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Migration und Integration in Deutschland

Das Beitragsaufkommen [in den Rentenversicherungen beträgt] auf Grund der Beschäftigung der ausländischen Arbeitnehmer jährlich rd. 1,2 Milliarden DM, während sich die Rentenzahlungen an ausländische Arbeitnehmer jährlich auf rd. 127 Millionen DM, also etwa ein Zehntel, belaufen.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände

Thilo Sarrazin

Rücktrittsforderung nach Ausländer-Schelte

Thilo Sarrazin ist erst seit dem 1. Mai 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank. Nach einem Interview mit dem Kulturmagazin „Lettre International“ Mitte vergangene Woche wird bereits nach knapp fünf Monaten Amtszeit sein Rücktritt gefordert. Er hatte sich in rechtspopulistischer und abfälliger Manier über Türken, Araber und über die Mittelschicht geäußert.

„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“ und „Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren“, ist ein Auszug aus dem Repertoire Sarrazins. Außerdem meinte er: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“ und „Das gilt für 70 Prozent der Türken und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung“.

Nachdem die Deutsche Bundesbank sich zuvor „entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin“ distanziert hatte und sich eine Empörungswelle breitgemacht hatte bedauerte Sarrazin den Vorfall: „Die Reaktionen, die mein Interview in Lettre International verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Das bedauere ich“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Seine Absicht sei gewesen, „die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskriminieren“.

Diese Entschuldigung reichte nicht. Auch Bundesbankchef Axel Weber attackierte seinen Vorstandskollegen scharf und forderte ihn indirekt zum Rücktritt auf. Die Aussagen seien „bedenklich“ und „nicht mit dem Verhaltenskodex der Bundesbank vereinbar“, sagte Weber am Samstag am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Istanbul. „Jeder hat Verantwortung für die Institution und muss mit sich selbst ins Gericht gehen“, sagte Weber weiter. Es gehe nicht um Personen, sondern um Institutionen.

Forderungen nach einem Parteiausschlussverfahren aus der SPD gegen den früheren Berliner Finanzsenator wurden ebenfalls laut. „Nach diesen Äußerungen ist Thilo Sarrazin in der Sozialdemokratie untragbar“, sagte die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl. „Die Parteigliederung, bei der Herr Sarrazin Mitglied ist, sollte ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einleiten. Dafür liegen nun ausreichend Anhaltspunkte vor. Er ist schon lange kein Sozialdemokrat mehr.“, so Högl weiter. Auch SPD-Politiker Vural Öger werde sich beim Parteivorstand für einen Parteiausschluss Sarrazins einsetzen. Er bezeichnete die Äußerungen als „beschämend, widerlich und skandalös“.

Muss Thilo Sarrazin nach seiner Ausländer-Schelte zurücktreten?
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    Richtig unangenehm wurde es für Sarrazin, als das Landeskriminalamt eine Prüfung angekündigt hatte, ob „die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten wurden und sich der Anfangsverdacht für einen strafbaren Inhalt ergibt“.

    Unterstützung erfuhr der frühere Finanzsenator lediglich von der NPD. Sarrazin bringe „die Entwicklung unseres Landes auf den Punkt“, sagte ein Sprecher der rechtsextremen Partei.

    So fiel auch dem Vizechef der türkischen Zentralbank, Ibrahim Turhan, nicht mehr ein, als höheren Beistand für Sarrazin zu rufen: „Allah möge ihm mehr Verstand geben.“

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    97 Kommentare
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    1. Krischan Piepengruen sagt:

      Und wer wissen will, was das Deutsche Volk dazu denkt, der schaut sich bitte einmal bei HART ABER FAIR das Gästebuch an.

      http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2009/20091007.php5?akt=1

      Zwar stampft die Propaganda-Maschine WDR schon gleich zu Beginn ordentlich los:

      „Darf man so reden wie Thilo Sarrazin es tut? Er unterstellt türkischen Zuwanderern, sie wollen Deutschland erobern und produzieren ständig Kopftuchmädchen. Spricht der Bundesbanker und SPD-Politiker damit nur unbequeme Wahrheiten aus – oder spitzt er so zu, dass am Ende nur Missverständnisse und Vorurteile bleiben?“

      aber nützen tut’s nicht viel …

    2. Boli sagt:

      @Malte

      Die Türken haben Deutschland mitaufgebaut, man sollte ihnen ein bisschen mehr Respekt zollen, anstatt auf ihnen rumzuhacken und sie als “nutzlos” zu betiteln.

      Nutzlos waren Sie nicht, nur sie wurden ca. 1965 angeworben und man hätte sie spätestens 1975 wieder zurückschicken müssen da zu dieser Zeit der Wirtschaftsboom schon wieder vorbei war. Somit ist dieser Aufbaumythos bezüglich der türkischen Gastarbeiter ziemlich hoch gegriffen, zumal ich vor allem den deutschen Trümmerfrauen meine Hochachtung ausspreche, die den Sch..ß weggeräumt haben die die Männer hinterließen. Die Gastarbeiter haben Deutschland nicht aufgebaut sondern die für eine Steigerung der Wirtschaftsleistung benötigte Arbeitskraft gestellt.
      Die türkischen Gastarbeiter haben sich lediglich in eine schon von den Deutschen vorbereitete reindustrialisierte Infrastruktur gesetzt und die Plätze die damals an den Werkbänken frei waren eingenommen. Griechen, Spanier, Italiener, Portugiesen waren schon wesentlich eher da und somit am direkten Wiederaufbau eher beteiligt, weil ich glaube nicht das es in Westdeutschland 1965 noch groß irgendwelche Ecken in Städten gab, die noch ausgesehen haben, als hätte gerade eine Bombe eingeschlagen.

      @Markus Hill
      habe Ihnen weiter oben bezüglich Berlin, Arbeitslose usw. mal was rechnungsmäßig Überschlagen. Also mich wunderts nicht das Berlin pleite ist. Ist natürlich garantiert das nicht, das die Rechnung 100%ig stimmt.

    3. BiKer sagt:

      jetzt hör aber auf. was ist das denn für eine rechnung? was ausländer leisten und wie das berechnet wird kannst du hier nachlesen: http://www.migazin.de/2008/12/17/der-finanzierungsbeitrag-der-auslaender-zu-den-deutschen-staatsfinanzen-eine-bilanz-fuer-2004/

    4. Markus Hill sagt:

      Danke für die Rechenarbeit. Da wird es bestimmt noch genauere Zahlen geben. Ich meinte aber etwas in Richtung „Realpolitik“. Ich weiss (in Holland hat man gerade die Diskussion über die Kosten der Migration), dass diese rein ökonomische Betrachtungsweise zu sehr harten Diskussionen führen kann. Wenn ich viele Jahre nehme, einen langen Zahlungsstrom mit allen Folgekosten (Hartz-IV in nächster Generation, Kriminalität, Mehrkosten für Lehrer – weniger für vietnamesische Schüler, die Diskussion hatten wir schon) kann das Ergebnis schnell ins Negative laufen. Die Fakten möchte ich hier auch nicht leugnen, aber man muss mit genauen Zahlen operieren.
      Mir ging es darum, von bestehenden Problemen aus eine Lösung zu finden. Gegenwärtig werden keine Rückführungsprogramme diskutiert (bisher wohl nur von rechtsradikalen Parteien – wobei dass noch nicht einmal ein rechtsradikales Instrument der Migrationssteuerung ist), also wird man eine einvernehmliche Lösung suchen. Mit etwas gutem Willen und mit der Anerkennung der Tatsache, dass viele von den Problemgruppen hier geboren sind, ist vielleicht eine Lösung möglich. Langsam – auch die sehr offenen Diskussionen hier – zeichnet sich doch vielleicht ab, dass man miteinander reden kann. Die Lösung wird halt wohl länger dauern, als die scheinbare Geduld von vielen Menschen ausmacht. Vielleicht aber auch nicht.:-)

    5. Markus Hill sagt:

      PS: Sie sind teilweise aber sehr hart in ihren Ausführungen. Die Argumentation mit dem Mythos „Türken-Deutschland-aufgebaut“ erscheint mir aber im Grunde nach sachlich nachvollziehbar.

    6. Markus Hill sagt:

      Die Berechnung kann man bestimmt kritisieren (Methodik). Kern ist aber wohl eher gewesen, dass man die Kosten von Problemgruppen in Berlin beziffern wollte. Darüber wäre ein Link mit Zahlen einmal interessant. auf die Stadt bezogen: Ausländer allgemein ist als Gruppe nicht treffend, dass ist genause undifferenziert wie Migranten allgemein. Das „vernebelt“ die Situtation nur wieder. Wie gesagt, darüber wären einmal präzise, unabhängige Zahlen interessant.
      Sarrazin hat da vielleicht sogar einmal etwas darüber veröffentlicht, vermute ich einmal, da er sich so stark mit Finanzströmen auseinandergestzt hat.

    7. Boli sagt:

      @Biker

      Du hast aber schon mitbekommen das ich AUSSCHLIESSLICH von Berlin geredet habe oder??
      Das die Zahlen im Bundesbereich anders liegen können glaube ich Ihnen gerne. Aber für Berlin geht die Rechnung nicht auf und alleine darauf hat sich Herr Sarrazin auch bezogen, genauso wie ich.

    8. BiKer sagt:

      deine berechnung ist deswegen nicht stichhaltig, weil du viele faktoren unberücksichtigt lässt, auch für berlin. dass du allein mal die verdienste der arbeitnehmer komplett ausblendest, reicht doch schon aus.

    9. BiKer sagt:

      „Kern ist aber wohl eher gewesen, dass man die Kosten von Problemgruppen in Berlin beziffern wollte.“

      wenn man problemgruppen gesondert betrachtet, kommt nie etwas positives raus. aber was sind problemgruppen? sind türken die problemgruppe oder nur die arbeitslosen türken? erstere hat nicht nur obstläden sondern auch viele arbeitnehmer, die steuern bezahlen; letztere allein als problemgruppe zu bezeichnen???… da kann man auch jede andere problemgruppe nehmen: arbeitslose deutsche, polen, griechen und selbst die so fleißigen viatnemesen. das wird dem ganzen aber doch nicht gerecht.

    10. Bogo sagt:

      @Krischan Pipengruen
      Ganz so undeutlich scheine ich mich dann doch nicht ausgedrückt zu haben.
      Wenn sie jetzt so tun als hätte ich mich undeutlich ausgedrückt, stellt sich wirklich die Frage, warum Sarrazin zu erst auf der ausländischen Unterschicht rumhackt, da kann er ja gleich wo anders anfangen.
      Im übrigen Danke für den Link, hab ich aber schon bei PI gesehen. 😉

      @Markus Hill
      Problem erkannt, erst will Deutschland kein Einwanderungsland sein und als es endlich doch will, bricht man die Integration übers Knie.
      Eine vollständige Integration bis hin zur schleichenden Assimilation dauert 5 Generationen und wir sind erst bei der Vierten angelangt.
      Wobei, wenn ich mir meine Kinder anschaue, finde ich das die Assimilation ein wenig zu schnell von statten ging.

      Das wirtschaftlicher Tiefgang und fehlende Perspektiven für die Jugend ein starker Integrationshemmer ist, darf nicht übersehen werden.
      Entweder wartet man auf bessere Zeiten und läßt den Migranten ein wenig Luft holen oder man prügelt auf ihn ein, bis er freiwillig geht.
      Da wir nun mal nicht mehr zu blöd sind, die Fakten zu übersehen sollte gebildeten Migranten die Zeit gegeben werden, mit der Unterstützung der deutschen Gesellschaft Projekte auf die Beine zu stellen, die der Integration förderlich sind und wer mal ein Auge auf solche Projekte wirft, der sieht auch das sich da einiges tut.



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