MiGAZIN

Das Fachmagazin für Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Im Tal der Wölfe

Ich bin sehr enttäuscht. Wirklich sehr.

Der angekündigte Kinostart von „Tal der Wölfe Palästina“ am Gedenktag des Holocaust hat für viel Aufregung in der Öffentlichkeit gesorgt, die Nichtfreigabe des Streifens seitens der FSK – zwar kaum beachtet – ebenfalls. Der Film spielt dabei kaum mehr als eine Nebenrolle.

Der Kinofilm „Tal der Wölfe Palästina“ hat im ersten Moment nicht das geringste mit der Integration der in Deutschland lebenden Menschen zu tun. Es ist eine rein türkische Produktion aus der Türkei im typischen Hollywood Manier. Wenn aber gefordert wird, dass es verboten wird, erlangt es eine andere Dimension, eine integrationspolitische Bedeutung. Auf den Inhalt des Streifens, kommt es dann nicht einmal mehr an.

Denn gemessen wird nur noch nach der Messlatte, die zuvor angesetzt wurde. Die Mohammed Karikaturen und die anschließende Auszeichnung des Karikaturisten von Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich oder das Theaterstück „Idomeneo“, in der der Prophet Mohammed geköpft wurde, sind nur zwei Beispiele, in denen die Fahne der Meinungs- und Kunstfreiheit hochgehalten wurde. Integrationspolitisch zu hoch, wenn nun das Verbot von „Tal der Wölfe Palästina“ gefordert wird.

Die Leserkommentare vieler MiGAZIN Leser nach der Nichtfreigabe des Films seitens der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) sprechen für sich. Das Verbot bestärke die Muslime nur darin, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird, meint beispielsweise bogo70. Sie wird bestätigt von Farukkk, der sich über die „doppelmoral der Deutschen“ beschwert und wissen will, was denn nun Freiheit bedeute und ob er als Muslim auch Freiheiten habe. Ein DeutscherMitMigrationshintergrund fordert: „Lasst den Film laufen! Im Gegenzug können wieder 15 weitere islamfeindliche Filme ausgestrahlt werden. Wir sind es schliesslich gewohnt und lassen allen anderen ihren Spaß.“ Und Durgud meint: „den migranten wird doch nur wieder gezeigt, auf euch trifft das recht der meinungsfreiheit nicht zu. für uns schon. Ich bin sehr enttäuscht. wirklich sehr.“

Bezeichnend ist, dass sich kein einziger darüber aufregt, dass er den Film nicht sehen kann. Ihre Aufregung bezieht sich im Grunde auch nicht auf den Verbot des Films. Nein, die Aufregung entspringt einzig und allein dem Gefühl, nicht gleich behandelt worden zu sein. Sie fühlen sich belogen und betrogen weil die Messlatte der Meinungs- Kunstfreiheit doch nicht so hoch zu hängen scheint, wie man es ihnen nahelegen wollte, als sie sich gekränkt und verletzt fühlten und ihre Sensibilitäten betroffen waren. Sie sind verärgert weil sie der Meinung sind, dass die Fahne der Meinungs- und Kunstfreiheit – je nachdem – gewedelt wird. Und da kommt man an einen Punkt, wo deutlich wird, dass Deutschland nicht in der Lage ist, integrationspolitisches Fingerspitzengefühl zu zeigen. Nicht wegen den Wölfen im Tal, sondern wegen der Fahne, die zuvor noch ein unbeschreiblich hohes Gut zu sein schien.

Mit fatal Folgen: Denn Integration ist mehr als Bildung, Sprache oder der deutsche Pass. Integration ist auch ein Gefühl, dass einem sagt, ob man willkommen ist, respektiert und als gleichberechtigtes Mitglied akzeptiert wird – mit allen Rechten und Pflichten! Spürt man das nicht, wird es schwierig, Heimatgefühle zu entwickeln, auf der dann alles andere erlernt und erlangt werden könnte.

Integration ist auch Selbstbewusstsein, ohne die man nicht teilhaben kann. Und auf diesem trampelt man herum, wenn einem signalisiert wird, dass auf seine Meinung, kein Wert gelegt wird.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Anzeige

35 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Bülent Bayraktar sagt:

    Cem Özdemir, der stets mehr Meinungsfreiheit in der Türkei fordert, schreibt, nach der Frage nach seiner Haltung zur „FSK-Zensur“ auf seiner Facebook-Seite (http://www.facebook.com/Cem):
    “ Ich mag grundsätzlich keine Filme, die gegen andere Religionen oder Völker hetzen. Egal ob es Juden, Muslime oder Christen sind oder das Land Israel, die USA oder die Türkei heißt – wer auch immer. Wer den Film gut findet, der sollte bei der Debatte um das Sarrazin-Buch dann besser den Mund halten, wenn der von quasi angeborenen Eigenschaften bei Muslimen spricht. Da gilt der alte Spruch: Ein Hase sollte den anderen nicht daran erinnern, dass er lange Ohren hat. Ich mochte schon den anderen Tal der Wölfe Film über den Irak nicht und habe darüber ja auch einen Artikel in Spiegel Online geschrieben. Der war ein genauso bescheuertes Werk des Hasses und Rache. Beides Dinge, die mir meine Eltern Gott sei Dank nicht beigebracht haben. Meine Eltern sprachen lieber von Yunus Emre, Haci Bektas und Mevlana. Dieser Film ist eine Beleidigung für alle positiven Traditionen Anatoliens. Er zeigt vor allem, Ultranationalismus und Fanatismus ist nicht auf ein Volk oder eine Religion beschränkt. Jeder kehre vor seiner eigenen Haustüre.
    Herzliche Grüße
    Cem Özdemir“

    Es geht nicht darum, ob man den Film gut findet oder nicht. Es geht um den Verbot.

    Jedoch wird man bei seiner nächsten Forderung nach mehr Meinungsfreiheit in der Türkei, genau diesen Sachverhalt vorwerfen und sagen „Jeder kehre vor seiner eigenen Haustüre.“ Deutschland ist nicht mehr glaubwürdig, wenn man mit zweierlei Maß misst.

  2. MüllerSchorsch sagt:

    Die FSK ist ein Organ der privaten Filmwirtschaft. Was bitte hat die Bundesrepublik Deutschland mit der Entscheidung dieser Unternehmen den Film (vorerst!) nicht auszustrahlen zu tun?

  3. Sonata sagt:

    Eine, wie oben angenommen Reaktion auf den Film ist einfach nur kindlich und reflexhaft. Der Film und sein Verbot ist nicht vergleichbar mit dem Mohammedkarrikaturen. Warum? In dem Film wird gegen reale Menschen gehetzt und Gewalt verherrlicht. Er ist Antisemitismus pur. Das wissen die Macher wie auch die künstlichen Akteure, die sich um ihre antisemitische Grundhaltung betrogen fühlen. Der Film wurde zurecht von der FSK eingeschränkt.

    Karrikaturen über Mohammed betreffen dagegen eine Märchenfigur, eine Phantasiegestalt. Sie existiert nicht real, ist nur Einbildung. In Deutschland gibt es nun mal keinen staatlichen Schutz für Phantasiewesen. Solche Phantasiewesen sind auch nicht Schützenswert, man stelle sich nur vor, wenn jeder auf diese Idee kommen würde.

    Dieser Unterschied scheint hier von vielen Postern einfach nicht klar zu sein. Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, ja der Papst existiert tatsächlich als lebender Mensch. Deshalb darf man auch gegen diesen nicht einfach hetzen.

  4. Dybth sagt:

    ..Verantwortungslos die Macher, Heuchler die Kritiker

  5. Dybth sagt:

    Sonata, fuer mich sind Sie auch ein Phantasiewesen. Ich kann zwar Ihr Geschriebenes sehen, aber Ich weiss nicht, ob Sie real existieren. Daher ist Hetzen gegen Sie wohl erlaubt? Sorry, aber auf soviel Bloedsinn wie in Ihrem obigen Kommentar muss man erstmal kommen. Wenn man gegen eine Religion hetzt, hetzt man grundsaetzlich auch gegen deren Anhaenger. Um das zu sehen, brauchen Sie heutzutage nur Ihre Augen aufzusperren.

    Und wenn Sie einen bloeden Film, der gegen einige Menschen in Israel (Regieriung, Armee) gerichtet ist, als ‚Antisemitismus pur‘ bezeichnen, dann muesste man ja ebenso antisemitisch gegen Semiten wie Albert Einstein, Noah Chomsky, Uri Avnery etc. eingestellt sein. Das ist nicht nur laecherlich, sondern auch absurd.

    Um Missverstaendnissen vorzubeugen: Ich halte von dem Film nichts. Ich halte von solchen gewaltverherrlichenden Filmen grundsaetzlich nichts. Aber ich frage mich, ob Sie sich ein einziges Mal dagegen aufgelehnt haben, als Vietnames, Russen und/oder Araber in den Hollywood-Streifen von American-Machos a la Stallone, Schwarzenegger, Chuck Norris niedergemetzelt wurden.

    Wie ich schon sagte: Verantwortungslos die Macher, Heuchler die Kritiker.

  6. Karl Willemsen sagt:

    Liebe Tal-der-Wölfe-Freunde,

    ihr könnt euch euren Lieblingsfilm anschauen so oft ihr wollt, spätestens sobald dieser im DVD-Handel erhältlich sein wird! Einzige Einschränkung: (vermutlich) frei ab 16 o. 18 Jahren.

    Wann der Film im Handel erhältlich sein wird, entscheidet einzig & allein die Produktionsfirma – deutsche staatl. Behörden haben damit rein garnix zu tun!

    Wie in der Filmbranche üblich, wollte euch die Produktionsfirma erstmal an der Kinokasse abkassieren, bevor der Streifen dann als DVD erscheint. Bedauerlicherweise hat sich der Verband der Kinobetreiber aber jetzt scheinbar dagegen ausgesprochen, wie er das zB. auch bei 99,99% aller Porno-Schundwerke tut, da Meinungs- und Kunstfreiheit eben NICHT bedeutet, dass jeder zB. Porno- oder Gewaltmüll in allen Kinos vorgehalten werden MUSS!

    Aber grundsätzlich spricht nichts dagegen den Film auch öffentlich (frei ab 18) aufzuführen, wie wärs zB. in einer Moschee? 😉 …aber bitte nicht wundern, wenn die Moscheebetreiber den auch nicht zeigen wollen 🙂

    PS: von mir aus könnte/sollte der Streifen sogar im ö.r. Fernsehen gesendet werden.

  7. Mr. Nooo sagt:

    Was mich an dieser Thematik besonders freut, ist, dass ein Medium wie Migazin kontroverse Standpunkte präsentiert http://www.migazin.de/2011/01/26/tal-der-wolfe-palastina/ obwohl hier der Chefredakteur anderer Meinung ist.

    Ein Medium, an der Türken, Italiener, Russen, Araber und viele andere Migranten mitwirken!!! Das zeigt mir, dass wir viel weiter sind als man uns Migranten zutraut. Ich bin überzeugt, dass das auch in Bezug auf den Holocaust gilt.

    Gratuliere! Weiter so!

  8. Manfred O. sagt:

    @ Ekrem Senol

    Sie,Herr Senol, wissen ganz genau, WARUM die FSK mit diesem Machwerk Probleme hat:

    Wie schon in einem Artikel des SPIEGEL treffend bemerkt wird:

    Zitat
    „Tal der Wölfe – Palästina“ soll die Rachegelüste der Türken befriedigen – und provoziert mit antisemitischen Untertönen.
    Zitat Ende
    http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,729243,00.html

    Gehen Sie doch einmal, wenn der Film in die deutschen Kinos kommt (und das wird er sicherlich) in eine gutbesuchte Vorstellung mit, na sagen wir mal 16 – 25 jährigen Publikum mit dem berühmt berüchtigten „türkischen Miogrationshintergrund“, und achten Sie auf die (sicher recht lauten) Beifallsbekundungen.

    Was dieser Film darstellt ist genau das, was in der GAZETA SAKARIA (Quelle ist obiger Spiegel Artikel) steht:

    „Natürlich werden sich die Kinokassen füllen“, schreibt etwa die Tageszeitung „Gazete Sakarya“. „Das ist Kino als Mittel zur kollektiven Befriedigung, das ist virtuelle Masturbation.“

    Genaus das. Virtuelle Masturbation, Befriedigung eines imensen Minderwertigkeitskomplexes , der letztlich (zusammen mit der Religion/politischen Ideologie ISLAM) für fast alle Integrationsprobleme mit dieser Bevölkerungsgruppe verantwortlich ist, der man über Jahrzehnte den stolz geschwollenen- türkischen Nationalismus „ins Hirn getreten“ hat.

  9. Dybth sagt:

    @Karl Willemsen,

    obwohl Sie der deutschen Sprache maechtig zu sein scheinen, ist es dennoch traurig zu sehen, dass Sie nicht verstanden haben, worum es hier eigentlich geht.

    Gruss.

    Dybth

  10. Dybth sagt:

    @Manfred,

    ich habe mir vor Jahen in den USA einen Film angeschaut, wo die Araber reihenweise niedergemetzelt wurden. Erwachsene Menschen sind aufgestanden, haben geklatscht und „Screw the Towelheads“ geschrien.
    Ich muss gestehen, dass ich froh war, dass im Kino keine orientalisch-aussehenden Zuschauer waren.

    Beurteilen Sie alle gewaltverherrlichenden Filme so, oder sind Sie selektiv, welche Nationalitaet/Ethnie massakriert wird?

    Ich sage es nun zum dritten mal: Verantwortunglos die Macher, Heuchler die Kritiker.

    Gruss,

    Dybth


Seite 1/41234»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...