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Kostbares Gut in Afghanistan: Wasser © Atif Aryan / AFP

Kritik vor Weltklimakonferenz

Reiche Länder sparen – Geflüchtete zahlen den Preis

Millionen Menschen fliehen vor Krieg und Gewalt – und geraten in die nächste Katastrophe. Dürren, Überschwemmungen und extreme Hitze bedrohen Geflüchtete und arme Länder besonders stark. Doch die reichen Industriestaaten stellen nur einen Bruchteil der benötigten Hilfen bereit. Vor dem Weltklimagipfel wächst der Druck.

Freitag, 06.11.2026, 0:01 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 05.11.2026, 15:36 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Knapp 90 Millionen Geflüchtete und andere Vertriebene leben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Ländern, die besonders stark von Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen bedroht sind. Viele haben bereits durch Krieg und Gewalt ihr Zuhause verloren. Nun gefährdet die Klimakrise auch die Orte, an denen sie Schutz gefunden haben.

Kurz vor Beginn der Weltklimakonferenz im türkischen Antalya warnen die Vereinten Nationen vor einer Verschärfung der Lage. Gleichzeitig kritisiert das UN-Umweltprogramm (Unep), dass die Industriestaaten deutlich zu wenig Geld bereitstellen, um ärmere Länder gegen die Folgen der Erderwärmung zu schützen. Nach UN-Berechnungen werden Entwicklungsländer bis 2035 jährlich rund 305 Milliarden US-Dollar für entsprechende Maßnahmen benötigen. Aus den Industriestaaten flossen 2024 jedoch lediglich 28,2 bis 31,7 Milliarden Dollar.

Erst Krieg und Vertreibung, dann die Klimakatastrophe

Besonders gefährdet sind Menschen, die bereits vor Konflikten fliehen mussten. Viele leben in provisorischen Unterkünften, überfüllten Lagern oder abgelegenen Regionen. Dort fehlt es häufig an stabilen Gebäuden, ausreichender Wasserversorgung und Schutz vor extremen Wetterereignissen. Überschwemmungen zerstören Unterkünfte, Dürren vernichten Ernten und Hitzewellen verschärfen die gesundheitlichen Risiken. Wer bereits alles verloren hat, verfügt häufig kaum über Mittel, um eine weitere Katastrophe zu überstehen.

Das Ausmaß ist gewaltig: Wetterbedingte Katastrophen haben in den vergangenen zehn Jahren weltweit mehr als 250 Millionen Vertreibungen innerhalb von Staaten ausgelöst. Das entspricht durchschnittlich etwa 70.000 pro Tag.

Viele dieser Menschen seien bereits vor Konflikten geflohen, die sie nicht verursacht hätten, und stünden nun einer Klimakrise gegenüber, zu der sie am wenigsten beigetragen hätten, erklärte Antón Leis García, beim UNHCR zuständig für humanitäre Einsätze. Der Klimawandel zerstöre Unterkünfte und Lebensgrundlagen und nehme den Menschen die Hoffnung auf eine sichere Zukunft.

Ostafrika drohen Millionen weitere Vertreibungen

Wie dramatisch die Lage werden könnte, zeigt sich in Ostafrika. Dort könnten schwere Überschwemmungen im Zusammenhang mit dem Wetterphänomen El Niño bis Ende 2026 bis zu drei Millionen Menschen vertreiben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Prognose der Hilfsorganisation Danish Refugee Council für Somalia, Kenia, Südsudan und Uganda. Die Zahl beschreibt das schlimmste der untersuchten Szenarien.

Bereits 2023 hatten verheerende Überschwemmungen in der Region mehr als zwei Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Besonders betroffen sind Staaten wie Somalia und Südsudan, in denen bewaffnete Konflikte, Armut und Vertreibung bereits große Teile der Bevölkerung belasten. Überschwemmungen können dort nicht nur Häuser und Ernten zerstören, sondern auch Straßen unpassierbar machen und Hilfslieferungen erschweren.

Arme Länder tragen die Last – reiche Länder zahlen zu wenig

Die Belastung ist weltweit höchst ungleich verteilt. Nach UNHCR-Angaben leben 68 Prozent der Geflüchteten und anderen Menschen mit internationalem Schutzbedarf in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Allein die am wenigsten entwickelten Staaten beherbergen 26 Prozent von ihnen.

Diese Länder verfügen häufig über deutlich geringere finanzielle Möglichkeiten als die Industriestaaten. Sie nehmen Millionen Schutzsuchende auf und müssen gleichzeitig mit den Folgen der Erderwärmung kämpfen, obwohl sie historisch nur wenig zu den weltweiten Treibhausgasemissionen beigetragen haben.

Die Industriestaaten hingegen sind für einen großen Teil des bisherigen Ausstoßes klimaschädlicher Gase verantwortlich. Nach dem Verursacherprinzip sollen sie deshalb einen größeren Teil der Kosten für den Klimaschutz und die Anpassung an die Erderwärmung übernehmen. Doch die Zahlungen bleiben weit hinter dem Bedarf zurück.

Parallel dazu schließen Europa und andere Industriestaaten ihre Grenzen, damit keine Geflüchteten kommen und verschärfen die globale Situation zusätzlich.

Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Unep-Bericht stiegen die öffentlichen Finanzhilfen der Industrieländer für Klimaanpassung von 2023 auf 2024 um lediglich eine Milliarde Dollar. Selbst wenn die internationale Staatengemeinschaft ihr Ziel erreicht, diese Hilfen bis 2035 mindestens zu verdreifachen, wären nach Unep-Berechnungen nur 20 bis 29 Prozent des benötigten Geldes gedeckt.

Geld fehlt für Schutz vor der nächsten Katastrophe

Die Finanzierungslücke hat konkrete Folgen. Arme Staaten benötigen Geld, um Frühwarnsysteme gegen Überschwemmungen aufzubauen, Küsten zu schützen, die Wasserversorgung zu sichern und ihre Landwirtschaft an zunehmende Dürren anzupassen. Auch widerstandsfähige Unterkünfte und sichere Infrastruktur für Geflüchtete und die Aufnahmebevölkerung kosten Geld.

Unep-Chefin Inger Andersen warnte, die Welt sei nicht einmal ausreichend auf die gegenwärtigen Klimabedingungen vorbereitet. Mit einer weiteren Erwärmung werde der Anpassungsbedarf noch größer. Die internationale Gemeinschaft müsse ihre Anstrengungen erheblich verstärken.

Klimagipfel droht Streit über das Geld

Die unzureichende Finanzierung dürfte zu einem zentralen Konflikt auf der 31. Weltklimakonferenz werden, die vom 9. bis 20. November im türkischen Antalya stattfindet. Die Türkei übernimmt den Konferenzvorsitz, Australien leitet die Verhandlungen.

Viele Entwicklungsländer fordern von den Industriestaaten deutlich mehr Unterstützung. Die G77-Gruppe der Entwicklungsländer drängt auf eine Aufstockung der jährlichen Anpassungshilfen auf 120 Milliarden Dollar.

Sabine Minninger, Klimaexpertin bei „Brot für die Welt“, erwartet deshalb harte Auseinandersetzungen. Die Entwicklungsländer seien dringend auf zusätzliche Mittel angewiesen. Bleibe die Finanzierung ungeklärt, könnten auch Fortschritte bei anderen Verhandlungsthemen blockiert werden.

Fentje Jacobsen vom WWF Deutschland warnte vor einem weiteren Vertrauensverlust in die internationale Klimapolitik, sollten Industriestaaten ihre finanziellen Zusagen nicht einhalten. Das könnte auch gemeinsame Fortschritte beim Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas erschweren.

Dabei drängt die Zeit. Nach aktuellen Prognosen des UN-Umweltprogramms steuert die Welt mit der bisherigen Klimapolitik auf eine Erwärmung um 2,8 Grad zu. Das wäre deutlich mehr als die im Pariser Klimaabkommen angestrebte Begrenzung auf möglichst 1,5 Grad.

Für Millionen Menschen in armen Ländern geht es bei den Verhandlungen deshalb nicht allein um internationale Finanzzusagen. Es geht um Schutz vor der nächsten Katastrophe – und für viele Geflüchtete darum, nicht noch einmal alles zu verlieren. (mig) Aktuell Panorama

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