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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Thilo Sarrazin

Rücktrittsforderung nach Ausländer-Schelte

Thilo Sarrazin ist erst seit dem 1. Mai 2009 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank. Nach einem Interview mit dem Kulturmagazin „Lettre International“ Mitte vergangene Woche wird bereits nach knapp fünf Monaten Amtszeit sein Rücktritt gefordert. Er hatte sich in rechtspopulistischer und abfälliger Manier über Türken, Araber und über die Mittelschicht geäußert.

„Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“ und „Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung. Ich habe dazu keine Lust bei Bevölkerungsgruppen, die ihre Bringschuld zur Integration nicht akzeptieren“, ist ein Auszug aus dem Repertoire Sarrazins. Außerdem meinte er: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“ und „Das gilt für 70 Prozent der Türken und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung“.

Nachdem die Deutsche Bundesbank sich zuvor „entschieden in Inhalt und Form von den diskriminierenden Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin“ distanziert hatte und sich eine Empörungswelle breitgemacht hatte bedauerte Sarrazin den Vorfall: „Die Reaktionen, die mein Interview in Lettre International verursacht hat, zeigen mir, dass nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war. Das bedauere ich“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Seine Absicht sei gewesen, „die Probleme und Perspektiven der Stadt Berlin anschaulich zu beschreiben, nicht aber einzelne Volksgruppen zu diskriminieren“.

Diese Entschuldigung reichte nicht. Auch Bundesbankchef Axel Weber attackierte seinen Vorstandskollegen scharf und forderte ihn indirekt zum Rücktritt auf. Die Aussagen seien „bedenklich“ und „nicht mit dem Verhaltenskodex der Bundesbank vereinbar“, sagte Weber am Samstag am Rande der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Istanbul. „Jeder hat Verantwortung für die Institution und muss mit sich selbst ins Gericht gehen“, sagte Weber weiter. Es gehe nicht um Personen, sondern um Institutionen.

Forderungen nach einem Parteiausschlussverfahren aus der SPD gegen den früheren Berliner Finanzsenator wurden ebenfalls laut. „Nach diesen Äußerungen ist Thilo Sarrazin in der Sozialdemokratie untragbar“, sagte die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl. „Die Parteigliederung, bei der Herr Sarrazin Mitglied ist, sollte ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einleiten. Dafür liegen nun ausreichend Anhaltspunkte vor. Er ist schon lange kein Sozialdemokrat mehr.“, so Högl weiter. Auch SPD-Politiker Vural Öger werde sich beim Parteivorstand für einen Parteiausschluss Sarrazins einsetzen. Er bezeichnete die Äußerungen als „beschämend, widerlich und skandalös“.

Muss Thilo Sarrazin nach seiner Ausländer-Schelte zurücktreten?
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    Richtig unangenehm wurde es für Sarrazin, als das Landeskriminalamt eine Prüfung angekündigt hatte, ob „die Grenzen der Meinungsfreiheit überschritten wurden und sich der Anfangsverdacht für einen strafbaren Inhalt ergibt“.

    Unterstützung erfuhr der frühere Finanzsenator lediglich von der NPD. Sarrazin bringe „die Entwicklung unseres Landes auf den Punkt“, sagte ein Sprecher der rechtsextremen Partei.

    So fiel auch dem Vizechef der türkischen Zentralbank, Ibrahim Turhan, nicht mehr ein, als höheren Beistand für Sarrazin zu rufen: „Allah möge ihm mehr Verstand geben.“

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    97 Kommentare
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    1. Non-EU-Alien sagt:

      Interessant bei seiner Aussage ist es, dass er sich ausschliesslich auf Türken und Araber bezieht und nicht auf alle Migrantengruppen in der BRD. Hat es einen bestimmten Grund, dass Russen, Serben, Portugiesen, Italiener, Rumänen, usw. nicht genannt wurden?

      Jetzt hat er jedenfalls den Salat und muss sich ggf. verantworten. Beim ersten Durchlesen seiner Worte konnte ich zuerst nicht glauben, was ich lese und dann noch weniger glauben, dass es von einem SPD Politiker kommt.

    2. Johanna sagt:

      Herr Sarrazin hätte dies lieber sagen und entsprechende Maßnahmen ergreifen sollen, als er noch verantwortlicher Poltiker in Berlin war. Das traut sich diese Clique allerdings nicht, weil es nicht PC ist.

      Jetzt, wo er bei der BB ist, hat er gut reden.

    3. Markus Hill sagt:

      Ich glaube nicht, dass er die von ihm angesprochenen Probleme (die Form und Formulierung war stellenweise anerkannterweise daneben, die Position von ihm problematisch, die Inhalte werden wohl mehrheitlich weniger bestritten) hätte lösen können. DIE WELT und die FAZ AM SONNTAG haben zu diesem Interview eine sehr interessante Deutung gegeben. Vielleicht gibt es Links dazu. Man hat sich gewundert, wie „entspannt“ und gelassen da seine Äusserungen – er ist ja bekannt für diese Form von „Anecken“ – im Rahmen der Meinungsfreiheit und freiheitlicher, politischer Kultur gesehen werden. Viele der Problempunkte, die er überspitzt anspricht, tragen wohl einen wahren Kern in sich. Viel „Betroffenheits-Geheule“ lässt sich vielleicht so erklären, „getroffener Hund bellt“.:-)
      Seine Art passt wohl gegenwärtig weniger in die mehr konsensorientierte Diskussionskultur. Zumindest polarisiert er und regt zum Denken an, Rücktrittsforderungen (speziell nach der Entschuldigung) halte ich für völlig unangemessen.

    4. Markus Hill sagt:

      PS: So wie man ihn von anderen Äusserungen her kennt – ich glaube nicht, dass bei ihm irgendwelche Diskriminierungsgedanken Leitidee seiner Äusserungen waren (richtig: die „Kopftuchäusserung“ erscheint problematisch), er wollte wohl einfach provozieren und einmal „frei Schnauze“ die Finger in die Wunde legen. Er ist Profi und kennt da die Problem in Berlin sehr genau (genau wie ein SPD-Bezirksbürgermeister, der auch oft so polarisiert). Vielleicht ist diese Diskussionsform auch eine Bereicherung, man kommt zumindest vom Beschönigen/Verschweigen/Leugnen von Problemen weg. Eine der Ursachen für die kritische Lage jetzt ist ja in dieser Konformismus-Berichterstattung zu sehen. Hätte man vor 10 Jahren einmal mit etwas härteren Bandagen auf den Punkt hin kritische Punkte engagiert diskutiert und dann einfach mit Nachdruck Massnahmen eingeführt (Sprachförderung etc.), hätte das in Berlin schon einen kleinen Einfluss gehabt. Durch das „Kartell des Verschweigens und der falschen Rücksichten“ (Medien, Politik etc.) ist die Lösung der Probleme jetzt halt um ein Mehrfaches teurer. Da ist der Einsatz und Austausch von Meinungen (jeder darf gerne betroffen sein) einfach billiger und konstruktiver, da muss man auch nicht beleidigend werden.

    5. Boli sagt:

      Nun gut. Was her Sarrazin gesagt hat war durchaus von oben herab und sagen wir mal die Erwähnungen im letzten Satz hätte er vielleicht lassen können, selbst wenn es der Wahrheit entspricht (z.B. arbeitslose arabische Familien mit bis zu 12 Kindern). Was er gesagt hat mag für die die er gemeint hat zwar beleidigend sein, jedoch ist die Botschaft im Kern nicht gelogen. Nahezu die Hälfte Aller Türken / Araber die in Berlin leben haben keine Arbeit. Dies liegt aber meiner Meinung nach nicht nur daran das man Vorbehalte hat gegen diese Gruppen sondern das und das muß hier auch einmal akzeptiert werden schlicht und ergreifen KEINE ARBEIT mehr da ist. Diese Leute sind die zurückgebliebene Gastarbeiterschaft nach dem Wirtschaftswachstum in Deutschland bis Ende der 60er. Und seit dieser Zeit haben wir kein nennenstwertes Wachstum mehr gehabt. Das erklärt auch das es mittlerweile viele Familien gibt die schon 20 Jahre oder mehr Sozialleistungen bezogen haben und dies auch weiterhin so halten.
      Aber da der Staat immer weniger Geld hat wird dies so eh nicht mehr zu halten sein. Das heißt, die wirtschaftliche Lage wird Deutschland und Europa sehr bald dazu zwingen sich von hoffnungslos abgehängten Teilen der ausländischen Unterschicht zu trennen. Mich würde es mal brennend interessieren um wieviel Millionen Euro die Sozialausgaben in Berlin dann automatisch fallen würden!!

    6. Markus Hill sagt:

      Vielleicht hat der da wirklich nur mit Kanonen auf Spaten geschossen, die Gut-für-Berlin-Intention erscheint mir im Vordergrund zu stehen:
      „Auch für die schlechte Qualität der Berliner Schulen ist im Zweifelsfall niemand haftbar zu machen, sie wird mit dem Hinweis auf die hohe Quote von Kindern mit „nichtdeutscher Herkunftssprache“ erklärt. Und so gucken, in bester Schlampermanier, alle dem selbstverschuldeten Niedergang zu.“
      http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EE71B19B1EA2D4008B6B771D3F5C8EC19~ATpl~Ecommon~Scontent.html
      Der Mann ist hochgradig frustriert und hat jetzt einmal in scharfer Form verbal „nachgetreten“.:-)

    7. Markus Hill sagt:

      „Unterstützung erfuhr der frühere Finanzsenator lediglich von der NPD. Sarrazin bringe “die Entwicklung unseres Landes auf den Punkt”, sagte ein Sprecher der rechtsextremen Partei.“
      Gut, dass da normale Medien (Welt, FAZ etc.) besonnener reagiert haben und nicht auf diese durchschaubare, undifferenzierte Argumentationsmuster angesprungen sind. Das die NPD da vielleicht zugestimmt hat, sagt nichts darüber aus ob einzelne Punkte falsch, verzerrt, beleidigend oder inhaltlich richtig sind. Ansonsten sind solche Verweise auf Zustimmung oder Nicht-Zustimmung (da wird IMMER ein Unerwünschter zustimmen, wenn etwas gesagt wird) nicht sehr sachdienlich, haben Info-Wert, ersetzen aber die inhaltliche Auseinandersetzung und sachliche Prüfung der kritisierten Punkte nicht.

    8. Markus Hill sagt:

      Das ist wohl einer der Sachverhalte, wo er noch seinen unumstrittensten Teil der Ausführungen hatte: In Berlin ist es wohl konsens, dass Problemgruppen 1 und 2 wohl Türken und Araber (Bildung, Kriminalität – auch hier wieder natürlich von ihm pauschalisiert angeführt) sind. Wie auch sonst bei der allgemeinen Migrationsthematik fallen die anderen wohl einfach weniger unangenehm auf. Das wird wohl auch der Grund sein, warum er sich da wohl mit solchen Äusserungen vermeintlich auf der sicheren Seite gefühlt hat und nicht mit solchen Reaktionen gerechnet hat. (Wobei: So ganz glaube ich ihm das nicht!:-)

    9. Non-EU-Alien sagt:

      „Herr Sarrazin hätte dies lieber sagen und entsprechende Maßnahmen ergreifen sollen, als er noch verantwortlicher Poltiker in Berlin war.“

      –> Als Finanzsenator??? Wofür gibt es denn dann Innensenator, etc.?

    10. Markus Hill sagt:

      „Die deutsche Sprache ist voll von Synonymen über den „aufrechten Gang“. Wer ihn allerdings wider dem politisch korrekten Mainstream probt, bekommt aufs Haupt. Moral ist für viele Tugendwächter durchaus teilbar.“
      http://debatte.welt.de/kommentare/159254/thilo+sarrazin+und+die+grenzen+der+freiheit
      Auch diese Kommentar-Ansicht der DI WELT stellt einen Teil des Spektrums dar, wie man Dinge diskutieren kann. DIE WELT stellt eine Sichtweise im Kommentar dar, die man nich teilen muss. Als interessant empfinde ich, dass man das Gut der Meinungsfreiheit hier ausdrücklich würdigt.


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