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Migration und Integration in Deutschland

[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Studie

Türken in Deutschland werden durch deutsche Fernsehsender kaum erreicht

Im Rahmen des EU-Projekts „European Media And Cultural Studies (EMCS)“ finden an der Fachhochschule und Universität Potsdam Workshopreihen zum Thema „Mediale Darstellung von Türken in Deutschland“ statt. Die Assoc. Professorin Dr. Süheyla Schröder von der Bahcesehir Universität Istanbul, derzeit Gastdozentin an der Universität Potsdam, und Umut Karakas, Geschäftsführerin des Berliner Marktforschungsinstitut Data 4U, gehören zu den teilnehmenden Experten.

„Fernsehen spielt eine entscheidende Rolle im Leben der Türken in Deutschland, ist Brücke zur Heimat“, erläutert Umut Karakas1 die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, „die fast 3 Millionen Türken in Deutschland schauen zumeist türkischsprachige Fernsehprogramme, die sie über Satellit oder Breitbandkabel empfangen.“ Messungen der Data 4U zeigen, dass der Marktanteil der türkischen Programme bei über 75% liegt. In den Top 10 der beliebtesten TV-Sender sind neben türkischen Programmen nur die Privatsender Super RTL (Platz 7), RTL (Platz 9) und Pro7 (Platz 10) zu finden, ARD und ZDF fehlen.

Die Darstellung von fremden Kulturen in Fernsehberichten hat einen entschiedenen Einfluss auf die Integration. Prof. Dr. Süheyla Schröder2 berichtet: „Populäre Medien tendieren dazu Vorurteile und stereotypische Bilder zu nutzen um Andere in kulturellen Kontexten darzustellen.“ Die Auswertung der Berichterstattung zeigt, Deutsche kommen in der Türkei kaum besser weg, als Türken bei uns.

Die Beachtung kultureller Unterschiede ist wichtig, um türkische Zielgruppen zu erreichen. Umut Karakas erklärt: „Emotionen sind wichtig. Vor allem Soaps und Liebensgeschichten werden gesehen. Die Sender sind bunt und bieten Entertainment pur. Die deutschen Programme dagegen sind kühl und emotionslos, wirken sachlich und distanziert.“ Einen weiterer Defizitpunkt: Nach aktuellen Untersuchungen besitzen fast 50% der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund, in den Medien sind es aber lediglich 5% der Journalisten.

„Es ist ein sehr wichtiges Thema im deutschen und türkischen, aber auch im europäischen, Kontext. Eine gemeinsame interdisziplinäre und multikulturelle Perspektive wird benötigt“, erklärt Prof. Dr. Süheyla Schröder, „gemeinsam mit den deutschen Universitäten wird die Bahcesehir Universität einen Ansatz finden, der den verschiedenen Kulturen helfen soll im Dialog zu bleiben, statt sich gegenseitig zu diskriminieren.“ Um die akademische Zusammenarbeit auszubauen wird die Istanbuler Bahcesehir Universität ein Büro in Berlin eröffnen.

  1. Umut Karakas ist Markt- und Meinungsforscherin spezialisiert auf ethnische Zielgruppen. Sie ist geschäftsführende Gesellschafterin der DATA 4U – Gesellschaft für Kommunikationsforschung mbH. Seit fast 20 Jahren erforscht das Institut die Türken in Deutschland aber auch andere Migrationsgruppen wie Polen, Russen oder die Balkan-Staaten. Mehr Informationen unter www.data4u-online.de []
  2. Assoc. Prof. Dr. Süheyla Schröder von der Bahcesehir Universität Istanbul/Türkei lehrt als Gast-Professorin an der Universität Potsdam. Sie ist Koordinatorin des EU-Projekts „EMCS“ in Potsdam. Ihr Fachgebiet türkische Medien und kulturelle Identität. Mehr Informationen unter http://emcs.bahcesehir.edu.tr []
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37 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. tJA sagt:

    „1. Türken in Deutschland haben eine Kaufkraft von ca. 16-17 Milliarden Euro. Und das sind nicht mal aktuelle Zahlen.“

    Wow, das wären bei 1,5-3 Mio Türken ja ganze 500-1000 € pro Kopf und Jahr.
    Der deutsche Durchschnitt liegt bei etwa 17.000 €

  2. BiKer sagt:

    ich glaube, du hast dich verrechnet mein lieber.

  3. Johanna sagt:

    Nicht den Erdogan-Spruch vergessen: „Assimilation ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit!“

    Wer dieser Meinung ist in Deutschland, wird immer abseits stehen.

  4. Esma sagt:

    Wir Türken in Europa haben unsere eigenen TV-Programme ^^
    Türkische Sender sind eben viel interessanter dann macht es doch besser wenn ihr es könnt 😉

  5. Luca Martin sagt:

    da haben ja einige mächtige Probleme mit den Türken, die nicht die Sender anschauen, die man gefälligst anzuschauen hat. Kommt denn demnächst die Vorschrift für „nicht integrierbare“ Türken, ARD und ZDF zu glotzen?
    Was für einen Hintergrund kann eine Kritik denn sonst haben, wenn man nur a) Richtung Heimat deutet und b) ihnen partizipieren von sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften unterstellt? Was soll dieser Blödsinn mit partizipieren, und sozialen Errungenschaften? Klar, der Schuldige ist ausgemacht, immer nur feste drauf, bis es blutet. Vielleicht lässt man erst davon ab.

  6. Arzu sagt:

    Es ist wahrscheinlich ein Thema, worüber jeder etwas zu sagen hat. Leider konnte ich es mir auch nicht verkneifen, meine Enttäuschung und meine Wut niederzuschreiben.
    Die Türken haben sich zu integrieren!Ja schön aber was ist Integration?Wann fängt sie an und wann hört sie auf, oder hört sie überhaupt auf?!
    Ich selber bin Türkin. Bin auf eine Schule mit 1000 Schülern gegangen, wo nur 3 Migrationskindern waren. Hatte fast nur deutsche Freunde. Während meines Studiums und sogar jetzt bei meinem Kollegium sind ausschließlich Deutsche.
    Ich bin der deutschen Sprache so mächtig, dass ich sie als Lehrerin meinen Schülern beibringe.Ich fühle wie eine Deutsche und denke wie eine.
    Bin ich integriert?Klar, ich funktioniere doch in der Gesellschaft.Falle niemandem zu Last und mache keine Probleme.
    Das ist die Definition von Integration!
    Da kann man jedoch sagen, was man möchte. Ich bin mehr Türkin als Deutsche.Das können leider viele Menschen nicht verstehen.
    Dass es mich glücklich macht türkische Musik zu hören, dass es mich belebt türkisches Fernsehen zu gucken, dass ich mich angekommen fühle, wenn ich türkisch reden kann.
    Es ist die Vielseitigkeit der Personen, die in Deutschland nun die 3. oder 4. Generation formen. Auch wenn sie dazugehören wollen und alles tun……… werden sie niemals akzeptiert, sondern nur geduldet werden.
    Wir brauchen dies also gar nicht schönreden. Es ist eine Tatsache.

  7. H.Germann sagt:

    @Arzu

    Eine interessante Stellungnahme. Ich werde versuchen, Ihnen zu erklären, wo das „Problem“ für Sie und die „Mehrheitsgesellschaft“ liegt:

    …“dass ich mich angekommen fühle, wenn ich türkisch reden kann“…

    Merken Sie den Widerspruch ? Sie sehen sich selbst als in Deutschland integriert, sind in Deutschland geboren (?) , aber Sie KOMMEN AN, wenn Sie TÜRKISCH reden können….

    Was dann kommt, ist eigentlich die ERKLÄRUNG dafür, was falsch läuft:

    „Es ist die Vielseitigkeit der Personen, die in Deutschland nun die 3. oder 4. Generation formen. Auch wenn sie dazugehören wollen und alles tun……… werden sie niemals akzeptiert, sondern nur geduldet werden.“


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