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Liberal-Islamischer Bund

Wir stehen zur freiheitlichen Tendenz im Islam

Liberaler vs. konservativer Islam? – Die Replik von Luay Radhan, 2. Vorsitzender des Liberal-Islamischen Bunds (LIB), auf den MiGAZIN-Beitrag von Eren Güvercin. „Wofür stehen eigentlich unsere Kritiker?“, möchte Radhan wissen.

VONLuay Radhan

 Wir stehen zur freiheitlichen Tendenz im Islam
Als Sohn einer Deutschen aus dem Raum Heidelberg und eines Saudi-Arabers wurde Luay Radhan 1979 in Lebach/Saarland geboren und wuchs in Dschidda, Saudi-Arabien auf. An der Universität Heidelberg absolvierte er 2004 sein Magister in Politikwissenschaft, Islamwissenschaft und Anglistik. An der Universität Marburg promoviert er in der Islamwissenschaft über das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Staat mit dem Titel Muslims Against the Islamic State. Seit 2011 ist er 2. Vorsitzender des Liberal-Islamischen Bunds.

DATUM19. August 2011

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RESSORTAktuell, Meinung

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Am 15. August 2011 veröffentlichte das MiGAZIN einen Artikel von Eren Güvercin mit dem Titel „Liberaler vs. konservativer Islam?“. Gleich zu Beginn heißt es dort: „Am Kern oder den Grundwahrheiten einer Religion festzuhalten, hat nichts mit konservativ zu tun.“ Im Zusammenhang mit der breiteren Debatte, die ich hier einmal „Liberale Muslime und ihre muslimischen Gegner“ nennen möchte, drängt sich hier der Gedanke auf, der Autor unterstellt liberalen MuslimInnen, sie würden eben nicht am „Kern oder den Grundwahrheiten“ des Islams festhalten. Alle Mitglieder, die ich im Liberal-Islamischen Bund (LIB) kennengelernt habe, halten sich an die zentralen Dogmen des Islams. Kenner der Geschichte des Islams wissen, dass die detaillierte Umsetzung von Geboten, selbst von zentralen Dogmen, von Beginn an umstritten sein konnte.

Nehmen wir die zakah (Almosengabe) als Beispiel, die nach der schahadah (Glaubensbekenntnis, dass es nur einen Gott gibt und Muhammad sein Gesandter ist) und dem salah (rituelles Gebet) der drittwichtigste Glaubenspfeiler ist: Darf ich selbst entscheiden, welchen Bedürftigen ich meine Spende gebe, oder muss ich sie erst einmal an die zentrale politische Autorität abliefern? Der 1. Kalif (632-4 n. Chr.) Abu Bakr as-Siddiq bestand auf Letzterem und sah sich gezwungen, gegen die sogenannten murtaddin („Abtrünnigen“) Krieg zu führen, weil für ihn andernfalls die Gemeinschaft auseinanderzubrechen drohte. Damit waren anfänglich nicht einmal seine Nachfolger Umar ibn al-Chattab (reg. 634-44) und Ali ibn Abi Talib (reg. 656-61) einverstanden (Friede sei mit ihnen allen). Kurz und gut: Was die „Einheit“ betrifft, welche „die Vielfalt schon zusammenhalten“ müsse, so kann ich darauf leider keine absolute Antwort geben: Einerseits trifft dies zu, nämlich da, wo bestimmte Grundprinzipien das Fundament des Islams bilden. Andererseits fühle ich mich mit vielen Nichtmuslimen (z.B. Rudolf Rocker) geistig enger verbunden als mit einigen Muslimen (z.B. Husni Mubarak). Individualität gibt es nicht nur in der Religion, sondern auch in politischen Strömungen: Ist man „Sozialist“, heißt das dann Stalinist, Leninist, Marxist, Sozialdemokrat oder Anarchist? Es kann sein, dass ein Sozialist mit einem anderen so gut wie nichts gemeinsam hat, ebenso wenig wie ich mit Usamah bin Ladin.

Natürlich besitzt niemand das Interpretationsmonopol auf die Begriffe „liberal“ und „konservativ“, und Labels um der Labels willen sind sinnlos; aber wenn wir über die komplexen Phänomene unserer Realität reden oder schreiben brauchen wir nun einmal Begriffe, die etwas auf den Punkt bringen. „Liberal“ („freiheitlich“) und „konservativ“ („bewahrend“) sind ja bei weitem nicht die einzigen Beschreibungen für Tendenzen im religiösen Denken, und ich halte sie auch für alles andere als ausreichend. Es geht noch differenzierter – humanistischer Islam, egalitärer Islam, antiautoritärer Islam – aber sind wir schon bereit, dies zu akzeptieren? Wenn wir den Nichtmuslimen und Muslimen (!) in Deutschland und anderswo immer mehr bewusst machen, dass es im Islam neben einer konservativen auch schon immer eine liberale Strömung gegeben hat, dann wäre das ein gesellschaftlicher Wissenszuwachs, und ich halte diese Unterscheidung insbesondere für einen Fortschritt gegenüber der dogmatischen Zweiteilung „das ist islamisch und alles andere nicht“. Wir als LIB verwenden die oben genannten Begriffe nicht inhaltsleer, was ich nun kurz erläutern möchte.

Mittelalterliche Theologen, Juristen und Politiker, die – nicht zuletzt aus Eigennutz – überwiegend einen kirchlichen und staatshörigen Islam verbreiteten, haben beispielsweise die Ansicht vertreten, dass ein Muslim, der seine Religion wechselt, eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gemeinschaft darstellt und deshalb hart bestraft werden muss, schlimmstenfalls mit der Todesstrafe. In Vers (46:34) bedroht der Koran alladhina kafaru („jene, die ungläubig geworden sind“) zwar mit dem Höllenfeuer, aber gibt es auch einen Koranvers, der für den Abfall vom Islam eine weltliche Bestrafung fordert? Nein! Es gibt keinen Koranvers, der für den Abfall vom Islam eine weltliche Bestrafung fordert; ganz im Gegenteil heißt es dort etwa: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (2:256); „Und hätte dein Herr es gewollt, so hätten alle, die insgesamt auf der Erde sind, geglaubt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, Gläubige zu werden?” (10:99); „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung auf, und streite mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am Besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt jene am Besten, die rechtgeleitet sind“ (16:125).

Daher glauben viele MuslimInnen, egal wie man sie nun nennen mag, dass das Grundprinzip der Freiheit, einschließlich der Glaubensfreiheit, zum Wesen des Islams gehört, dass der Islam also ganz prinzipiell freiheitlich ist. Das ist keine neue Interpretation des Islams, sondern die ursprüngliche! Diese Ansicht ergibt sich aus dem Streben nach dem wahren Islam, zumindest bei vielen, die darüber nachdenken. Deswegen nennen sich manche Muslime „freiheitlich gesinnte“ oder eben „liberale Muslime“. Sie könnten auch sagen: Wir sind die „richtigen Muslime“ und die anderen sind „vom rechten Weg abgekommen“, aber das wäre zu anmaßend; darum betonen sie ihre Unterstützung für eine freiheitliche Interpretation des Islams.

Zur Glaubensfreiheit gehört natürlich auch die Freiheit der Glaubensausübung beim Beten und Fasten: Wenn wir die theologische und die gesellschaftliche Ebene auseinanderhalten, dann können wir unterscheiden zwischen Fehlverhalten, das von Gott bestraft werden könnte, und Fehlverhalten, das um des Gemeinwohls willen von der Gesellschaft geahndet werden sollte. Ich kann jemanden, der/die nicht betet und fastet, als Sünder/in betrachten, ohne seine/ihre gesetzliche Strafe zu fordern, ihn/sie von der Familie zu verstoßen oder gesellschaftlich zu ächten. Muslime, die den freiheitlichen Geist des Islams richtig verstehen, können auch die Zwangsehe nicht ruhigen Gewissens rechtfertigen, sondern setzen sich für die Freiheit der Partnerwahl ein. Der Islam fordert Muslime und Musliminnen dazu auf, ihre körperlichen Reize nicht zur Schau zu stellen, doch was das genau heißt, muss jedes Individuum mit der Gesellschaft, in der es gerade lebt, selbst ausmachen. Man kann also behaupten, der Islam unterstützt die Freiheit der Kleidung, und wenn jemand auf dem angeblichen Kopftuch-Gebot besteht, dann hoffe ich, dass wir uns wenigstens darauf einigen können, dass jede Frau und Teenagerin selbst entscheiden darf, ob sie eines trägt. Natürlich gehört zur Freiheit der Kleidung ebenso, dass keine Frau oder Teenagerin gezwungen werden darf, das Kopftuch abzulegen.

Dies alles gehört für mich zum Minimum einer freiheitlichen religiösen Gesinnung. Muss man immer wieder die Selbstverständlichkeit betonen, dass eine Handlung, die auf Zwang basiert, moralisch wertlos ist? Allein dadurch entspringt das islamische Gebot der größtmöglichen individuellen Freiheit, so lange man dadurch niemandem ernsthaft schadet.

Es gibt leider noch eine zweite Unterstellung in Eren Güvercins Artikel, die ich als Einzelperson und 2. Vorsitzender des LIB klarstellen muss: Wir würden angeblich „Kunden“ – er meint wohl Politiker – mit unserer Religion zufriedenstellen wollen. Um auf dieses Niveau herabzusteigen, müsste ich wohl schon behaupten: Weil der Autor einen türkisch klingenden Namen hat und liberale Muslime nicht mag, ist er wohl eine Marionette des türkischen Staats. Es wird sich in Zukunft zeigen, wer ein ernst zu nehmender Aktivist/in im Namen des (liberalen) Islam ist und wer gerne den Handlanger der politischen Klasse spielen möchte. Es wäre ratsam, sich von Rufmord fernzuhalten. Und übrigens: Auch ein liberaler Muslim kann politisch gescheit und ein Nichtliberaler politisch naiv sein. Was meine Wenigkeit betrifft, bin ich der Erste, der seine Mitgliedschaft beim LIB aufkündigt, wenn der Verein mit irgendeinem Staat gemeinsame Sache macht. Dass der LIB für klar beschriebene Prinzipien steht, kann man auf unserer Website nachlesen, und dass wir den Vorwurf, wir würden den Islam willkürlich deuten, erwartet haben, sieht man auf unserer Homepage bereits in der 5. Zeile. Dort steht ebenfalls, dass wir uns nicht anmaßen, die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben, aber das hält uns nicht davon ab, unsere Standpunkte selbstbewusst zu vertreten. Wie viele MuslimInnen uns dabei zustimmen, werden wir sehen, Allahu a´lam (Arabisch für: „Gott weiß es besser“).

Wenn jemand liberale Muslime oder den Liberal-Islamischen Bund kritisiert – was absolut berechtigt ist – dann wäre es für eine konstruktive innermuslimische Diskussion notwendig, zumindest ein wenig über die Meinung des Gegenübers zu gesellschaftlich relevanten Themen zu erfahren. Wofür stehen eigentlich unsere Kritiker? Bisher haben wir nichts darüber erfahren, so dass ich eher den Eindruck habe, dass es nun der Liberal-Islamische Bund ist, der unbedingt notwendige Debatten über verschiedene Themen anstößt, die mit MuslimInnen und dem Islam zusammenhängen.

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28 Kommentare
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  1. […] den ich bei der Lektüre von Lamyas Artikel und den Reaktionen/Repliken (hier, hier, hier, hier und hier) darauf hatte, war die steigende Intenstität mit der diese Debatte geführt wird. Lamya Kaddor ist […]

  2. Soraya sagt:

    Ich finde den Text sehr aufschlussreich und die Position nachvollziehbar. Allerdings glaube ich, dass der Begriff „konservative Muslime“ für diejenigen, die nicht wie die LIB-Leute ihre freiheitliche Interpretation betonen, nicht wirklich passt. Oder, falls er passt, ist er zumindest negativ konnotiert. Bei den meisten Muslimen, die ich kenne (und die der LIB wohl größtenteils als „konservative Muslime“ einordnen würde, weil sie nicht durchweg freiheitlich argumentieren), wechseln sich verschiedene Herangehensweisen an die Interpretation der Quellen ab, z.B. Interpretationen, die versuchen, den heutigen Kontext hier und jetzt zu berücksichtigen, oder Interpretationen, die angeblich Konsens in der Gemeinschaft der Gläubigen sind und deshalb nicht weiter hinterfragt werden müssten, oder Interpretationen, die überhaupt nicht berücksichtigen, dass der Kontext, in dem sie überliefert wurden ein anderer war als der heutige, oder Interpretationen, die (obwohl theoretisch immer jeder sagt „es gibt keinen Zwang im Glauben“) beinhalten, dass Gläubige eben doch zu bestimmten Dingen gezwungen werden sollten (oder sonst zumindest nicht mehr so wirklich als dazugehörig gelten). Vielleicht sollte man dieser Gruppe, die der LIB als „konservative Muslime“ (in Unterscheidung von sich selbst) bezeichnet, lieber gar nicht mit einem einzigen Label bedenken, da sie viel zu vielfältig ist.

  3. Habib sagt:

    Leider geht Herrn Radhans antwort auf Herrn Güvercins Artikel an diesem vorbei, ja bestätigt Herrm Güvercins Artikel sogar.

    Herr Güvercin hat nämlich die Dialektik zwischen zwei unterschiedlich gearteten Gruppen und die damit einhergehenden politischen Implikationen herausgestellt.

    Leider ist Herr Redhan nicht in der Lage dieses Bild aufzulösen, er besteht vielmehr auf dem Zersplitterten-Grüppchen-Islam.

    Die Begriffe selbst sind von vorneherein beliebig und ebenso beliebig jederzeit um zu definieren. Herr Redhan hat belegt das es ihm letztlich nur um private Meinungen geht, und diese sind absolut beliebig.

    Das eine politische vereinnahmung bzw. eine Anbiederung an staatliche stellen wahrscheinlich ist zeigt die politische Praxis in der BRD. Führen wir uns doch noch einmal das Theater um die Islam-Konferenzen vor augen und wer dort mitspielen darf und wer nicht. Das alleine sollte als beleg genügen was politische Instrumentalisierung angeht.

    Der von Herrn Güvercin herausgestellte Punkt der Lebenswirklichkeit der Muslime ist eine existenzielle Problematik, die sich nicht in Schemata pressen Lässt. Ghet es in den Rechtswissenschaften im Islam doch immer um das Allgemeinwohl und auch immer darum jeden einzelnen Fall zu beachten. Und dabei lassen sich sicherer allgemeine Aussagen nur treffen wo es Konsens gibt.

    Den Meinungen das Primat zu geben kann im sozialen Mitainander nicht funktionieren. Es braucht den Diskurs unter Fachleuten. Herrn Radhans „Aussagen“ kann ich leider nichts abgewinnen als Relativismus gegenüber allen potenziellen Anschauungen.

    Leider ist Herrn Redhans „Antwort“ auf Herrn Güvercins Artikel ein Beleg dafür das eine Auseinandersetzung mit dem muslimischen Bruder auf Augenhöhe, in Vertrauen und gegenseitiger Achtung nicht möglich ist. Es ist einzig und allein der versuch eines, nicht einmal guten, rhetorischen Schlagabtausches.

    Womit sich zeigt das man in rhetorischer Dialektik steckengeblieben ist.

  4. OMG sagt:

    Danke für diese Replik. Gäbe es mehr Ihrer Sorte, gäbe es auch weniger Argwohn und – zum Teil sicherlich unberechtigte – Ängste und Vorurteile.

    Herr Güvercin schürt leider genau das.

  5. Couperinist sagt:

    Genau dieser Islam gehört zu Deutschland. Die Ermordung bei Abtrünnigkeit ist übrigens mein größtes Problem mit dem real existierenden Islam in so vielen Ländern. Gut, dass es auch anders geht.

  6. OMG sagt:

    Zitat: Den Meinungen das Primat zu geben kann im sozialen Mitainander nicht funktionieren.“

    Genau. Den Menschen, die Tür an Tür wohnen und (nicht) zurechtkommen, ist nicht zu trauen. Dogma triumphiert über Empfinden.

    Was die Menschen denken und fühlen sollen, ist „Experten“ zu überlassen.

    Leute wie Habib sind Feinde des Miteinanders. Leider bekommen solche Fundamentalisten auf dieser Seite ein dankbares Sprachrohr.

    Wann kommen eigentlich mal die Türken, Iraner, Bosnier zu Wort, die sich selber als „Deutsche“ bezeichnen und mit Religion nix zu tun haben? Wieso werden hier Menschen zwangsislamisiert und einer angeblich benachteiligten Minderheit zugeschlagen?

    Herr Brux wird sicher bald auftauchen und Habib unterstützen, Herr Radhan sei sicher nur ein Überläufer, der seine bereichernde Kultur verrät. Und in der Segregation liegen doch so viele Chancen…

  7. Leo Brux sagt:

    @OMG @Habib

    Das legitime, sozusagen Deutschland-kompatible oder verfassungskompatible Spektrum reicht von Milli Görüs bis zum Verein der liberalen Muslime bzw. den alevitischen Vereinen und Ahmadiyya. Es gibt hier Dutzende verschiedener Gruppen, Gemeinschaften, Vereine, Richtungen, Theologien, dazu vielleicht noch eine Million muslimischer (gläubiger) Individuen, die sich zu keiner dieser Gruppen etc. zählen wollen, und sie alle stehen für den Islam in Deutschland, auch solche, die sich zu mehreren hingezogen fühlen.

    Worin ich Eren Güvercin auf jeden Fall unrecht gebe (und Radhan recht): Es gibt nun einfach mal nicht den EINEN WAHREN Islam, sondern viele verschiedene Varianten, und diejenige, die einige davon als liberale zusammenfasst, politisiert hier nicht, sondern verschafft diesen liberalen Tendenzen Spielraum und öffentlichen Ausdruck.

    Ich stehe also, lieber OMG, engagiert auf der Seite Radhans und des islamischen Pluralismus, als Nicht-Muslim und außenstehender Beobachter, der sich insgesamt bezüglich der inner-islamischen Debatte bescheiden zurückhalten muss.

    Ich betone darum auch, dass ich alle Tendenzen gegen die Islam-Feinde verteidige, die sich innerhalb des Spektrums befinden, das ich umschrieben habe.
    Was die fundamentalistischen bzw. islamistischen Gruppen anbelangt, so sehen ich in ihnen keine große Gefahr, weil sie zahlenmäßig und bezüglich eventueller Machtpositionen marginal sind – eher geeignet als Schreckgespenster denn als ernsthafte Alternative. Wir glauben ja auch nicht, dass Deutschland von Scientology übernommen wird, oder von der DKP. Man kann also gelassen die Befürworter eines islamischen Staates in Deutschland ihren Unfug treiben lassen – so lange er konsequent gewaltfrei bleibt. Die Gefahr, dass sich radikale Organisationen als Durchlauferhitzer für terroristisch geneigte junge Männer erweisen, ist aber nicht außer Acht zu lassen – da stimme ich dem Verfassungsschutz zu.

    Zurück zur Kontroverse liberal-konservativ:
    Anders als Eren Güvercin gibt es für mich keinen von vorne herein objektiv-wahr-und-rein-islamischen Glauben, sondern immer nur menschliche Interpretationen davon, die diese oder jene Form als die richtige erfahren. Es ist nicht Politik, wenn innerhalb des Islam sich Gruppen von anderen Gruppen abgrenzen. Wichtig ist es, dass diese Abgrenzungen nicht fundamentalisiert werden. Dass man wegen des anderen Wegs, den man geht, nicht nur Abgrenzung betreibt, sondern im Gegenteil die Vielfalt als Gewinn für den Islam erkennt.

    Wenn man sich selbst verstehen will, muss man sich mit den Augen der anderen sehen lernen. Ein Christ lernt über sein Christentum gerade dadurch besonders viel, dass er die verschiedenen Varianten des Christentums bedenkt und dass er die anderen Religionen in seine Gedanken- und Glaubenswelt hineinholt.

    Manche haben vor dem Fremden und Anderen Angst. Sie schaffen es nicht, sich offen zu halten. Sie igeln sich ein, sie panzern sich, sie stoßen alles weg, was sie herausfordert … Eine solche Angsthaltung spüre ich in Habibs pauschaler, aus Unterstellung bestehender Ablehnung von Radhans Darstellung der Position der Liberalen Muslime. Glatte Diskussionsverweigerung.

    Auch das ist nicht verboten. Wer so viel Angst hat, dass er sich nicht einlassen kann auf andere Sichtweisen, wird so reagieren müssen. Wir kennen das ja auch von unseren Islamfeinden. Auch die können sich nicht auf den Islam, den sie „kritisieren“, einlassen. Sie können und wollen ihn nur ablehnen, total und pauschal und bedingungslos. (Natürlich gibt es da auch Ausnahmen und Grenzfälle.)

    Eine Schwierigkeit der Debatte zwischen Güvercin und Radhan wird darin liegen, dass sie von den Islamfeinden missbraucht wird. Die werden den Versuch machen, die liberale Seite dadurch zu de-legitimieren, dass sie sich auf ihre Seite schlagen. Das sind die falschen Freunde. Lamya Kaddor und Radhan wissen das und werden sich zu wehren wissen.

    Wer den Islam, wie ihn liberal-religiöse Menschen mit Sinn für Pluralismus leben wollen, unterstützen will, muss den Islam insgesamt als die wunderbare Religion erkennen, die er tatsächlich ist.

  8. Couperinist sagt:

    Leuten wie dem Herrn Brux oder auch dem Herrn Habib liegen die Muslime vor allem als Abstractum zu Herzen, als Gruppe, „Community“, als deren Patron sie sich dann hinstellen können.
    Die Einzelnen, die evtl. gar nicht viel mit ihrer Kollektividentität „Muslim“ anfangen können, sind daher eher uniteressant, bisweilen sogar lästig. Man denke an das Gift-und-Galle-Spucken, wenn es um Necla Kelek, Güner Balc, oder Seyran Ates geht. Letztere wird sogar bedroht. Die wollen sich einfach nicht „einordnen“, das ist ihr Problem.

  9. Leo Brux sagt:

    Couperinist,
    verstehen sich Kelek, Balci und Ates als gläubige Muslime?
    Glauben Sie, dass Kelek oder Balci „liberale Muslime“ sind? Meines Wissens sind sie Agnostiker.
    Als liberal-religiöser Mensch reagiere ich auf deren politische Attacken und kulturelle Ausgrenzungsversuche gegenüber einer Religion politisch.

    Wie schließen Sie aus meinem Text darauf, dass mir (wie Habib?!) die Muslime vor allem als Abstractum am Herzen liegen? Der Text zeigt doch das Gegenteil, nicht wahr?

    Bei mir kommen – wenn Sie nochmal lesen, merken Sie es vielleicht – auch die Muslime vor, die sich keiner Gruppe zurechnen. Schon im 1. Absatz.

  10. Couperinist sagt:

    Hier wird es interessant. Seyran Ates bspw. sieht sich durchaus als Muslimin, recherchieren Sie nochmal. Und nun ? Ist sie es nicht ? Hat das jemand zu bestimmen ?

    Kommt einem ziemlich bekannt vor, diese Vorstellung von Zwangssolidarität, bei der jedes Abweichen als „Attacke“ eingestuft wird. „Reih dich ein in die…“ Ordne dich ein, komm ins Glied. Weil du auch ein… bist… usw. usf. Den Schiet, Herr Brux, ist die Welt seit gut 20 Jahren los. Sehnsucht ?

    Ich muss gestehen, ich nehme Ihnen Ihr Einstehen für den freien Einzelnen nicht so ganz ab.
    Warum glauben Sie denn, dass die Menschen Sie als Beschützer „gegen die Islamfeinde“ brauchen ? Jeder ist für sich selbst verantwortlich und kann sich selbst behaupten und für seine persönlichen Freiheitsrechte einstehen.
    Habib und Radhan und Necla Kelek sind in erster Linie freie Bürger und keine Mündel irgendwelcher Gruppenhäuptlinge.


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