
Lisa Janotta im Gespräch
Forscherin erklärt, warum „Rassismus gegen Weiße“ nicht greift
Exklusive Schwimmzeiten für Schwarze Kinder und Jugendliche sollten einen geschützten Raum bieten. Nach einer Debatte über angebliche Benachteiligung Weißer und rassistischen Bedrohungen wurde das Angebot abgesagt. Rassismusforscherin Lisa Janotta erklärt, warum der Konflikt eskalierte.
Von Martina Schwager Donnerstag, 20.08.2026, 14:17 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20.08.2026, 14:17 Uhr Lesedauer: 5 Minuten |
An den exklusiven Schwimmzeiten für die Schwarze Community im temporären Freibad vor der Berliner Volksbühne hat sich eine Debatte um angebliche Diskriminierung von Weißen und Rassismus entzündet. Sie gipfelte in rassistischen Bedrohungen und der Absage des Events, das Kindern und Jugendlichen eigentlich einen vor Rassismus geschützten Raum bieten sollte. Die Rassismusforscherin Lisa Janotta verwundert das nicht. Die gesellschaftliche Stimmung derzeit sei durch viele Krisen aufgeladen, die Debatte um Migration werde aggressiv geführt, sagte die Professorin für Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Rassismusforschung an der Universität Osnabrück im Gespräch.
Frau Janotta, können sich Weiße diskriminiert fühlen, etwa wenn ein Schwimmbad bestimmte Zeiten ausschließlich für Schwarze anbietet?
Lisa Janotta: Es ist klar, dass die Behauptung eines „Rassismus gegen Weiße“ hier sachlich falsch ist. Rassismus ist eine soziale Ordnung. Die Veranstaltung war als ein unbeschwerter Nachmittag für Menschen geplant, die im Alltag Rassismus erleben. Ein temporärer Raum für eine ansonsten minorisierte Gruppe ändert – leider – nichts an der Alltäglichkeit von Rassismus gegen Schwarze. Rassismus trifft im Übrigen ausländische wie auch deutsche Menschen of Color.
Gibt es denn Rassismus gegen Weiße?
„Es greift zu kurz, Rassismus allein an der Hautfarbe festzumachen.“
Bei der Frage muss man zunächst verstehen, dass Weißsein in Bezug auf die Hautfarbe nicht die entscheidende Eigenschaft ist. Entscheidend ist die soziale Ordnung. In den USA und in Großbritannien etwa erlebten im 19. Jahrhundert irische Einwanderer Rassismus. Auch Menschen aus Polen, Tschechien, Serbien oder der Ukraine können in Deutschland heute Rassismuserfahrungen machen. Deshalb greift es zu kurz, Rassismus allein an der Hautfarbe festzumachen.
Was ist denn dann Rassismus?
Rassismus hat die Funktion, sich innerhalb einer sozialen Ordnung der eigenen Zugehörigkeit zu einer dominanten Gruppe zu vergewissern. Die dominante Gruppe hat bessere Zugänge zu den Ressourcen, ihre Mitglieder werden geachtet und wertgeschätzt. Es kommt aber in jeder Gruppe zu Problemen und Aggressionen. Die Ursache dafür verortet niemand gerne bei sich selbst, sondern bei anderen, die dann ausgegrenzt werden. Rassistische Ausgrenzung kann an unterschiedlichen Merkmalen festgemacht werden: etwa an der realen oder zugeschriebenen Hautfarbe, Religion, am Namen, an der Sprache oder an zugeschriebener Herkunft.
Richtet sich Rassismus immer gegen eine Minderheit?
„Entscheidend sind der Zugang zu Ressourcen, guter Bildung, gutem Wohnraum, gut bezahlten Jobs und Diskursmacht.“
Es geht weniger um reale Zahlen als um Macht und Dominanz in einer bestimmten sozialen Situation. Global gesehen sind Weiße nicht die Mehrheit. Trotzdem dominieren westlich-weiße Länder tendenziell ein postkoloniales ökonomisches System. Entscheidend sind also nicht die Zahlen, sondern der Zugang zu Ressourcen, guter Bildung, gutem Wohnraum, gut bezahlten Jobs und Diskursmacht. Deshalb würde ich immer nach der sozialen Funktion einer bestimmten Abwertung fragen.
Welche Menschen sind in Deutschland besonders von Rassismus betroffen?
Zurzeit trifft Rassismus besonders stark Schwarze sowie Musliminnen und Muslime. Gerade muslimische Frauen sind den Statistiken zufolge stark betroffen. Es gibt aber viele weitere Formen: Asiatisch gelesene Menschen erleben Rassismus, ebenso Roma und Sinti.
Warum verfängt Rassismus gerade in der aktuellen Gesellschaft so stark?
„Rassismus hat häufig die Funktion, dass eine dominante gesellschaftliche Gruppe sich selbst darüber definiert, wer oder was sie nicht ist.“
Rassismus hat häufig die Funktion, dass eine dominante gesellschaftliche Gruppe sich selbst darüber definiert, wer oder was sie nicht ist. Diese Gruppe kann also Aggressionen, undemokratisches Verhalten oder Kriminalität bei anderen verorten, während sie sich selbst als friedfertig und demokratisch begreift. In einer Zeit schwer durchschaubarer Mehrfachkrisen und Unsicherheiten – Klimakrise, Ukrainekrieg, wirtschaftliche Probleme – kann es entlastend wirken, die Ursache für einige dieser Krisen bei anderen, weniger dominanten Gruppen zu suchen.
Wie beurteilen Sie die Ereignisse rund um das Pop-up-Schwimmbad der Volksbühne in Berlin?
Die Volksbühne hat die gesellschaftliche Situation, in der gerade vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt zum Teil äußerst aggressiv über Migration debattiert wird, aus meiner Sicht falsch eingeschätzt. Sie hat mit dem öffentlich angebotenen Schutzraum den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen Bärendienst erwiesen. Der entstandene Schaden geht mit Ängsten und Bedrohungsgefühlen einher, die jetzt aufgearbeitet werden müssen.
Heißt das, dass Schutzräume für Minderheiten grundsätzlich problematisch sind, weil sie kontraproduktiv sein können?
Nein, das würde ich auf keinen Fall sagen. Safe Spaces sollen für eine bestimmte Zeit und an einem bestimmten Ort einer bestimmten Gruppe Schutz, Erholung und Möglichkeiten zur Aufarbeitung psychisch belastender Erfahrungen bieten. Solche Räume gibt es etwa in der queeren Community oder eben im Zusammenhang mit migrantischen und rassistischen Erfahrungen.
Was war dann das Problem im Fall des Schwimmbads?
„Menschen, die Rassismus erfahren, erleben die soziale Situation derzeit als sehr bedrohlich.“
Die Frage des Zugangs zu solchen Räumen wird normalerweise sensibel und im Einzelfall verhandelt. Das gehört nicht in die Öffentlichkeit. Das Bad an der Volksbühne ist ein öffentliches Bad, das noch dazu auf einem belebten Platz und mit einer Einladung zum öffentlichen Diskurs eingerichtet wurde. In einem solchen Setting war es vorhersehbar, dass die Frage von Zugehörigkeit, Anspruch und Legitimation zu einem massiven Konflikt führen würde.
Für wie gefährlich halten Sie die derzeitige Stimmung in der Gesellschaft?
Menschen, die Rassismus erfahren, erleben die soziale Situation derzeit als sehr bedrohlich. Gleichzeitig entstehen neue Formen der Unterstützung und Solidarität. Ich glaube aber, dass wir mit der Konfrontation, die wir derzeit erleben, noch einige Jahre als Gesellschaft zu kämpfen haben werden – auch mit ihren emotionalen Folgen für die Betroffenen. Es wird viel gesellschaftliche Aufarbeitung nötig sein, und wir werden Konflikte auszustehen haben, bevor wir hoffentlich wieder auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können. (epd/mig) Aktuell Interview Panorama
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