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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966
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EU-Osterweiterung

Positive Effekte durch Arbeitsmigration

Simulationsrechnungen zufolge erhöht die Migration aus den Beitrittsländern das Bruttoinlandsprodukt in der erweiterten EU um 0,2 Prozent oder um 24 Mrd. Euro. Dabei steigt das BIP der Einwanderungsländer, das der Auswanderungsländer fällt.

VONTimo Baas

Timo Baas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB. timo.baas@iab.de)), Herbert Brücker ((Prof. Dr. Herbert Brücker ist Leiter des Forschungsbereiches „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB. herbert.bruecker@iab.de)) und Andreas Hauptmann ((Andreas Hauptmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB. andreas.hauptmann@iab.de

DATUM9. Juni 2009

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RESSORTStudien, Wirtschaft

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Fazit
Die Integrationstheorie erwartet von der Beseitigung der Barrieren für Faktormobilität und Handel erhebliche Gewinne für den integrierten Wirtschaftsraum. Die makroökonomischen Simulationen bestätigen diese Erwartungen auf Grundlage eines Modells, das unvollkommene Arbeitsmärkte und die Anpassung des Kapitalstocks berücksichtigt. So hat die Beseitigung von Migrationsbarrieren im Zuge der EU-Osterweiterung das BIP der erweiterten EU den Analysen zufolge um 0,2 Prozent oder 24 Milliarden Euro erhöht. Dieser Betrag könnte sich bis zum Jahr 2011 sogar verdoppeln.

Die Einführung der Freizügigkeit in Deutschland und Österreich würde sich zwar auf der Ebene der EU kaum auswirken, kann aber durch die Neuausrichtung von Migrationsströmen zu einem deutlichen Anstieg der Zuwanderung in Deutschland und Österreich führen. Davon würde die einheimische Bevölkerung langfristig durch höhere Einkommen aus Arbeit und Vermögen profitieren. Die Arbeitsmarktwirkungen wären weitgehend neutral: Kurzfristig würde die Arbeitslosenquote um 0,08 Prozentpunkte steigen, langfristig bliebe sie unverändert. Ähnliches gilt für das Lohnniveau. Zu unterscheiden sind jedoch die Effekte für Inländer und Ausländer: Einheimische Arbeitskräfte gewinnen zumindest langfristig durch höhere Löhne und geringere Arbeitslosigkeitsrisiken, während Ausländer durch fallende Löhne und steigende Arbeitslosigkeit verlieren.

Insgesamt sind daher aufgrund der Modellergebnisse keine stark negativen Effekte der Öffnung der Arbeitsmärkte zu erwarten. Dennoch müssen zwei Einschränkungen bei dieser gesamtwirtschaftlichen Analyse beachtet werden:

Zum einen konnte die illegale Migration aus den neuen Mitgliedstaaten in dieser Analyse aufgrund einer fehlenden Datengrundlage nicht berücksichtigt werden. Die Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit führt zu einer Legalisierung des Aufenthaltsstatus und damit zu einem Rückgang der illegalen Migration. Diese Migranten werden bei Öffnung der Arbeitsmärkte als Neuzuwanderer gezählt, obwohl sie bereits vor der Öffnung im Land waren. Insofern könnten bei Öffnung der Arbeitsmärkte in Deutschland und Österreich höhere Migrationszahlen berichtet werden, als sie in diesem Modell zu Grunde gelegt wurden.

Zum anderen können die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Arbeitsmärkte und die Arbeitsmigration noch nicht genau abgeschätzt werden. Grundsätzlich gilt, dass die zu erwartende Krise zu einem deutlichen Rückgang der Zuwanderung führen wird. Dafür sind drei Gründe ausschlaggebend. Erstens wird erwartet, dass große Zielländer wie Deutschland und Großbritannien besonders stark von der globalen Krise betroffen sein werden. Zweitens wirkt ein Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Ziel- und Herkunftsländern nicht symmetrisch auf den Umfang der Migration, weil die Migration sehr viel stärker von den Arbeitsmarktbedingungen in den Zielländern als in den Herkunftsländern abhängt. Drittens ist mit einem Anstieg der Rückkehrmigration zu rechnen, weil ausländische schneller als einheimische Arbeitskräfte entlassen werden. Insofern wirkt Migration als Puffer für einheimische Arbeitskräfte im Konjunkturabschwung. Alles in allem dürfte die Krise zumindest vorübergehend zu einer Abnahme der Migration aus den neuen Mitgliedsländern, und damit zu geringeren Erträgen, aber auch geringeren Risiken führen.

In aller Kürze

  • Die EU hat bei ihrer Osterweiterung Übergangsfristen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit vereinbart. Die Fristen können schrittweise bis zu sieben Jahre verlängert werden.
  • In den ersten vier Jahren seit der Osterweiterung im Jahr 2004 ist die ausländische Bevölkerung aus den acht neuen mittel- und osteuropäischen Mitgliedstaaten in der EU-15 von 0,9 Mio. auf 1,9 Mio. gestiegen.
  • Der Anstieg war mit einer Umlenkung der Migrationsströme nach Großbritannien und Irland verbunden. In Deutschland und Österreich ist die ausländische Bevölkerung aus den Beitrittsländern nur geringfügig gewachsen.
  • Simulationsrechnungen zufolge erhöht die Migration aus den Beitrittsländern das Bruttoinlandsprodukt in der erweiterten EU um 0,2 Prozent oder um 24 Mrd. Euro. Dabei steigt das BIP der Einwanderungsländer, das der Auswanderungsländer fällt.
  • Die Einkommen der einheimischen Bevölkerung in den Einwanderungsländern steigen langfristig, gehen aber kurzfristig leicht zurück.
  • Langfristig sind die Arbeitsmarkteffekte der Migration in den Ein- und Auswanderungsländern neutral, kurzfristig können die Löhne in den Einwanderungsländern leicht sinken und die Arbeitslosigkeit leicht steigen.
  • Eine Öffnung der Arbeitsmärkte für die Zuwanderung aus den Beitrittsländern wird in Deutschland langfristig positive Effekte haben.

Literatur
Baas, Timo; Brücker, Herbert; Hönekopp, Elmar (2007): EU-Osterweiterung: Beachtliche Gewinne für die deutsche Volkswirtschaft. IAB-Kurzbericht 6/2007.

Baas, Timo; Brücker, Herbert; Hauptmann, Andreas; Jahn, Elke J. (2009): Labour Mobility within the EU in the Context of Enlargement and the Functioning of the Transitional Arrangements: The Macroeconomic Consequences of Labour Mobility, Background Report, IAB Nürnberg.

Brücker, Herbert et al. (2009): Labour Mobility within the EU in the Context of Enlargement and the Functioning of the Transitional Arrangements, Final Report, IAB, CMR, fRDB, GEP, WIFO, wiiw, Nürnberg.

Brücker, Herbert; Damelang, Andreas (2009): Labour Mobility within the EU in the Context of Enlargement and the Functioning of the Transitional Arrangements: Analysis of the scale, direction and structure of labour mobility, Background Report, IAB Nürnberg.

Brücker, Herbert; Jahn, Elke J. (2008): Migration and the Wage Curve: A Structural Approach to Measure the Wage and Employment Effects of Migration, Institute for the Study of Labor (IZA), Bonn.

Layard, Richard; Nickell, Stephen; Jackman, Richard (2003): Unemployment: Macroeconomic performance and the labour market, 2nd Edition, Oxford, New York, Toronto und Melbourne: Oxford University Press.

Ottaviano, Gianmarco I. P.; Peri, Giovanni (2006): Rethinking the Effects of Immigration on Wages. NBER Working Paper 12497.

Mit freundlicher Erlaubnis der Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das IAB ist eine eigenständige besondere Dienststelle der Bundesagentur für Arbeit.

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2 Kommentare
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  1. G.Keldermann sagt:

    Zitat

    Alles in allem dürfte die Krise zumindest vorübergehend zu einer Abnahme der Migration aus den neuen Mitgliedsländern, und damit zu geringeren Erträgen, aber auch geringeren Risiken führen.

    Zitat Ende

    DAS, was man zur Zeit beobachten kann, und nun wirklich mit dem Begriff Weltwirtschaftskrise trefflich beschreibt, wird dazu führen, das wahrscheinlich, ja sogar sicher sämtliche Länder für ungesteuerte Zuwanderung den „Laden dicht machen“.

    Es kann für ein Land keinen Vorteil bringen, wenn Zuwanderung von „bildungsfernen Schichten“ in die Sozialsysteme
    stattfindet. Es ist klar die Zuwanderung von ( auch integrations-willigen) Fachkräften zu fördern, und zwar massiv.

    Zitat

    Simulationsrechnungen zufolge erhöht die Migration aus den Beitrittsländern das Bruttoinlandsprodukt in der erweiterten EU um 0,2 Prozent oder um 24 Mrd. Euro. Dabei steigt das BIP der Einwanderungsländer, das der Auswanderungsländer fällt.

    Zitat Ende

    Die Verdrehung der Fakten ist hanebüchen. Das Bruttoinlandsprodukt mag geringfügig steigen ( was mit der Erschliesung weiterer Absatzmärkte zusammenhängen dürfte) ,was aber in keinem
    Verhältnis zu den horrend ansteigenden Sozialkosten steht.

  2. Teleprompter sagt:

    Nun ja, auf solche Simulationen gebe ich nicht viel; welche Simulation hat uns die Finanzkrise vorhergesagt?

    Ich finde aber, dass Osteuropa historisch und kulturell zu Europa gehört, wie ja auch der Name schon sagt, und dass ein möglichst schnelles Wieder-Zusammenwachsen unser oberstes Ziel sein sollte. Auch wenn es kurzfristig was kostet, langfristig ist eine wirtschaftlich prosperierende Nachbarschaft im Osten das Beste was uns in Deutschland passieren kann. Das ist jedenfalls meine Meinung.



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