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Migration und Integration in Deutschland

Er [ein Paß] kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

Bertolt Brecht, Flüchtlingsgespräche, 1940

Handlungsbedarf und Ansatzpunkte

Angebote der Prävention für Erwachsene mit Migrationshintergrund aus Sicht der Praxis

Seit über 20 Jahren betreuen wir Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund in der Medizinischen Klinik III und Poliklinik der Universitätsklinik Gießen und Marburg. Aus diesem Betreuungsangebot ist die Migrantenambulanz entstanden, die eine Lücke in der medizinischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten zu schließen vermag, aber sich auch wissenschaftlichen Fragen zu Migration und Gesundheit widmet.

Ein effizienter Zugang zum deutschen Gesundheitssystem ist für die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten aufgrund sprachlicher Barrieren und der kulturellen Unterschiede mit nicht ausreichender Empathie, erschwert, so dass eine Inanspruchnahme der Frühdiagnostik sowie der präventiven Maßnahmen nicht optimal ist.

In Deutschland leben ca. 3 Millionen Türkeistämmige, von denen über 1 Million der ersten Generation mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren angehören. Dieser Personenkreis bevorzugt überwiegend aufgrund der Sprachbarrieren und der Empathie Ärzte, die die gleiche Sprache sprechen und den gleichen kulturellen Hintergrund haben.

Das Durchschnittsalter der türkischen Migrantinnen und Migranten liegt bei 34,6 Lebensjahren. (1)

Prof. Dr. Hans-Ulrich Klör, seit 1986 Professur für Innere Medizin, Fachbereich Gastroenterologie, Ernährung, Stoffwechsel und Endoskopie, Medizinische Klinik III, an der Universität Gießen.

In Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland haben wir in den Jahren 1996 und 1997 bundesweit eine Befragung bei 54 Ärzten mit einem hohen Anteil an ausländischen Patienten durchgeführt. An dieser Befragung nahmen 1100 Patienten teil. Ziel der Befragung war u.a. die häufigsten Krankheiten, den Gesundheitszustand, die Annahme von Präventivangeboten durch die türkischen Patienten zu bestimmen.

55,56% der befragten Ärzte waren der Meinung, dass der Gesundheitszustand der von ihnen behandelten ausländischen Patienten im Vergleich zu Deutschen schlechter war. 64,81% der befragten Ärzte beobachteten, dass ausländische Patienten im Vergleich zu Deutschen präventive Angebote seltener in Anspruch nahmen. (2)

Für die ambulante Krankenversorgung in den Praxen ist die Kassenärztliche Vereinigung verantwortlich. Die Kassenärztliche Vereinigung, die Krankenkassen und die Gesundheitsministerien der Länder entscheiden über die Zulassung für eine Niederlassung der Ärzte, damit eine Versorgung der PatientInnen gewährleistet ist. Analysiert man aber die vorliegenden Zahlen, so ist ersichtlich, dass der Migrantenaspekt bei diesen Entscheidungen nicht berücksichtigt wird und der Anteil der praktizierenden bilingualen Ärzte nicht ausreicht, um eine optimale Versorgung der PatientInnen mit Migrationshintergrund zu gewährleisten.

In Hessen z.B. gibt es nach Auskunft der KV Hessen 121 türkischsprachige niedergelassene Ärzte aller Fachrichtungen, aber nur ca. 1/3 dieser zugelassenen Praxen werden von türkischen Ärzten geführt.

Der gleiche Versorgungszustand ist auch im stationären Bereich in Städten mit einem hohen Migrantenanteil an der Gesamtbevölkerung wie z.B. Frankfurt oder Köln, zu beobachten. Hier müssen muttersprachliche Angebote für eine optimale Behandlung gemacht werden.

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