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Jüdische Studierende verweigern AfD-Politiker Tillschneider den Zutritt

Halle-Gedenken

Warum AfD-Politiker Tillschneider nicht in die Synagoge durfte

Hans-Thomas Tillschneider sollte am Jahrestag des rechtsextremen Anschlags in Halle das Parlament vertreten. Doch vor der Synagoge bildeten Studierende eine Menschenkette und ließen ihn nicht rein. Ein Blick auf seine ältere Reden erklärt den Protest.

Sonntag, 11.10.2026, 12:44 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11.10.2026, 12:57 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |  

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Mit einer Menschenkette haben jüdische Studierende am Freitag verhindert, dass der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider an der Gedenkveranstaltung für die Opfer des rechtsextremen Terroranschlags von Halle teilnimmt. Der wenige Tage zuvor gewählte Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt sollte den verhinderten Landtagspräsidenten Tobias Rausch (AfD) vertreten. Die Studierenden erklärten ihn für unerwünscht. Nach einer längeren Diskussion verließ Tillschneider den Ort.

Der Vorfall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Doch der Protest hat eine Vorgeschichte. Tillschneider hatte die politische Einordnung genau jenes Anschlags infrage gestellt, an dessen Opfer er nun erinnern wollte. Bereits vor der Tat verbreitete er eine antisemitische Verschwörungserzählung. Auch seine Äußerungen über die nationalsozialistische Vergangenheit und andere Minderheiten hatten mehrfach Kritik ausgelöst.

Was war passiert?

Am 9. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur versucht, in die Synagoge von Halle einzudringen, um die dort versammelten Menschen zu ermorden. Die verschlossene Tür hielt seinen Schüssen stand. Vor dem Gotteshaus erschoss er daraufhin die 40-jährige Jana Lange, in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss tötete er den 20-jährigen Kevin Schwarze. Weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter wurde zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Das Verbrechen war antisemitisch, islamfeindlich und rassistisch motiviert. Der Attentäter glaubte unter anderem an eine Verschwörung, wonach Juden hinter einer angeblich gesteuerten Einwanderung von Muslimen stünden und einen Austausch der Bevölkerung betrieben. Diese Vorstellung gehört zu einem rechtsextremen Weltbild, das Juden für gesellschaftliche Entwicklungen verantwortlich macht.

Verschwörung und ein „verwirrter Einzeltäter“

Eine ähnliche antisemitische Verschwörungserzählung verbreitete Tillschneider bereits 2018. In einer Rede behauptete er, der Zentralrat der Juden nutze den Islam, um in Deutschland „multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen“. Es gehe darum, die deutsche Kultur zu schwächen und letztlich um „die Abschaffung unseres Volkes“.

In derselben Rede beklagte der AfD-Politiker einen „Antisemitismus-Hype“, den bestimmte Kräfte aufrechterhielten, um gegen die AfD vorzugehen. Der Antisemitismusvorwurf werde als politische Waffe gegen die von ihm so bezeichnete patriotische Opposition eingesetzt.

Ein Jahr nach dem Anschlag von Halle stellte Tillschneider dessen politische Einordnung infrage. Bei einer Landtagsdebatte im Oktober 2020 bezeichnete er den Attentäter als von Wahnvorstellungen getriebenen Einzeltäter. „Seine Tat war keine politische Tat, sondern eine Sequenz aus einem Egoshooter-Spiel“, erklärte er. Der Täter habe einen krankhaften Spieltrieb in die Wirklichkeit übertragen.

In einer weiteren Plenardebatte im August 2025 erklärte Tillschneider, auch die Einordnung der Tat als antisemitischer Anschlag greife seiner Ansicht nach zu kurz: „Ich glaube auch, dass der Anschlag in Halle, der von diesem verwirrten Einzeltäter begangen wurde, mit Antisemitismus schlecht erfasst ist.“

„Mehr Bismarck, weniger Hitler“

Auch Tillschneiders Haltung zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen sorgte wiederholt für Kritik. Im Januar 2025 griff er im Landtag die Landeszentrale für politische Bildung an und forderte deren Abschaffung. Er kritisierte, dass sie sich aus seiner Sicht zu intensiv mit der NS-Vergangenheit beschäftige. Als Beispiele nannte er Gespräche mit Holocaust-Überlebenden und Kranzniederlegungen an Gedenkstätten. Gegenüber der Welt erklärte er später, gegen solche Veranstaltungen sei an sich nichts einzuwenden. Deutschland müsse allerdings lernen, die „Vergangenheit vergehen zu lassen“.

In derselben Landtagsdebatte griff er auch die Gedenkstättenarbeit an. Wer mit dem von ihm so bezeichneten „Gedenkstättenvolk“ spreche, habe den Eindruck, mit „Nazi-Zombies“ zu reden, die noch immer im Widerstand gegen Hitler lebten. Seine Äußerungen lösten deutliche Kritik aus, unter anderem beim Internationalen Auschwitz Komitee.

Wie er sich den Geschichtsunterricht vorstellt, erläuterte Tillschneider im November 2025 gegenüber dem ARD-Magazin Kontraste. Er wolle das 19. Jahrhundert stärker und den Nationalsozialismus weniger behandeln lassen. Seine Forderung fasste er in einem Satz zusammen: „Mehr Bismarck, weniger Hitler.“

Auch über andere Minderheiten äußerte sich Tillschneider abwertend. 2017 fragte er im Zusammenhang mit einer parlamentarischen Anfrage zu Menschen aus Rumänien und Bulgarien öffentlich, ob Deutschland ein „Zigeuner-Problem“ habe. Roma-Organisationen kritisierten die rassistische Wortwahl und die pauschale Herabsetzung von Sinti und Roma. Der Verein Romano Sumnal erstattete Strafanzeige.

Wie Tillschneider mit der Gefahr rechtsextremer Gewalt umgeht, zeigte sich auch im Dezember 2022. Nach einer bundesweiten Razzia gegen eine mutmaßlich rechtsterroristische Reichsbürger-Gruppe behauptete er, die Behörden wollten damit von einem tödlichen Messerangriff in Baden-Württemberg ablenken. Eine rechtsextreme Terrorgruppe werde dafür „aus dem Hut“ gezaubert, sagte er laut einem Bericht der Tagesschau.

Warum wurde Tillschneider entsandt?

Vor dem Hintergrund dieser Äußerungen erhält der Vorfall vor der Synagoge eine weitere politische Dimension. Denn Tillschneider erschien dort nicht nur als AfD-Abgeordneter. Er sollte als Landtagsvizepräsident das gesamte Parlament vertreten.

Landtagspräsident Tobias Rausch, ebenfalls AfD, war nach Angaben des Landtags verhindert und hatte Tillschneider mit seiner Vertretung beauftragt. Beide waren erst am Dienstag in ihre Ämter gewählt worden. Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Tillschneider gilt als einer seiner maßgeblichen Vordenker und gehörte zum früheren rechtsextremen „Flügel“ der Partei.

Sachsen-Anhalts geschäftsführender Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) bezeichnete die Entscheidung, ausgerechnet Tillschneider zum Gedenken zu schicken, als „Affront gegenüber der jüdischen Gemeinde“. Es sei „schlicht unerträglich“, einen Politiker mit dieser Vorgeschichte bei einer Veranstaltung einzusetzen, die Respekt, Sensibilität und ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus verlange.

Die Jüdische Gemeinde Halle selbst hatte Tillschneider nach Angaben ihres Vorsitzenden Max Privorozki nicht persönlich eingeladen. Allerdings war die Gedenkveranstaltung öffentlich, ein Hausverbot bestand nicht. Die Blockade ging von den protestierenden Studierenden aus.

Landtag bezeichnet Terroranschlag als „Amoklauf“

Zusätzliche Fragen wirft eine Pressemitteilung des Landtags auf. Darin bezeichnete Landtagspräsident Rausch den rechtsterroristischen Anschlag von Halle als „Amoklauf“. Die Bezeichnung lässt die erwiesene politische und antisemitische Motivation des Täters außer Acht.

Die Erklärung erschien unter dem offiziellen Briefkopf des Parlaments und stimmte über weite Strecken mit einer Mitteilung der AfD-Fraktion überein. Sie übernahm auch deren Darstellung, wonach „linke Studenten“ Tillschneider am Gedenken gehindert hätten.

Tillschneider selbst erklärte, er sei in „pöbelhafter Weise“ an der Teilnahme gehindert und als Nazi beschimpft worden. Er habe sich niemals gegen jüdisches Leben ausgesprochen.

Zentralrat kritisiert Instrumentalisierung

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, kritisierte Tillschneiders Auftreten als politische Instrumentalisierung des Gedenkens. Er habe damit den Wunsch der Jüdischen Gemeinde, diesen Tag den Opfern zu widmen, mit Füßen getreten. Schuster erinnerte zudem daran, dass Tillschneider den Anschlag als Tat eines „geistig verwirrten Einzeltäters“ dargestellt hatte. Wer den antisemitischen und rechtsextremen Charakter des Anschlags abstreite, „verhöhnt die Opfer dieses Anschlags“, erklärte Schuster.

Der Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, Ron Dekel, warf der AfD vor, mit ihren politischen Aussagen die Grenzen des Sagbaren verschoben zu haben. Die Studierenden hätten verhindern wollen, dass Rechtsextreme das Gedenken für sich vereinnahmen.

Während vor der Synagoge über den Zutritt Tillschneiders gestritten wurde, erinnerten die Menschen im Inneren an die Opfer des Anschlags. Unter ihnen waren auch Angehörige der Ermordeten. Gemeindevorsitzender Max Privorozki erinnerte an Jana Lange und Kevin Schwarze. Sie seien nicht mehr am Leben, während die Überlebenden mit der Erinnerung an den Anschlag weiterleben müssten.

Privorozki äußerte den Wunsch, dass der 9. Oktober ein Tag des Gedenkens an die Opfer bleibe. Der Kampf gegen Antisemitismus sei eine Aufgabe für jeden Tag des Jahres. An diesem Tag aber sollten die Ermordeten im Mittelpunkt stehen. (mig) Aktuell Politik

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