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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Die Typisch Deutschen

Gleiche Sprache – gleiche Regeln?

Strammgestanden und salutiert! Was macht die Bundeswehr eigentlich, um seine Soldaten auf die interkulturelle Begegnung innerhalb der Kaserne und in den Krisengebieten im Ausland vorzubereiten?

VONGözde Böcü

 Gleiche Sprache – gleiche Regeln?
Kam mit sieben Jahren aus Istanbul nach Berlin. Absolvierte das Abitur mit 1,5 und studiert nun Soziologie und Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes engagiert sie sich seit Anfang des Jahres im Verein „Typisch Deutsch e.V.“. Nebenbei arbeitet sie als freie Journalistin, schreibt regelmäßig für das turko-deutsche Magazin „Merhaba“ und fotografiert leidenschaftlich gern (www.facebook.de/gozdebocu).

DATUM8. Juli 2011

KOMMENTARE1

RESSORTAktuell, Meinung

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Wie gliedern sich Neu-Deutsche in die Bundeswehr ein? Keine Ahnung? So ging es auch mir, als ich als typisch deutsches Mitglied im Zuge der politischen Bildung der Bundeswehr am Seminar „Dimension Kulturen“ teilnahm.

Diese Gruppe von 24 Soldaten der Blücher-Kaserne saß nun auch völlig ahnungslos, genauso wie wir drei Mitglieder von Typisch Deutsch e.V., vor dem Hauptmann, der ihnen nun etwas über fremde Kulturen und Vielfalt erzählen sollte. Zudem war ein Zivilist in Schlips und Kragen, als zweiter Kursleiter vor Ort. Den Soldaten wurden viele Einblicke in verschiedene Kulturkreise der Welt geboten und spielerisch nahe gebracht. In einem Quiz, das viele Themenfelder wie Wirtschaft oder Geschichte des Raumes abfragte, schulten und prüften die Soldaten ihr Wissen über den Nahen Osten oder Afrika. Dass wir am Ende händchenhaltend und mit Jenga-Steinen spielend den interkulturellen Prozess zwischen Volksgruppen nachempfinden sollten, kam, so glaube ich, niemandem in den Sinn.

Aber unglaublich belehrend war eben dieses Jenga-Spiel: In diesem wird mit vielen rechteckigen Steinen ein Turm gebaut, aus dem dann möglichst vorsichtig einer dieser Steine aus dem Turm rausgezogen werden muss, um ihn dann wieder oben abzusetzen. Die Teilnehmer wussten das und empfanden es zunächst als besonders einfach, denn dieses Spiel kannten sie bereits. Es wurden acht Teams an vier Tische verteilt. An jedem Tisch befanden sich zwei Teams, die gegeneinander spielten. Jedem Tisch wurden zu Beginn Spielregeln ausgeteilt. Nach einer gewissen Zeit wechselten die Teams ihren Tisch, um gegen eine neue Gruppe anzutreten.

Nur mit einer Sache hatten wir nicht gerechnet. Das Spiel, an dem auch wir teilnahmen, hatte nämlich eine äußerst wichtige Restriktion: Es durfte kein Wort gesprochen werden – weder im eigenen Team noch mit den Gegnern. Immer noch dachten wir, dass das Spiel leicht werden würde, weil wir glaubten, auf Sprache verzichten zu können.

Zum Schluss mussten wir aber feststellen, dass jeder Spieltisch seine eigenen Regeln ausgeteilt bekommen hatte. Und daher an jedem dieser vier Spieltische die Regeln neu verhandelt werden mussten. Wir wussten nämlich nicht, dass jeder Tisch andere Spielregeln von den Kursleitern bekommen hatte.

Interessant, dass auch unsere Gesellschaft nicht ohne Regeln auskommt. Aber noch interessanter ist zu sehen, was Menschen tun, wenn sie ihre Sprache verlieren und wenn dann plötzlich Mimik und Körpersprache an Bedeutung gewinnen. Eine gemeinsame Feststellung war sowohl uns, den Besuchern von Typisch Deutsch e.V., als auch den Bundeswehrsoldaten verschiedenen Ranges klar: Die enorme Wichtigkeit einer gemeinsamen Sprache und das damit verbundene Bewusstsein, dass Sprache viel wichtiger ist, als die Zuordnung zu bestimmten Gruppen.

Erst nach Beendigung des Spiels wurde uns allen bitterlich bewusst, ohne Sprache und klare Regeln, geht gar nichts – nirgendwo! Wir realisierten in diesem Moment aber, dass es uns hier in Deutschland nicht an der Sprache, sondern an der richtigen Kommunikation fehlt. In unserer Gesellschaft und vor allem den etlichen Migrations- und Integrationsdebatten scheinen viele immer noch nicht verstanden zu haben, worum es geht.

Das Spiel hat uns allen gezeigt, dass man nicht nur die gleiche Sprache, im Sinne der Linguistik, sprechen, sondern miteinander kommunizieren sollte. Wir sind dabei, uns zu verlieren! Wir vergessen nämlich schlicht und einfach, dass wir in der vorteilhaften Situation sind, alle deutsch zu sprechen. Uns steht somit die Möglichkeit offen, gemeinsame Regeln zu formulieren und damit den Weg in eine inkludierende Gesellschaft einzuschlagen.

Hier in Deutschland befinden wir uns nicht im Gefecht – wir müssen uns nicht um den nächsten Tag sorgen und uns fragen, ob wir heute überleben werden. Wir, hier in der Heimat, haben es deutlich einfacher, als die Soldaten der Bundeswehr im Auslandseinsatz. Aus diesem Seminar lernen diese nämlich, wie sie in Krisengebieten mit den verschiedensten Kulturen auskommen können.

Uns Zivilisten wurde noch einmal deutlich, dass eine Verständigung auf gemeinsame Werte, einer gemeinsamen Heimat über Respekt, Akzeptanz, der alten und der neuen Werte unserer Gesellschaft, dabei unabdinglich ist. Denn nur ein gemeinsamer Dialog mit den Menschen, die diese Heimat mitgestalten wollen, kann einen richtigen Weg formen.

Die Bundeswehr öffnet sich als Institution schon seit vielen Jahren für eine aktive Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und übt sich somit in der interkulturellen Kommunikation. Wir, hier in Deutschland, diskutieren aber schon seit Ewigkeiten über die Menschen, die sich „integrieren“ müssen, ohne dabei endlich einen gemeinsamen Weg für Neudeutsche und Altdeutsche zu begehen. Das muss geändert werden.

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Ein Kommentar
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  1. Fikret sagt:

    Die typisch Deutschen, die gibt es nicht.



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