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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Thilo Sarrazin

Geistige Brandstiftung aus Langeweile

Thilo Sarrazin sorgt erneut mit provokanten Äußerungen für Schlagzeilen. Der Bild-Zeitung zufolge forderte er ein Kopftuchverbot für Schülerinnen und mehr Integrationsdruck auf Migranten. Seine Kritiker werfen ihm geistige Brandstiftung und das Schüren eines Kulturkampfes vor.

Ferner bezeichnete Sarrazin Kopftücher als „Symbol des Machtanspruchs des Mannes über die Frau“. Zur besseren Integration schlug er vor: „Erstens den Zuzug begrenzen. Zweitens diejenigen, die da sind, unter Integrationsdruck setzen. Politik und Gesellschaft müssen eine Erwartungshaltung herstellen.“ Außerdem würde er „in Schulen darauf bestehen, dass man Deutsch redet.“

Geistiger Brandstifter
Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth kritisierte Sarrazins Äußerungen und forderte seine Entlassung aus dem Vorstand der Bundesbank. „Sarrazin ist in einem öffentlichen Amt längst nicht mehr zu rechtfertigen und gehört deshalb von der Bundesbank endlich gefeuert“, erklärte Roth in einer Pressemitteilung. Sarrazins Aussprüche zeigten „einmal mehr die Unfähigkeit, Minderheiten mit Respekt gegenüber zu treten“.

Infobox: Letzte Woche veröffentlichte die ARD eine Studie nach der sich nur 22 Prozent der Deutschen keine Sorgen machen, dass sich der Islam in unserer Gesellschaft zu stark ausbreitet. 39 Prozent haben ein wenig Sorge und 36 Prozent machen sich große Sorgen um eine Expansion des Islams.

Für Christine Buchholz (Die Linke), Mitglied des Parteivorstandes, ist der Vorstoß Sarrazins klar: „Er schürt weiter Ängste vor dem Islam.“ Sarrazins Angriffe seien in Kombination mit der Studie aus vergangener Woche “in höchstem Maße beunruhigend“ (siehe Infobox rechts). Sei es doch nicht das erste mal, dass in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Krise versucht werde, mit rassistischen Parolen von den Ursachen derselben abzulenken. „Sarrazin betätigt sich als geistiger Brandstifter“, so Buchholz.

Sarrazin hat Langeweile
Das Präsidiumsmitglied der Islamkonferenz, Badr Mohammed, bezeichnete Sarrazin in einem Bericht der „Berliner Morgenpost“ als einen „gefährlichen Prediger auf der christlichen Seite“. „Ich rufe Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, diesen Kulturkampf so schnell wie möglich zu beenden“, sagte Badr.

Auch der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening (Grüne) nahm Stellung zu Sarrazins provokanten Äußerungen. Das Kopftuchverbot sei „mit unserer Verfassung in keiner Form vereinbar“, sagte er der „Welt am Sonntag“. „Herr Sarrazin sollte ins Grundgesetz schauen: In unserem Land herrscht Religionsfreiheit“, sagte Piening weiter. Nach den jüngsten Äußerungen werde es wohl wieder eine Debatte um seine Funktion als Bundesbank-Vorstand geben. „Als Bundesbank-Vorstand wurde er vom Bundespräsidenten ernannt. Wenn so eine hoheitliche Institution so einen gefährlichen Unsinn erzählt, wird es schwierig“, so Piening.

Sarrazins Forderung nach einem Kopftuchverbot rief auch bei der SPD Unverständnis hervor. „Der Vorschlag ist weder neu, originell, realitätsnah noch verfassungsgemäß“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer, Christian Gäbler. „Ich weiß nicht, was Sarrazin dazu bewegt, vielleicht langweilt er sich in Frankfurt.“

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30 Kommentare
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  1. Boli sagt:

    Was ist an einem Kopftuchverbot provozierend wenn dies sogar an Unis und Schulen in der Türkei so ist?? Frankreich ist den Schritt auch schon gegangen und Belgien wird wohl auch bald folgen. Und bezüglich Burka werden die Betroffenen auch nicht mehr lange ihren Spaß haben.

  2. Pretzel sagt:

    Was daran so provozierend ist ?

    Nun zwischen der Türkei, Frankreich und Deutschland besteht ein wichtiger Unterschied die beiden erstgenannten sind Laizistische Staaten in denen das Tragen von Religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit verboten sind.

    In Deutschland wäre ein Verbot des Kopftuches seiner Natur nach eine Lex Muslima.

    So etwas widerspricht aber dem Gleichbehandlungsprinzip wie es in der Verfassung dieses Landes vorgesehen ist.

    Das ist dann Provozierend weil der geneigte und davon betroffene Mensch zu Recht fragen wird warum bei mir und bei denen nicht !!!!
    Wenn Deutschland irgendwann mal Laizistisch ist und ALLE Religiösen Symbole aus dem öffentlichen Raum entfernt werden dann ist das eben so vorher wäre ein Kopftuchverbot DISKRIMINIEREND !

    Bitte beachten Sie hierzu auch Artikel 9 der ERMK !

    Hoffe geholfen zu haben nicht wahr…….

  3. Boli sagt:

    Dann sollten wir wohl das Grundgesetz in der Tat laizistisch gestalten. Wäre fairer für alle. Übrigens ist in Dortmund vor kurzem eine muslimische Arzthelferin wegen dem Kopftuch gefeuert worden. Selbst wenn das Gericht der Entlassung widerspricht, glaube ich das dem Arbeitgeber dann eben andere Gründe einfallen werden.

  4. Mehmet sagt:

    Dann liegt das Problem nicht beim GG, sondern bei diesem Arbeitgeber.

  5. Malte sagt:

    Es wird solange nicht aufhören, wie wir uns nicht gemeinsam zusammen setzen und so lange miteinander reden, bis wir uns verstehen! die Politik allein, wird es nicht lösen können!

  6. Boli sagt:

    Das ist sehr wohl ein Problem des GG, da dieses von den Staatsgründern so nicht vorhergesehen wurde. Ich denke das GG wird diesbezüglich spätestens in 5 Jahren nachgebessert. Und der Arbeitgeber kann schließlich auch nichts für die Sturheit dieser Frau. Ich meine, wenn der Arbeitgeber schon vorher etwas gegen sie gehabt hätte wäre sie mit oder ohne Kopftuch rausgeflogen. Der Streit fing erst an als sie dieses WÄHREND der Arbeit nicht abnehmen wollte. Was sie nach der Arbeit macht sollte diesbezüglich Privatsache sein (außer bei Burka).

  7. Mehmet sagt:

    Wie sich jemand kleidet, sollte generell IMMER Privatsache sein. Einer Frau mit Kopftuch zu sagen, sie solle das Kopftuch ablegen, kommt der Bitte nahe, einer Frau ohne Kopftuch zu sagen, sie solle solle „oben ohne“ rumlaufen.

    Die Hauptsache ist, dass die Person nicht durch ihre Kleidung bei der Ausführung der Tätigkeit behindert wird. Ein Kopftuch wird beim schreiben eines Dokumentes oder bei Vertragsverhandlungen kaum stören, sondern eher die Reaktion oder das Bild ihres Gegenüber. Hier gilt es, die noch nicht vorhandene Toleranz in der deutschen Gesellschaft zu stärken, damit diese Person nicht ausgegrenzt wird.

    Es geht ja hauptsächlich darum, ob eine Frau FREIWILLIG einen Kopftuch trägt. Wird es auferzwungen, dann ist dies natürlich falsch. Möchte die Frau dies jedoch aus eigenen Stücken, dann sollte auch gewährleistet werden, dass Sie so rumlaufen darf. Hierzu nochmal folgender Link:

    http://www.migazin.de/2009/12/07/tragt-ihre-frau-ein-kopftuch/

  8. HoKo sagt:

    Dann versuch mal, in einer Bank einen Job zu bekommen, wenn Du in Bermuda-Shorts und Muskel-Shirt erscheinst. Es gibt so etwas wie einen Dress-Code und wenn man sich nicht daran hält, dann braucht man sich nicht wundern, wenn man den Job nicht bekommt. Ich muss leider auch oft im Büro einen Anzug tragen, auch wenn ich lieber Jeans und Turnschuh anziehe. und reg ich mich auf?

  9. Mehmet sagt:

    Dies geht jedoch mit deinen religiösen Einstellungen konform. Ein Dresscode, welcher nur mit der religiösen Einstellung einer Religionsrichtung konform geht, ist ein sehr intoleranter Dresscode.
    Letztendlich ist es doch so: Die Menschen in Deutschland weigern sich, das Kopftuch als eine mögliche Form der Kleidung anzunehmen und grenzen somit jeden aus, der dieser Regel nicht folgt.
    In einem Callcenter sitzt eine Dame mit Kopftuch. Sie trägt es aus Überzeugung und kein Schwein regt sich drüber auf. Sie ist supernett und macht ihr Arbeit auch sehr gut. Bald wird anfangen zu promovieren. Und JA, man kann erfolgreich im Job sein UND einen Kopftuch tragen. NUR will es der intolerante Großteil der Gesellschaft nicht.
    Ich persönlich halte nichts von Kopftüchern, habe aber auch nichts dagegen, wenn jemand so etwas tragen möchte. Nur verstehe ich die aversive Haltung der Deutschen nicht. Meinetwegen soll man die Kopftücher verbieten. Jedoch mit einer Bedingung: Deutschland sollte sich dann auf die Fahne schreiben, dass es ein intolerantes Land ist. Auf Kongressen soll dann gesagt werden: „Als intolerantes Land, welches in gebildeten Arbeitsumgebungen Kopftücher verbieten will…..“ Weiterhin soll noch hinzugefügt werden:“ Als Putzen sind Kopftuchträgerinnen NOCH ok.“ Oder noch besser: „Das Grundgesetz sollte für Kopftuchtragende Menschen nicht gelten.“
    Wenn Deutschland sich SO präsentiert, dann können sie auch Kopftücher verbieten.

  10. Selçuk sagt:

    „Dann versuch mal, in einer Bank einen Job zu bekommen, wenn Du in Bermuda-Shorts und Muskel-Shirt erscheinst.“

    Toller Vergleich!


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