
Auswertung
Wohngeld-Kürzungen treffen Migranten besonders oft
Der Bund plant Kürzungen beim Wohngeld. Eine Studie zeigt, welche Personen von den niedrigeren Zahlungen betroffen wären. Und das sind an erster Stelle Familien mit Kindern. Besonders oft wären Migranten betroffen, wie eine MiGAZIN-Auswertung zeigt.
Mittwoch, 22.07.2026, 14:09 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.07.2026, 14:09 Uhr Lesedauer: 4 Minuten |
Die von der Bundesregierung geplanten Kürzungen beim Wohngeld würden einer Studie zufolge besonders Familien mit Kindern treffen. „70 Prozent der Bevölkerung mit Wohngeldbezug lebt in Haushalten mit Kindern“, heißt es in einer Mitteilung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes vom Mittwoch. Das habe eine neue Kurzexpertise der Paritätischen Forschungsstelle ergeben.
Demnach sind 22 Prozent der momentanen Wohngeldbezieher erwerbstätig und 15 Prozent befinden sich im Ruhestand. Die größte Gruppe stellen mit 37,5 Prozent Kinder dar, heißt es in der Expertise. Für diese Bezieher der Zahlungen hätten die Kürzungen spürbare Auswirkungen.
Familien mit Migrationsgeschichte häufiger kinderreich
Familien mit Migrationsgeschichte dürften von dieser Entwicklung stärker betroffen sein, wie eine gesonderte Auswertung des MiGAZIN zeigt. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes gab es 2023 in Deutschland rund 3,5 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern, in denen die Eltern selbst eingewandert waren, von Eingewanderten abstammten oder unterschiedliche Einwanderungsgeschichten hatten. Dem standen rund 5,05 Millionen Familien ohne Einwanderungsgeschichte gegenüber.
Auch gemessen an der jeweiligen Bevölkerungsgruppe leben Menschen mit Einwanderungsgeschichte deutlich häufiger in einer Familie. Rund 61 Prozent von ihnen lebten 2023 als Elternteil oder Kind in einem Familienhaushalt. Unter Menschen ohne Einwanderungsgeschichte waren es rund 43 Prozent. Ein Grund dafür ist die im Durchschnitt jüngere Altersstruktur der eingewanderten Bevölkerung und ihrer Nachkommen.
Zudem haben Familien mit Einwanderungsgeschichte häufiger mehrere Kinder. Im Jahr 2024 lebten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in 19 Prozent dieser Familien mindestens drei Kinder. Bei Familien ohne Einwanderungsgeschichte waren es rund zehn Prozent. Fällt das Wohngeld weg oder wird es gekürzt, sind in den betroffenen Haushalten mit Migrationsgeschichte somit häufiger mehrere Kinder gleichzeitig betroffen.
Armutsrisiko etwa doppelt so hoch
Hinzu kommt eine deutlich angespanntere Einkommenslage. Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren 2025 rund 24,8 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund armutsgefährdet. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund lag die Quote mit 12,3 Prozent nur etwa halb so hoch.
Auch Erwerbstätigkeit schützt Menschen mit Migrationshintergrund seltener vor Armut. Unter den Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund waren 13,7 Prozent armutsgefährdet, gegenüber 6,8 Prozent der Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Familien mit Migrationshintergrund häufiger Wohngeld erhalten. Da der Migrationsstatus in der Wohngeldstatistik fehlt, lässt sich ein solcher Zusammenhang nicht unmittelbar nachweisen. Die sozialen und demografischen Daten sprechen jedoch dafür, dass sie sich häufiger in Einkommenslagen befinden, in denen Wohngeld für die Finanzierung der Miete eine wichtige Rolle spielt.
Deutlich häufiger zur Miete
Menschen mit Migrationshintergrund leben zudem wesentlich häufiger in Mietwohnungen. Nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes wohnten 2022 rund 68 Prozent von ihnen in Mieterhaushalten. Bei Menschen ohne Migrationshintergrund waren es knapp 46 Prozent.
Das erhöht ihre Abhängigkeit von der Entwicklung der Mieten und von staatlichen Zuschüssen zu den Wohnkosten. Wohngeld wird fast ausschließlich als Mietzuschuss ausgezahlt. Von den rund 1,22 Millionen reinen Wohngeldhaushalten Ende 2024 erhielten etwa 1,13 Millionen einen Zuschuss zur Miete. Nur rund 86.000 Haushalte bekamen einen Lastenzuschuss für selbst genutztes Wohneigentum.
Die geplanten Einschränkungen knüpfen zwar nicht unmittelbar an die Herkunft der Beziehenden an. Weil Familien mit Migrationsgeschichte aber häufiger mehrere Kinder haben, stärker armutsgefährdet sind und öfter zur Miete wohnen, dürften sie von den Kürzungen strukturell stärker betroffen sein.
Rock: Kürzungen unverantwortlich
Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, bezeichnete die Pläne als sozial- und familienpolitisch unverantwortlich. „Wer Wohngeld bezieht, lebt finanziell am Limit. Rücklagen sind kaum möglich“, erklärte Rock.
Nach Angaben des Verbandes kann sich mehr als ein Viertel der Wohngeldbeziehenden lediglich das Nötigste zum Leben leisten. Rund 40 Prozent könnten abgenutzte Möbel nicht ersetzen. Fast 20 Prozent hätten nicht genügend Geld, um sich neue Kleidung zu kaufen.
„Die Bundesregierung ist im Begriff, Ausgaben schlicht zu verlagern“, kritisierte Rock. Infolge der Kürzungen könnten nach Berechnungen der Paritätischen Forschungsstelle rund 163.000 Haushalte auf andere Sozialleistungen, vor allem die Grundsicherung, angewiesen sein.
Damit würden Ausgaben lediglich vom Wohngeld in andere Sozialleistungssysteme verschoben. „Echte Einsparungen erreicht man hingegen durch eine effiziente Regulierung des Wohnungsmarktes und mehr sozialen Wohnungsbau“, erklärte Rock.
Das Bundeskabinett hatte die Einschränkungen beim Wohngeld zuvor auf den Weg gebracht. Nach den Plänen soll rund ein Drittel der bisherigen Wohngeldhaushalte die Leistung künftig vollständig verlieren. Die übrigen Haushalte sollen weniger Wohngeld erhalten als bisher. (epd/mig) Aktuell Gesellschaft
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