Buchtipp zum Wochenende

Entgleiste Aufklärer – Die Panikmacher von Patrick Bahners

Patrick Bahners hat uns ein kluges, überfälliges Buch geliefert, das die irrationalen Auswüchse der Islamkritik gut dokumentiert. Das Beste am Buch ist aber, dass Bahners den zutiefst intoleranten und zensorischen Charakter der Islamkritik aufzeigt. Eine Rezension von Sabine Beppler-Spahl

Von Freitag, 08.07.2011, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 11.07.2011, 0:53 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Sie verstehen sich als Aufklärer und kritisieren den Islam. Zu ihnen gehören so unterschiedliche Personen wie die Publizisten Necla Kelek und Henryk Broder, die Feministin Alice Schwarzer, der Schriftsteller Ralph Giordano, aber auch klassische „Vaterlandsliebende“ Immigrationskritiker wie der CDU Politiker Hans-Jürgen Irmer oder ehemalige Spitzenbeamte wie Thilo Sarrazin. Ihnen ist gemein, dass sie in der islamischen Religion eine der größten Bedrohungen unserer Zeit sehen. Außerdem haben sie alle ihren Platz in der brillanten Streitschrift von Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam.

Patrick Bahners, seit 2001 Feuilletonchef der F.A.Z., nimmt einige der gut gepflegten Mythen der Islamkritik gründlich unter die Lupe. Da ist die Frage, wieso diese Gruppe das Image einer vom politischen „Mainstream“ geächteten Minderheit für sich beansprucht – obwohl ihre Protagonisten als Talkshowgäste unsere Abendprogramme füllen.

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Thilo Sarrazin z.B., dem die seltene Ehre einer Vorveröffentlichung seines Buchs Deutschland schafft sich ab in den meistgelesenen Publikationen der Republik zuteilwurde, stilisiert sich in der Kontroverse als Opfer der politischen Klasse. Wie ein Drehbuch spielt sich die „Causa Sarrazin“ bei Patrick Bahners noch einmal ab: Ein hoher Beamter, der seinen Arbeitgeber durch wiederholte Missachtung von Absprachen zur Weißglut bringt und es auf Provokation anlegt, ein Bundespräsident, der sich weit aus dem Fenster lehnt, und schließlich eine Kanzlerin, die glaubt, sich der Debatte mit einer knappen Bemerkung entledigen zu können.

Die Art und Weise wie sich der Skandal ausweiten konnte, zeigt, mit wie viel Nervosität und Zwiespalt die Politik auf das Thema Immigration reagiert. Die Opferrolle Sarrazins ist ebenso schizophren wie die offizielle Reaktion: Nachdem er zunächst vor allem wegen seiner eugenischen Statements als böser Bube abgekanzelt wurde, beeilten sich immer mehr Politiker– von Merkel bis Gabriel – ihm, was die Immigration betrifft, recht zu geben. Unter dem Vorwand, die Menschen in Deutschland ernst nehmen zu wollen, ließ die Politik Vorurteile weiter wuchern, so Bahners. Sie „beteiligte sich am Aufwiegeln, um abzuwiegeln, aus Angst vor der Angst“ (S. 45).

Wenn es Sarrazin also gelang, den Rahmen der Integrationsdebatte zu bestimmen, dann auch, weil das Thema Immigration durch die etablierten Parteien selten konstruktiv aufgegriffen wird. „Integrationspolitischer Parteienstreit“, so Bahners, „erschöpft sich meist im ermüdenden Ritual der polemischen Vergangenheitsbewältigung“. Gelegentlich sei vor Wahlen geäußert worden, die Ausländerpolitik eigne sich nicht als Wahlkampfthema – obwohl in einer Demokratie alles zur Diskussion und Abstimmung gestellt werden müsse. Die Forderung, etwas nicht anzusprechen, sei ohnehin ein Widerspruch in sich (S. 33). Ja, die Idee, dass bestimmte Gedanken nicht ausgesprochen werden dürfen, weil sie Sensibilitäten verletzen könnten, ist autoritär und undemokratisch. Doch die Vorstellung, in der sogenannten Tabuverletzung der Islamkritik läge ein fortschrittlicher, aufklärerischer Wert, ist denkbar simpel.

Es ist wahrlich eine traurige, seichte „Aufklärung“, die sich allein aus ihrer anti-islamischen Rhetorik speist. Wo verläuft die Trennlinie zwischen dieser Form der Aufklärung und einer simplen Aufstachelung von Affekten? Die Mobilisierung gegen eine Minderheitenreligion braucht, um sich aufklärerisch zu geben, einen breiteren, größeren, moralischen Rahmen. Diesen finde sie, laut Bahners, in der Sprachkritik. Unter dem „Feldzeichen“ der Kritik an der „politischen Korrektheit“ „sammeln sich heute alle, die das politische System und die damit verbundenen Institutionen für eine Verschwörung der Herrschenden halten“ (S. 35).

Das Buch zeigt, welch schräge Vögel es sind, die hier unheilige Bündnisse eingehen. Da ist z.B. der ehemalige FAZ-Redakteur und „Geheimdienstspezialist“ Udo Ulfkotte mit seiner Organisation „Pax Europa“. Da sind aber auch alt-linke Religionskritiker wie Johannes Kandel von der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Islamwissenschaftler und Buchautor Hans-Peter Raddatz. Sie veranstalten Foren und veröffentlichen Artikel oder Bücher mit Titeln wie: „Der Siegeszug des Islam geht über die Kreissäle“ oder „Der Tsunami der Islamisierung“. Sie warnen vor einer zunehmenden Islamisierung der bei uns lebenden Muslime. Das klingt nicht nach tiefschürfender Analyse, ist aber eine einfache Art, sich als Vorkämpfer für Wahrheit und Freiheit darzustellen – für Werte also, die in Europa zur Zeit tatsächlich unter Druck kommen. Wie viel leichter ist es, ein solch einfaches schwarz-weiß Bild zu vertreten, das im Islam die größte Bedrohung sieht, als sich Gedanken über die wirklichen Ursprünge der aufklärungsfeindlichen Rückwärtsgewandtheit unserer Zeit zu machen.

Auch Necla Kelek, die als Kronzeugin gegen den Islam auftritt und wegen ihrer Erfahrungsberichte als besonders authentisch gilt, wird im Buch viel Raum eingeräumt. So erfährt man, dass ihre Promotionsarbeit ganz andere Aussagen machte, als ihre späteren Bestseller. Bahners Erklärungen für Keleks Sinneswandel– er begründet sie psychologisch als Abrechnung mit dem kemalistischen Vater – mögen zutreffen oder nicht. Wichtig ist der Hinweis, dass bei uns die mediale Heldenverehrung des Leidens besonders ausgeprägt ist. Wie bei der Islamkritikerin Ayaan Hirsi werden die eigenen Erlebnisse zum wichtigsten Beweis der Anklage. „Der Opferstatus garantiert die Wahrheit der Kritik“, so Bahners (S. 155). Das größte Idol der „reinen, inkorrekten, hässlichen Wahrheit“ (S. 62) in den Schattenboxclubs der Islamgegner sei jedoch der Autor, Henryk M. Broder, der mit dem Satz zitiert wird: „Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche – und Intoleranz für ein Gebot der Stunde“ (S. 76).

Patrick Bahners hat uns ein kluges, überfälliges Buch geliefert, das die irrationalen Auswüchse der Islamkritik gut dokumentiert – von den Muslimtests in Baden-Württemberg, den aus der Luft gegriffenen Statistiken eines Heinz Buschkowsky bis hin zu den Falschmeldungen über Ehrenmordprozesse, die unsere Gerichte in die Nähe der Scharia verorten. Die Rolle der Religion in einem säkularen Staat ist ein Thema, das uns noch beschäftigen wird, ebenso die Frage, wie mit Kopftuch tragenden Lehrerinnen verfahren werden soll. Das Beste am Buch ist aber, dass Bahners den zutiefst intoleranten und zensorischen Charakter der Islamkritik aufzeigt. Hier sind keine Aufklärer am Werk, sondern moderne Eiferer. Sie würden lieber heute als morgen den Grundsatz der Religionsfreiheit für Muslime aufheben. Ein Grundsatz, der einst Kernpunkt der wirklichen Aufklärung war. Um die von ihnen beschworene Überflutung Deutschlands durch „Barbaren“ zu stoppen, gehen sie über den Geist des liberalen Rechtsstaats hinweg.

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MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)

  1. Zeitzeuge sagt:

    Kampf um die Meinungshoheit

    Pattrik Bahners Kritik an der Kritik ist meiner Meinung nach größtenteils unberechtigt und führt letztlich nur weiter dazu das sich viele Muslime in der Opferrolle gefallen ,anstatt sich mit dem Thema auseinanderzusetzen!

    Es geht nur vordergründig um die Sache selbst ,tatsächlich geht es aber um die Meinungshoheit in diesem Lande !

    In diesem Sinne

  2. Lutheros sagt:

    Es gibt also nichts, was man am Islam kritisieren kann? oder darf?
    Auf welches Argument der Kritiker wird bisher eingegangen?

    Es wird immer versucht, ein Bild von in Deutschland unterdrückten Muslime zu zeichnen. Einschränkung der Religionsfreiheit – unter dieser Verurteilung läuft keine Replik auf Kritik.
    Welcher Muslim kann in Deutschland seine Religion nicht ausüben? Der möge bitte aufstehen und sich zeigen. Das Gegenteil ist die Wahrheit: In Deutschland werden so viele islamische Strömungen gelebt wie in keinem der „islamischen“ Länder. Dieses Land ermöglicht mehr Islam als Arabien zusammen.

    Statt einer kritischen Auseinandersetzung mit den konfliktbeladenen Ausprägungen des Islam wird der Kritik am Islam die Verdummung in Form von „Islam heißt Frieden“ entgegengesetzt. Der Islam muss sich wie jede andere Religion und Lebensform der Auseinandersetzung stellen.

    Kein Islamkritiker stellt die freie Ausübung der Religion in Frage. Aber Muslime verkennen, dass Islam mehr ist als Religion: Es ist auch eine Gesellschaftsordnung, die das Leben der Nichts-Muslime mit regelt. Schon die Tatsache, dass sich Staaten nach den Regeln einer Religion aufbauen und Recht und UNrecht allein nach religösen Vorgaben definieren, zeigt die Ausprägungen, die Islam haben kann. Sich dagegen zu wehren, dies zu kritisieren und abzulehnen ist nicht nur gutes Recht, sondern Verteidigung einer bestehenden Gesellschaftsordnung

    Wenn der Imam im Freitagsgebet vor den Christen warnt, wenn er über die verachtenswerten lebensweisen der Nicht-Muslime vorträgt, geht er über die Religionsfreiheit hinaus und regelt das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen nach einer Auslegung des Korans. Wenn Muslime nur Muslime heiraten, wenn taxifahrende Muslime die Fahrt eines Homosexuellen Paares ablehnen, dann ist das alles durchaus regelkonform mit dem Koran. So kann das Zusammenleben aber nicht funktionieren.
    Man kann sich diesen Kritikpunkten stellen und eine geeignete Auslegung des KOrans suchen. Man kann aber auch einfach nur Opfer spielen.

  3. MoBo sagt:

    @ lutheros: Man kann aber auch Islam kritisieren oder Hass gegen Muslime schüren. Das sind zwei verschiedene Sachen. Ihre Argumentation z.B. schlingert ein bisschen zwischen beidem, aber sie haben recht, eine sachliche Kritik wäre möglich. Nur geht es in dem Buch ja um die unsachliche, verallgemeinernde, Muslimkritik (nicht Islamkritik).

    Wenn wir diese Kritik auch noch in einen gesellschaftlichen Kontext stellen – Bildungs- und Medieneliten wie Kelek oder Broder oder Sarrazin verbreiten Vorurteile über Mitbürger muslimischen Glaubens die dann zu allgemeiner Ablehnung von diesen Menschen führt, dann ist dies etwas anderes als einzelne Koransuren zu diskutieren oder über die Innenpolitik Saudi Arabiens zu sprechen (letztere hat im übrigen nichts mit den Muslimen in Deutschland zu tun).

  4. hannibal sagt:

    @MoBo

    Wer sagt eigentlich, das es immer „Vorurteile“ sind? Schon mal daran gedacht, das sich diese Leute diese Dinge nicht aus den Fingern saugen, sondern das es sich um (auch eigene, oder aus Studien stammende) Erkenntnisse handeln könnte ?

  5. Oleg sagt:

    Eine von Bahners Aussagen bezeichnet es als unzumutbare Forderung, daß ein gläubiger Moslem die weltlichen Gebote über die religiösen Gebote stellen soll.
    Muß man das überhaupt noch kommentieren?

  6. Leo Brux sagt:

    Ich hab das Buch von Bahners gelesen – es ist der beste Text, den man über Sarrazin finden kann.

    Wer religiös ist, wird immer die Forderungen seines Glaubens über die weltlichen Gesetze stellen. Das ist in der Regel kein Problem, weil sich weltliche Gesetze und religiöse Forderungen selbst dann nicht beißen, wenn sie gegensätzlich sind. Nehmen wir die katholische Position zur Abtreibung. Ich kann als katholischer Christ Abtreibung für eine Todsünde halten – und trotzdem loyal zu diesem Staat stehen, der die Abtreibung erlaubt. Warum kann ich das? Weil ich trenne zwischen Religion und Staat/Politik. Was als gesamtgesellschaftlich gültig betrachtet wird, ist das Resultat des Willens ALLER Bürger; ich kann und will den Bürgern nicht meinen Glauben aufzwingen. Der Katholik wird also für seine Auffassung der Abtreibung werben, auch politisch, aber er wird das demokratische Ergebnis respektieren. Gleichzeitig hält er es für falsch und bleibt persönlich und als Teil seiner Religionsgemeinschaft dabei, dass Abtreibung grundsätzlich abzulehnen ist.

    So ist diese eine Stelle bei Bahners zu verstehen, Oleg.

    (PS: Ich selbst bin pro Abtreibung. Ich sage das für den Fall, dass jemand meine Argumentation auf mich persönlich beziehen sollte.)

  7. Pingback: Patrick Bahners: “Was soll der ganze Lärm?” – Islamdebatte | Migration und Integration in Deutschland | MiGAZIN