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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Aktionsplan Ausbildung

Türkische Jugendliche in die Berufsausbildung

Mit einem „Aktionsplan Ausbildung“ will der Nordrhein-Westfälische Arbeitsminister Karl-Josef Laumann türkischen Jugendlichen den Zugang zur betrieblichen Ausbildung erleichtern – Anlass: Jugendliche mit Migrationshintergrund haben erheblich größere Schwierigkeiten als deutsche Jugendliche.

„Dreh- und Angelpunkt sind dabei zweisprachige Multiplikatoren oder ‚Scharnierpersonen’ in den türkischen Eltern-, Sport-, Kultur-, Moschee- und Unternehmervereinen. Als erste Ansprechpartner sollen sie den Kontakt herstellen zwischen türkischen Jugendlichen und ihren Eltern auf der einen und den Berufsberatungen und Ausbildungsbetrieben auf der anderen Seite.“ Das sagte Arbeitsminister Karl-Josef Laumann gestern in Düsseldorf bei der Vorstellung des „Aktionsplans Ausbildung“ [pdf].

Zahlen und Fakten:
Von 1999 bis 2008 ist der Anteil der türkischen Auszubildenden in Nordrhein-Westfalen von rund vier auf gut zwei Prozent gesunken. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund und deutschem Pass in der Statistik nicht gesondert erfasst werden.

Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat im Jahr 2005 Schulabgänger mit Ausbildungswunsch befragt. Danach haben 52 Prozent der deutschen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund unmittelbar den Einstieg in eine Berufsausbildung geschafft – bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund waren es dagegen nur 25 Prozent.

Jugendliche Schulabgänger ohne Migrationshintergrund mit Ausbildungswunsch waren zu acht Prozent arbeitslos – bei den Migranten waren 20 Prozent arbeitslos.

Anlass für den Aktionsplan ist die Tatsache, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht nur erheblich größere Schwierigkeiten als deutsche Jugendliche haben, in eine Berufsausbildung einzusteigen. Hinzu kommt, dass sie sich bei ihrer Suche viel stärker auf wenige besonders beliebte Berufe konzentrieren. Mehr als die Hälfte der ausländischen Bewerber um einen Ausbildungsplatz sind Türken. In Nordrhein-Westfalen finden sich 44 Prozent der ausländischen Lehrlinge in den beliebtesten zehn Ausbildungsberufen, bei der Gesamtheit der Auszubildenden sind es aber nur 34 Prozent. Dabei gibt es insgesamt 350 verschiedene Ausbildungsberufe und damit erheblich mehr Wahlmöglichkeiten.

Neben der Qualifizierung zweisprachiger Multiplikatoren sind weitere Elemente der Kampagne eine zweisprachige Broschüre und Internetseite zu wichtigen Ausbildungsberufen und regelmäßige Sprechstunden der Berufsberatungen bei den türkischen Generalkonsulaten sowie bei türkischen Vereinen und Organisationen. Außerdem sollen zweisprachige Elternabende mit Berufsberatern in den letzten Jahrgangsstufen der Schulen mit hohem Migrantenanteil stattfinden.

Türkische Eltern haben es schwerer
„Eine zentrale Rolle spielen nach meiner Überzeugung die Eltern als eine Art erste Berufsberater ihrer Kinder“, sagte Minister Laumann. „Türkische Eltern haben es dabei aber schwerer, weil sie oft selbst keine Ausbildung im deutschen Berufssystem absolviert haben.“

Die berufliche Ausbildung junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte liege ihm persönlich sehr am Herzen. Deshalb habe er dieses Thema Ende 2008 zum Schwerpunkt seiner politischen Reise nach Ankara gemacht. Mit seinem türkischen Amtskollegen habe er die Situation aus der Türkei stammender Jugendlicher in Nordrhein-Westfalen eingehend besprochen.

Der Aktionsplan wird von der Landesregierung in enger Zusammenarbeit mit den vier türkischen Generalkonsulaten und den Akteuren der Berufsbildung in Nordrhein-Westfalen, insbesondere der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, in die Tat umgesetzt. Die praktische Durchführung liegt beim türkischen Unternehmerverband ATIAD. Die einzelnen Elemente des Aktionsplans sollen jetzt zügig erarbeitet und im Lauf des Jahres in vier regionalen Veranstaltungen mit Multiplikatoren, Organisationen und Verbänden in Düsseldorf, Essen, Köln und Münster vorgestellt und diskutiert werden.

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9 Kommentare
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  1. Jugth sagt:

    Und schon wieder……

    Wenn es wirklich so weit ist, dass es sogar Gesunken ist, muss man nicht darüer nachdenken, wie man es ihnen “Erleichtern“ kann, sondern was genau da Falsch läuft!

    Wenn sie es nicht schaffen, ist der Grund mit Sicherheit, dass sie sich anscheinend nicht besonders in der Schule angestrengt haben. Der beste Beweis ist auch, dass Japaner, Thailänder und Menschen aus den EU Staaten deutlich besser abschneiden, unter der GLEICHEN Vorraussetzung.

    Dann aber hinzugehen und den Menschen mit Türkischen Migrationshintergrund hier eine Sonderbehandlung zu geben, find ich unter aller Kanone. Das ist nicht nur unfair den Deutschen gegenüber, sondern auch den anderen Ausländern, die sich dafür richtig anstrengen mussten

  2. maria sagt:

    Endlich wird das Problem von der richtigen Seite her angegangen. Es ist äußerst wichtig, auf die Eltern der Jugendlichen mit Migrationshintergrund direkt zuzugehen. Das schafft gegenseitiges Vertrauen und schließt Informationslücken.

    In vielen Gesprächen mit Lehrern, die türkische Kinder unterrichten, habe ich immer gehört, dass sie zu den Eltern dieser Kinder so gut wie keinen Kontakt haben.
    Das hat aber oft nichts mit Uninteresse oder Ignoranz gegenüber der Schule oder gegenüber dem Kind zu tun. Oft ist das Sprachproblem ein Hemmnis oder aber, die Eltern sind es einfach bezüglich ihrer Herkunft nicht gewohnt, sich in das schulische Leben ihrer Kinder einzumischen. Ich lebe seit 20 Jahren überwiegend in der Türkei, meine Kinder gingen dort jahrelang zur Schule, aber es fand nie ein einziger Elternabend statt. Probleme mit dem Kind oder mit der Unterrichtsgestaltung werden in der Regel sofort zwischen Eltern und Lehrer ausgetauscht.
    Somit versuche ich seit Jahren in Gesprächen mit Lehrern auf dieses Problem hinzuweisen und aufzuklären. Ideal wäre dann, dass ein Lehrer, der türkische Kinder unterrichtet, sehr schnell den Kontakt zum Elternhaus sucht, sich vorstellt und ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Würde dies von der Grundschule an praktiziert, ich bin überzeugt, viele Probleme, die diese Jungendlichen im pubertären Alter oft an den Tag legen, würden erst gar nicht entstehen.
    Wenn man sich mit der türkischen Kultur nur etwas befasst, lernt man, dass in diesem Volk das gegenseitige Vertrauen die Basis für jegliches Miteinander ist.

  3. waldfrucht sagt:

    maria sagt: “…Ideal wäre dann, dass ein Lehrer, der türkische Kinder unterrichtet, sehr schnell den Kontakt zum Elternhaus sucht, sich vorstellt und ein Vertrauensverhältnis aufbaut.”

    na klar, das wäre super… einfach mal jeden Abend bei allen 25-30 Elternhäusern (pro Klasse!) anrufen und am Wochenende auch mal persönlich vorbei schauen – Lehrer ham ja sonst nix zu tun

  4. maria sagt:

    Meine Kinder gingen in Deutschland in eine Schule, da war genau dies Selbstverständlichkeit.
    Der Leherer ging nicht nur einmal ins Elternhaus, sondern es fanden regelmäßig Elternbesuche statt. Grund war auch, er wollte die Kinder in ihrem privaten Umfeld erleben und natürlich die gegenseitige Vertrauensbasis stärken.
    Es hängt nur von der Bereitschaft des Lehrers ab.

  5. […] mit vier türkischen Generalkonsulaten und dem türkischen Unternehmerverband ATIAD (wir berichteten). „Die Zukunft liegt in der Ausbildung“, titelt die […]

  6. Lazarine sagt:

    Naja, weiß nicht, ich finde nicht, dass das jetzt auch noch den Lehrern aufgebürdet werden soll!
    Wo bleibt die Eigenverantwortung der Eltern?
    Wo kämen wir denn hin, wenn das in allen Familien so laufen würde?
    „Vertauensbasis“ hin oder her, aber mehr als ein schönes Wort ist das nicht!!!
    Die Eltern brauchen nicht noch mehr Sozialarbeiter, sondern sie müssen verstehen, was unbedingte Voraussetzungen für ein Leben in D sind. Offenbar wurde das bisher nicht konsequent genug vermittelt. Man kann doch den Eltern nicht die komplette Erziehung abnehmen, das funktioniert niemals!
    Man muss endlich klare Anforderungen stellen, und wenn die nicht erfüllt werden, müssen Konsequenzen folgen, wie in allen anderen Ländern der Welt! Man wird sich wundern, wie das mit der Integration plötzlich klappen würde!
    Warum tut sich die Politik da so schwer??

  7. Jugth sagt:

    “ Die Zukunft liegt in der Ausbildung“

    Das ist sehr richtig. Aber eine Ausbildung muss Hart erarbeitet werden. Es bringt nichts, wenn jeder einfach so ohne Fleiß einfach ne Ausbildung vor der Tür hingeschmissen bekommt. Die muss Verdient werden.

  8. Helmut sagt:

    Wie passt das eigentlich zu all den Antidiskriminierungsgesetzen in D ?
    Oder sind Deutsche (vom Schutz vor Diskriminierung) davon ausgenommen

  9. Mehmet sagt:

    Ich spekuliere jetzt mal etwas rum, aber vom kommunikationstheoretischen Standpunkt wäre es durchaus ein großer Vorteil.
    Als Elternteil hat man natürlich die Verantwortung über die Erziehung der Kinder, jedoch kann es durchaus sein, dass die Eltern es einfach nicht besser wissen und denken, dass sie das Kind gut erziehen und wundern sich im Nachhinein, warum das Kind mit schlechten Noten nach Hause kommt, obwohl diese oft „hausgemacht“ sein können. Zuzugeben, dass die Eltern mit eine Ursache dafür sein könnten, fällt diesen natürlich schwer (man verlagert das Problem nach außen) und daher gäbe es wenig Eigenantrieb sich nach alternativen Erziehungsmöglichkeiten um zu sehen außer denjenigen, die in der unmittelbaren „Vertrauenszone“ (Bekannte etc) dieser Personen vorliegen würden. Und genau dort sehe ich das Problem: Dass die vorgeschlagenen Lösungen für dieses Problem genau aus dem Milieu kommen, aus dem die Eltern selbst kommen. Es ist daher wahrscheinlich, dass diese Lösungsstrategien zu ähnlichen Ergebnissen führen. Viel Vorteilhafter wäre es jedoch eine Person zu haben, die das Problem aus einem anderen Standpunkt sehen und beurteilen kann. Lehrer nehmen hierbei eine optimale Rolle ein. Diese haben ihr Wissen durch die Universität, mehrjähriger Lehrertätigkeit und evtl. eigener Elternrolle und können dies weitergeben. So würde der „neueste Stand der Forschung“ durch diese praktizierenden Personen an die Eltern weitergegeben und somit ein besserer Informationsfluss gewährleistet. Meist fehlt den bildungsfernen Schichten nämlich genau der Zugang zu gebildeten Schichten um zu sehen und zu vergleichen, was diese besser machen und deren Problemlösungsstrategien zu übernehmen.
    Zugegeben hört sich das Ganze etwas theoretisch an (sollte auch eher spekulativer Natur an), jedoch kann es gut als Ansatz für eine Diskussion dienen 😉



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