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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Bildungssystem

Von Finnland Lernen lernen?

Die finnischen Schulerfolge beruhen auch darauf, dass das Bildungssystem die gleichen Voraussetzungen für alle Kinder schafft.

Immer mehr sind immer besser gebildet
Anteil von 25- bis 34-jährigen Finnen, die einen Abschluss nach der Grundschule absolviert haben (in Prozent)

Grafik © berlin-institut.org

Seit 1975 ist der Anteil der 25- bis 34-jährigen Finnen, die einen Abschluss der Mittel- oder Oberstufe haben, kontinuierlich gestiegen. Der Anteil derer, die nur einen Grundschulabschluss besitzen, ist dagegen von 50 auf etwa 15 Prozent gesunken (Datengrundlage: Tilastokeskus).

Zu den fundamentalen gesellschaftlichen Änderungen von heute gehört der gestiegene Bildungsstand der Finnen. Seit den 1990er Jahren erreichen mehr als 80 Prozent der Finnen einen höheren Abschluss, als ihn die Grundschule bietet. Bei besser gebildeten Menschen ist das Bedürfnis, ihre Arbeit und ihr Leben selbst steuern zu können, grundsätzlich stärker ausgeprägt.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Erwartungen, die die Finnen der Schule gegenüber haben: Die Eltern von heute betrachten die Schulen ihrer Kinder kritischer, als es die früheren Generationen getan haben, und suchen Möglichkeiten, selbst an der Entwicklung des Unterrichts und des Schullebens teilzuhaben. Die Schulen lassen das zu und nutzen dieses Bedürfnis. Darüber hinaus, sind es nicht nur die Eltern, die eine neue Perspektive eingenommen haben: Auch die Schüler selbst verlangen nach mehr Einflussmöglichkeiten.

Individuelle Förderung
Das paßt zu dem finnischen Schulsystem, das offenbar einen Unterricht fördert, der besser als in Deutschland auf die individuellen Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler eingeht. In Finnland sind die Lehrkräfte nicht verbeamtet, sondern werden nach Bedarf eingestellt. Vor allem aber sind die Schulen kleiner: Nur drei Prozent aller finnischen Schulen haben mehr als 500 Schüler, 40 Prozent haben weniger als 50 Schüler – und das intime Lernumfeld wirkt motivierend.

Auch die Klassen sind kleiner – und neben dem Lehrpersonal unterstützen weitere Angestellte die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen: Schulschwestern kümmern sich um die Gesundheit, Kuratoren sind Ansprechpartner bei sozialen Problemen wie Schule Schwänzen oder Streit zwischen Cliquen. Psychologen hören sich Kummer jeder Art an, Speziallehrer kümmern sich gezielt und nach besonderer Ausbildung um die Schwächeren, eine unbestimmte Anzahl von Assistenten ohne Ausbildung, etwa Abiturienten oder Hausfrauen, unterstützt die Lehrkräfte. Die Lehrenden können sich also ganz auf den Unterricht konzentrieren und müssen nicht wie an deutschen Schulen zwischen allen diesen Rollen wechseln.

Dieses Bildungssystem ist auf den ersten Blick aufwändiger als etwa das deutsche. Allerdings sind Bildungserfolge langfristige Investitionen, deren wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen sich erst auf längere Sicht zeigt. Angesichts des demografischen Wandels, der den Deutschen künftig immer kleinere Jahrgänge an jungen Menschen bescheren wird, bleibt allerdings kaum eine andere Wahl, als die Ausbildung von Lehrern und Erziehern zu spezialisieren – mit dem Ziel, Schülerinnen und Schüler in kleineren Klassen und Schulen individueller zu fördern und Leistungschwächere zu unterstützen.

Literatur / Links

  • von Freymann, Thelma (2002): Zur Binnenstruktur des finnischen Schulwesens. In: Freiheit der Wissenschaft 2/2002. http://www.finland.de/dfgnrw/dfg043a-pisa07.htm
  • Korpela, Salla: Koululaiset narauttivat seurakunnan ympäristöasioissa. In: Kirkko ja kaupunki, 02.11.2009. http://www.kirkkojakaupunki.fi/arkisto/uutiset-ja-ilmiot/12762/
  • Matthies, Aila-Leena & Skiera, Ehrenhard (Hg.): Das Bildungswesen in Finnland. Geschichte, Struktur, Institutionen und pädagogisch-didaktische Konzeptionen, bildungs- und sozialpolitische Perspektiven Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009. 292 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-7815-1678-6, 19,90 Euro. http://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/1678.html
  • Tilastokeskus – Statistics Finland. http://www.tilastokeskus.fi

Erstveröffentlichung: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

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2 Kommentare
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  1. Josef Özcan sagt:

    Das gute Beispiel der 9-jährigen Grundschule macht deutlich wie faschistisch die schulische Selektionsmaschinerie in Deutschland im Grunde war und ist , eine Maschinerie, die Schüler schon ab dem vierten Schuljahr einer massiven Selektion unterzogen hat und immer noch unterzieht, obwohl glücklicherweise schon länger ein Umdenken stattfindet …

    Josef Özcan (Diplom Psychologe)

  2. posteo sagt:

    Ein eingliedrige Schulsystem, wie es Finnland aufweist, ist keine finnische Besonderheit, sondern weltweit die Regel.
    Mehrgliedrige Schulsysteme finden unter den ca. 40 PISA-Teilnehmer-Ländern nur bei den deutschsprachigen Ländern einschließl. Liechtenstein, Holland und bedingt auch in Frankreich. Da diese Länder alle zumindest in der oberen Hälfte des Rankings zu finden sind, ließe sich allenfalls ein leicht positiver Einfluss der Mehrgliedrigkeit aus der PISA-Studie ableiten und keinesfalls ein negativer Einfluss, wie von den Gesamtschul-Befürwortern stets behauptet.
    Dann mochte ich hiermit zum hundertsten Mal darauf hinweisen, dass das deutsche Schulsystem so modular aufgebaut ist, dass man auch von der Hauptschule aus über Aufbauschulgänge und auch entsprechende Berufsbildungsgänge die Hochschulreife erlangen kann.
    Das Abitur ist nicht die einzige Hochschul-Zugangsberechtigung in Deutschland. (Einfach mal http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Deutschland googeln und dann das Organigramm studieren) Erschreckend, wie wenige Lehrer selbst um diese alternativen Bildungswege wissen.

    Ansonsten empfehle ich folgende Abhandlung über die konkreten schulischen Bedingungen in Finnland:
    http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Publikationen/GBW_2007_01/17.html



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