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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Was bist du?

Bezeichnungsproblematik in Deutschland

Migrant, Immigrant, Eingebürgerter, Deutscher mit Migrationshintergrund, Türke, Deutscher, Deutschtürke, Araber, Engländer … oder jemand anderer? Migrationshintergrund lässt sich schwer definieren und darum geht es hier. Es hat zwei Seiten, denn wie man sich als jemand mit Migrationshintergrund definiert und wie man in einer Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wird, sind sehr unterschiedlich.

DATUM6. Januar 2010

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RESSORTHumor, Meinung

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Definitionsmöglichkeiten von Migrationshintergrund
Auf wissenschaftlicher Ebene gibt es verschiedene Definitionsmöglichkeiten von Migrationshintergrund. Die statistische Erhebung des Mikrozensus von 2007 gibt eine differenzierte Erklärung ab. Hierzu werden Befragungen durchgeführt, die Staatsangehörigkeit, Geburtsland und Migrationsstatus und Muttersprache unterscheiden. Das Ergebnis ist eine sehr detaillierte Darstellung über 326 Seiten. Im Folgenden sollen repräsentativ die Definitionen von IGLU, PISA und die Sozialerhebung vorgestellt werden.

IGLU unterschiedet drei Kategorien zur Feststellung von Migrationshintergrund. Die erste Gruppe bilden Familien ohne Migrationsgeschichte, beide Eltern wurden in Deutschland geboren. Die zweite Gruppe bilden Familien mit partieller Migrationsgeschichte, ein Elternteil wurde in Deutschland geboren und die dritte Gruppe bilden Familien mit Migrationsgeschichte, wo beide Eltern im Ausland geboren sind. Ein weiterer Indikator ist der häusliche Sprachgebrauch.

PISA unterschiedet seit 2007 vier Kategorien. Jugendliche ohne Migrationshintergrund bilden die erste Gruppe. Jugendliche mit einem in Deutschland und einem im Ausland geborenen Elternteil bilden eine weitere Gruppe. Alle Jugendlichen der zweiten Generation, die Eltern wurden im Ausland und das Kind im Inland geboren, bilden die dritte Gruppe. Die vierte Gruppe besteht aus Jugendlichen der ersten Generation, Eltern und Kind wurden im Ausland geboren. Ein weiterer Faktor zur Bestimmung des Migrationshintergrundes ist der heimische Sprachgebrauch.

Die Sozialerhebung bestimmt Studierende mit Migrationshintergrund. Studierende mit ausländischer Staatsangehörigkeit, die in Deutschland die Hochschulzugangsberechtigung erworben haben – sog. Bildungsinländer – sind die erste Gruppe. Eingebürgerte Studierende und Studierende, die neben der deutschen, eine weitere Staatsangehörigkeit besitzen bilden je eine eigene Gruppe. Alle Bildungsausländer, Studierende, die zum Studieren nach Deutschland gekommen sind, bleiben unberücksichtigt.

Passe ich hier rein?
Ich lese diese und viele andere Definitionen und frage mich tatsächlich, wo ich reinpasse? Nicht, dass ich in ein Schema oder in einer Statistik erfasst werden möchte, einfach aus Interesse. Außerdem entstehen durch diese Definitionen Schemen, die Schubladendenken fördern. Was soll ich oder kann ich antworten, wenn ich wieder gefragt werde, woher ich komme?

Es gibt da noch eine weitere Möglichkeit. Man könnte Identität nach Muttersprache bestimmen, aber auch das ist schwierig, denn nach neuesten Erkenntnissen in der Sprachforschung kann sich eine Muttersprache, so wie bei mir auf Türkisch und Deutsch, auf mehrere (!) Sprachen verteilen. Die traditionelle Annahme die laut dem Sprachforscher Porsché 1983 aufgestellt wurde, dass Muttersprache die Sprache der Mutter, Sprache der Heimat, erste Sprache der Kindheit, Sprache der Nation, lebenslange Sprache des spontanen Ausdrucks und die Sprache der Ahnen definiert, besitzt in der heutigen multiethnisch durchmischten globalen Gesellschaft keine Gültigkeit mehr. Damit stehe ich wieder am Anfangspunkt.

Die Bezeichnung durch die Mehrheitsgesellschaft versucht meine Identität durch Kategorien und Schubladen zu definieren, aber meine ethnische Herkunft allein kann nicht mein hochkomplexes „Ich“ definieren. Mein Lösungsvorschlag ist Menschen unabhängig von ethnischer Herkunft, Geburtsland, Muttersprache und andere Kategorien anzunehmen, wie sie sind. Das verlangt eine intensive Auseinandersetzung mit Selbst- und Fremdbildern, weshalb jeder von uns genug an seinen eigenen Vorstellungen zu arbeiten hat, bevor er anderen einen Stempel aufdrückt.

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22 Kommentare
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  1. RA Ünal Zeran sagt:

    Du bist Du. Ich bin Ich.
    Alle versuche Menschen zu kategorisieren sind Konstrukte. Es kann Gemeinsamkeiten und Überschneidungen verschiedener Identitäten geben. Das Individuum ist jedoch einmalig.
    Meine Identität speist sich aus Zigtausenden Kategorien.
    Der Versuch durch Wissenschaft bestimmten Konstrukten mehr Substanz zu verleihen, ist zum Scheitern verurteilt. Die Konstrukte erfinden sich immer wieder von Neuem. Bei einer Halbwetrzeit von 10-20 Jahren für bestimmte Kategorien widerlegt sich die Wissenschaft selbst.
    Jetzt ist Migrationshintergrund in Mode. Warum nicht Migrationsvordergrund oder Migrationsunterbau oder Migrationsüberbau oder….oder…
    Wir werden weiter viele Kategorien erfinden, um unsere Herrschaftsmodelle zu legitimieren. Darauf beruht diese nach machiavellistischen Prinzipien (divide e impare) aufgebaute Gesellschaft.
    Entscheidend ist nicht, ob der Mensch einen Migrationshintergrund oder Gastarbeiter oder Zuwanderer ist. Entscheidend ist, wie und welche Teilhabe in der Gesellschaft möglich ist. Ich verweigere mich diesen Denkkonstrukten und bestehe darauf als Individuum wahrgenommen zu werden.

  2. NDS sagt:

    Toller Artikel!!
    Eine Übersicht, die diese Problematik als statistisches Schaubild zusammenfasst, lieferte uns 2005 das „Information und Technik NRW“ unter http://www.it.nrw.de/presse/pressemitteilungen/2005/pres_117_05.html
    Viele Grüße
    NDS

  3. Cyril sagt:

    Dieser Beitrag war längst fällig. Danke dafür!!

  4. Misti sagt:

    Hanoi, Du bischt koy Türk!

    So, oder so ähnlich ging es mir in meiner Kindheit und selbst heute noch ernte ich Verwunderung, wenn es um die Frage aller Fragen geht und der damit verbunden Antwort zu meiner tatsächlichen Herkunft.

    Diese Frage war immer dann von Bedeutung, wenn Menschen meinten, ernsthaft sich für meine Person zu interessieren und dieses Interesse dabei dann auf eine einfache Formel reduzierten, dem des vermeintlich anders Sein.

    Schnell jedoch erfolgte die Endtarnung. Ein ungläubiges fast kindlich naives Gesicht, als wäre es gerade gefragt worden, ob es von der Schokolade genascht hätte und diese doch unverschämte Frage selbst mit einem kategorischen nein quittiert und dabei die Schokoladenspur in den Mundwinkeln noch zu erahnen war, wenn ich zu verstehen gab, dass meine Eltern ursprünglich aus der Türkei stammten und ich wohl daher türkischer Herkunft wäre.

    Ein Gefühl der Hilflosigkeit gekreuzt mit Genugtum und der bodenlosen Endtäuschung stellte sich dabei bei mir ein, wenn sich sie Fäden der Zuversicht und des Glaubens allmählich im Gewebe der Anerkennung und des ernsthaft Wahrgenommen auflösten und ein Teil meine Flickenteppichs auseinander zu fallen drohte. Menschen hatten im Vorfeld ihr Urteil getroffen und waren nun mit dem für mich selbstverständlichsten konfrontiert, der Wahrheit, nicht zu Frieden.

    Hanoi, Du bischt koy Türk! Hat heute nach über vierzig Jahren für mich eine andere Bedeutung. Wie abgestandener Kaffe ohne Zucker und Milch, so schmeckt mir die Antwort und der Gedanke dazu, was mir mein Gegenüber eigentlich damit sagt!

  5. Murat sagt:

    Hm. Ist es nicht verwerflich von Bezeichnungsproblematik zu reden und gleichzeitig selbiges in abgewandelter Form als Eigenmarkenname zu verwenden? .. however.

    Also ich habe inzwischen keine Probleme mehr damit irgendeiner Begrifflichkeit zugeordnet zu werden zumal man es selbst in Gesprächen klartstellen und und die Sache somit aus der Welt wäre.
    Das wirklich Problem ist nicht die Bezeichnung an sich bzw. die Kategorisierung, denn irgendwie muss sich ja jemanden definieren können. Ob generell als Bürger eines Staates oder im speziellen als Mensch mit Migrationshintergrund.

    Die Auseinandersetzung mit Selbst- Fremdbildern wie du es forderst, wird nicht nur von Begrifflichkeiten abhängen.
    Es ist vielmehr die Unwissenheit, des die das verzerrte Bild von entstehen lassen.

    Dieses Phänomen geht durch alle Schichten, der Arbeiter am Fließband, der Bäcker um die Ecke oder der Proffesor in der Universität aber auch Politiker im Bürgermeisteramt eines Dorfes kennen ihre eigene (Mit)Bevölkerung nicht!
    Da ist es auch nicht verwunderlich, dass man sich ein eigenes Bild zu konstruieren versucht.

    Doch das konstruierte Bild zeigt nur eines: Dass Nicht-Bio-Deutsche (Deutsche mit Migräne-Hintergrund! 🙂 ) immernoch nicht akzeptiert sind, bestenfalls tolleriert!

  6. NDM sagt:

    Um das sprachliche Kuddelmuddel mal zu erweitern: Auch interessant ist der Begriff „Inländer“.

    Wikipedia sagt hierzu:

    „Als Inländer bezeichnet man in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) die Einwohner eines Landes, also alle Personen (Staatsangehörige oder Ausländer), die im Wirtschaftsgebiet eines Landes ansässig sind, auch wenn sie vorübergehend abwesend sein sollten.“

    Umgangssprachlich bezeichnet der Begriff häufig einfach jeden Menschen mit inländischer Staatsangehörigkeit, völlig undabhängig von der familiären Migrationsgeschichte. Ich glaube, in der Rechtswissenschaft wird es ebenso gehandhabt. Wikipedia sagt zudem:

    „Umgekehrt wird in der Rechtswissenschaft neuerdings der Begriff „De-facto-Inländer“ für solche „Ausländer“ verwendet, die mehr oder weniger lange und integriert im Inland leben, ohne die Staatsbürgerschaft des jeweiligen Landes zu besitzen.“

  7. Schneter sagt:

    In der Türkei werde ich stets gefragt: WOHER KOMMEN? Na, mich ärgert das nicht, weil ich ja auch nicht wie ein Türke aussehe. Ich bin ein Fremdländer, soviel steht fest. Erst spät habe ich begriffen, dass die Menschen das nicht böse meinen. Es ist eine Art von Neugier. Man kommt so miteinander ins Gespräch. Vielleicht erfährt man Neuigkeiten aus der Ferne, vielleicht hat man irgendetwas interessantes zu bieten. Ausserdem weiss man dann, mit welcher Kultur man es zu tun hat. Wenn ich dann ein paar Brocken Türkisch rede, freuen sich alle. DAS hätte mir keiner zugetraut.

    So ähnlich ist das vielleicht hier in Deutschland auch? Oder denkt ihr, es ist eher der allgegenwärtige, altbekannte, deutsche Rassismus?

  8. Selçuk sagt:

    Naja, es ärgert mich auch nicht, wenn mir diese Frage gestellt wird. Aber ich bin ja auch nicht hier (Deutschland) geboren. Selbst wenn wäre es absurd jedem Rassismus vorzuwerfen, der so eine Frage stellt. Außerdem können Sie Ihre Situation nicht mit der in dem Artikel beschriebenen vergleichen. Oder wie lange lebt Ihre Familie schon in der Türkei?

  9. Dora sagt:

    Klar sagt hier diesmal Herr Schneter nichts rassistisches. Schaut frau aber einmal auf die überhaupt nicht rassistische PI rüber, sieht es um Herrn Schneter ganz anders aus. Dort zieht er nämlich ein interessantes Ergebnis:
    „dann warst du noch nie in der Türkei. Der Türke hat keine Moral in unserem westelichen Sinne, der Türke handelt strikt nach dem Koran. Und der sagt aus, dass Ungläubige bestohlen, betrogen, belogen, angegrabscht, bespuckt, getreten, ja getötet werden können ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu empfinden! Wann kapiert das der “gute” “weiche” Softi-Deutsche endlich?
    Der Moslem ist aus einem anderen Holz geschnitzt als der Westler, einem verdorbenen aber hartem Holz!

    Gruss
    Hans.Schneter“

    Stimmt, das ist nicht deutscher Rassismus, das ist schlicht und einfach Rassismus der widerwärtigsten Art.

  10. NDM sagt:

    Dora, es ist immer wieder schön zu lesen, wenn Menschen hinterfragen, recherchieren und die Ergebnisse weitergeben.


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