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Demonstration gegen den Krieg im Tigray (Archiv) © Annette Dubois @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Neue Kämpfe und großes Leid

Krieg im Norden Äthiopiens ohne Ende

Seit fast zwei Jahren herrscht Krieg in Tigray in Nordäthiopien. Zwischenzeitlich keimte Hoffnung auf ein Ende auf, aber jetzt zeichnet sich eine neue Eskalation ab. Der Leidtragende ist die Bevölkerung. Den Menschen werden der Zugang zur Grundversorgung und Hilfe abgeschnitten.

Von Mittwoch, 21.09.2022, 17:00 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 21.09.2022, 12:39 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Seit einem Monat wird in und um Tigray im Norden Äthiopiens wieder gekämpft. Nach fünf Monaten humanitärer Feuerpause gibt es neue Gefechte an mehreren Fronten in der Region und Bombenangriffe auf zivile Ziele, zum Beispiel einen Kindergarten. Zehntausende wurden bereits durch die neuen Kriegshandlungen vertrieben. Jetzt ist von einer Großoffensive äthiopischer Truppen mit Unterstützung Eritreas die Rede.

„Nachdem der Krieg Ende August erneut aufflammte, eskalierte er schnell“, sagt William Davison, der für die International Crisis Group die Lage in Äthiopien analysiert. „Das eritreische und das äthiopische Militär scheinen nun einen weiteren Versuch zu unternehmen, in Tigray einzudringen und die regionale Führung zu entmachten.“ Auch Milizen aus den Regionen Afar und Amhara beteiligen sich an den Kämpfen gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF).

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Eritrea mobilisiert offenbar seine Reservisten. Das berichtete der britische Sender BBC vergangene Woche. Viele Menschen in der Hauptstadt Asmara hätten einen Einberufungsbescheid erhalten und seien innerhalb weniger Stunden an die Grenze zur nordäthiopischen Konfliktregion Tigray gebracht worden, um die äthiopische Armee zu unterstützen.

Eskalierender Machtkampf

„Der eritreische Präsident Isaias Afewerki ist zum Teil von Rache motiviert“, erklärt William Davison, „da er die TPLF verachtet und die Regierungspartei von Tigray für den für Eritrea so kostspieligen Krieg von 1998 bis 2000 verantwortlich macht.“ Die TPLF war damals führend an der in Äthiopien regierenden Koalition beteiligt. Der jetzige äthiopische Präsident Abiy Ahmed hatte dann nach seinem Amtsantritt 2018 Frieden mit dem langjährigen Erzfeind Eritrea geschlossen und zugleich auf eine stärkere Zentralisierung des Landes gesetzt. Die TPLF fühlte sich ausgebootet, die Spannungen verschärften sich.

Aus dem eskalierenden Machtkampf zwischen der in Tigray weiter herrschenden TPLF und der Zentralregierung wurde im November 2020 ein blutiger Krieg. Inzwischen haben sich die Kämpfe auf benachbarte Regionen ausgeweitet. Allen Kriegsparteien werden Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen.

Behinderung der Grundversorgung

In einem Interview auf YouTube erklärte ein Sprecher der TPLF am Wochenende, dass die Kräfte aus Tigray im Süden die äthiopische Armee und ihre Verbündeten zurückgedrängt hätten, „mit schweren Verlusten für den Gegner“. Ziel von Ministerpräsident Abiy ist es wohl, die Regionalhauptstadt Mekelle einzunehmen und damit Tigray wieder unter nationale Kontrolle zu bringen. „Wir sind vor allem daran interessiert, dass Abiy erkennt, dass eine militärische Lösung nicht machbar ist“, betonte TPLF-Sprecher Getachew Reda.

Für die Bevölkerung ist die Gewalt katastrophal. „Die weitverbreitete Verweigerung und Behinderung des Zugangs zur Grundversorgung, zu Nahrungsmitteln, zur Gesundheitsversorgung und zu humanitärer Hilfe hat verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung“, erklärte erst diese Woche Kaari Betty Murungi, die die Kommission des UN-Menschenrechtsrats zu Äthiopien leitet. „Und wir haben begründeten Anlass zu der Annahme, dass dies ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt.“

Schwierige Arbeit

Hilfsorganisationen bestätigen, wie schwierig die Arbeit ist. Man könne sich auf Zusagen der äthiopischen Regierung nicht verlassen, erklärte eine Sprecherin von „Ärzte ohne Grenzen“. Drei ihrer Mitarbeitenden wurden vergangenes Jahr in Tigray ermordet. Noch immer ist unklar, wer dafür verantwortlich ist.

Laut aktuellem UN-Bericht zur humanitären Lage kann zwar in einigen Teilen der vom Krieg betroffenen Regionen Nothilfe geleistet werden. Doch Nachschub ist erst einmal nicht in Reichweite. Rund fünf Millionen Menschen in Tigray sind demnach auf humanitäre Versorgung angewiesen, Hunderttausende leiden Hunger. „Wir haben auch Grund zu der Annahme, dass die äthiopische Regierung das Aushungern als Methode der Kriegsführung einsetzt“, erklärte Murungi. Viele Routen, über die Hilfsgüter geliefert werden könnten, sind aufgrund der Kämpfe gesperrt. Auch UN-Flüge von der Hauptstadt Addis Abeba nach Tigray wurden Ende August eingestellt. (epd/mig)

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