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Migration und Integration in Deutschland

Die Qualität einer freiheitlichen Gesellschaft bewährt sich nicht zuletzt darin, wie mit Minderheiten umgegangen wird und wie sich Minderheiten in einer Gesellschaft fühlen.

Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Bezirk Berlin-Mitte

Gesundheits- und Vorsorgeverhalten Erwachsener mit Migrationshintergrund

Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung für das Schuljahr 2006/07 führte das Bezirksamt eine Erhebung zur Gesundheit und zum Gesundheitsverhalten von Eltern der Schulanfänger durch. Die Fragen betrafen u.a. ihre eigene Gesundheit, ihr Gesundheitsverhalten und ihr Bedarf an gesundheitsbezogenen Informationen.

Ergebnisse
An dieser Stelle werden einige prägnante Ergebnisse der Befragung vorgestellt, insbesondere in Hinblick auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und der einheimischen deutschen Bevölkerung. Obgleich die Angaben zur Herkunft der Befragten detaillierter sind, werden hier in erster Linie die Herkunftsgruppen der Schuleingangsuntersuchung für die Vergleiche verwendet. Um die oben aufgezeigten starken Unterschiede in der sozialen Schicht nach Herkunftsgruppe zu kompensieren, werden für die nachfolgenden Vergleiche jeweils nur die Befragten aus der unteren sozialen Schicht1 einbezogen. Dies sind immerhin 46% der gesamten Untersuchungsgruppe.

Abbildung 2 zeigt wie die Befragten aus der unteren sozialen Schicht ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand einschätzten. Insgesamt schätzten sich die Migranten als mindestens so gesund wie die entsprechenden deutschen Befragten ein. Hinsichtlich der Einschätzung „sehr gut“ lagen fast alle Migrantengruppen minimal höher als die Deutschen. In dem unteren Bereich der Gesundheitseinschätzungen (mittelmäßig/schlecht) lagen die meisten Migrantengruppen ebenfalls auf einem ähnlichen Niveau wie die Befragten deutscher Herkunft. Hier bildeten die Migranten aus arabischen Ländern jedoch eine Ausnahme.

Gemessen an ihren Krankheitstagen im letzten Jahr (Abb. 3) schnitten die meisten Migrantengruppen in der unteren Schicht in der Kategorie „weniger als 5 Tage“ zwar besser ab als die entsprechenden deutschen Befragten (auch mit Ausnahme der Menschen aus arabischen Ländern, aber am anderen Ende des Spektrums „mehr als 3 Wochen“ schnitten sowohl die arabische (7,9%) als auch die türkischen (10,4%) Befragten schlechter als die deutschen Eltern (6,6%) ab.

Trotz ihrer von Ihnen selbst als besser eingeschätzten Gesundheit besuchten Befragte aus allen Herkunftsgruppen ihren Hausarzt wesentlich öfter als die deutschen Befragten (Abb. 4).

Hinsichtlich der Facharztbesuche in unserer Untersuchungsgruppe sieht das Bild anders aus (Abb. 5). Während die deutschen Befragten ihre Fachärzte insgesamt mehr als die befragten Migranten besucht haben, besuchten Migranten aus allen aufgeführten Herkunftsgruppen2 ihre Fachärzte öfter „mehr als 4 mal“ als die Befragten deutscher Herkunft. Analog zu ihrer eher schlecht selbst eingeschätzten Gesundheit besuchten Migranten arabischer Herkunft sowohl ihren Hausarzt als auch Fachärzte häufiger als Menschen aus allen anderen Herkunftsgruppen „mehr als 4 mal“ im letzten Jahr. Interessant jedoch ist die Tatsache, dass die befragten Menschen arabischer Herkunft am allerwenigsten an chronischen Erkrankungen litten.

Eine mögliche Erklärung für die Häufigkeit der Arztbesuche von Migranten bei gleicher oder besserer Gesundheit wäre das Vorliegen von Verständnisproblemen, die eine angemessene Arzt/Patienten-Beziehung erschweren. Hiernach könnten Migranten, die Verständnisprobleme mit der deutschen Sprache vorweisen, Schwierigkeiten in der Kommunikation mit ihrem Hausarzt haben, die eine geeignete Therapie unwahrscheinlich machen. Entweder verstehen sie die Anweisungen des Arztes nicht und befolgen sie dementsprechend auch nicht, oder sie werden vom behandelnden Arzt nicht verstanden – bzw. sie fühlen sich nicht richtig verstanden – und gehen deshalb zum nächsten Arzt für die gleiche Beschwerde.

Interessant ist auch die Antwort auf die Frage, ob sie einen Hausarzt/eine Hausärztin haben, den/die sie im Regelfall zuerst bei gesundheitlichen Problemen aufsuchen. Insgesamt gaben die von uns befragten Migranten an, ihren Hausarzt stärker als Gatekeeper für weitergehende gesundheitliche Versorgung zu nutzten, als die deutschen Befragten dies tun (Abb. 6). Hier ist die mögliche Kausalität jedoch nicht klar. In der unteren sozialen Schicht ist die große Mehrheit sowohl der Deutschen als auch der Migranten gesetzlich versichert. Es könnte jedoch sein, dass die Praxisgebühr im Sinne der Gesundheitsreform bei den befragten Migranten stärker steuernd wirkt.

Ein weiterer wichtiger Bereich der Befragung betraf den Konsum von Alkohol und Tabak. Hier zeigte sich ein Migrationshintergrund eher als gesundheitsfördernd. Bei unserer Befragung tranken Menschen aus den meisten Migrantengruppen wesentlich weniger Alkohol als die deutschen Befragten. Dies war bei den türkischen und arabischen Eltern besonders bemerkbar (vgl. Abb. 7).

Diese Konsummuster korrespondierten auch sehr eng mit der Religion der Befragten (vgl. Abb. 8). Insbesondere die Muslime und die Buddhisten in der Befragung neigten dazu, abstinent zu sein. Bei den Christen dagegen gaben nur 15,6% an, abstinent zu sein, und 40,4% tranken mindestens einmal in der Woche Alkohol.

Beim Rauchverhalten zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Herkunftsgruppen in der unteren sozialen Schicht (vgl. Abb. 9). Hier sind insbesondere die deutschen Eltern gefährdet.

Dieses Phänomen könnte auch eine religiöse Komponente haben. In Abbildung 10 wird evident, dass die muslimischen und buddhistischen Eltern der unteren sozialen Schicht um einiges weniger als die deutschen rauchen. Bei einer Befragung von Zehntklässlern zu ihrem Suchtverhalten bei der Jugendarbeitsschutzgesetzuntersuchung im Bezirk Mitte im Jahre 2007 war der häufigste Grund für das Nichtrauchen bei türkischen und arabischen Jugendlichen, dass ihre Religion es verbieten würde.

Die in der Befragung beobachtete Tendenz von Migranten, Vorsorgemaßnahmen, die vonden Krankenkassen ohne Zuzahlung angeboten werden, z.B. die Krebsvorsorge, nicht in Anspruch zu nehmen, ist bedenklich. Abbildung 11 zeigt diese Tendenz anhand der Krebsvorsorge3 für Frauen in der unteren sozialen Schicht. Hier ist insbesondere die Diskrepanz zwischen den Inanspruchnahmeraten deutscher Frauen und denen von Frauen aus dem ehemaligen Ostblock eklatant.

  1. Die soziale Schicht der Familien wurde anhand der Bildung und Erwerbstätigkeit der Eltern mit einem Punktesystem bestimmt, basierend auf dem des Brandenburger Ministeriums für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Frauen. Dieses Punktesystem wird seit 2001 mit einigen Modifikationen vom Land Berlin für die landeseinheitliche Erfassung der Schuleingangsuntersuchung verwendet. Eine nähere Beschreibung dieses Modells ist bei Bettge/Oberwöhrmann 2008 zu finden. []
  2. bis auf Menschen aus „anderen Ländern“ []
  3. „Haben Sie in der Vergangenheit an einer der folgenden gesundheitlichen Vorsorgemaßnahmen teilgenommen? (1) Krebsvorsorge“ []
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2 Kommentare
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  1. […] Jeffrey Butler, Bezirk Berlin-Mitte: Gesundheits- und Vorsorgeverhalten Erwachsener mit Migrationshintergrund […]

  2. […] erheblich gefährdet, sollten keine entsprechenden Maßnahmen durchgeführt werden. Neben der Vorsorge durch einen Arzt, sind dementsprechend auch eine Absicherung durch entsprechende Versicherungen […]



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