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Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Fachtagung

Gesundheitsprobleme von Kindern mit Migrationshintergrund

Die 105. Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) vom 3. bis 6. September in Mannheim befasst sich mit Krankheiten und Problemen von Kindern mit Migrationshintergrund. „Der diesjährige Kongress soll erneut ein Forum für den Wissensaustausch von Spezialisten aller Bereiche der deutschen Kinder- und Jugendmedizin bieten“, erklärt Prof. Hansjosef Böhles, Direktor am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums der J. W. Goethe-Universität Frankfurt.

Themenschwerpunkt bildet dieses Jahr unter anderem die „Migrantenmedizin“. Tagungspräsident Prof. Böhles weist auf die politische Brisanz des Begriffs, aber auch auf die wissenschaftliche Notwendigkeit hin: „Ausländische Kinder haben tatsächlich andere Gesundheitsprobleme als ihre deutschen Altersgenossen. Wir werden seit einigen Jahren mit Erkrankungen konfrontiert, die in Deutschland bislang überaus selten waren und deren Diagnose – aufgrund des seltenen Auftretens – Probleme bereiten, wenn Kinder- und Jugendärzte nicht über die speziellen Gesundheitsprobleme einzelner Migranten-Gruppen Bescheid wissen.“

So gebe es besondere angeborene Stoffwechselerkrankungen, die vorwiegend bei Kindern aus der Türkei, aus dem Nahen und Fernen Osten sowie aus Marokko auftreten. Laut Böhles liegt das unter anderem an den Ehen zwischen Verwandten, in diesen Regionen häufiger geschlossen würde. Auch Tuberkulose sei bei unter 5-Jährigen mit Migrationshintergrund fast achtmal so häufig wie bei deutschen Kleinkindern. Neben typischen Erkrankungen seien bei Zuwandererkindern auch besondere Mangelerscheinungen zu bemerken: So gebe es eine spezielle Form der Unterversorgung mit Calcium, die sich über Knochenschmerzen bemerkbar macht und hauptsächlich bei peripubertären Mädchen aus Pakistan oder Afghanistan auftritt. In Fachkreisen wird diese Mangelerscheinung als „Migranten-Rachitis“ bezeichnet.

Diese medizinischen Aspekte seien von dem kulturellen, sozialen und religiösen Kontext des Kindes nicht zu lösen: „Es sind nicht nur sprachliche Schwierigkeiten, die wir lösen müssen, sondern auch Probleme im Umgang. Beispielsweise lassen wir die körperliche Untersuchung eines Patienten mit erkennbar hoher Schamschwelle, wenn irgend möglich, durch einen gleichgeschlechtlichen Arzt vornehmen. Die Tabuisierung von Nacktheit und Berührung beginnt aber schon sehr früh, häufig bereits im Kleinkindalter.“ Die Kenntnis um die kulturellen Besonderheiten und ihre Berücksichtigung bei der Behandlung habe entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer Therapie, sagt Böhles, wobei eine mangelnde Therapietreue aber auch an der Überzeugung liegen könne, die Krankheit sei schicksalhaft und daher anzunehmen.

Die kulturelle Kompetenz des Kinder- und Jugendarztes ist in einem solchen Fall extrem gefordert. „‚Migrantenmedizin‘, ‚Transkulturelle Pädiatrie‘ oder ‚Transkulturalität in der Pädiatrie‘ – der gesamte Themenkomplex muss Eingang finden in die fachliche Qualifizierung der Kinder- und Jugendärzte, damit Verständigungs- und Verständnisprobleme nicht zu Lasten der Gesundheit des Kindes gehen“, betont der Spezialist für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Frankfurt.

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