MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Bildungssystem

Von Finnland Lernen lernen?

Die finnischen Schulerfolge beruhen auch darauf, dass das Bildungssystem die gleichen Voraussetzungen für alle Kinder schafft.

Finnland als Hochburg des Konsenses
„Konsens“ ist eines der Wörter, die mit der finnischen Gesellschaft häufig verbunden werden. Der finnische Wohlfahrtstaat wurde in den 1950er Jahren begründet und seitdem durch starke staatliche Investitionen und nationale Steuerung aufgebaut. Im finnischen Mehrparteiensystem regieren breite Koalitionen, die aus größeren und kleineren Parteien zusammengesetzt sind. Das hat zur Folge, dass die zentralen politischen Richtlinien häufig Kompromisse sind.

Die Bürgerinnen und Bürgern haben die Legitimität der staatlichen Institutionen in Finnland bislang kaum in Frage gestellt. Obwohl die öffentlichen Dienstleistungen wie beispielsweise das Schulsystem den Leuten wenige Wahlmöglichkeiten bieten, scheinen die Finnen bis jetzt recht zufrieden damit zu sein. Auch leisten die meisten finnischen Männer nach wie vor Wehrdienst in der finnischen Armee. Der Bereich Gesundheitsfürsorge ist von staatlichen Leistungen und Entscheidungen dominiert. Die Finnen besuchen kommunale Gesundheitszentren, nicht wie in Deutschland Arztpraxen, die sie sich selbst ausgesucht haben. Und die Bevölkerung hat sich weitgehend kritiklos gegen die Schweinegrippe impfen lassen.

Nach Matthies und Skiera fußt das finnische Schulsystem auf der Idee „Gleichheit der Bildungschancen für alle Bürger“. Das finnische Modell orientiert sich jedoch eher an dem Ideal der „Gleichheit der Bildung“ beziehungsweise der „Gleichheit der Dienstleistungen“. Die Vorteile einer einheitlichen Grundschule, der die Schülerinnen und Schüler grundsätzlich nach ihrem Wohnort zugeteilt werden, sind klar. Da die Jugendlichen sich meist erst im Alter von 15 oder 16 Jahren zwischen aufbauenden Schulkarrieren entscheiden müssen, zählen bei der Wahl vor allem die Interessen der Jugendlichen selbst und nicht die ihrer Eltern beziehungsweise deren Bildungsstand oder Einkommen. Allein die Tatsache, dass die finnischen Kinder während der längsten Periode ihrer Schulzeit auf der Grundschule das Klassenzimmer mit Kindern verschiedener sozialer Hintergründe sowie unterschiedlichen Interessen, Stärken und Schwächen teilen, wird als Gewinn an sozialer Kompetenz und somit als Wert und gesellschaftliche Stärke gesehen.

Aila-Leena Matthies schreibt, dass das von der OECD gemessene Niveau der Bildungsleistungen in Finnland hoch ist und zwischen den Kindern nur geringfügige Unterschieden bestehen. Das einheitliche Schulsystem, auf das die positiven Ergebnisse größtenteils zurückgeführt werden, wird von den Finnen fast einmütig akzeptiert. Bei einem Volk, das es gewohnt ist, dass wichtige Entscheidungen zentral vom Staat getroffen werden, überrascht diese Einstellung kaum.

Wie umsetzbar ist Finnlands Modell aber in Gesellschaften, die anders gestaltet sind? Wie gut würde eine Idee von einer zentralstaatlich gesteuerten Einheitsschule in das föderale Deutschland passen? Wie würden die Deutschen, die sich seit langem an eine viel größere Wahlfreiheit gewöhnt haben, so eine „Standardschule“ annehmen? Die Debatten um die Gesamtschule zeigen das Konfliktpotenzial.

Pluralismus als Herausforderung
Sogar das lange homogen gebliebene Finnland steht heute vor Entwicklungen, die die Gesellschaft dauerhaft verändern werden. Die zunehmende Mobilität der Finnen, der wachsende Anteil von Migranten und die Tatsache, dass die Finnen gebildeter sind als je zuvor, führen zusammen zu einem Pluralismus der Ansichten und Bedürfnisse. Wie kann ein Schulsystem, das auf den Idealen Gleichheit und Konsens basiert, an diese Anforderungen angepasst werden?

Gegenwärtig leben in Finnland dem Statistikamt Tilastokeskus zufolge rund 140.000 Ausländer. Sogar nach konservativen Schätzungen wird diese Zahl sich in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. Gleichzeitig werden die Finnen selbst internationaler: Im Ausland gesammelte Arbeitserfahrungen, Teilnahme an Schüler- und Studentenaustauschprogrammen sowie der Konsum von ausländischen Medien erweitern den Blickwinkel der Finnen.

Seite: 1 2 3
Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Josef Özcan sagt:

    Das gute Beispiel der 9-jährigen Grundschule macht deutlich wie faschistisch die schulische Selektionsmaschinerie in Deutschland im Grunde war und ist , eine Maschinerie, die Schüler schon ab dem vierten Schuljahr einer massiven Selektion unterzogen hat und immer noch unterzieht, obwohl glücklicherweise schon länger ein Umdenken stattfindet …

    Josef Özcan (Diplom Psychologe)

  2. posteo sagt:

    Ein eingliedrige Schulsystem, wie es Finnland aufweist, ist keine finnische Besonderheit, sondern weltweit die Regel.
    Mehrgliedrige Schulsysteme finden unter den ca. 40 PISA-Teilnehmer-Ländern nur bei den deutschsprachigen Ländern einschließl. Liechtenstein, Holland und bedingt auch in Frankreich. Da diese Länder alle zumindest in der oberen Hälfte des Rankings zu finden sind, ließe sich allenfalls ein leicht positiver Einfluss der Mehrgliedrigkeit aus der PISA-Studie ableiten und keinesfalls ein negativer Einfluss, wie von den Gesamtschul-Befürwortern stets behauptet.
    Dann mochte ich hiermit zum hundertsten Mal darauf hinweisen, dass das deutsche Schulsystem so modular aufgebaut ist, dass man auch von der Hauptschule aus über Aufbauschulgänge und auch entsprechende Berufsbildungsgänge die Hochschulreife erlangen kann.
    Das Abitur ist nicht die einzige Hochschul-Zugangsberechtigung in Deutschland. (Einfach mal http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Deutschland googeln und dann das Organigramm studieren) Erschreckend, wie wenige Lehrer selbst um diese alternativen Bildungswege wissen.

    Ansonsten empfehle ich folgende Abhandlung über die konkreten schulischen Bedingungen in Finnland:
    http://www.phv-bw.de/Veroeffentlichung/Publikationen/GBW_2007_01/17.html



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...