
Oktoberfest
Teufelsrad: Streit um rassistische Wiesn-Figuren
Das Teufelsrad auf dem Oktoberfest hat seine historischen Frauenfiguren nach Rassismus-Vorwürfen verändert. Über die Änderungen ist nun eine politische Debatte entbrannt.
Dienstag, 01.09.2026, 13:38 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 01.09.2026, 13:38 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Die Darstellung von Frauenfiguren am Eingang des Münchner Teufelsrads ist nach Rassismus- und Sexismus-Kritik der städtischen Gleichstellungsstelle verändert worden. Drei der vier rund 80 Jahre alten Pappmaché-Figuren wurden übermalt und stärker bekleidet. Besonders eine als „Hawaiianerin“ bezeichnete Figur stand wegen einer rassistischen Darstellung in der Kritik. Sie war die einzige dunkelhäutige Frauenfigur, zugleich die einzige ohne Schuhe und mit weitgehend entblößtem Oberkörper. Die weißen Frauenfiguren waren dagegen bekleidet und beschuht.
Nach Einschätzung der Gleichstellungsstelle bediente die Figur damit ein rassistisches Stereotyp. Solche Darstellungen knüpfen an das lange verbreitete westliche Stereotyp des „Hula Girls“ an, das hawaiianische Frauen exotisierte und sexualisierte.
Die Gleichstellungsstelle arbeitet bei der Bewertung solcher Darstellungen mit der städtischen Fachstelle für Demokratie zusammen. Beide Stellen verfolgen nach Angaben der Stadt das Ziel, rassistische und sexistische Darstellungen auf dem Oktoberfest zu verhindern.
Umgang mit historischen Geschäften
Bei den anderen Figuren ging es vor allem um die sexualisierte Darstellung von Frauen. Die Figuren sitzen in kurzen Kleidern auf einem stilisierten Rad. Nach Angaben der Gleichstellungsstelle spielte die Gestaltung mit hochfliegenden Röcken und dem Blick auf den Intimbereich. Das erhält zusätzliche Bedeutung durch ein reales Problem am Teufelsrad: Immer wieder wird Besucherinnen gegen ihren Willen unter den Rock oder das Kleid fotografiert oder gefilmt. Gegen dieses sogenannte Upskirting geht die Betreiberin bereits mit Hinweisschildern und Kameraüberwachung vor.
Inzwischen wird über das Vorgehen der Stadt gestritten. Münchens Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef Christian Scharpf kündigte an, nach dem Oktoberfest mit der Gleichstellungsstelle sprechen zu wollen. Bei Traditionsgeschäften müsse mit „Augenmaß“ vorgegangen werden.
Scharpf erkennt zugleich an, dass historische Dekorationen heute anders bewertet werden als früher. Dies sei „Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts“. Er warnt allerdings davor, aus heutiger Sicht jede historische Darstellung unmittelbar verändern zu wollen. Solche Debatten könnten aus seiner Sicht den Eindruck erwecken, Politik und Verwaltung beschäftigten sich mit Themen, für die viele Menschen wenig Verständnis hätten.
Auch Münchens Zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) hält die Änderungen für überzogen. Frauen dürften in einer freien Gesellschaft selbst entscheiden, wie freizügig sie sich zeigten, sagte sie. Die Debatte über die Bekleidung der Figuren drohe aus ihrer Sicht von tatsächlichem Sexismus und dem Problem des Upskirtings abzulenken.
Die CSU-Fraktion fordert unterdessen, den interfraktionellen Arbeitskreis zum Oktoberfest künftig stärker in Entscheidungen einzubeziehen, die das Erscheinungsbild von Traditionsgeschäften betreffen.
Unterstützung für Gleichstellungsstelle auch aus SPD und Grünen
Gegen die Kritik an der Gleichstellungsstelle wenden sich Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Parteien. Innerhalb von SPD und Grünen wird davor gewarnt, die Arbeit der Gleichstellungsstelle im Nachhinein als überzogen darzustellen.
Die SPD-Stadträtin Paula Gundi, Mitglied der Gleichstellungskommission, bezeichnete die öffentliche Debatte als verkürzt. Die Arbeit der Gleichstellungsstelle werde als übertrieben heruntergespielt. Angesichts der Kritik sei es Aufgabe der Stadtspitze, sich vor die eigenen Mitarbeiterinnen zu stellen.
Auch die frühere Grünen-Stadträtin Mo Lüttig, die der Gleichstellungskommission angehörte, verteidigte die Auseinandersetzung mit den Figuren. In der Kommission habe es einen fraktionsübergreifenden Konsens gegeben, gegen sexistische und rassistische Darstellungen auf dem Oktoberfest vorzugehen. Dabei sei es nicht allein um das Teufelsrad gegangen, sondern grundsätzlich um diskriminierende Darstellungen auf der Wiesn.
Linksfraktion warnt vor „Applaus von rechts“
Besonders scharf kritisiert die Linksfraktion die Distanzierung von der Gleichstellungsstelle. „Wenn die eigene Bürgermeisterin die Gleichstellungsstelle öffentlich vorführt, statt sie zu schützen, ist das kein Ausrutscher, sondern ein Armutszeugnis“, sagte Fraktionschef Stefan Jagel. Gleichstellungsarbeit dürfe nicht dem „nächsten Applaus von rechts geopfert werden“.
Die Linke verweist ebenfalls darauf, dass es zuvor einen fraktionsübergreifenden Konsens zum Umgang mit Sexismus auf dem Oktoberfest gegeben habe. Die Forderung der CSU nach einer stärkeren Einbindung des interfraktionellen Arbeitskreises bezeichnet sie deshalb als populistisch.
Rassistische Darstellungen schon früher verändert
Die Auseinandersetzung mit diskriminierenden Bildern auf dem Oktoberfest ist nicht neu. Bereits 2023 hatten Betreiber anderer Wiesn-Attraktionen Darstellungen übermalt, die als rassistisch oder sexistisch kritisiert worden waren.
Das Teufelsrad selbst gehört seit fast 120 Jahren zum Oktoberfest. Besucherinnen und Besucher sitzen dabei auf einer drehenden Scheibe und versuchen, sich möglichst lange darauf zu halten.
Der aktuelle Streit zeigt einen grundsätzlichen Konflikt, wie mit historischen Darstellungen umzugehen ist, die lange zum Erscheinungsbild traditionsreicher Geschäfte gehörten, heute aber wegen rassistischer oder sexistischer Stereotype kritisiert werden. (mig) Aktuell Panorama
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