens damit davonkommen. Die großen Anstrengungen, die sich diejenigen leisten, die aktiv für ein diskriminierungsfreies Leben kämpfen, müssen sich diejenigen nicht machen, die unabhängig von ihren persönlichen Überzeugungen oder Neigungen vom Status Quo profitieren. Sie könnten natürlich trotzdem etwas dafür tun. Auch „die Medien“ sind keine homogenen Gruppen. Sie bestehen aus einzelnen Menschen, die ein Gehirn und ein Interesse haben. Je mehr diese Einzelnen sich informieren, sich in einen Prozess hinein begeben, der sie sich selbst, die eigene Positioniertheit und die Auswirkungen auf die Allgemeinheit besser verstehen lässt, desto mehr kann sich zum Positiven verändern.

Frau Sow, herzlichen Dank für das Gespräch.

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23 Kommentare
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  1. Sugus sagt:

    Bevor wir uns darüber beklagen, daß in Deutschland 99% Weiße in Führungspositionen sind, sollte man erheben, wie viele „People of Color“ es gibt (2-3% der Gesamtbevölkerung?) und ob sich z.B. dunkelhäutige Inder von sogenannten Afrodeutschen repräsentieren lassen wollen…

  2. alpay sagt:

    Solche Stereotypen werden auch von Migranten selbst transportiert (F. Akin). Intelligenter Beitrag.

  3. Optimist sagt:

    „Zum Beispiel: nicht zwanghaft immer und überall das letzte Wort zu allen interkulturellen Themen haben zu wollen, oder sich nicht trotz mangelnder dekolonialer Bildung als allwissend zu imaginieren.“

    „Ich beharre nicht darauf, dass ich alles einschätzen kann und über alle denkbaren Perspektiven verfüge. Ich erkenne an, dass das nicht die einzige Sicht der Dinge ist, dass ich über bestimmte Erfahrungen nicht verfüge, sondern eben nur über meine.“

    Wohl wahr, wohl wahr. Ich bezweifle aber, daß den Inhalt auch jeder wirklich versteht, insbesondere so manch „Kritiker“ auf diesen Seiten.

    „Außerdem kommt es auch nicht von ungefähr, dass deutsche Medien im Ausland oft ausgelacht oder mit großem Kopfschütteln betrachtet werden.“. Da denke ich an den Spiegel, der auch hier immer wieder zitiert wird. Mittlerweile wird dieses Blatt in sämtlichen Belangen derart selbtverständlich zitiert, als beruhte alles unzweifelhaft auf Tatsachen, die genau so sind, wie sie dort geschrieben stehen, ohne die Dinge selber zu hinterfragen (siehe Streit zwischen D. Yücel vom TAZ gegen Lobo vom Spiegel). Zudem ist dieser „Meinungsmacher“ meiner Meinung nach einer der Hauptakteure bei der Spaltung unserer gemeinsamen Gesellschafft (besondere Hervorhebung von Parallelgesellschaften usw). Oder wie viele „Kanacken“ arbeiten für den Spiegel, hab ich was verpasst?

  4. Achherje sagt:

    Satire:

    Die Grünen sind wie ein „Parasit“. Wissenschaftler untersuchen, ob biologische Lebensformen (im menschlichen Körper – unser Darm beherbergt viele viele Mikroben) gar auf unseren Willen und somit auf unsere Entscheidungsfindung, also unser Handeln (eben unbewusst) Einfluss haben, nehmen. Sie kommen zu bemerkenswerten Schlüssen.

    Mehr sage ich jetzt vorerst mal nicht … möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen:

    http://www.tagesspiegel.de/meinung/portraet-jede-industrie-muss-gruen-werden/6266370.html

    achherje …

  5. YILMAZ sagt:

    Afrikaner haben oft leider auch zu wenig Respekt gegenüber uns Muslime.

  6. Optimist sagt:

    @ YILMAZ

    Warum diskreditieren Sie einen ganzen Kontinent? Viele der nordafrikanischen Staaten sind muslimisch (Ägypten, Marokko, Tunesien usw). Auch unter sonstigen Schwarzafrikanern gibt es dufte Leute. Gerade die „Schwarzen“ haben es allgemein in der Welt der „Weißen“ am Schwersten. Anerkennung und Respekt erfahren sie so gut wie von niemandem. Ist doch logisch , daß diese Menschen irgendwann verrohen. Wie viel Respekt erhalten Afrikaner denn im Allgemeinen, daß sie den selben Respekt entgegen bringen könnten? Außerdem geht es inhaltlich gar nicht um Schwraz oder Weiß oder Afrika überhaupt. Also bitte beim Thema bleiben.

  7. 60Prozent sagt:

    @Sugus: 2% POC’s in Deutschland? Aus welchem Jahrhundert stammt denn diese Annahme? In enigen deutschen Großstädten liegt der Anteil von Klinkindern mit sogenanntem Migrationshintergrund bei 60 %, ein großer Teil davon POCs. Darin enthalten sind aber noch nicht mal mehr die Urenkel von „Einwanderern“. Deutschlandweit hatten 2005 15, 3 Millionen Menschen einen Sogenannten Migrationshintergrund. Willkommen in der Gegenwart…

    @ Yilmaz: Ein Großteil der afrikanischen Bevölkerung, nicht nur in Nord sondern auch in allen andere Teilen des Kontinents sind Muslime. Schonmal was von Mali oder Senegal gehört? Oder auch Mali, Togo, Kenia, Burkind Faso etc… Da sieht man was passiert, wenn in deutschland eine äußerst diverse Religion rassifiziert wird.

  8. skeptiker sagt:

    @60Prozent, geben Sie einfach zu, Sie haben keine Ahnung, wie viele Menschen in Deutschland sich als PoCs identifizieren. Mit Gesamtanteilen von Migranten allerlei Herkunft herumschmeißen hilft hier null.

  9. Sugus sagt:

    @ 60Prozent
    Auch Sie echauffieren sich, können aber keine genauen Zahlen der POC nennen. Der größte Teil der Migrationshintergründler läuft rassisch unter der Kategorie „weiß“. Also, wie viel POCs gibt es in der Gesamtbevölkerung Deutschlands und wie viele davon sind deutsche Staatsbürger? (Denn nur diese müssen repräsentiert werden)


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