Mira E. Hazzaa, Osnabrück, Universität, Migration, Rassismus, Migranten, Migrationsforschung
Mira E. Hazzaa © privat, Zeichnung: MiG

Staat & Förderpolitik

Rassismus bekämpfen – Antirassismusarbeit streichen

Nach mehr als 30 Jahren beendet der Bund die Förderung von IDA – und seiner Antirassismusarbeit. Offiziell geht es um Haushaltslage. Politisch steht mehr auf dem Spiel.

Von Donnerstag, 24.09.2026, 12:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 24.09.2026, 12:23 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

Demokratie wird selten mit einem großen Knall geschwächt. Manchmal genügt ein Verwaltungsakt: Eine Rahmenvereinbarung wird gekündigt, ein Haushaltstitel fällt weg, eine Organisation soll sich eine neue Finanzierung suchen. Was technisch klingt, kann politisch weit reichen.

Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit, kurz IDA, verliert zum Jahresbeginn 2027 seine institutionelle Förderung aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes. Seit 1990 unterstützt der Verein Jugendverbände dabei, Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung zu erkennen und ihnen entgegenzutreten. IDA organisiert Fortbildungen, entwickelt Bildungsmaterialien, berät Multiplikator:innen und betreibt mit der „Vielfalt-Mediathek“ ein umfangreiches Archiv der politischen Bildungsarbeit.

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Nach Angaben des Bundestages erhielt IDA im Jahr 2025 rund 840.000 Euro aus dem Bundesfamilienministerium. Damit wurden unter anderem die „Vielfalt-Mediathek“ sowie Beratungs- und Unterstützungsangebote finanziert. Die amtliche Antwort verweist bei der Kündigung der Rahmenvereinbarung auf die Haushaltslage und auf eine stärkere Priorisierung von Regelstrukturen innerhalb der Förderung. Das ist Verwaltungssprache. Übersetzt heißt es: Eine über Jahrzehnte aufgebaute bundesweite Infrastruktur verliert ihre verlässliche Grundlage. Zugleich endet bei rund 200 Projekten des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ die Förderung.

Wer darf noch widersprechen?

„Förderprogramme verteilen neben Geld auch politische Anerkennung. Sie entscheiden darüber, welche Probleme sichtbar werden.“

Es geht deshalb um mehr als einen einzelnen Verein. Förderprogramme verteilen neben Geld auch politische Anerkennung. Sie entscheiden mit darüber, welche gesellschaftlichen Probleme sichtbar werden, welches Wissen als relevant gilt und welche Akteur:innen als legitime Stimmen erscheinen. Wer Förderung neu ordnet, ordnet damit auch das Feld des Sagbaren.

Die Bundesregierung beschreibt die Neuausrichtung von „Demokratie leben!“ mit einem „pluralistischen Ansatz“ und einer Öffnung für Organisationen mit „Breitenwirkung in der Mitte der Gesellschaft“. Ausgewogenheit, Pluralismus, Breitenwirkung: Das klingt vernünftig. Gerade darin liegt die politische Kraft dieser Begriffe. Sie lassen offen, wer zur „Mitte“ gehört – und wessen Perspektive als zu spezifisch, zu aktivistisch oder zu unbequem aussortiert wird.

Öffentliche Mittel dürfen überprüft werden. Entscheidend ist jedoch, nach welchen Maßstäben – und auf der Grundlage welchen Demokratieverständnisses. Rassismuskritische Arbeit lässt sich schwerlich „ausgewogen“ zwischen Rassismus und seiner Kritik positionieren. Sie analysiert Machtverhältnisse, benennt institutionelle Ausschlüsse und macht Erfahrungen hörbar, die im politischen Zentrum häufig übergangen werden. Ihr Gegenstand verlangt eine klare Haltung zur gleichen Würde und zu den gleichen Rechten aller Menschen.

Wo eine solche Klarheit als Einseitigkeit erscheint, verschiebt sich die demokratische Mitte. Die Kritik am Rassismus gerät unter Rechtfertigungsdruck, während rassistische Diskursverschiebungen zunehmend als legitimer Teil eines breiten Meinungsspektrums behandelt werden.

Wenn Antirassismus zum Sonderinteresse wird

„Antirassismusarbeit bietet weit mehr als Unterstützung für einzelne Betroffene.“

Darin zeigt sich ein vertrauter Mechanismus der Dominanzgesellschaft: Was die demokratische Ordnung im Ganzen betrifft, wird zum vermeintlichen Sonderanliegen derjenigen erklärt, die seine Folgen tragen. Rassismus erscheint als Thema rassifizierter Menschen, Antirassismusarbeit als spezielles Anliegen einzelner Träger. Die gesellschaftliche Mitte entlastet sich, indem sie die Kritik partikularisiert – und sich selbst als unbeteiligte Norm setzt.

Doch Rassismus betrifft die demokratische Ordnung insgesamt. Er strukturiert den Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnraum, politischer Repräsentation und gesellschaftlicher Anerkennung. Antirassismusarbeit bietet deshalb weit mehr als Unterstützung für einzelne Betroffene. Sie hilft Institutionen, ihre eigenen Routinen zu prüfen, und schafft Wissen, das demokratische Teilhabe überhaupt erst ermöglicht.

Wer diese Arbeit auf befristete Projekte, Spenden und ehrenamtliches Engagement verweist, verlagert eine öffentliche Aufgabe auf jene, die ihre Folgen ohnehin tragen.

Rechte Strukturen haben Zeit – Demokratieprojekte haben Fristen

„Demokratiearbeit leidet seit Jahren unter einer widersprüchlichen Förderlogik.“

Demokratiearbeit leidet seit Jahren unter einer widersprüchlichen Förderlogik. Träger sollen langfristig gegen Rassismus und Rechtsextremismus arbeiten, während ihre eigene Existenz an kurze Projektzeiträume, wechselnde Richtlinien und aufwendige Antragsverfahren gebunden bleibt. Sie sollen Kontinuität herstellen, obwohl der Staat ihnen vor allem Vorläufigkeit finanziert.

Diese Projektförmigkeit erzeugt eine eigentümliche Zeitordnung: Fachkräfte schreiben Folgeanträge, während Beratungsanfragen steigen. Netzwerke wachsen über Jahre und können innerhalb weniger Monate zerfallen. Wissen wird mühsam aufgebaut – und mit dem Ende einer Förderperiode institutionell entwertet.

Rechte Mobilisierungen folgen einer anderen Zeitlogik. Sie verfügen über Parteien, parlamentarische Ressourcen, mediale Plattformen, Stiftungen, Spendenstrukturen und digitale Öffentlichkeiten. Eine Demokratiepolitik, die ausgerechnet ihre Gegenstrukturen regelmäßig in existenzielle Unsicherheit versetzt, schafft keine Neutralität. Sie verschiebt die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zugunsten jener, die Gleichwertigkeit und Pluralität angreifen.

Besonders bemerkenswert ist, dass sich die AfD-Fraktion noch im Frühjahr 2026 mit einer Kleinen Anfrage detailliert nach der staatlichen Förderung von IDA erkundigte. Wenige Monate später verliert der Verein einen zentralen Teil seiner Absicherung. Daraus folgt kein einfacher ursächlicher Zusammenhang. Die zeitliche Nähe macht jedoch ein politisches Klima sichtbar, in dem rassismuskritische Organisationen öffentlich verdächtigt, administrativ geprüft und finanziell geschwächt werden können.

Demokratie braucht unbequeme Stimmen

Zivilgesellschaftliche Organisationen sind weder Dekoration noch verlängerte Werkbank des Staates. Ihre demokratische Funktion liegt gerade darin, staatliche Institutionen kritisieren zu können. Sie dokumentieren Diskriminierung, unterstützen Betroffene und übersetzen Erfahrungen gesellschaftlicher Ausschließung in politische Forderungen.

Förderung darf deshalb keine Belohnung für politische Angepasstheit sein. Ein Staat, der vor allem jene Stimmen absichert, die seine eigene Selbstbeschreibung bestätigen, verwechselt Zustimmung mit demokratischer Stabilität. Demokratie lebt vom Widerspruch – auch und gerade dann, wenn er Institutionen zwingt, sich selbst zu befragen.

Die Streichung der Mittel für IDA vermittelt daher eine Botschaft, die weit über den Verein hinausreicht: Rassismuskritische Arbeit bleibt erwünscht, solange sie zeitlich befristet, finanziell abhängig und politisch moderat genug erscheint. Wer strukturellen Rassismus benennt, muss zunehmend beweisen, dass diese Kritik „ausgewogen“ und für eine vermeintlich allgemeine Öffentlichkeit relevant sei.

„Erklärungsbedürftig erscheint die Antirassismusarbeit – und weniger der Rassismus, der sie erforderlich macht.“

Damit kehrt sich die Begründungslast um: Erklärungsbedürftig erscheint die Antirassismusarbeit – und weniger der Rassismus, der sie erforderlich macht.

Eine demokratische Gesellschaft braucht mehr als Sonntagsreden gegen Rechtsextremismus. Sie braucht dauerhaft finanzierte Beratungsstellen, Archive, Bildungsangebote und Fachorganisationen. Vor allem braucht sie jene Stimmen, die widersprechen, wenn Gleichheit versprochen und Ungleichheit organisiert wird.

Wer solchen Strukturen die verlässliche Grundlage entzieht, kürzt deshalb an mehr als einem Haushaltsposten. Er schwächt das institutionelle Gedächtnis antirassistischer Arbeit – und damit die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich selbst zu beobachten und zu korrigieren. Eine Demokratie, die ihren Widerspruch prekär hält, macht sich selbst ärmer und angreifbarer. (mig) Meinung

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