
Blaulicht im Oktober 2026
Kinder angegriffen, Helfer verletzt: Hass schlägt zu
Drei Kinder werden in einer Straßenbahn rassistisch beleidigt, ein Helfer mit einer Glasflasche verletzt. Anderswo werden Familien angegriffen, jüdische Menschen bedroht und rechtsextreme Parolen an Schulen geschmiert. Der MiGAZIN-Blaulichtreport zeigt, wie Hass und Gewalt im Oktober 2026 sichtbar wurden.
Sonntag, 01.11.2026, 10:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 01.11.2026, 8:51 Uhr Lesedauer: 8 Minuten |
Drei Mädchen zwischen acht und 13 Jahren sind am 10. Oktober in einer Bremer Straßenbahn unterwegs. Ein 41-jähriger Mann geht auf die Kinder zu und beginnt, sie rassistisch zu beleidigen. Ein 25-jähriger Fahrgast bemerkt den Vorfall, stellt sich schützend dazwischen und fordert den Mann auf, aufzuhören. Doch der lässt nicht locker. An der Endhaltestelle in Gröpelingen steigen die Mädchen in einen Bus um. Als der Mann ihnen folgen will, greift der Helfer erneut ein.
Daraufhin schlägt ihm der 41-Jährige mit einer Glasflasche unter anderem gegen den Kopf. Der Verletzte wehrt sich, bringt den Angreifer zu Boden und hält ihn fest, bis die Polizei eintrifft. Die Beamten loben seine Zivilcourage. Die Kinder sucht die Polizei anschließend als Zeuginnen.
Nur wenige Tage zuvor wird in Erfurt eine Familie angegriffen. Ein 75-Jähriger stört sich offenbar am Telefonat einer 27-jährigen Frau. Er beschimpft sie, ihren 28-jährigen Begleiter und ein fünfjähriges Mädchen rassistisch. Dann zieht er die Frau an den Haaren und versucht, mit seinem Gehstock auf einen Kinderwagen einzuschlagen. Das Mädchen wird am Fuß verletzt. Auch den Mann trifft er mit dem Stock. Erst weitere Passanten können die Angriffe stoppen. Alle drei Betroffenen erleiden leichte Verletzungen.
Zwei Vorfälle, Hunderte Kilometer voneinander entfernt. In beiden Fällen sind Kinder betroffen. Und in beiden Fällen müssen andere Menschen einschreiten, um weitere Angriffe zu verhindern.
Maskierte Angreifer vor einer Unterkunft
Wie weit solche Täter gehen können, zeigt ein Fall aus dem baden-württembergischen Weinstadt. In der Nacht zum 20. August laufen zwei maskierte Männer auf ein Wohngebäude zu. Einer wirft einen brennenden Feuerwerkskörper durch ein Fenster im ersten Stock. Im Inneren leuchtet eine Explosion auf. Anschließend versuchen die Angreifer, mit einem Stein ein weiteres Fenster einzuwerfen.
In dem Gebäude wohnen zu diesem Zeitpunkt Geflüchtete aus verschiedenen Ländern. Vier Menschen halten sich während des Angriffs im Haus auf.
Erst im Oktober wird die Tat durch ein Fahndungsvideo einem größeren Publikum bekannt. Der SWR recherchiert, dass die Unterkunft seit dem Angriff nicht mehr bewohnt wird. Nach Angaben der Stadt soll das Gebäude erst wieder genutzt werden, wenn sich die Lage beruhigt hat und die Tat geklärt ist. Der Staatsschutz ermittelt.
In Berlin wird am 2. Oktober ein 29-Jähriger beim Aussteigen aus einer Straßenbahn wegen seiner Hautfarbe beschimpft. An der Haltestelle Freienwalder Straße in Alt-Hohenschönhausen kommen vier weitere Männer hinzu. Sie versuchen nach Polizeiangaben, gemeinsam auf ihn einzuschlagen. Einer trifft ihn mit der Faust ins Gesicht. Ein unbekannter Zeuge bringt den Angegriffenen in einer einfahrenden Straßenbahn in Sicherheit. Der 29-Jährige erleidet ein Hämatom am Kopf.
Am selben Abend wird in Berlin-Köpenick eine 25-jährige Frau mit Kopftuch von einer Unbekannten fremdenfeindlich beleidigt und geschlagen. Auch dort verhindert eine Zeugin weitere Angriffe.
Neunjähriges Kind auf offener Straße geschlagen
In Gelsenkirchen wird am 5. Oktober ein neunjähriges Kind Opfer eines Angriffs. Ein 38-Jähriger ruft in der Innenstadt ausländerfeindliche Parolen, stößt das Kind zu Boden und schlägt es. Passanten gehen dazwischen. Als die Polizei den Mann später stellt, ruft er erneut verfassungsfeindliche Parolen und leistet Widerstand. Das Kind muss vom Rettungsdienst behandelt werden.
Die Vorfälle unterscheiden sich in Ablauf und Schwere. Gemeinsam ist ihnen, dass rassistische Beschimpfungen nicht bei Worten bleiben. Menschen werden gestoßen, geschlagen oder bedroht. Betroffen sind Erwachsene ebenso wie Kinder. Die Tatorte sind keine abgelegenen Treffpunkte extremistischer Gruppen, sondern Straßenbahnen, Haltestellen und gewöhnliche Wohnviertel.
Feuer zerstört Hilfsgüter für die Ukraine
In Frankfurt am Main trifft ein möglicherweise politisch motivierter Angriff eine Hilfsinitiative. In der Nacht zum 9. Oktober bricht auf einem Schulgelände im Stadtteil Dornbusch ein Feuer aus. In dem Gebäude lagern große Mengen Sachspenden für die Ukraine, darunter medizinische Hilfsmittel, Werkzeuge und Feuerlöscher.
Die Löscharbeiten dauern rund 19 Stunden. Das Lager wird schwer beschädigt, zahlreiche Spenden werden zerstört. Die Ermittler gehen von vorsätzlicher Brandstiftung aus. Der Staatsschutz beschäftigt sich mit dem Fall. Der Verein „Frankfurt for Ukraine“ hatte nach eigenen Angaben bereits Hasskommentare in sozialen Medien erhalten.
Hakenkreuze an Schulen, Angriff auf NS-Gedenkstätte
Auch Bildungseinrichtungen und Erinnerungsorte geraten im Oktober ins Visier.
In Eutin beschmieren Unbekannte in zwei aufeinanderfolgenden Nächten Schulen mit Hakenkreuzen, SS-Zeichen sowie rechtsextremen und antisemitischen Parolen. Betroffen sind das Carl-Maria-von-Weber-Gymnasium und die Wilhelm-Wisser-Schule.
In Köln wird am 16. Oktober das NS-Dokumentationszentrum im ehemaligen Gestapo-Gebäude mit einer stark übelriechenden Flüssigkeit angegriffen. Alle drei Eingänge sind betroffen. Das Museum muss mehrere Tage schließen. An diesem Ort wurden während der NS-Diktatur Menschen eingesperrt, gefoltert und ermordet. Heute erinnert das Haus an die nationalsozialistischen Verbrechen. Der Förderverein sieht in der Tat einen gezielten Angriff auf die Erinnerungskultur.
In Witzenhausen in Nordhessen werden antisemitische Schmierereien am jüdischen Gemeindezentrum entdeckt. Im niedersächsischen Adelebsen beschmieren Unbekannte ein Garagentor mit einem Hakenkreuz und weiteren Schriftzügen. Es ist bereits der vierte Vorfall an diesem Tor seit August.
Jüdische Gemeinde mit Bombendrohung eingeschüchtert
Wie unmittelbar solche Angriffe jüdisches Leben treffen, zeigt ein Vorfall in Speyer. Am 16. Oktober erhält die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz einen Brief. Darin droht der unbekannte Verfasser, die Synagoge zu sprengen. Dem Schreiben liegt weißes Pulver bei. Ermittler stellen fest, dass die Substanz ungefährlich ist. Auch für eine konkrete Bombengefahr finden die Ermittler keine Anhaltspunkte. Für die Betroffenen ist der Vorfall damit aber nicht erledigt. Die Geschäftsführerin der Gemeinde berichtet dem SWR von der Verunsicherung, die die Drohung ausgelöst hat.
Auch in Frankfurt werden jüdische Menschen angefeindet. Im Westend beschimpft ein Mann vier Jugendliche, von denen drei eine Kippa tragen. Im Bahnhofsviertel wird am 22. Oktober ein 62-Jähriger zunächst antisemitisch beleidigt und anschließend ins Gesicht geschlagen.
Hinzu kommen weitere Vorfälle, die weniger Aufmerksamkeit erhalten: volksverhetzende Äußerungen in einem Mainzer Linienbus, rechtsextreme Symbole und Parolen an öffentlichen Einrichtungen, Hakenkreuze an Wänden und Schmierereien in mehreren Bundesländern.
Was von einem Monat bleibt
Die hier ausgewerteten Polizeimeldungen erzählen keine vollständige Geschichte der Hasskriminalität in Deutschland. Viele Betroffene erstatten keine Anzeige. Nicht jede Tat wird öffentlich gemeldet. Und nicht immer ist das Motiv bereits geklärt, wenn die Polizei berichtet.
Doch schon die dokumentierten Fälle zeichnen ein bedrückendes Bild. Kinder werden rassistisch beleidigt und geschlagen. Menschen, die helfen wollen, werden selbst verletzt. Jüdische Gemeinden müssen sich mit Drohungen beschäftigen. Schulen und Erinnerungsorte werden mit rechtsextremen Botschaften überzogen.
Manche Taten beschäftigen die Öffentlichkeit nur für wenige Stunden, manche gar nicht. Für die Menschen, die ihnen ausgesetzt sind, können ihre Folgen erheblich länger dauern. Dass in Bremen, Erfurt, Berlin und Gelsenkirchen zufällig Zeugen eingreifen, verhindert offenbar Schlimmeres. Es zeigt aber auch, wie weit die Gewalt bereits eskaliert ist: Andere Menschen müssen eingreifen, damit Kinder und Erwachsene auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln vor weiteren Angriffen geschützt werden.
Der Oktober ist zu Ende. Die Ermittlungen in vielen Fällen sind es nicht. (mig)
Aktuell PanoramaQuellen: Polizeimeldungen im Oktober 2026
01.10.2026 – LPI-G: (LK ABG) Graffiti mit verfassungswidrigen Kennzeichen und volksverhetzendem Inhalt (0249619/2026)
03.10.2026 – Zwei fremdenfeindliche Angriffe
06.10.2026 – POL-DA: Mörfelden-Walldorf: Gebäudefassade und Baucontainer mit Farbe beschmiert / der Staatsschutz ermittelt
06.10.2026 – POL-GE: Randalierer in Gewahrsam genommen
08.10.2026 – LPI-EF: 75-Jähriger beleidigt Familie und wird handgreiflich
08.10.2026 – POL-F: 261008 – 1265 Frankfurt-Westend: Verdacht der Volksverhetzung
09.10.2026 – POL-F: 261009 – 1270 Frankfurt – Dornbusch: Brand auf Schulgelände
10.10.2026 – Aus mutmaßlich antisemitischen Gründen wiederholt beleidigt und angegriffen
11.10.2026 – POL-HB: Nr.: 0665 –Kinder rassistisch beleidigt – Mann greift couragiert ein und wird verletzt–
13.10.2026 – POL-DA: Biblis: Auto zerkratzt/Zeugen gesucht
13.10.2026 – POL-PPMZ: Mainz – Neustadt – Volksverhetzende Äußerungen im Linienbus – Polizei sucht nach Zeugen
14.10.2026 – POL-F: 261014 – 1291 Frankfurt-Hausen: Volksverhetzung in der Öffentlichkeit
15.10.2026 – POL-EU: Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen
16.10.2026 – POL-K: 261016-1-K Stinkende Flüssigkeit am EL-DE-Haus verteilt – Polizei Köln sucht Zeugen
16.10.2026 – POL-HL: OH-Eutin / Rechtsextreme Farbschmierereien an Schulen in Eutin – Staatsschutz ermittelt
16.10.2026 – POL-PPRP: Drohschreiben
16.10.2026 – POL-PPRP: Drohschreiben – 1. Nachtrag
19.10.2026 – POL-DA: Bensheim: Zeugen nach Farbschmierereien gesucht
22.10.2026 – POL-F: 261022 – 1322 Frankfurt-Flughafen: Verdacht der Volksverhetzung
22.10.2026 – POL-F: 261022 – 1325 Frankfurt – Innenstadt: Verdacht der Volksverhetzung
23.10.2026 – POL-EL: Wilsum – Anhänger zur Geschwindigkeitsüberwachung mit verfassungswidrigen Symbolen beschmiert
23.10.2026 – POL-DO: Unbekannte hängen Reichsflaggen und Banner in der Öffentlichkeit auf – Polizei sucht Zeugen
23.10.2026 – LPI-EF: Verfassungsfeindliches Graffiti im Landkreis Sömmerda
23.10.2026 – POL-AA: Weinstadt/Schnait: Öffentlichkeitsfahndung nach versuchter schwerer Brandstiftung (Fahndungsmeldung zu einer Tat vom August)
24.10.2026 – POL-F: 261024 – 1335 Frankfurt-Bornheim: Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen
27.10.2026 – POL-NH: Antisemitische Graffitis an Gemeindezentrum in Witzenhausen: Polizei sucht Zeugen
30.10.2026 – POL-GÖ: (350/2026) Garage in Adelebsen erneut beschmiert – Polizei ermittelt und sucht Zeugen
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