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Migration und Integration in Deutschland

Und die einzige Leitkultur, die wir allen Menschen in Deutschland abverlangen müssen, steht in den ersten 20 Artikeln des Grundgesetzes.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Gutachten

Thilo Sarrazins Äußerungen sind eindeutig rassistisch

Ein Gutachten im Auftrag der SPD-Verbände Spandau und Alt-Pankow in Berlin zeigt: Die Einlassungen von Thilo Sarrazin im „Lettre International“ sind „eindeutig rassistisch“. Sarrazin hatte sich herablassend über Türken und Araber geäußert und ihnen Integrationsunfähigkeit vorgeworfen (wir berichteten).

Der Politikwissenschaftler Gideon Botsch vom Moses-Mendelssohn-Zentrum der Universität Potsdam hat in einem Gutachten geprüft, ob Thilo Sarrazins Äußerungen im Interview mit der Kulturzeitschrift „Lettre International“ (wir berichteten) im Oktober fremdenfeindlichen Charakter hatten.

Der ehemalige Berliner Finanzsenator hatte sich herablassend über Türken und Araber geäußert und ihnen vorgeworfen, sie seien “weder integrationswillig noch integrationsfähig”. Sie hätten “keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel” und produzierten “ständig neue kleine Kopftuchmädchen”.

Eindeutig rassistisch
Botschs Urteil lautet: „Die Einlassungen von Dr. Sarrazin sind eindeutig rassistisch.“ Das Gutachten hatten die Berliner SPD-Verbände Spandau und Alt-Pankow in Auftrag gegeben, die bereits im vergangenen Jahr ein Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin angestrengt hatten. Nachdem es in erster Instanz gescheitert war, gehen sie nun in Berufung.

Der Spandauer SPD-Vorsitzende Raed Saleh erklärte, dass Sarrazins Äußerungen „mit den Grundsätzen der SPD nicht vereinbar“ seien. „Die SPD war immer eine Partei des Aufstiegs“, sagte Saleh. Das müsse heute auch für Migranten gelten. Sarrazin behauptete im Interview hingegen, eine positive Veränderung in Berlin könne sich nur „durch einen Bevölkerungsaustausch vollziehen, man ändert ja niemanden“.

Die Landesschiedskommission der SPD wird sich nun mit dem geforderten Parteiausschluss des früheren Finanzsenators Thilo Sarrazin beschäftigen. Auch der geschäftsführende SPD-Landesvorstand befasste sich mit dem Thema. Der SPD-Chef Michael Müller hält die Äußerungen des heutigen Bundesbankvorstands Sarrazin in einem Interview der Kulturzeitschrift „Lettre International“ für falsch. Am Freitag sagte Müller lediglich: „Alles Weitere liegt in der Zuständigkeit der Landesschiedskommission.“

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8 Kommentare
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  1. bogo70 sagt:

    Um das zu wissen braucht man keine Studie und nutzen wird sie auch nicht viel.
    Der fortschreitende Rassismus in Europa ist nicht mehr aufzuhalten, es ist nur noch eine Frage der Zeit wann es Deutschland genauso erwischt wie den Rest Europas. Politiker und Prominente, geben sich alle Mühe den Prozess zu beschleunigen und Merkel schweigt nicht nur zu anderen Themen. Wer sich vor zwei Jahren Sorgen um den steigenden Rassismus machte, der muss sich jetzt nur noch fragen wieviel Zeit ihm bleibt, freiwillig zu packen.
    Die sich zuspitzende Lage in Italien, Frankreich, Österreich, der Schweiz, ach was in ganz Europa, ist kein Zeichen von Alarmbereitschaft, wir sind mitten drin im Kampf der Kulturen und Sarrazin ist ein Teil von diesem Puzzle, wenn auch nur ein winziger. Die gefährlichen Rassisten sitzen rund um Deutschland in europäischen Staaten, die wir einmal für ihr Demokratieverständnis bewunderten.

  2. t-cat sagt:

    >>Sarrazin behauptete im Interview hingegen, eine positive Veränderung in Berlin könne sich nur “durch einen Bevölkerungsaustausch vollziehen, man ändert ja niemanden”.<>…über Türken und Araber geäußert und ihnen vorgeworfen, sie seien “weder integrationswillig noch integrationsfähig”. Sie hätten “keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel” und produzierten “ständig neue kleine Kopftuchmädchen”.<<

    Das IST rassistisch.
    Sarrazin spricht Menschen bestimmter Herkunft / bestimmten Glaubens typisch menschliche Eigenschaften ab. Nämlich Änderungs- und Lernbereitschaft und die Fähigkeit zu beidem. Mögliches Fehlverhalten einzelner wird von ihm pauschal – und gewollt provokativ – auf die gesamte Ethnizität übertragen. Zudem mit nur negativ besetzten Wertungen ("keine positive Veränderung"; "keine produktive Funktion"). Diese pauschalen Wertungen sind nicht nur einseitig und negativ, sondern in ihrer Einseitigkeit auch schlicht falsch.

    Bei einem Mann wie Sarrazin darf unterstellt werden, dass er sich der objektiven Fehler in seiner "Argumentation" sehr wohl bewusst ist. Das aber rechtfertigt es, ihm rassistische und agitatorische Motive vorzuhalten.

    Außerdem wird in der ganzen Diskussion um Migration und Integration gern ausgeblendet, dass Schwierigkeiten im Integrationsprozess niemals einseitige Schwierigkeiten sind (wie alle zwischenmenschlichen Probleme eben). Sie treffen die „Eingeborenen“ in gleicher Weise – auch die müssen sich in ihrem Denken (und Verhalten!) anpassen. So ist das eben in sich wandelnden Gesellschaften und so ist es auch schon immer gewesen.

    Die Art und Weise, wie Herr Sarrazin sich zu dem Thema äußert, hilft der Problembeseitigung gar nicht, sondern reißt Gräben nur immer wieder neu und tiefer auf. Auch hierbei darf unterstellt werden: das ist gewollt. Eine sehr „ewiggestrige“ Einstellung also.

  3. t-cat sagt:

    @ bogo70
    >>“Der fortschreitende Rassismus in Europa ist nicht mehr aufzuhalten, es ist nur noch eine Frage der Zeit wann es Deutschland genauso erwischt wie den Rest Europas.“<>“…wir sind mitten drin im Kampf der Kulturen und Sarrazin ist ein Teil von diesem Puzzle…“<<

    Noch mal Nein!
    Kulturen kämpfen nicht. Sie entwickeln sich. Kämpfen tun nur Menschen und in diesem Zusammenhang ist Herr Sarrazin kein Puzzleteil, sondern ein Scharfmacher.

  4. t-cat sagt:

    „…Der fortschreitende Rassismus in Europa ist nicht mehr aufzuhalten, es ist nur noch eine Frage der Zeit wann es Deutschland genauso erwischt wie den Rest Europas…“

    Nein!
    Rassismus ist kein „Naturereignis“, dem wir hilflos ausgeliefert wären. Wohin eine resignative bis ignorierende Einstellung gegenüber Rassismus führt, muss doch gerade in Deutschland nachdrücklich bekannt sein.
    Also: kein Resignieren, keine „Toleranz“ gegenüber Rassisten. Null Toleranz!

  5. bogo70 sagt:

    Ihr Optimismus und Kampfgeist in allen Ehren, aber auf Dauer resigniert auch der härteste Nehmer mal. Völker entwickeln sich und wachsen zusammen, es wird aber nie so sein das diese Tatsache von jederman akzeptiert wird. Behalten sie ihren Optimismus ruhig bei und bringen meinen wieder auf Vordermann. Danke, morgen sieht die Welt wahrscheinlich schon wieder ganz anders aus. 😉

    Was auch immer Sarrazin ist, ein Teil des Puzles oder „der Scharfmacher“ macht eigentlich keinen großen Unterschied, die Maschinerie läuft wie geölt, mit oder ohne ihn.

  6. Boli sagt:

    Wie sich alles entwickeln wird ist noch offen. Was stimmt ist das die Radikalen an Gewichtung gewinnen. Der innereuropäische Nationalismus von damals weicht einem Gesamteuropäischem immer mehr und der neue Feind im Inneren ist die verstärkt auftretende islamische Religionsgemeinschaft. Um einiges entschärfen könnte man die Entwicklung aber schon indem man zuerst die Scharfmacher in religiösen Fragen (Hassprediger wie der in England wo am Ort der Rückführung gefallener Briten „demonstrieren“ will) und notorisch gewalttätige und vor allem in krimininellen Banden organisierte Migranten wie in Berlin, Bremen, NRW, London, Kopenhagen, Athen, Göteborg, Brüssel, Paris, Lyon, diverse Städte in den Niederlanden usw. konsequent ausweist. Es müsste zuerst jegliches in einen Topf werfen damit unterbrochen werden damit der Rechtsradikalismus kein Futter mehr bekommt.

    Was aber auch bisher noch kaum jemand beachtet hat!! Fragt man einmal türkischstämmige usw. die schon 20 – 50 Jahre hier leben z.B. in Berlin wie Aufnahmebereit sie denn gegenüber neuen Migranten sind, wird eine Überraschung erleben. Es ist häufig so, das wenn es nicht gerade Leute der eigenen Familie, Nationalität oder so betrifft ebenso eine breite Ablehnung für weitere Fremde besteht.
    Und was Sarrazin betrifft. Er hat meiner Meinung so und so vielen Menschen Unrecht getan aber auch bei einem gewissen Teil ebenso ins schwarze getroffen. Die die wirklich gemeint sind, sind hochkriminelle türkische, kurdische, libanesische etc. Familienclans die der Meinung sind eigene Gesetze auf der Straße durchsetzen zu können und dem Staat in der Tat Jahr für Jahr horrende Summen kosten.

  7. […] Eindeutig rassistisch Ihren Standpunkt unterstreicht die Linkspolitikerin mit einem Gutachten des Potsdamer Extremismusforschers Gideon Botsch vom Moses-Mendelssohn-Zentrum (MMZ). Dieser kam in einer vom Ortsverband Berlin-Spandau in Auftrag gegebenen Studie zu dem Ergebnis, dass Sarrazins Äußerungen „eindeutig als rassistisch“ eingestuft werden müssen (wir berichteten). […]

  8. Josef Özcan sagt:

    Aus psychologischer Sicht ist es von zentraler Bedeutung statt von Kulturen, von Individuen zu sprechen.
    Die einzige Lösung vieler Probleme liegt in der Einnahme einer subjektzentrierten Betrachtungsweise.
    Natürlich ist es viel einfacher in einem Atemzug gleich etwas über Millionen verschiedener Menschen zu sagen.
    Aber sollte uns nicht allmählich dämmern wie absurd so etwas im Grunde genommen ist.
    Sehen wir denn nicht in unserem direkten Umfeld wie verschieden einzelne Menschen sein können und sind. Wenn man sich wirklich Zeit und Liebe nimmt sie unvoreingenommen zu betrachten und mit ihnen zu reden statt nur über sie, dann ist es unverkennbar, jeder ist unvergleichlich.
    Was Sarrazin betrifft so ist er ein ein armes irregeleitetes Wesen, dass Mitleid verdient, aber es fällt zugegebener Maßen sehr schwer einem Rassisten gegenüber Mitleid zu empfinden.

    Josef Özcan (Diploöm Psychologe)



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