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Journalistin bei der Arbeit © de.depositphotos.com

Studie über Pressefreiheit

Israel-Berichterstattung: Die Angst in der Redaktion

Nicht nur von außen kommt Druck: Viele Journalisten sehen bei der Nahost-Berichterstattung auch ihre eigenen Redaktionen als Gefahr für die Pressefreiheit. Besonders Medienschaffende mit Migrationsgeschichte üben Selbstzensur. Wem journalistische Kompetenz zugetraut wird, hängt ebenfalls von der Herkunft ab.

Dienstag, 13.10.2026, 17:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.10.2026, 17:21 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

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Die Presse soll die Mächtigen kontrollieren. Doch ausgerechnet diejenigen, die journalistische Arbeit ermöglichen sollen, werden von vielen Medienschaffenden selbst als Gefahr für die Pressefreiheit wahrgenommen. 47 Prozent der befragten Journalisten sehen Medieneigentümer, 45 Prozent Chefredaktionen als Bedrohung für die unabhängige Nahost-Berichterstattung. 82 Prozent empfinden Diskussionen innerhalb der Redaktionen als schwieriger als bei anderen kontroversen Themen.

Das geht aus der am Dienstag veröffentlichten Studie „Unter Druck“ der Freien Universität Berlin hervor. Das Forschungsteam um Carola Richter, Jannis Julien Grimm und Nina Moya Schreieder befragte im Mai und Juni 2026 insgesamt 179 Journalistinnen und Journalisten, die für deutsche Medien über Israel und Palästina berichten. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, liefert aber aufschlussreiche Einblicke in die Arbeitsbedingungen der Medienschaffenden.

Untersucht wurde die Berichterstattung seit dem 7. Oktober 2023, als die Terrororganisation Hamas Israel überfiel und Israel anschließend seinen Krieg im Gazastreifen begann. Seitdem wird auch in Deutschland heftig darüber gestritten, wie Medien über israelische Kriegshandlungen, palästinensisches Leid, Antisemitismus und pro-palästinensische Proteste berichten.

Druck von außen und innen

Zwei Drittel der Befragten sind überzeugt, dass sich die Pressefreiheit seit dem 7. Oktober 2023 verschlechtert hat. 71 Prozent berichten von mindestens einer Bedrohungserfahrung im Zusammenhang mit ihrer Nahost-Berichterstattung. Besonders häufig nennen sie Diffamierungen im Internet, Hassrede und Drohungen.

Als äußere Bedrohung nehmen 65 Prozent pro-israelische Lobbyorganisationen und Interessengruppen wahr. „In den offenen Kommentaren werden ganze 41-mal die israelische Botschaft bzw. ihr Botschafter in Deutschland oder israelische Regierungsmitglieder benannt, des Weiteren mehrfach die Deutsch-Israelische Gesellschaft (und explizit ihr gegen-wärtiger Vorsitzender), der Zentralrat der Juden sowie Antisemitismusbeauftragte“, heißt es in der Studie. Auch Vertreter ausländischer Regierungen und pro-israelische Aktivisten werden demnach häufig genannt. Bei pro-palästinensischen Organisationen und Aktivisten gehen die Einschätzungen dagegen stärker auseinander.

Bemerkenswert sind vor allem die Erfahrungen innerhalb der Medienhäuser. 21 Prozent berichten von Ausgrenzung im eigenen Medium, zwölf Prozent vom Entzug von Aufträgen und elf Prozent von der Zensur ihrer Veröffentlichungen.

Die Forschenden sehen darin Hinweise auf ein Problem der inneren Pressefreiheit. Denn unabhängig arbeiten können Journalisten nicht allein dann, wenn der Staat sie in Ruhe lässt. Sie müssen auch innerhalb ihrer Redaktion Themen vorschlagen, Entscheidungen hinterfragen und abweichende Einschätzungen vertreten können, ohne Nachteile befürchten zu müssen.

„Dieses Fehlen innerer Pressefreiheit halten wir für bedenklich“, erklärt Studienautorin Carola Richter. Gerade das kollegiale Umfeld und interne Diskussionen scheinen für viele Befragte besonders problematisch zu sein.

Wie sehr der empfundene Druck die journalistische Arbeit beeinflusst, zeigen die Antworten zur Selbstzensur. 35 Prozent verspüren das Bedürfnis, sich bei Äußerungen über Israel und Palästina zurückzuhalten oder lieber zu schweigen. Weitere 19 Prozent antworten mit „teils/teils“. 46 Prozent verneinen ein solches Bedürfnis.

Nicht alle können sich Widerspruch leisten

Die Zurückhaltung ist allerdings ungleich verteilt. Während 26 Prozent der fest angestellten Journalisten ein Bedürfnis nach Selbstzensur verspüren, sind es unter freien Mitarbeitern 52 Prozent. Wer von Aufträgen abhängig ist, könnte es sich schwerer leisten, bei Vorgesetzten oder Auftraggebern anzuecken.

Auch die Migrationsgeschichte macht einen deutlichen Unterschied. Unter Medienschaffenden mit eigener oder familiärer Migrationsgeschichte geben 47 Prozent an, sich bei der Nahost-Berichterstattung lieber zurückhalten zu wollen. Bei Kollegen ohne Migrationsgeschichte sind es knapp 30 Prozent.

Ob diese Unterschiede auf Diskriminierung, unsichere Beschäftigungsverhältnisse oder andere Ursachen zurückgehen, kann die Studie nicht klären. Sie zeigt jedoch, dass sich nicht alle Befragten im gleichen Maße frei fühlen, ihre Einschätzungen zu äußern.

Wer eher als kompetent angesehen wird

Wie unterschiedlich ihre Stimmen möglicherweise gewichtet werden, verdeutlicht ein weiterer Befund. 59,5 Prozent der Befragten glauben, dass es sich negativ auf die zugeschriebene journalistische Kompetenz auswirkt, wenn ein Journalist als palästinensisch wahrgenommen wird. Bei einer muslimischen Zugehörigkeit sehen 51 Prozent einen solchen Nachteil, bei einer arabischen 41 Prozent.

Umgekehrt glauben 49 Prozent, dass eine israelische Zugehörigkeit die Kompetenzzuschreibung positiv beeinflusst. Bei einer jüdischen Zugehörigkeit sind es 46 Prozent. Demnach gilt die persönliche Nähe zu einem Konflikt bei manchen Journalisten als wertvolle Erfahrung, bei anderen hingegen weckt sie Zweifel an ihrer Unabhängigkeit.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage, wie viel Mitgefühl die deutschen Medien den Betroffenen des Konflikts entgegenbringen. 60 Prozent der Befragten glauben, dass Menschen mit familiären Bezügen zu Israel hohe mediale Empathie erfahren. Bei Menschen mit familiären Bezügen zu Palästina sehen dies lediglich 22 Prozent so.

Welche Nachrichten bleiben auf der Strecke?

Die wahrgenommenen Unterschiede werfen auch Fragen nach der Themenauswahl auf. Denn die Öffentlichkeit erfährt nur, worüber Medien tatsächlich berichten. Welche Themen innerhalb einer Redaktion verworfen, abgeschwächt oder gar nicht erst vorgeschlagen werden, bleibt gewöhnlich unsichtbar.

Auffällig ist deshalb, welche Themen die Befragten in deutschen Medien für unterrepräsentiert halten. 68 Prozent finden, dass zunehmender Rassismus in Deutschland zu wenig Aufmerksamkeit erhält. 67 Prozent sagen dies über die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik, 66 Prozent über mögliche israelische Kriegsverbrechen und 63 Prozent über Polizeigewalt bei Protesten in Deutschland.

Besonders auffällig ist, bei welchen Themen Journalisten Selbstzensur verspüren. An erster Stelle stehen mögliche Menschen- und Völkerrechtsverletzungen Israels (51 Prozent), gefolgt von israelischer Politik (47 Prozent) und pro-palästinensischen Protesten (46 Prozent). Auch die persönliche Haltung spielt der Studie zufolge eine Rolle: Wer etwa die internationalen Haftbefehle gegen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu unterstützt, verspürt laut Studie häufiger das Bedürfnis, sich zurückzuhalten. Bei Befragten, die Israels Recht auf Selbstverteidigung oder deutschen Waffenexporten nach Israel positiv gegenüberstehen, ist dieses Bedürfnis dagegen geringer ausgeprägt.

Dass sich die Befragten keineswegs einfach einem politischen Lager zuordnen lassen, zeigen ihre persönlichen Haltungen. 94 Prozent befürworten den besonderen Schutz jüdischen Lebens in Deutschland, 89 Prozent einen Waffenstillstand in Gaza. 92 Prozent meinen, dass Medien bei Menschenrechtsverletzungen klar Position beziehen sollten. Gleichzeitig lehnen 87 Prozent Einschränkungen der Berichterstattung aufgrund der historischen Verantwortung Deutschlands ab.

Pressefreiheit beginnt vor der Veröffentlichung

Aus den Ergebnissen leiten die Wissenschaftler konkrete Forderungen ab. Entscheidungen über Themen, Quellen und Formulierungen müssten fachlich begründet und innerhalb der Redaktionen überprüfbar sein. Journalisten sollten Entscheidungen ihrer Vorgesetzten hinterfragen können, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen. Einflussnahmeversuche von außen sollten dokumentiert werden.

Zudem empfehlen die Forschenden bessere Schutzangebote für bedrohte oder diffamierte Medienschaffende. Gerade freie Journalisten und Beschäftigte mit Migrationsgeschichte sollten Zugang zu vertraulicher Beratung und rechtlicher Unterstützung erhalten.

Wie verbreitet Selbstzensur und Benachteiligung im gesamten deutschen Journalismus tatsächlich sind, lässt sich aus der Untersuchung nicht ableiten. Möglicherweise haben sich besonders viele Journalisten beteiligt, die starken Druck empfinden. Die Ergebnisse beschreiben deshalb keine gesicherten Zustände in allen Redaktionen, sondern Erfahrungen und Wahrnehmungen der Befragten.

Dennoch lenkt die Studie den Blick auf einen bislang wenig beachteten Aspekt der Pressefreiheit: Journalistische Unabhängigkeit entscheidet sich nicht erst daran, ob ein fertiger Artikel veröffentlicht werden darf. Sie beginnt bereits bei der Frage, welche Themen aufgegriffen, welche Quellen gehört und welche Einwände ernst genommen werden. (mig) Aktuell Panorama

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