Durch den demografischen Wandel ist in den kommenden Jahren mit einem weiteren Anstieg dieser Quote zu rechnen. Im Gegensatz dazu sind die medizinischen, sozialen und pädagogischen Institutionen noch weitgehend deutschsprachig und monokulturell ausgerichtet. An die Gesundheits- und Sozialversorgung werden dadurch erhöhte Anforderungen gestellt.
Über die Autorin: Antje Schwarze ist Projektleiterin im “Transferzentrum Sprach- und Integrationsmittlung” der Migrationsdienste Diakonie in Wuppertal.
Erfahrungen aus der Praxis und Studien im Themenfeld Migration und Gesundheit zeigen auf, dass im Gesundheits- und Sozialwesen bei der Kommunikation zwischen Fachpersonal und Migranten häufig sprachliche und kulturelle Barrieren bestehen, welche eine erfolgreiche Behandlung bzw. Beratung erschweren oder sogar verhindern. Im Bericht der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration (2005) heißt z.B. dazu: „Der gleichberechtigte Zugang zu gesundheitlicher Versorgung, Beratung und Versorgung für Migrantinnen und Migranten setzt voraus, dass sich die bestehenden Angebote für alle hier lebenden Menschen und ihre gesundheitlichen Anliegen und Bedürfnisse öffnen. Bei allen Fortschritten […] bestehen nach wie vor Barrieren, die den Zugang zu den Gesundheitsdiensten erschweren. Dies gilt bspw. für die sprachliche Verständigung bzw. mangelnde Sprachkompetenz in den Einrichtungen, kulturell begründete unterschiedliche Auffassungen von Krankheit und Gesundheit, fehlendes Fachpersonal mit Migrationshintergrund oder fehlende aufsuchende Beratungsangebote.“
Zu den sprachlich bedingten Verständigungsproblemen kommen Informationsdefizite auf Seiten der Migranten, die oft nicht wissen, an welche Stelle sie sich mit ihren spezifischen Problemlagen wenden sollen. So zeigen viele Studien, dass aufgrund von sprachlichen und kulturellen Hürden, bestehende Versorgungsstrukturen (z.B. Präventions- und Vorsorgeangebote) in Deutschland von Migrant/-innen nicht angemessen in Anspruch genommen werden. Negative Folgen im Gesundheitsbereich sind z.B. häufige Arztwechsel, kostenintensive Mehrfachuntersuchungen und unnötige Medikamentenverschreibungen.
Die Problematik besteht in abgewandelter Form auch bei der sozialen Versorgung, wobei dort neben den Schwierigkeiten der individuellen Kommunikation der schwierige Zugang zu bestimmten Zielgruppen und ihrem soziokulturellen Umfeld eine wichtige Rolle spielt. In der Kinder- und Jugendhilfe kann es zu fehlgeleiteten Ressourcen kommen, wenn z.B. Heimunterbringungen durch gelingende Kommunikation im Vorfeld hätte verhindert werden können. Neben den monetären Auswirkungen sollten auch die sozialen Folgen der Kommunikationsschwierigkeiten in Form von Frustrations- und Ablehnungserlebnissen auf beiden Seiten nicht unterschätzt werden. Vermittlung zwischen einheimischen Institutionen und Communities der Zugewanderten ist eine Schlüsselaufgabe der Integration in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Der bisherige Umgang mit den geschilderten Situationen kann optimistisch als „pragmatisch“ bezeichnet werden: In vielen Fällen werden, wenn überhaupt, Zufalls-Dolmetscher hinzugezogen, z.B. Reinigungskräfte aus dem entsprechenden Herkunftsland oder die eigenen Kinder, andere Verwandte oder Bekannte, die versuchen, bei der Überwindung der Kommunikationsbarrieren zu helfen. Diese Personen sind jedoch nur bedingt in der Lage, die jeweiligen Inhalte fachgerecht und neutral zu vermitteln. Der gegenwärtige Zustand wird sowohl von Patienten- / Klientenseite als auch vom Fachpersonal als unbefriedigend empfunden. In Befragungen äußerten sie immer wieder einen Bedarf an sprachlich versierter, verlässlicher, neutraler, kultursensibler – mit einem Wort professioneller Mittlertätigkeit.
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