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Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) über die doppelte Staatsbürgerschaft, Neujahrsempfang am 17. Januar 2010

Islam und Schulalltag

Signale gegen Frust und Unverständnis

Was Pädagogen tun können , um Konflikten mit muslimischen Schülern und Eltern vor zubeugen?

VONDr. Jochen Müller

Dr. Jochen Müller ist Islamwissenschaftler und Mitbegründer des Vereins ufuq.de. Er berät Schulen und führt Projekte mit Jugendlichen und Schülern durch – unter anderem im Modellprojekt der bpb „Jugendkultur, Religion und Demokratie“.

DATUM11. März 2010

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Das „globalisierte Klassenzimmer“ stellt Lehrer vor besondere Herausforderungen – und kann vielfältige Anlässe für Konflikte geben. An diesen sind Lehrer manchmal beteiligt. Dabei stehen sie unter ständiger Beobachtung durch ihre Klasse: Tatsächliche oder vermeintliche Vorbehalte und Vorurteile gegenüber dem Islam werden gerade von muslimischen Schülern genau registriert – was zu entsprechenden ablehnenden Haltungen gegenüber einzelnen Lehrern und der Schule insgesamt führen kann. Wie können Schule, muslimische Schüler und deren Eltern zu einem angemessenen Umgang finden?

Im Gespräch klagen muslimische Schüler und ihre Eltern häufig über Lehrer und Schulleitungen: Diese seien Muslimen und dem Islam gegenüber kritisch oder gar feindselig eingestellt. So würden zum Beispiel muslimische Schülerinnen oft diskriminiert, wenn sie sich mit einem Kopftuch als Muslime zu erkennen geben. Viele Schüler geben an, dass Lehrer abfällige Bemerkungen über Religion, Herkunft oder Tradition äußerten, die bis zu offenem Rassismus gehen können. So berichtete mir eine Schülerin einer Berliner Realschule, wie ein Lehrer ihr erklärt habe, dass sie doch mit einer Drei in Deutsch zufrieden sein solle: „Für eine Türkin ist das doch gut!“

Konkrete Studien über das Ausmaß von Islamfeindlichkeit und Ressentiments gegenüber Muslimen, Türken oder Arabern speziell an Schulen gibt es nicht. Jedoch legen Untersuchungen und Umfragen in der Gesamtbevölkerung nahe, dass Unkenntnis, Stereotypen, Vorurteile bis hin zu offener Feindseligkeit gegenüber Islam und Muslimen in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet sind. So erklärten in einer Studie des Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer fast 40% der Befragten, sich „durch die vielen Muslime wie Fremde im eigenen Land“ zu fühlen. 67% der Befragten halten die „muslimische Kultur“ und deren Werte für unvereinbar mit der eigenen (Heitmeyer, Deutsche Zustände 2007). Vergleichbare Einstellungen dürften also auch in Schulen und Lehrerzimmern bekannt sein.

Ratlos im Schulalltag
Befördert werden diese durch den oft äußerst schwierigen Schulalltag, mit dem Lehrer gerade in sozialen Brennpunkten konfrontiert sind: Nicht selten werden hier Lehrer von einzelnen Schülern mit Migrationshintergrund in besonderer Weise herausgefordert, provoziert und „getestet“. Dies geschieht auch vor dem Hintergrund, dass einige dieser Kinder und Jugendlichen kaum über andere „deutsche“ Bezugspersonen verfügen. In der Ausbildung werden Pädagogen dagegen nur unzureichend auf solche Situationen vorbereitet. Wie man mit Klassen arbeiten kann, in denen die große Mehrheit der Schüler einen Migrationshintergrund hat, erfahren sie in der Lehrerausbildung höchstens am Rande.

Viele Lehrkräfte sind hier ratlos, was im Schulalltag zu Frustrationen und mitunter zu Projektionen und stereotypen Zuschreibungen führen kann: So kann sich bei Lehrern angesichts der vor allem in Brennpunktvierteln verbreiteten Probleme schnell der Eindruck einstellen, „muslimische Schüler“ seien gleichbedeutend mit „schlechten Schülern“. Auch auffälliges Verhalten, Probleme oder Konflikte werden – mitunter sogar in der Absicht, Verständnis zu zeigen – „kulturalisiert“, das heißt auf Herkunft, Tradition und Religion der Schüler zurückgeführt.

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Ein Kommentar
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  1. Loewe sagt:

    Der Artikel ist sachlich und „konstruktiv“. Er ist „staatstragend“ kritisch. Er knurrt, aber beißt nicht.

    Man könnte und müsste – auf der Basis eben der guten Information, die er liefert, unsere Bildungspolitik in die Pfanne hauen: Seit 40 Jahren wenigstens haben wir Migranten-Schüler in den Schulklassen – und immer noch gibt es
    keine umfassenden Vorschulmaßnahmen für Kinder aus bildungsfernen Familien,
    keine flächendeckende, konzeptionell reife Elternarbeit,
    keine sich den Problemen stellende Lehrerausbildung,
    und immer noch gibt es nicht die finanziellen Mittel, die nötig wären, um die zusätzlichen Aufgaben der Schulen angesichts des Migrantenanteils zu bewältigen.

    Vor allem: Für die Migranten unter den Schülern ist unser Leistungssystem eine Bildungskatastrophe: Wer von der 1. Klasse an „zu den Schlechten“ gehört, verliert früh die Lust am Lernen, die Bereitschaft, den Leistungswettbewerb unseres auf Selektion durch Noten getrimmten Schulsystems mitzumachen.

    Es ist das Versagen eines Landes, das seine eigentliche Stärke aus der Bildung seiner Bürger und der damit einhergehenden Qualität der Arbeit bezieht — oder bezogen hat.

    Wir Deutsche waren zu dumm, rechtzeitig zu erkennen, dass die Migranten bleiben würden – dass sie Einwanderer waren und was für Maßnahmen deshalb geboten gewesen wären, um sie erfolgreich zu integrieren.
    Eine Dummheit, die uns teuer zu stehen kommt. Und die offensichtlich noch weiter wirkt – man sehe sich die Rebellion der Elite-Eltern an, wenn es um die Schulreform geht … oder die feige Debatte, in der unsere Verantwortung auf die angeblich versagenden Migranten abgewälzt wird, damit man nur ja nichts strukturell ändern oder finanzielle Mittel für Integration investieren muss.

    So setzt sich der Fehler fort. Wird Deutschland in 30 Jahren der „Kranke Mann im Herzen Europas“ sein? Sozusagen verblödet aufgrund eines nicht hinreichend reformierbaren Bildungssystems?



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