
Die östliche Migrationsroute
139 Tote, 84 Vermisste in Dschibuti: Die tödliche Hoffnung auf Arbeit
Während Tausende vor dem Krieg im Jemen fliehen, versuchen andere, über dasselbe Land nach Saudi-Arabien zu gelangen. Sie hoffen auf Arbeit und ein besseres Leben. Für mindestens 139 Menschen endete die gefährliche Reise nun mit dem Tod auf See. Die Katastrophe wirft ein Schlaglicht auf eine Migrationsroute, auf der Gewalt, Ausbeutung und Tod zum Alltag gehören.
Dienstag, 13.10.2026, 15:50 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.10.2026, 15:50 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
Schuhe und Sandalen liegen am Strand, angeschwemmt vom Meer. Sie sind auf Aufnahmen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zu sehen, die nach einem schweren Bootsunglück vor der Küste Dschibutis entstanden sind. In der Nacht zum 9. Oktober war dort ein Boot mit 305 Menschen an Bord gekentert. Mindestens 139 Menschen kamen ums Leben, darunter 15 Kinder. Weitere 84 werden vermisst. Nur 82 überlebten die Katastrophe.
Das Unglück ereignete sich nahe der Hafenstadt Obock im Norden des ostafrikanischen Landes. Die Überlebenden stammen nach UN-Angaben aus Äthiopien. Ihr Boot war auf dem Weg in den Jemen, auf der gegenüberliegenden Seite der Meerenge zwischen Afrika und der Arabischen Halbinsel. Doch der Jemen war für viele Menschen auf dieser Route nur eine Zwischenstation. Ihr eigentliches Ziel ist Saudi-Arabien, wo sie auf Arbeit und ein regelmäßiges Einkommen hoffen.
Es ist eine Hoffnung, für die jedes Jahr Hunderttausende gefährliche Wege auf sich nehmen. Viele kommen aus Äthiopien, einige aus Somalia. Sie durchqueren Wüstengebiete, sind auf Schleuser angewiesen und müssen eine gefährliche Überfahrt bewältigen, bevor sie überhaupt den Jemen erreichen.
Die Vereinten Nationen bezeichnen diesen Weg als östliche Migrationsroute. Im vergangenen Jahr registrierte die IOM dort rund eine halbe Million Ausreisebewegungen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der dokumentierten Toten und Vermissten von 558 auf 922. Es war das bislang tödlichste Jahr auf dieser Route seit Beginn der Erfassung 2014. Wie viele Menschen darüber hinaus unbemerkt in der Wüste sterben oder im Meer verschwinden, ist unbekannt.
Die einen fliehen vor dem Krieg, die anderen reisen mitten hinein
Warum Menschen trotz dieser Gefahren aufbrechen, hat vor allem mit ihren Lebensbedingungen zu tun. In Äthiopien kämpfen viele Familien mit Armut, fehlenden Arbeitsplätzen und steigenden Preisen. Dürren erschweren die Landwirtschaft, bewaffnete Konflikte sorgen für zusätzliche Unsicherheit. Zuletzt haben sich insbesondere im Norden des Landes die Spannungen und Kämpfe wieder verschärft.
Für Menschen ohne wirtschaftliche Perspektive erscheint Saudi-Arabien als Chance auf einen Neuanfang. Sie hoffen, dort genug Geld zu verdienen, um sich selbst und ihre Familien versorgen zu können. Die IOM nennt wirtschaftliche Not als wichtigsten Grund für die Migration auf dieser Route. Hinzu kommen Unsicherheit und die Folgen von Konflikten.
Dabei führt der Weg ausgerechnet durch ein Land, aus dem andere Menschen verzweifelt zu entkommen versuchen: den Jemen. Dort kämpfen seit Jahren die Huthi-Miliz und Truppen der international anerkannten Regierung um die Macht. Seit September haben sich die Kämpfe erneut erheblich verschärft. Mehr als 200.000 Menschen wurden dadurch innerhalb des Landes vertrieben.
Die Folgen dieser Entwicklung sind an der Küste Dschibutis unmittelbar zu beobachten. Anfang Oktober meldete die IOM, dass innerhalb von drei Wochen mehr als 3.700 Menschen aus dem Jemen über das Meer geflohen waren. Gleichzeitig registrierte sie seit dem 10. September mehr als 20.000 Einreisebewegungen aus Äthiopien nach Dschibuti. Viele dieser Menschen wollen weiter in Richtung Jemen.
Auf derselben Meeresstrecke bewegen sich Menschen damit in entgegengesetzte Richtungen: Die einen fliehen vor Krieg und Gewalt, die anderen nehmen den Weg durch das Kriegsland auf sich, weil sie auf der anderen Seite bessere Lebensbedingungen erwarten.
Dabei wissen viele offenbar nur wenig über die aktuelle Lage im Jemen. IOM-Missionsleiter Alexandre Coissac berichtete Anfang Oktober, dass zahlreiche Geflüchtete zwar von dem Krieg gehört hätten, aber über die jüngste Eskalation kaum informiert seien. Andere ließen sich trotz der Gefahren nicht von ihrer Reise abbringen. Ihr Ziel sei nicht der Jemen, sondern ein besseres Leben in den Golfstaaten.
Wer das Meer überlebt, ist noch lange nicht in Sicherheit
Doch schon der Weg zur Küste ist für viele Menschen lebensgefährlich. Sie laufen oft tagelang durch trockene Wüstengebiete, leiden unter Hitze, Durst und Erschöpfung. Immer wieder werden Geflüchtete von Schleusern zurückgelassen, erpresst oder misshandelt. Ende September registrierte die IOM allein in Dschibuti mehr als 3.000 Menschen, die auf ihrer Reise festsaßen, teilweise ohne ausreichenden Zugang zu Wasser und Lebensmitteln.
Wer es bis ans Meer schafft, ist häufig weiterhin von Schleusern abhängig. Die Überfahrt erfolgt oft in überfüllten Booten, die für eine solche Reise kaum geeignet sind. Bei einem Unglück sind die Überlebenschancen gering. Die Katastrophe vor Obock ist dafür ein erschütterndes Beispiel.
Doch auch auf der anderen Seite warten neue Gefahren. Im Jemen drohen Geflüchteten nach IOM-Angaben willkürliche Festnahmen, Misshandlungen, Erpressung und Menschenhandel. Manche werden festgehalten, bis Angehörige Lösegeld zahlen. Andere stranden in einem Land, dessen Bevölkerung selbst unter Krieg, Hunger und Vertreibung leidet.
Besonders schwerwiegende Vorwürfe betreffen die Grenze zwischen Jemen und Saudi-Arabien. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch dokumentierte 2023 die mutmaßliche Tötung mindestens Hunderter äthiopischer Migranten und Asylsuchender durch saudische Grenzbeamte. Demnach sollen Sicherheitskräfte zwischen März 2022 und Juni 2023 mit Schusswaffen und Sprenggeschossen auf Menschen geschossen haben, die versuchten, die Grenze zu überqueren. Unter den Opfern sollen auch Frauen und Kinder gewesen sein.
IOM fordert sichere Migrationswege
Die Organisation stützte ihre Untersuchung auf Aussagen von Überlebenden, Satellitenbilder sowie ausgewertete Fotos und Videos. Saudi-Arabien wies die Vorwürfe als unbegründet zurück. Human Rights Watch sieht in den dokumentierten Taten Hinweise auf mögliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Wer die Wüste und das Meer übersteht, ist weder vor Gewalt geschützt noch sicher, sein erhofftes Ziel zu erreichen. Allein im vergangenen Jahr wurden nach IOM-Angaben rund 95.100 zwangsweise Rückführungen von Saudi-Arabien nach Äthiopien registriert.
Nach dem Bootsunglück vor Dschibuti forderte IOM-Generaldirektorin Amy Pope die Regierungen zum Handeln auf. „Wir dürfen diese Todesfälle nicht länger als Normalität hinnehmen“, erklärte sie. Es brauche sichere und legale Migrationswege, damit Menschen nicht weiter ihr Leben auf gefährlichen Überfahrten riskieren müssten. (mig) Aktuell Ausland
Wir informieren täglich über das Wichtigste zu Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Unterstüzte diese Arbeit und verpasse nichts mehr: Werde jetzt Mitglied.
MiGGLIED WERDEN- Verwaltungsgericht Wiesbaden Baby soll ausreisen, Eltern dürfen bleiben: Richter…
- Nordrhein-Westfalen Vom Nazi-Tattoo zum Kopftuchverbot: Neue…
- EU-Außengrenze Ceuta Spanien räumt Flüchtlingslager und spricht von…
- Halle-Gedenken Warum AfD-Politiker Tillschneider nicht in die…
- Zehn Jahre nach der Ohrfeige EGMR verurteilt Serbien nach Angriff auf…
- „Wortbruch“ Deutschland kürzt Klimahilfen – und warnt vor Klimaflucht

