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Migration und Integration in Deutschland

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EU-Osterweiterung

Positive Effekte durch Arbeitsmigration

Simulationsrechnungen zufolge erhöht die Migration aus den Beitrittsländern das Bruttoinlandsprodukt in der erweiterten EU um 0,2 Prozent oder um 24 Mrd. Euro. Dabei steigt das BIP der Einwanderungsländer, das der Auswanderungsländer fällt.

VONTimo Baas

Timo Baas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB. timo.baas@iab.de)), Herbert Brücker ((Prof. Dr. Herbert Brücker ist Leiter des Forschungsbereiches „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB. herbert.bruecker@iab.de)) und Andreas Hauptmann ((Andreas Hauptmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ im IAB. andreas.hauptmann@iab.de

DATUM9. Juni 2009

KOMMENTARE2

RESSORTStudien, Wirtschaft

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Wirkung der Arbeitsmigration
Die Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit ist in den Zielländern wie in den Herkunftsländern mit Ängsten verbunden. In den Zielländern wird befürchtet, dass die Zuwanderung zu steigender Arbeitslosigkeit und zu sinkenden Löhnen führt. Umgekehrt befürchten die Herkunftsländer, dass die Migration mit einem ‚Brain Drain’ verbunden ist, der wiederum ein niedrigeres Einkommen insbesondere der geringer Qualifizierten bewirkt.

Aus Sicht der ökonomischen Theorie ist zwar zu erwarten, dass die Migration aus den Beitrittsländern zu einem produktiveren Einsatz von Arbeit und damit zu einem Anstieg von Produktion und Einkommen in der erweiterten EU führt. Einzelne Gruppen in den Ziel- und Herkunftsländern können durch die Veränderung des Arbeitsangebotes jedoch gewinnen und andere verlieren. Die Effekte hängen davon ab, in welchem Umfang Migranten mit einheimischen Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren, wie flexibel die Löhne auf die Ausweitung des Arbeitsangebotes reagieren und wie schnell sich der Kapitalstock anpasst.

Hier werden die Wirkungen der Migration für Gesamtwirtschaft und Arbeitsmarkt in den Ziel- und Herkunftsländern auf Grundlage eines Modells untersucht, dass systematisch den Zusammenhang zwischen Lohnbildung und Arbeitslosigkeit berücksichtigt. Lohnrigiditäten können im Rahmen dieses Modells bewirken, dass die Ausweitung des Arbeitsangebots durch Migration zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führt. Das Modell berücksichtigt auch die Anpassung des Kapitalstocks.

INFOBOX 2: Der Modellansatz
Die Lohn- und Beschäftigungseffekte der Migration werden hier im Rahmen eines Gleichgewichtsmodells, das Lohnrigiditäten und Arbeitslosigkeit berücksichtigt, untersucht. Theoretische Grundlage des Modells ist die Annahme, dass die Löhne mit steigender Arbeitslosigkeit fallen, sich aber nicht vollständig an Veränderungen des Arbeitsangebotes und der Arbeitsnachfrage anpassen müssen (vgl. Layard et al., 2003). Zuwanderung kann deshalb nicht nur zu fallenden Löhnen, sondern auch zu steigender Arbeitslosigkeit führen.

Die Arbeitsnachfrage wird aus einer gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion abgeleitet. Verwendet wird eine Produktionsfunktion mit konstanter Substitutionselastizität, die Arbeit in drei Nestern nach Ausbildung, Berufserfahrung und nationaler Herkunft unterscheidet. Die Substitutionselastizitäten zwischen den einzelnen Formen von Arbeit werden empirisch geschätzt. Die Ausweitung des Arbeitsangebotes durch Migration in einem Arbeitsmarktsegment kann deshalb – in Abhängigkeit von den geschätzten Elastizitäten – zu einer Erhöhung wie auch Verringerung der Arbeitsnachfrage in anderen Arbeitsmarktsegmenten führen.

Das Modell berücksichtigt auch die Anpassung des Kapitalstocks an die Migration von Arbeit. Theoretisch ist langfristig eine vollständige Anpassung des Kapitalstocks an eine Veränderung des Arbeitsangebots zu erwarten. Dies wird auch empirisch bestätigt. In diesem Fall verändert sich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene der Lohn durch Migration nicht, aber es können sich Veränderungen der Entlohnung und der Arbeitslosigkeitsrisiken zwischen den einzelnen Gruppen im Arbeitsmarkt ergeben. Auch kann es während des Übergangs zum langfristigen Gleichgewicht in den Zuwanderungsländern zu fallenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit kommen.

Die einzelnen Parameter des Modells wurden empirisch für die EU-15 und die Beitrittsländer geschätzt. Dabei zeigt sich, dass der Lohn wie erwartet mit steigender Arbeitslosigkeit fällt, aber Lohnrigiditäten existieren. Der Kapitalstock passt sich langfristig vollständig an eine Ausweitung des Arbeitsangebotes an. Die Halbwertszeit der Anpassung beträgt drei bis fünf Jahre. Schließlich konkurrieren ausländische Arbeitnehmer nur unvollkommen mit inländischen Arbeitnehmern auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn sie über die gleiche Ausbildung und Berufserfahrung verfügen. Es ist deshalb zu erwarten, dass Ausländer stärker als Inländer von der Zuwanderung aus den Beitrittsländern betroffen sind.

Zur ausführlichen Beschreibung des Modells vgl. Brücker/Jahn (2008) und zur Darstellung der Schätzergebnisse vgl. Baas et al. (2009).

Das Modell gliedert den Arbeitsmarkt nach Ausbildung, Berufserfahrung und nationaler Herkunft. Migranten konkurrieren deshalb nicht zwangsläufig mit einheimischen Arbeitskräften. Im Gegenteil, die Ausweitung des Arbeitsangebots durch Migration in einem Arbeitsmarktsegment kann zu einer steigenden Arbeitsnachfrage in einem anderen Arbeitsmarktsegment und damit dort zu steigenden Löhnen und geringerer Arbeitslosigkeit führen. Die einzelnen Parameter des Modells wurden geschätzt.

Annahmen der Simulationen
Hier werden die Ergebnisse von zwei Simulationen präsentiert: Im ersten Schritt werden die Effekte der durch die EU-Osterweiterung bedingten Arbeitsmigration in den ersten vier Jahren, d.h. in den Jahren 2004 bis einschließlich 2007, simuliert. Im zweiten Schritt werden die Effekte einer vollständigen Einführung der Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den NMS-8 in allen Staaten der EU-15 im Vergleich zu einer Fortsetzung des Status quo – d.h. bei einer Beibehaltung der noch existierenden Übergangsfristen für die Arbeitnehmerfreizügigkeit – in den Jahren 2008 bis 2011 simuliert.

Dieses Szenario beruht auf einer ökonometrisch gestützten Migrationsprojektion, die das Wanderungspotenzial im Falle einer Fortsetzung des Status quo bzw. der Einführung der Freizügigkeit aus den Beitrittsländern in die EU-15 prognostiziert. Im ersten Fall würde die ausländische Bevölkerung aus den NMS-8 von 1,9 Millionen am Jahresende 2007 auf 2,7 Millionen zum Jahresende 2011 steigen, im zweiten Fall auf 2,8 Millionen.

Gesamtwirtschaftliche Wirkungen während der Übergangsfristen
Insgesamt ist die Zahl der Erwerbspersonen in der EU-15 durch die EU-Osterweiterung im Zeitraum 2004 bis 2007 um knapp 0,4 Prozent gestiegen und in den NMS-8 um rund 1,2 Prozent gesunken. Tabelle 2 fasst die wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Wirkungen dieser Veränderung des Arbeitsangebots zusammen. Zu unterscheiden sind die kurzfristigen Wirkungen – wenn sich der Kapitalstock noch nicht vollständig an die Ausweitung des Arbeitsangebots angepasst hat – von den langfristigen Wirkungen.

Kurzfristig steigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der erweiterten EU um rund 0,1 Prozent und lang-fristig um rund 0,2 Prozent. Das ergibt mit 24 Milliarden Euro einen erheblichen Integrationsgewinn. In den Zielländern der EU-15 steigt das BIP etwas stärker als im Durchschnitt der erweiterten EU, während es in den Herkunftsländern durch die Abwanderung von Arbeit sinkt.

Das BIP pro Kopf sinkt in den Einwanderungsländern der EU-15 kurzfristig leicht, steigt aber langfristig nach der Anpassung des Kapitalstocks. Dies ist u.a. auf die höhere Erwerbsbeteiligung der Migranten aus den NMS zurückzuführen. Das Faktoreinkommen der einheimischen Bevölkerung, d.h. die Einkommen aus Arbeit und Vermögen, sinken in den Zielländern kurzfristig geringfügig, steigen aber langfristig um 0,1 Prozent.

Die Arbeitslosenquote in der EU-15 steigt kurzfristig geringfügig an, bleibt aber langfristig fast konstant. Demgegenüber ergibt sich in den Sendeländern kurzfristig ein deutlicher Rückgang der Arbeitslosenquote, so dass die Arbeitslosenquote in der erweiterten EU leicht sinkt. Die Löhne fallen in den Einwanderungsländern der EU-15 im Durchschnitt mit 0,09 Prozent leicht, während sie langfristig, nach der Anpassung des Kapitalstocks, konstant bleiben.

In den beiden am stärksten betroffenen Ländern, Irland und Großbritannien, ergibt sich langfristig nur ein geringer Anstieg der Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte (Großbritannien) bzw. 0,4 Prozentpunkte (Irland). Tatsächlich ist die Arbeitslosenquote in beiden Ländern in dem Zeitraum 2004-2007 konstant geblieben oder sogar leicht gesunken.

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2 Kommentare
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  1. G.Keldermann sagt:

    Zitat

    Alles in allem dürfte die Krise zumindest vorübergehend zu einer Abnahme der Migration aus den neuen Mitgliedsländern, und damit zu geringeren Erträgen, aber auch geringeren Risiken führen.

    Zitat Ende

    DAS, was man zur Zeit beobachten kann, und nun wirklich mit dem Begriff Weltwirtschaftskrise trefflich beschreibt, wird dazu führen, das wahrscheinlich, ja sogar sicher sämtliche Länder für ungesteuerte Zuwanderung den „Laden dicht machen“.

    Es kann für ein Land keinen Vorteil bringen, wenn Zuwanderung von „bildungsfernen Schichten“ in die Sozialsysteme
    stattfindet. Es ist klar die Zuwanderung von ( auch integrations-willigen) Fachkräften zu fördern, und zwar massiv.

    Zitat

    Simulationsrechnungen zufolge erhöht die Migration aus den Beitrittsländern das Bruttoinlandsprodukt in der erweiterten EU um 0,2 Prozent oder um 24 Mrd. Euro. Dabei steigt das BIP der Einwanderungsländer, das der Auswanderungsländer fällt.

    Zitat Ende

    Die Verdrehung der Fakten ist hanebüchen. Das Bruttoinlandsprodukt mag geringfügig steigen ( was mit der Erschliesung weiterer Absatzmärkte zusammenhängen dürfte) ,was aber in keinem
    Verhältnis zu den horrend ansteigenden Sozialkosten steht.

  2. Teleprompter sagt:

    Nun ja, auf solche Simulationen gebe ich nicht viel; welche Simulation hat uns die Finanzkrise vorhergesagt?

    Ich finde aber, dass Osteuropa historisch und kulturell zu Europa gehört, wie ja auch der Name schon sagt, und dass ein möglichst schnelles Wieder-Zusammenwachsen unser oberstes Ziel sein sollte. Auch wenn es kurzfristig was kostet, langfristig ist eine wirtschaftlich prosperierende Nachbarschaft im Osten das Beste was uns in Deutschland passieren kann. Das ist jedenfalls meine Meinung.



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