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Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Leos Wochenrückblick

Liberaler Islam, Konservativer Islam

Lamya Kaddor, Eren Güvercin, Luay Radhan, Saphir5/6, IMGM, Sulaiman Wilms, Serdar Günes, Hakan Turan, Thomas Bauer, Navid Kermani

VONLeo Brux

 Liberaler Islam, Konservativer Islam
Leo Brux, 1950 in München geboren, ist u. a. Integrationskurs-Lehrer bei der InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V., einem großen Träger der Integrationsarbeit in München. Migrations- und Integrationsfragen beschäftigen ihn seit den frühen 70er Jahren sowohl praktisch als auch theoretisch, privat und beruflich. Für die InitiativGruppe schreibt er einen Migrationsblog.

DATUM22. August 2011

KOMMENTARE18

RESSORTAktuell, Meinung

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Diese Woche ist nicht viel los gewesen in Sachen Integration und Migration. Gelegenheit für einen Blick auf eine aktuelle „islam-interne“ Debatte, die auch aufmerksame Zuhörer in nicht-muslimischen Kreisen findet.

Beginnen wir mit Lamya Kaddors Kommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 8. August.

Die Islamverbände würden, so schreibt sie, inzwischen über eine Garde junger, gebildeter, eloquenter Sprecher verfügen, die etwa dann, wenn es wie in NRW um die Beratungen zum Inhalt des Religionsunterrichts geht, dominant konservativ aufzutreten verstehen – keineswegs fundamentalistisch, aber eben konservativ und der Überzeugung, dass es nur diesen einen Islam, den ihren gebe.

Lamya Kaddor erläutert nicht im Detail, worin dieser Islam konservativ ist, ihr Angriffspunkt auf die jungen Vertreter des alten Islam ist der Alleinvertretungsanspruch:

Zwischen Fundamentalismus und Liberal-Gläubigen fehlt ihnen ein klares Profil. Auch sie rennen letztlich der Illusion hinterher, dass es nur einen Islam geben könnte. Bitten, das eigene Bild von der Religion zu beschreiben, quittieren sie mit Schweigen oder dem oberflächlichen Hinweis, man folge dem Koran und dem Vorbild des Propheten Muhammad.

… Die jungen Konservativen sind dagegen, dass sich der Islam verändert; was auch immer das heißt. Sie sind dagegen, dass sich jemand von ihnen abgrenzt. Das Praktische an der Dagegenhaltung ist: Man muss sich nicht mit eigenen Positionen befassen, und der Schein des Einvernehmens bleibt gewahrt.

Es ist schwierig mit dem innerislamischen Dialog. Auf der einen Seite muss man sich über wichtige theologische und Inhalte verständigen, auf der anderen Seite Unterschiede zulassen und die Vielfalt als Stärke begreifen. Fehlendes Profil und unwirsches Abwehrgehabe der Beteiligten verschärfen die Probleme. Bei der Einführung des Islamunterrichts könnte das zu einem Schlüsselmoment werden.

Lamya Kaddor warnt die nicht-muslimischen Partner davor, nur oder zu sehr auf die Sprecher dieses traditionalen Islam zu hören – und die durchaus zahlreichen Muslime, die längst in einer liberaleren Weise gläubig, aber kaum organisiert sind, zu übergehen.

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Auf diese Herausforderung antwortet Eren Güvercin im MiGAZIN, in seinem Artikel vom 18. August.

Eren Güvercin betreibt ein viel beachtetes Blog, grenzgängerbeatz, auf dem er überwiegend Fachleute, die etwas zu Migrationsfragen zu sagen haben, in glänzend geführten Interviews zu Wort kommen lässt.

Die Unterscheidung liberaler-konservativer Islam macht seiner Meinung nach keinen Sinn. Man könne nun mal nicht konservativ oder liberal beten.

Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun. Liberal ist heute ein genauso substanzloser Begriff wie konservativ. Der Unterschied ist allein: liberal wird positiv aufgefasst und konservativ negativ.

Güvercin hält diese Unterscheidung für politisch, sie verfehle und verzerre die religiöse Dimension, sie gehe an den religiösen Bedürfnissen der Gläubigen vorbei. In der deutschen Islamdebatte würden beide Formen des politischen Islam versuchen, in Form einer „liberalen“ und „konservativen“ Ausrichtung, den alleinigen Vertretungsanspruch geltend zu machen. Es sei höchste Zeit,

… dass die deutschen Muslime die ewige Dialektik zwischen einem „liberalen“ und „konservativen“ Islam überwinden und eine Debattenkultur etablieren, um die relevanten Fragen unserer Zeit auch kontrovers zu diskutieren. Statt nur in der Öffentlichkeit übereinander zu sprechen und dabei durch die Verwendung von Labels wie „liberal“ oder „konservativ“ die Dialektik zu vertiefen, muss mehr miteinander debattiert werden.

Was als nichtmuslimisches und staatliches Interesse hinter der Debatte stehe, entnimmt Güvercin einem Interview, das er mit dem Islamwissenschaftler Rainer Brunner von der Uni Freiburg geführt hat. Zusammengefasst:

Man wolle hier einen aufgeklärten Islam europäischen Zuschnitts etablieren, ohne dass es dafür im Augenblick sichtbar irgendwelche strukturellen und personellen Voraussetzungen gebe, betont Brunner. An deutschen Universitäten sollen zukünftig nicht nur Imame ausgebildet werden, sondern gleichzeitig auch Kompetenzen in Sozial- und Integrationsarbeit den zukünftigen Imamen vermittelt werden. Dadurch betreibe man – und das ist Brunners Hauptkritikpunkt – eine weitgehende „entsäkularisierte Islamisierung der Integrationsdebatte“.

Hier gehen die Interessen auseinander:

Der Staat denkt in Apparaten und will, dass Glaubensgemeinschaften in diesem Sinne funktionieren. Die meisten Muslime wollen ganz einfach ihre Religion leben, die kein politisches oder kulturelles Bekenntnis bedeutet. Auch Christ zu sein, bedeutet keineswegs, sich zu einer Leitkultur zu bekennen.

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Für den Liberal-Islamischen-Bund (LIB) antwortet darauf Luay Radhan, ebenfalls im MiGAZIN (19. August).

Natürlich besitzt niemand das Interpretationsmonopol auf die Begriffe „liberal“ und „konservativ“, und Labels um der Labels willen sind sinnlos; aber wenn wir über die komplexen Phänomene unserer Realität reden oder schreiben brauchen wir nun einmal Begriffe, die etwas auf den Punkt bringen.

„Liberal“ („freiheitlich“) und „konservativ“ („bewahrend“) sind ja bei weitem nicht die einzigen Beschreibungen für Tendenzen im religiösen Denken, und ich halte sie auch für alles andere als ausreichend. Es geht noch differenzierter – humanistischer Islam, egalitärer Islam, antiautoritärer Islam – aber sind wir schon bereit, dies zu akzeptieren?

Wenn wir den Nichtmuslimen und Muslimen (!) in Deutschland und anderswo immer mehr bewusst machen, dass es im Islam neben einer konservativen auch schon immer eine liberale Strömung gegeben hat, dann wäre das ein gesellschaftlicher Wissenszuwachs, und ich halte diese Unterscheidung insbesondere für einen Fortschritt gegenüber der dogmatischen Zweiteilung „das ist islamisch und alles andere nicht“.

Wir als LIB verwenden die oben genannten Begriffe nicht inhaltsleer, was ich nun kurz erläutern möchte.

Es folgen mehrere Absätze, die beschreiben, worin die liberale Version des Islam besteht – und dass sie durchaus keine neue, sondern eine ursprüngliche Version sei – und eine Aufforderung zur Diskussion auch darüber.

(Die Debatte unter den beiden Artikeln im MiGAZIN möchte ich ebenfalls zur Lektüre empfehlen. Mit substanziellen Beiträgen haben sich bisher nur Befürworter von Radhans Argumentation gemeldet – und ein Gegner, der in seinem letzten Absatz ganz klar sagt: Keine Debatte mit den liberalen Muslimen!)

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Ich habe mich umgesehen und nach anderen, auch älteren Beiträgen zu diesem Thema gesucht. Mir fällt auf, dass kaum einer zu finden ist, der die Position der Islamverbände, die „konservative“ Position offensiv präsentiert.

Eine Ausnahme ist Akif Sahin, der „Islam-Blogger“.

(Auf ihn werde ich – vielleicht – in einem Kommentar zu diesem Artikel eingehen. Seine Position bezüglich Lamya Kaddor und LIB deckt sich mit derjenigen in der Islamischen Zeitung – siehe weiter unten.)

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Inhaltlich prägnant wird die Debatte – meines Wissens – bisher nur bei der Auseinandersetzung um Saphir.

Saphir 5/6 zeigt, wie ein eher liberal orientiertes Religionsbuch für den Islamunterricht aussehen kann. Es ist seit 2009 auf dem Markt und wird in einem Newsletter von ufuq diskutiert.

Die IMGM – Milli Görüs – kritisiert (u. a.):

• Zu viel Distanz zum Islam als Religion; kaum Verkündung von Glaubenswahrheiten, eher Vermittlung islamkundlicher Informationen – dies widerspreche dem Auftrag des GG.

• Zu wenig über die äußeren Formen, die Riten, etwa, wie man richtig betet; stattdessen stünde „der Aspekt der geistigen Zuwendung zu Gott“ im Vordergrund; das Gebet diene nicht nur zur seelischen Bindung und Erinnerung an Allah – die rituelle Form sowie die einzelnen Pflichten seien von zentraler Bedeutung.

• Der Islam erscheine nur als einer von vielen Wegen. Die Besonderheit des Islam und dementsprechend die Unterschiede zu anderen Religionen und der nicht-muslimischen Umwelt müssten stärker hervorgehoben werden.

Einer der Herausgeber des Buches, Harun Behr, antwortet – ich zitiere nach dem Newsletter von ufuq / Bundeszentrale für politische Bildung:

Während in der Moschee zum Beispiel gelehrt würde, wie man als Muslim fünfmal täglich richtig bete, ginge es ihm, so Behr, in einem bekenntnisorientierten Schulunterricht vor allem darum, dass sich die Schüler den Glauben und die religiösen Inhalte in einer reflektierenden Form aneignen. Behr zitiert dazu den berühmten islamischen Denker Maulana, dem zufolge „die Seele des Gebets“ und der Glaube wichtiger seien als das Gebet selbst.
Dementsprechend stehe im islamischen Religionsunterricht der Muslim als Mensch im Vordergrund. Das könne aber nur gelingen, wenn Lehrpläne und Lehrkräfte keinen Zweifel daran aufkommen ließen, „dass die Menschen nicht dazu da sind, Muslime zu werden, sondern dass der Islam dazu da ist, aus Menschen wahre Menschen zu machen, auf die die islamischen Kriterien von ‚Reife’ (kamal) und ‚Güte’ (salah) zutreffen“

Als Muslim, so Behr, reiche es ihm dabei nicht aus, sich auf „Autoritäten zu berufen“. Vielmehr nehme er für sich in Anspruch, Dinge nachprüfen und selbst über seinen Umgang mit ihnen entscheiden zu wollen. Der Koran selbst gebe dem Menschen die Freiheit zu der Entscheidung,„wie er mit Religion verfahren möchte“. Auch in ihrer Religiosität sehe er die muslimischen Schüler und Schülerinnen daher „als Individuen mit eigenem Kopf, als Menschen mit Herz, als Handelnde“. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, so spitzt Behr seine Aussage zu, sei ihm wichtiger als die nach islamischer Kleidung.

Was steht im Mittelpunkt:

• das Ziel, eine Gemeinschaft zu errichten (oder zu erhalten) und dafür die gemeinschaftsbildenden Rituale und äußeren Formen zu pflegen; oder

• das Ziel, die den religiösen Quellen innewohnenden Werte als Orientierung einer individuellen Lebensgestaltung von Muslimen hervorzuheben?

Das sind zwei unterschiedliche Zugänge zum Glauben. Sie sind beide legitim, beide kompatibel mit dem Grundgesetz und unserem Wertesystem, auch wenn das zweite unserer heutigen Wertewelt – so weit sie überhaupt noch religiös ist – näher stehen mag und darum im Schulbuch zum Ausdruck kommt.

Für die IMGM schlägt Mustafa Yeneroglu einen Mittelweg vor: Das Einüben von Ritual und äußerer Form und das Rezitieren des Koran könne im Unterricht der Moschee geschehen, das Religionswissen und das Reflektieren über Religion hingegen im schulischen Religionsunterricht. Für diesen aber gelte:

Der Religionslehrer gestaltet den Unterricht aus dem Glauben heraus, nicht aus der Distanz. Er vermittelt, was geglaubt werden soll. Ziel ist in erster Linie die Stiftung einer positiven Identifikation mit der eigenen Religion.

Das entspreche ausdrücklich der Rechtsprechung zum Religionsunterricht.

(Zur Ergänzung: Die ausführliche Presse-Erklärung der IMGM zu Saphir 5/6)
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Sulaiman Wilms in der Islamischen Zeitung verreißt Lamya Kaddors Artikel. Kaddor denunziere die islamischen Verbände per se. Diese aber seien es, die den Islam als Religionsgemeinschaft in Deutschland repräsentieren würden.

Als Fachkraft sollte Lamya Kaddor wissen, dass entscheidende religiöse Praktiken wie das Freitags-, Toten- und Feiertagsgebet, aber auch Anfang und Ende des Ramadans, sowie die Einsammlung der Zakat und die Hadsch unverzichtbare gemeinschaftliche Elemente haben. Und bisher sind es, ob es uns gefällt oder nicht, muslimische Verbände (die übrigens nicht so monolithisch sind, wie sie es uns glauben machen will), die dieser Gemeinschaft einen Raum bieten. Was passiert, wenn einzelne subjektiv den „Geraden Weg“ definieren wollen, sieht man in den diversen Terrorakten der letzten Jahre.

An diesem Punkt wird auch die Frage nach dem Vertretungsanspruch entkräftet. Lamya Kaddor mag Recht haben, wenn sie sagt, die muslimischen Dachverbände repräsentieren nicht die nominelle Mehrheit aller Muslime. Aber es kommt bei der religiösen Lebenspraxis auch nicht auf „alle” Muslime an, sondern eben nur auf jene, die ihre Religion auch praktizieren. Der Rest ist, mit Verlaub, in diesem Zusammenhang irrelevant.

Genau so und nur so praktizieren, wie es Sulaiman Wilms für richtig hält? Unterschiede sind in Deutschland nicht so irrelevant, wie die Fanatiker des EINEN es gerne hätten, vor allem dann, wenn der Staat Verhandlungspartner ist.

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Drei Blogs von Muslimen diskutieren seit langem die Möglichkeiten eines – sagen wir: freiheitlichen und zugleich authentischen Islam.

Serdar Günes greift Lamya Kaddors Artikel und fünf bisherige Repliken dazu auf. Die Debatte sei keine rein inner-islamische. Zum Beispiel hängen sich auch Islamfeinde dran und fügen der Position von Lamya Kaddor erheblichen Schaden zu, indem sie falschen Beifall spenden.

Sein Resümee zielt auf eine Öffnung der Debatte:

Was gerne vergessen wird, ist die ideengeschichtliche Komponente der Inkulturation des „Islam“ in westlichen Ländern.

Dass die Begriffe „Liberal“ und „Konservativ“ (das können je nach Kontext auch ganz andere Begriffspaare sein) die Anknüpfung an die jeweiligen Kulturen (unabhängig davon ob sachlich richtig oder falsch sind) und insofern die Erkennbarkeit und Wiedererkennung ermöglicht, sollte bei der Betrachtung nicht außer Acht gelassen werden.

Meiner Meinung nach erliegen die Akteure im islamischen Spektrum der essentialistischen Illusion, dass es „ursprüngliche“ also naturwüchsige islamische Begrifflichkeiten gäbe und daher neue Begriffe wie Fremdkörper wirken.

Eine historische Sichtweise würde hier abhelfen und zeigen, dass es keine zeitlosen „islamischen“ Begrifflichkeiten gibt, ja wir alles einer gewissen Übertragung und Verschmelzung zu verdanken haben.

Damit möchte er keiner Beliebigkeit das Wort reden, aber gegen den Kulturkampf sprechen. Man müsse zugestehen, dass es durchaus auch gute Argumente gebe, um „Innovationen“ abzulehnen, konservativ zu sein und nicht jedem Trend hinterherzulaufen.

Hakan Turan schreibt das Blog Andalusian. Eine besonders günstige Informationsquelle für jeden, der einmal einen gläubigen und nachdenkenden Muslim beim Nachdenken beobachten möchte.

Eine kleine Kostprobe liefert dieses Gedankenspiel zum Thema dieses Artikels (als Kommentar zu einem Artikel von Serdar Günes):

Kategorisieren hilft um Überblick zu schaffen, sollte aber wandelbar und kontextbezogen sein. In manchen Dingen empfinde ich mich als konservativ, in anderen als liberal, in anderen wiederum als orthodox. Die Begriffe habe ich mir nicht ausgesucht, das hat der liebe öffentliche Diskurs gemacht. Darum benutze ich sie – aber ausschließlich in bestimmten Kontexten, die jeweils expliziert werden müssen. Ich finde, es gibt weitere, vielleicht sogar noch interessantere Kategorisierungen bei Muslimen:

1) praktizierender und nicht praktizierender Moslem
2) reformorientierter und reformablehnender Moslem
3) analytisch denkender und auswendig lernender Moslem
4) kollektivbezogener und individuumbezogener Moslem
5) nationalistischer und nationalitätenrelativierender Moslem
6) dogmatischer (taklid) und hinterfragender (tahkik) Moslem
7) Arabien-(oder: Türkei-)zentrierter und Deutschland-zentrierter Moslem
8.) wissenschaftsbezogener und autoritätsbezogener Moslem
9) menschenliebender und menschenverachtender Moslem
etc. etc.

Es gibt viele Kombinationsmöglichkeiten zwischen diesen Kategorien, auch schließen sich die Gegenüberstellungen nicht immer zwingend aus. Der öffentliche Diskurs kennt diese weniger politischen, sondern pragmatischen Unterscheidungen nicht. Wir schon. Darum sollten wir uns um eine Publikmachung bemühen.

Das sind fruchtbare Unterscheidungen. Sie unterlaufen die naiven bzw. autoritäts- und machtorientierten Selbstverständlichkeiten des EINEN Islam (der zufällig immer grade genau der MEINE ist).

Resul Özcelik ist ein dritter im Bunde, der Integrationsblogger. Ich empfehle seinen klugen Artikel zum „Schubladendenken“.

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Schlussbetrachtung:

Der Islam gehört jetzt auch zu Deutschland.

Dieser Satz des Bundespräsidenten kann auch umgedreht werden. Deutschland gehört jetzt auch zum Islam.

Das heißt: Der Islam, der in Deutschland gelebt und geglaubt werden will, muss sich Deutschland öffnen – er muss sich mit den verschiedenen deutschen Kulturen, den pluralistischen deutschen Lebens- und Denkformen, den vielfältigen deutschen Lebensstilen, den instutionellen Bedingungen und Erwartungen arrangieren.

Es geht schon ein paar Generationen lang, dass die Gläubigen, mit denen die neue Religion eingewandert ist, erst einmal entschieden an den mitgebrachten Formen hängen und sie für unveränderlich halten. Das ist kein Dauerzustand, denn die Kinder der Kinder werden unvermeidlich ganz und gar Deutsche werden. Sollen sie es als gläubige Muslime werden, werden sie einen Islam brauchen, der sich den deutschen Kulturen und Denkweisen nicht als dauerhaft fremd gegenüber stellt.

Man muss dabei nicht mehr erwarten als von der katholischen Kirche. Auch die hat das Recht, gegen die herrschende Kultur an ihren traditionalen Formen festzuhalten – sogar auf Teufel komm raus. Man wird also auch an den Islam staatlicherseits keine Forderungen stellen dürfen, die in die Religionsfreiheit eingreifen. Aber der Staat steht bei Verhandlungen etwa um den Religionsunterricht einer gewissen Vielfalt der Islame gegenüber und wird darauf bestehen, dass diese Vielfalt berücksichtigt wird. Da wird es den Islamverbänden nicht viel helfen, wenn sie darauf beharren, dass es nur IHREN Islam gibt. Deutschland ist nun mal ein pluralistisches Land, und jeder, der MIT dem Pluralismus gehen kann, hat legitimerweise einen gewissen Vorteil.

Dass der Islam in Sachen Vielfalt eigentlich den christlichen Religionen überlegen sein müsste, zeigt die Geschichte des Islam, wie sie zum Beispiel Thomas Bauer erzählt:

Dadurch, dass es zahlreiche Richtungen und Sekten gibt, unterscheidet sich der Islam nicht vom Christentum. Wichtiger ist, dass innerhalb der Tradition des Hauptstroms des sunnitischen Islam Vielfalt bejaht und gepflegt wurde. Gelehrte haben seit dem 8. Jahrhundert zahllose Korankommentare verfasst, in denen sie bestrebt waren, möglichst viele Interpretationen einer Koranstelle zu sammeln. Rechtsgelehrte versuchten, aus kritischer Auslegung des Korans und der Überlieferungen des Propheten rechtliche Normen abzuleiten, was nie widerspruchslos vonstatten ging. Doch „Meinungsverschiedenheiten sind eine Gnade für meine Gemeinde“.

Dieser angebliche Ausspruch des Propheten Mohammed bildete die Maxime des klassischen islamischen Rechts. Die Meinungsvielfalt wurde regelrecht institutionalisiert, weil man nicht nur eine, sondern vier verschiedene Rechtsschulen akzeptierte und es innerhalb der Rechtsschulen wiederum mindestens so viele Meinungsverschiedenheiten gibt wie zwischen ihnen.

Meinungsvielfalt und das Eingeständnis, dass eine Welt und eine Religion ohne Widersprüche nicht möglich sind, kennzeichnen den klassischen Islam. Mit einem Begriff aus der Psychologie kann man von einer hohen Ambiguitätstoleranz des klassischen Islam sprechen. Phänomene der Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit wurden akzeptiert. In der Literatur und der Kunst erfreute man sich daran, Ambiguität spielerisch zu erzeugen. In jenen Bereichen, die den Alltag regelten, wurde Ambiguität domestiziert, aber es wurde nicht versucht, sie auszulöschen.

Vielfalt ist eine Stärke. Auch in der Religion. Dieser Grundsatz sollte uns in der Debatte leiten. In ihm steckt der Respekt vor den Positionen der Islamverbände, aber auch die Forderung nach Respekt für liberale Muslime, sowie für Ahmadiyya und Aleviten.

Der inner-muslimische Dialog könnte sich an dem, was Navid Kermani für den Dialog zwischen Christen und Muslimen angeregt hat, orientieren. Man lernt seinen eigenen Glauben nur dadurch richtig kennen, wenn man den Glauben der anderen studiert.

Daß der Blick und der Kanon anderer Kulturen und Religionen notwendig ist, um den eigenen Kanon zu verstehen, ist keine neue Erkenntnis. Das haben die muslimischen Gelehrten in Bagdad und Basra gewußt, die durch die unmittelbare Auseinandersetzung mit christlichen und jüdischen Theologen dazu kamen, eine islamische Theologie zu entwickeln. Das haben die christlichen Scholastiker gewußt, deren intellektueller Horizont weit über das Christentum hinausreichte. Das hat der Jude Maimonides gewußt, der in Andalusien lebte und die islamische Philosophie bestimmt nicht deswegen studierte, um den Islam kennenzulernen, sondern um zu seiner eigenen, jüdischen Philosophie zu gelangen. Und auch heute liest ein christlicher Theologie wie Hans Zirker den Koran nicht zuletzt deshalb, um etwas über die Bibel zu erfahren, und beschäftigt sich ein iranischer Theologie wie der Ajatollah Mohammad Modschtahed Schabestari in Teheran mit der zeitgenössischen protestantischen Theologie, um seine eigene, die schiitische Theologie zu reformieren.

In einer pluralistischen Gesellschaft brauchen wir alle den Blick von außen auf unsere heiligsten Überzeugungen.

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Anmerkung zu den Kommentaren: Ich halte es für ratsam, unter diesem Artikel – ausnahmsweise – keine Kommentare islamfeindlichen Inhalts zuzulassen. Ob es eine Debatte zum Artikel geben wird, wird sich zeigen, aber wenn, dann sollte sie nicht durch destruktive Ablenkungen erschwert werden.

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18 Kommentare
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  1. Harald sagt:

    Eine kleiner, aber wichtiger Hinweis zu dieser Debatte: Diese gegenwärtige Debatte angestoßen hat der Beitrag von Eren Güvercin in der Wochenzeitung Freitag mit dem Titel „Castingshow der Werte“. Hier der Link: http://www.freitag.de/positionen/1125-castingshow-der-werte

    „Interessant ist auch, dass die liberalen Sprecher immer wieder versuchen, sich als Antipoden zu der Islam-Kritikerin Necla Kelek oder zu Thilo Sarrazin zu profilieren. Nur bleibt den jungen Muslimen nicht verborgen, dass sich erstaunlicherweise die Positionen manch „liberaler“ Muslime und die von Islam-Kritikern wie Necla Kelek immer mehr annähern. Das ist der öffentliche Druck, der diese Entwicklung mit sich bringt. Und es ist das Wesen der Dialektik. Denn wenn man die eigene Position dadurch definiert, dass man ständig etwas ablehnt, ähnelt man am Ende immer mehr der Haltung, gegen die man anfänglich angetreten ist.“

    Diese Beobachtung von Güvercin kann ich teilen, wenn ich dann diesen Artikel des Welt-Redakteuren vom Samstag lese:

    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article13555776/Potenzial-liberaler-Muslimverbaende-wird-ignoriert.html

    Dort bedient Frau Kaddor gezielt antimuslimische Ressentiments als eine Art politisches Machtinstrument, um mit Ach und Krach in die Beiräte zu kommen. Das mit etwa 100 Mitglieder. Da hat jeder Kaninchenzüchtverein mehr Mitglieder… Man kann einwenden, dass der Welt-Artikel von Stoldt geschrieben wurde. Aber die O-Töne von Kaddor sprechen eine deutliche Sprache. Und bisher gab es keine Gegendarstellung, vielmehr wurde diese Positionierung von LIB-Mitgliedern bestätigt.

    Interessant in der Debatte ist vorallem Patrick Bahners Replik auf Kaddors SZ-Beitrag, der hier zu finden ist:

    http://www.faz.net/artikel/C31373/islamischer-bekenntnisunterricht-die-religion-in-den-grenzen-des-klassenzimmers-30483400.html

    Auch Bahners prangert die bedenkliche Abgrenzungsrhetorik an:

    „Eine Variante dieses Kategorienfehlers begegnet jetzt bei Lamya Kaddor, der eloquenten und vielgefragten Schulbuchautorin und Lehrerin aus Duisburg. In zwei nahezu gleichlautenden Beiträgen im Deutschlandfunk und in der „Süddeutschen Zeitung“ hat Frau Kaddor die nordrhein-westfälische Landesregierung kritisiert, die den Beirat für den islamischen Bekenntnisunterricht, der im kommenden Schuljahr ordentliches Lehrfach werden soll, mit Vertrauenspersonen der großen Verbände besetzen will. Frau Kaddor sortiert das Feld der öffentlich mitredenden Muslime nach der Unterscheidung liberal/konservativ. Sie attackiert „junge Konservative“ in den Moscheegemeinden und rät den „politischen Entscheidungsträgern“ zur Umsicht: Sie sollen sich lieber mit liberalen Muslimen verbünden, so ist die Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. zu verstehen.“

    „Der auf Religionsfreiheit verpflichtete Staat kann eine freisinnige Koranauslegung nicht gegenüber einer bewahrenden bevorzugen. Es gibt aber ohnehin keine Garantie dafür, dass eine „liberale“, kreative und aktualisierende Hermeneutik „liberale“ Ergebnisse im Sinne politischer Verträglichkeit produzieren wird. Die Geschichte der christlichen liberalen Theologie enthält warnende Exempla: die Aussonderung des Alten Testaments oder die Vergötzung der Nation. Um den Lesern der „Süddeutschen Zeitung“ plausibel zu machen, was sie an den „Konservativen“ stört, muss Frau Kaddor selbst den Vergleich mit der politischen Welt bemühen: „Ein Teil der Muslime steht vor derselben Frage, die heute auch die CDU umtreibt: Was ist eigentlich konservativ? Man will das Alte bewahren, weiß aber nicht genau, was. Die mangelnde Selbstvergewisserung manifestiert sich in einer Dagegenhaltung. Die jungen Konservativen sind dagegen, dass sich der Islam verändert; was auch immer das heißt.“ Aber taugt die Gegenposition, die liberale CDU von Merkel und Schavan, denn wirklich zum Sinnbild gelingender, überlegter und mit Gründen erklärter Selbstvergewisserung?“

    „Lamya Kaddor bringt mit ihren theologischen Argumenten, etwa zur Freiheit vom Kopftuch, regelmäßig sowohl Verbandsfunktionäre als auch Islamkritiker in Bedrängnis. Aber mit dem liberalen Islam, den sie gegen das Phantombild der „jungen Konservativen“ setzt, umreißt sie keine sachliche Position, sondern eine Funktionsstelle: Es gibt Muslime, die als Vermittlungstheologen nach dem Geschmack von Annette Schavan zur Verfügung stehen…..Wenn Lamya Kaddor ihren konservativen Altersgenossen, die sie als gebildet und wortmächtig vorgestellt hat, ein „diffuses, von theologischem Halbwissen gezeichnetes Bild von Religion“ bescheinigt, meint man den Originalton Friedrich Wilhelm Grafs zu hören. Der Kritik Grafs an seiner protestantischen Kirche, ihren Sünden wider den akademischen Geist, wurde in der Kirche zuletzt kaum noch Resonanz zuteil.“

    Der brilliante Bahners bringt es schön auf den Punkt.

  2. Leo Brux sagt:

    Harald,
    danke für die interessanten Links und den engagierten Beitrag.

    Ihrer Bewertung der Position Lamya Kaddors stimme ich nicht zu. Lamya Kaddor in die Nähe von Necla Kelek zu stellen, gehört zu den politischen Spielchen, mit denen man leben muss. So läuft Politik eben, auch wenn sie im Namen einer Religion gemacht wird: bösartige Unterstellungen, wohin man schaut. Ich kann an Lamya Kaddors Position und an den schriftlichen Äußerungen, die ich von ihr kenne, NICHTS erkennen, was diese Unterstellungen rechtfertigen würde. Serdar Günes hat da schon recht: Es geht darum, eine freiheitlich und pluralistisch orientierte Religiosität als Alternative zu bekämpfen.

    Worum es geht, ist die religiöse Vielfalt. Es geht nicht darum, die Islamverbände und diejenigen, die – gegen alle Realität – an einem Einheitsislam festhalten wollen, aus der Gestaltung des Religionsunterrichts herauszuhalten. Natürlich müssen sie ihre Rolle spielen können. Aber sie stehen nicht allein, sie repräsentieren den Islam nicht allein. Generell wird sich der Islam in Deutschland individualisieren – einfach deshalb, weil Deutschland eine individualisierte Kultur hat und die Religiosität sich der Kultur eines Landes kaum entziehen können wird. Das spiegelt sich im Rückgriff liberal orientierter Gläubiger auf Formen des Islam, die sich der Vielfalt der Gestalten des Koran und der Vielfalt der Auslegungsmöglichkeiten des Koran schon immer geöffnet haben. Auf diesen Gesichtspunkt geht Bahners leider nicht ein.

    Die theologische Substanz eines liberalen (pluralistischen) Islam haben islamische Gelehrte zwischen den Jahren 1000 und 1800 vorbildlich herausgearbeitet. Das kann man in Bauers Buch „Die Kultur der Ambiguität“ nachlesen.

    Ich halte den Vorschlag von Eren Güvercin für weiterführend: es muss ein Forum geben, auf dem die Muslime in Deutschland alle diese hier aufgeworfenen Fragen offen und sachlich und im Geiste muslimischer Geschwisterlichkeit diskutieren können. Scharfmacher, die aus dem Streit einen Kulturkampf machen wollen, sollten dabei außen vor bleiben.

    Es wird noch viele Versuche geben wie den von Stoldt in der Welt, durch falschen Beifall und schiefe Darstellung der Auseinandersetzung islamfeindlich Punkte zu machen – und noch viele, die genau von der anderen Seite her versuchen, eine Debatte zu verhindern, die um die Pluralität geht, um die Vielfalt und wie sie in Deutschland gelebt und etwa in Schule und Universität repräsentiert werden kann.

  3. Harald sagt:

    Gibt es bisher eine Stellungnahme des LIB oder Frau Kaddors zum Welt-Artikel von Stoldt?

    Ich habe den Beitrag von Herrn Güvercin nicht so verstanden, wie sie es ausgeführt haben. Er betont ja in seinem Beitrag, dass er es positiv findet, dass auch bisher unorganisierte Muslime sich in einem Verein organisieren. Er kritisiert meiner Meinung nach zurecht die Rhetorik, die Frau Kaddor bei jedem öffentlichen Anlass anwendet, in dem sie Andersdenkende als „konservativ“, „theologisch ungebildet“ etc. darstellt. Diese Art der Abgrenzungsrhetorik ist der Sache nicht dienlich. So lässt sich religiöse Vielfalt nicht realisieren. Sie ist eine medial sehr präsente Person. Statt über die Medien mit stigmatisierenden Zuschreibungen zu arbeiten, sollte sie die innermuslimische Debatte suchen.

  4. Leo Brux sagt:

    Harald,
    Lamya Kaddor schreibt, dass genau diese innermuslimische Debatte nicht stattfindet und diejenigen, die sie die jungen Konservativen nennt, nicht bereit sind, überhaupt die Möglichkeit verschiedener legitimer Varianten des Islam zuzulassen. Es ist wohl ein bisschen so, wie wenn Küng mit den katholischen Bischöfen diskutieren möchte – die lassen sich nicht darauf ein, die wehren nur ab, denn auch für sie kommt eine Infragestellung ihrer eigenen Position nicht in Frage: die eigene Position gilt absolut, bedingungslos.

    Güvercin versucht zu vermitteln. Das sehe ich auch. Aber er hat auch seine Schwierigkeiten, sich den Islam plural vorzustellen, es geht ihm bei seinem – verdienstvollen! – Vermittlungsversuch eher um die Bewahrung des EINEN Islam. Was eine legitime Position ist. – Wenn ich (von außen, als Beobachter) mit der anderen sympathisiere, vergesse ich nicht die Legitimität der Gegenposition. Sie wird auch dadurch gestärkt, dass sie vermutlich von einer breiten Mehrheit der Muslime in Deutschland gestützt würde. Menschen heutzutage glauben meistens, dass IHRE Überzeugung natürlich diejenige ist, die alle anderen teilen müssten.

    Güvercins Vorschlag ist der richtige: die offene, faire, geschwisterliche Debatte unter Muslimen. Wann beginnt sie? Ich warte darauf!

  5. Leo Brux sagt:

    Bezüglich Akif Sahin:

    Ich hatte im Artikel angemerkt, dass ich mich dazu außerhalb des Artikels äußern wolle.
    Akif Sahin hat auf seinem Blog auf interessante Weise und – soweit ich das beurteilen kann – mit viel Sachverstand konservative theologische Positionen dargestellt und diskutiert. Einmal ging es um die Frage, ob jemand wirklich in die Hölle komme, wenn er (so wie ich!) den Koran und den Islam kennen gelernt habe, aber dennoch kein Muslim werde. Akif Sahin meinte: Ja. Unbedingt. Es sei hart, aber konsequent. Die Aussagen von Koran und Sunna seien hierzu eindeutig.

    Daraufhin hab ich ihm einen Fall zur Überprüfung vorgeschlagen:
    In S. soll gegenüber der katholischen Kirche eine Moschee errichtet werden. Die katholische Gemeinde ist gespalten, die Gegner überwiegen und sind hellauf empört und schimpfen über Islam und Muslime. Eine in der Kirche aktive alte Frau jedoch ist anderer Meinung. Sie sagt das kurz, lässt sich nicht weiter auf den Streit ein, sondern besucht die Moscheegemeinde, die das Projekt plant. Sie wird dort freundlich aufgenommen, schaut sich alles an, beteiligt sich an den Aktivitäten der Frauen des Moscheevereins, wird eine Freundin. Sie liest nun auch den Koran und findet die Religiosität der Muslime, die sie dort kennen lernt, sehr sympathisch, ihrer eigenen durchaus ähnlich, und in der katholischen Kirchengemeinde erzählt sie, was sie erlebt hat und mildert auf diese Weise die Feindseligkeit dort.

    Aber die alte Frau wird keine Muslima. Sie ist gläubige Katholikin, ihr ganzes Leben ist sie es gewesen, sie kommt gar nicht auf die Idee, jetzt den Glauben zu wechseln, noch dazu in ihrem Alter.

    Kommt nun diese alte Frau – nach Meinung des Theologen Akif Sahin – in die Hölle?
    Auf etwas patzige Weise antwortet Akif Sahin: Ja. Die Frau hatte genug Gelegenheit, die Überlegenheit des islamischen Glaubens zu erkennen.

    Nun ist das eine Position, die man natürlich vertreten darf, auch insgesamt als Religionsgemeinschaft, sie wird von der Religionsfreiheit gedeckt. Ich werde einem Islamverband, der so etwas auch im Religionsunterricht gelehrt sehen will, nicht vorwerfen, dass er Unerlaubtes verlange.

    ABER: Akif Sahin wird verstehen, dass ich mit ihm nichts zu tun haben will. Dass ich mit einer Religionsgemeinschaft keinen persönlichen Frieden schließen werde, wenn sie so etwas vertritt. Das gilt übrigens genauso in meinem Verhältnis zur katholischen Kirche. Auch da gibt es die dogmatischen Theologen und ihre Anhänger, die Religion und Gott zum Gespött eines jeden freiheiltich-religiös empfindenden Menschen machen.

    Wer meint, ich müsse in der Hölle landen, WEIL ich mich um den Islam gekümmert habe, WEIL ich mich kundig gemacht habe, ABER DENNOCH nicht übergetreten bin, der wird seine Gründe haben, und ich respektiere das – aber er erklärt mir auch persönlich den Religionskrieg. (Es ist nur ein Kalter Krieg, natürlich, aber da hilft kein Lächeln und keine vordergründige Freundlichkeit und keine Erklärung, zum Dialog bereit zu sein – ich weiß, hinter dieser Stirn denkt jemand in Kategorien, die mir den Platz in der Hölle zuweisen.)

    Man muss beides auseinander halten: das, was im Rahmen der Religionsfreiheit erlaubt ist und erlaubt sein muss – und das, was man selber als religiöse Haltung oder Praxis oder Theologie für sympathisch oder wenigstens akzeptabel hält.

    Wenn ich nun von der deutschen Seite her – von der Staatsseite her – mitzureden habe, was für Inhalte im islamischen Religionsunterricht zum Tragen kommen, dann werde ich einerseits die Grenzen erkennen und anerkennen müssen, die mir die Verfassung hier vernünftigerweise setzt; zum andern werde ich aber schauen, welche Stimmen im Bereich der Muslime es gibt und ob ich nicht diejenigen besonders berücksichtigen kann, die einen mit dem Pluralismus der Gesellschaft eher kompatiblen Verständnis von Islam vertreten. Ich muss diejenigen, die mich ausdrücklich in der Hölle schmoren lassen wollen, zwar gewähren lassen, aber nicht unbedingt staatlich fördern.

  6. Leo,

    erst einmal vielen Dank für deine Zusammenfassungen der aktuellen Diskussionen in der Integrationspolitik!

    Güvercin postuliert nicht EINEN Islam, sondern erinnert zunächst daran, dass der Pluralismus im Islam inhärent ist und zweifelt daran, ob eine Explizierung der pluralistischen Strömungen in Form Labels sinnvoll und zielführend ist.

    Dabei musst du bedenken, dass Lamya in ihrem SZ-Artikel einen „jungen Konservativen“ zusammengeschustert hat, der zum einen nicht in der Weise empirisch evident ist, wie sie es darstellt, und zum anderen diesen negativ konnotiert und auf diese Weise – ich nenne es mal so – ein unglückliches „Freund/Feind-Bild“ geschaffen hat, das durch eine islamophobe Bewegung freudigst aufgenommen wird, wie der Welt Online-Artikel von Stoldt eindrucksvoll gezeigt hat.

    Meines Erachtens stellen sich eine ganze Reihe von Fragen an die Adresse des LIB, die ich aber nicht explizit aufführen möchte, da ich ggf. gedenke, einen eigenen Beitrag zu verfassen. Doch die zentrale Frage lautet, was die Motivation von Lamya war, eine so derbe verkürzte Debatte nicht nur anzustoßen sondern auch im Gewand des Welt-Artikels fortzusetzen? Bisher hat sich die Urheberin dieser Diskussion in keinster Form dazu geäußert. Zu allererst wünsche ich mir allerdings eine Erklärung zu den O-Tönen von Lamya, die in diesem einseitigen Artikel auf Welt Online aufgeführt sind.

  7. […] Leos Wochenrückblick. Liberaler Islam, Konservativer Islam (Leo Brux / Migazin / 22.08.2011) […]

  8. Leo Brux sagt:

    Kamuran,
    wenn Güvercin den Pluralismus im Islam für inhärent hält, so muss ich natürlich meine Behauptung, er vertrete den EINEN Islam, zurücknehmen und mich entschuldigen.

    Was Lamya Kaddors Angriff angeht – in der SZ in eigenen Worten, in der Welt vielleicht verzerrt durch einen Journalisten, den ich als Islamfeind kenne – so müssen wir also mal abwarten, wie sie auf die Repliken eingehen wird. Ihre Äußerungen über die Islamfeinde waren, soweit ich sie kenne, immer eindeutig; es ist unfair, sie diesem Lager zuzurechnen.

  9. Lieber Leo,

    „es ist unfair, sie diesem Lager zuzurechnen.“

    Vielleicht beziehst du dich auf meine Statements in einem virtuellen semitransparenten Raum, als du diese Zeile geschrieben hast.

    Es ist ebenso unfair gewesen, ein fragwürdiges Bedrohungspotenzial durch vermeintliche „jungen Konservative“ aufzustellen, die einflussreich und mit „auslandsorientierten“ Verbänden verbandelt seien, um sich sodann als Ansprechpartner für die „politischen Entscheidungsträger“ anzubieten.

    Es liegt im gesunden Interesse von politischen Organisationen, sich durch Zuspitzung, Labeling und von mir aus auch mit populistischen Mitteln zu artikulieren und zu legitimieren, um sodann ein politisches Mandat im korporatistischen System einzufordern.

    Wünschenswert wäre, wenn solche Organisationen sich in ihren politischen Kommunikationen zumindest an ein Mindestmaß an objektiver Belastbarkeit in ihrer Argumentationsführung halten würden. Es ist aber ebenso legitim, wenn dieses Mindestmaß an objektiver Belastbarkeit nicht erfüllt wird. Aber dann müssen sie sich darauf einstellen, dass andere Akteure – ob organisiert oder unorganisiert – Einwände in entsprechender Form und Gestalt erheben.

    Kurzum: Populismus habe ich mit Populismus beantwortet. Und dies habe ich getan, um nicht mit gleicher Münze zurückzuzahlen sondern auch, weil ich Muster in der Argumentations“mechanik“ erkennen konnte, die mir aus der islamophoben Bewegung nicht unbekannt sind:

    Akkumuliere alles Negative (einflussreich; auslandsorientiert; diffuses, theologisches Halbwissen; durch das Elternhaus bestimmt usw.), betreibe Wording („junge Konservative“) und zeige Konsequenzen für die Zukunft auf (eingeschlagene Pflöcke, die kaum noch verschiebbar sind).

    Eine ähnliche „Mechanik“ hat Kelek ebenfalls verwendet – Akkumulation: Ehrenmord, Zwangsheirat, systematische Unterdrückung der Frau in der islamischen Kultur, patriarchalische Grundhaltung usw.; Wording: fremde Braut oder verlorene Söhne; Konsequenz: u.a. Islamisierung Deutschlands, wachsende Einflussnahme der islamischen Verbände usw.

    Die Inhalte mögen sich unterscheiden, aber die Mechanik und auch die Argumentationsmuster zeigen Ähnlichkeiten auf.

    Lamya möge bitte zuallererst ihre „jungen Konservative“ in der empirischen Realität validieren, bevor wir dazu übergehen, ihr Recht oder Unrecht zu geben – das wäre mein Kompromissvorschlag.. was hältst du davon?


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