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Migration und Integration in Deutschland

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken.

Ulrich Freiherr von Gienanth, Der Arbeitgeber, 1966

Ehegattennachzug

Vor dem Visum

Eine Sprache zu erlernen heißt immer sich selbst zu dezentrieren. Es bedeutet, das Andere in sich zu erkennen, sich mit der Fremdheit vertraut zu machen und sich in ihr zu verorten. Seit nunmehr anderthalb Jahren lässt Deutschland seine Migranten deutsch lernen, um ihre kulturelle Kompetenz zu stärken. Konkret heißt das, dass die Einreisewilligen für Monate zu Lernmaschinen werden.

DATUM21. August 2009

KOMMENTARE117

RESSORTGesellschaft, Meinung

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Montag, 8:00 Uhr, Nusaybin. Meine 18 Schülerinnen und Schüler sitzen auf ihren Bänken, die einen verschlafen, die anderen aufmerksam. Sie sind zwischen 17 und 28 Jahre alt, ein Fünftel ist männlich. Ein Schüler hat studiert, vier Schülerinnen sind Analphabetinnen. Sie kommen aus der umliegenden Gegend, von Mardin über Midyat bis Sirnak. Die jungen Frauen sind in einer Art Internat untergebracht, viele von ihnen zum ersten Mal für längere Zeit von ihrer Familie getrennt. Hierdurch avanciert der Deutschkurs für sie zu einer wichtigen Zwischenstation auf dem Weg in die Selbständigkeit.

Gleich erzählen meine Schülerinnen und Schüler mir, was sie am Wochenende gemacht haben: schlafen, essen, lernen, spazieren gehen – soviel können sie nach vier Wochen. Ich bin für die meisten von ihnen die erste indigene Deutsche, eine interkulturelle Konfrontation. Sie fragen mich, warum ich unverheiratet bin und keine Kinder habe. Außerdem trinke ich Bier. Ich frage, warum sie es so eilig mit dem Heiraten haben und als was sie später einmal arbeiten möchten. Die Situation löst eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Anderen aus. So erhalten sie einen ersten Einblick in deutsches Leben, bevor sie vor Ort sind. Auf diese Weise wird zudem Sozialarbeit geleistet: Anhand von Fallbeispielen erzähle ich ihnen sukzessiv und subtil von ihren Rechten in Deutschland.

Gleichsam bin ich für sie eine hermeneutische Herausforderung. In den Pausen verständigen wir uns mit Händen und Füßen, im türkischkurdischdeutschen Kauderwelsch. Meine Schülerinnen und Schüler sind rege, sie wollen sich mitteilen und wo ein Wille ist, ist Kreativität. Geglückte Kommunikation, die Erfahrung, das Gelernte praktisch anwenden zu können, stärkt ihr Selbstbewusstsein. Hier, in den Pausen oder wenn wir uns abends zum Lernen treffen, findet selbstgesteuertes und inkorporiertes Lernen statt.

Ein Deutschkurs im türkischen Sanliurfa, ca. 250 westlich von Nusaybin.
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=BjL7jsuYPNs[/youtube]

Im Unterricht bleibt dafür allerdings keine Zeit. Immerhin sollen sie am Ende des Kurses, der in Kooperation mit einem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugelassenen Integrationskursträger angeboten wird, rund 700 deutsche Worte passiv verstehen und 300 aktiv anwenden können. Sie lernen die Artikel, Dativ, Akkusativ, die Verben im Präsens, auch die unregelmäßigen; dazu Syntax und Präpositionen. Sie sollen sich zu den Themen Wohnen, Arbeit, Freizeit, Einkaufen, Verkehr und Gesundheit äußern können. Fünf bis sechs Tage pro Woche sitzen sie sieben Stunden am Tag im neugebauten Klassenzimmer, bei 40 Grad. Die Klimaanlage im Raum verkommt wegen der häufigen Stromausfälle zu einer Metapher von einem weniger beschwerlichen Leben. Nachmittags machen sie Hausaufgaben, abends lernen sie Vokabeln. Das Pensum übersteigt ohne weiteres die deutsche 38,5 Stunden-Woche. Der Kurs ist teuer, der Druck auf meine Schülerinnen und Schüler enorm hoch.

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117 Kommentare
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  1. Teleprompter sagt:

    „vier Schülerinnen sind Analphabetinnen.“

    Ich finde es ja schmeichelhaft, dass jemand, der nicht lesen und schreiben kann, lieber Deutsch lernt, als lesen und schreiben, bin aber trotzdem der Meinung, dass das die falsche Reihenfolge ist.

  2. BiKer sagt:

    tolle feststellung teleprompter! es war sehr interessant, ihre meinung darüber zu lesen. klasse! sie bestätigen, was ich schon immer gedacht hatte. wer lesen uns schreiben kann, kann eine sprache schneller lernen und nicht umgekehrt. echt toll ihre feststellung. sie haben ein komplexes thema kurz und prägnant wiedergegeben. bravo!

    mal im ernst. was treibt menschen wie sie dazu, sich tatsächlich die zeit dafür zu nehmen, solche kommentare zu schreiben? zu viel zeit? oder sollten wir – migazin leser – uns geschmeichelt fühlen, dass da jemand ist, der noch vor dem überlegen sachen zum lesen hinterlässt, obwohl es umgekehrt richtig gewesen wäre.

    in ihrem kommentar erkenne ich nur eins: sie machen sich lustig über menschen, die – weshalb auch immer – keine bildung genießen durften. sowas macht man nicht. insebsondere bei extrem ungleichen voraussetzungen.

  3. Schwarzmaler sagt:

    Deutschland ist eine Chance für sie, aber sind sie auch eine Chance für Deutschland? Wie lange werden wir indigenden Deutschen uns den Luxus leisten können, die Mühseligen und Beladenen dieser Welt aufzunehmen, während die Infrastruktur um uns herum verfällt – fahren sie mal abseits der Autobahnen und Hauptbundesstraßen durch den Hunsrück oder Taunus – während die Belastungen durch Steuern und Abgaben steigen ohne dass nennenswert Leistungen des Staates an den Bürger dahinter stehen.

  4. Markus Hill sagt:

    Eigentlich war ich etwas entsetzt über den Bericht. Allein schon die Ausmachung mit der Tafel bzgl. „Ausländerfeindlichkeit“ . Schon etwas fragwürdig – Chinsen, Inder, Japaner, Aussiedler etc.: Keine Ausländerfeindlichkeit, d. h. hier wird genau die Pauschalisierung propagiert, die man selber oft anderen in Deutschland vorwirft. Türken: Ausländerfeindlichkeit – nein. Massive Kritik am Verhalten von bestimmten Gruppen der türkischen Community: JA! Genau die, die hier im Artikel beschrieben werden.
    Warum muss jemand Analphabeten nach Deutschland holen (Umgehungslücke „Zuwanderungstop“)? Ist das im Interesse des Einwanderungs- und Gastlands Deutschland? Sind das die selbstbewussten, gebildeten neuen erfolgreichen türkisch-stämmigen Männer, die diese Frauen „importieren“ (arrangierte Hochzeiten)? (Meine Vermutung: Wohl kaum!).
    Ist es im Interesse der erfolgreichen Migranten, dass hier wieder Zuwanderung geschieht, die den Ruf wieder ramponiert? Ist es zumutbar für ein „Einwanderungsland“ potentielle Mütter zu „importieren“, die mit GROSSER WAHRSCHEINLICHKEIT (Unterstellung von mir) wieder erneut nicht in der Lage sein werden, Ihren Kindern hinsichtlich Bildung in der Schule Unterstützung angedeihen zu lassen?
    Alles Fragen, die man einmal sachlich diskutieren könnte.
    Oder (natürlich deutsche Sicht auf die Dinge): Mit welcher Berechtigung meint ein türkischer Mann vom deutschen Steuerzahler finanzielle Unterstützung für Sprachkurse von Analphabeten-Frauen (eigene Entscheidung, bitte aus der eigenen Tasche bezahlen!!!) zu fordern? Man kann überhaupt nicht mehr genügend den Kopf schütteln über solche Forderungen. Das sind die Dinge, die schlechte Reputation von bestimmten türkischen Gruppen in Deutschland schaffen. Meine Empfindung und mein klarer Verdacht an dieser Stelle: Ein Mann, der sich vielleicht sogar aufgrund mangelnden eigenen Bildungsniveaus eine Analaphabetin in der Türkei aussucht, wird kaum bei Ankunft in Deutschland zuhause mit der Frau die grosse Bildungsoffensive starten. Man verfestigt gerade die Strukturen zusätzlich, die man mit Problem-Einwanderer-Gruppen geschaffen hat und warum man sich hier in den Foren die Köpfe heiss redet.
    Ich war entsetzt, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Dinge „so am Rande“ in dem Artikel genannt wurden. Allein der Gedanke, schon wieder die Form von Zuwanderung zu erhalten, die hier im Lande die meisten Leute nicht wollen (Egoismus, klar: Schon wieder wird Potential für Schulversagen und Folgekosten im Sozialbereich sehenend Auges produziert!), kann nur Kopfschütteln erzeugen.
    Die Fragen wollte ich zumindest einmal zur Sachdiskussion in den Raum stellen. Wohl wissend, dass wir hier von einer ganz bestimmten Gruppe innerhalb der türkischen Community sprechen.

    PS: Ich bitte vorab um Nachsicht wg. „emotionaler Komponente“ in meinen Ausführungen. Hoffe, dass sich niemand hier direkt persönlich angegriffen fühlt. Es soll niemanden beleidigen, aber einige der Fragen sind vielleicht einmal einer kontroversen Betrachtung wert.

  5. Peter Habersaat sagt:

    Ich bin für einen Wortschatz von mindestens 2000 Wörtern plus eine abgeschlossene Berufsausbildung als Voraussetzung für ein Einreisevisum nach Deutschland. Schließlich geht es nicht nur darum, dass diese Frauen sich in D zurecht finden (was sie sowieso nicht müssen, da sie in fast allen Fällen in ihrer türkischen Community leben werden…), sondern um die Kinder, die diese Importbräute bekommen und mit denen sie nur türkisch sprechen werden und die dann mit mangelhaften Deutschkenntnissen in die Schule kommen. Eine Grundschullehrerin hat mir mal ganz knapp gesagt: Deutsche Eltern, die ihre Kinder in eine Klasse mit Kindern dieser Importbräute geben, versündigen sich an ihren Kindern.
    Naja, und ansonsten ist ja bekannt, was ich vom Zustrom aus der Türkei halte: Nichts. Wie wollen denn diese Frauen jemals dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen? Ohne Schulabschluss, ohne Berufsabschluss? Mich ärgert sehr, dass die Türkei ihr Ventil öffnet und Deustchland den Bevölkerungsüberschuss aufnehmen muss… Erst tolerant, dann fremd im eigenen Land?!

  6. Peter Habersaat sagt:

    Vielleicht sollten die hier lebenden, gut integrierten (Deutsch-) Türken mit „unseren“ Politkern mal Tacheles reden? Ich glaube nicht, dass diese Form der Zuwanderung (arrangierte Ehe/ Importbräute/ AnalphabetInnen) in deren Interesse ist: Es fällt auf sie zurück, auch sie werden über KV/Steuern zur Kasse gebeten und ihre Kinder wollen sie sicher auch gut beschult wissen.. wenn nicht doch die „Westtürkei“ hier entstehen soll..

  7. Teleprompter sagt:

    „die – weshalb auch immer – keine bildung genießen durften“

    Darüber sollten Sie sich ereifern, nicht über mich. Die Verantwortung dafür liegt einzig und allein beim türkischen Staat. Sind Sie türkischer Staatsbürger? Falls ja, dann wissen Sie ja, an wen Sie sich wenden müssen.

  8. Teleprompter sagt:

    Uiiiiiiii! Wenn Sie so weiter machen, schreiben Sie bald wie ich;-)

  9. Peter Habersaat sagt:

    Ach, wenn es denn nur die Straßen wären: bei meinem Kind an der Schule herrscht Lehrermangel, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern. An anderen Schulen ist die Situation ebenso dramatisch. Für das neue Schuljahr (2009/10) fehlen bundesweit 40.000 (!) Lehrer. Bis 2015 baut sich das auf 80.000 (!) auf. Schon 40 % der Physiklehrer haben kein Lehramtsstudium mehr absolviert, sondern sind als sogenannte Feuerwehrkräfte quereingestiegen. Das deutsche Bildungsniveau sinkt von Jahr zu Jahr.
    Die TU-Aachen lässt inzwischen jeden deutschen Studenten unbesehen seiner Qualifikation zum Studium zu, weil akuter Nachfragemangel in den Ingenieurwissenschaften von Seiten der Abiturienten besteht. Um die Lücke zu füllen, studieren dort zusätzlich 5000 Asiaten auf Kosten des Steuerzahlers. Während die Abbrecherquote der deutschen Studenten bei 50% liegt, ist sie bei Chinesen und Koreanern praktisch Null. Dabei sind diese Studenten nicht die Elite ihres Landes – sie kommen nach Deutschland, weil die Zugangsbedingungen hier so erleichtert sind. Die Besten studieren in der Universitätsstadt Delian oder einer der vielen Elite-Unis Chinas.
    Für deutsche Studenten müssen Anfängerkurse in Mathematik begleitend angeboten werden, weil der Ausbildungsstand vom Gymnasium her erbärmlich ist; obwohl diese Angebote genutzt werden, ist die Abbrecherquote wie oben genannt. Massiver kann Geld nicht verschwendet werden! Zeitgleich werden Milliarden für „Integration“ ausgegeben, es sollen Imame an deutschen Hochschulen ausgebildet werden, auf Steuerzahlerkosten gibt es Islamunterricht…was soll man davon halten resp. soll man in Anbetracht dieser Zustände noch Multikulti feiern und sich über den Zuzug der im Video gezeigten Importbräute freuen?

    Ich sehe diese Politik als systematischen Angriff auf unsere Kultur und der damit zwangsläufig verbundenen Vernichtung der Zukunft unserer Kinder. Es ist eine bestialische Form organisierter und zutiefst verabscheuungswürdiger Staatskriminalität, deren Protagonisten schon längst auf gepackten Koffern sitzen, und ihren Nachwuchs, falls überhaupt vorhanden, elitär international ausrichten.

  10. Mehmet sagt:

    Ich denke die meisten „gebildeten“ sind Ihrer Ansicht, was diesen Kommentar betrifft.


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